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ISBN 978-3-649-60978-0 (eBook)
eBook © 2011 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
ISBN 978-3-649-60270-5 (Buch)
© 2011 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
Redaktion: Valerie Flakowski
Kolektorat: Martina Stauß
www.coppenrath.de

Inhalt

Neue Nachbarn

Mäusezauber

»Süße« Jungs

Ein kleiner, wütender Mann

Eine gruselige Eröffnungsfeier

Überraschung im Garten

Hexeneinmaleins

Unerfreuliche Laute

Merkwürdige Ausrufezeichen

Ein grauenvoller Fund

Unfreundliche Befehlsform

Magenbitter, Magenbitter, Magenbitter

Der edle Ritter

Ein fürchterliches Wunder

Conrad und Eduard im Fernsehen

Rektor Krauskopf

Der verzauberte Rosengarten

Noch ein Notfall

Neue Nachbarn

Patrizius Rottentodd war mit sich und der Welt zufrieden. Deshalb beschloss er, sich ein entspannendes Bad zu gönnen. Er betrachtete die drei vor ihm liegenden Pools, zog seinen löchrigen schwarzen Bademantel aus und überlegte voller Vorfreude, in welchen er zuerst steigen sollte: in den mit den Tausendfüßlern, den mit den Spinnen oder den mit den Ameisen?

»Nun«, sagte er zu sich selbst, »das Beste sollte man sich immer bis zum Schluss aufbewahren«, und setzte einen Fuß in das Tausendfüßlerbecken. Unter verzückten Seufzern genoss er das wunderbare Kribbeln und Krabbeln von Hunderten aufgeschreckter Tierchen auf seinem Körper. Es gab einfach nichts Vergleichbares!

Als er gerade ein besonders herzhaftes »Brrr« ausstieß, hörte er, wie jemand heftig an die Haustür klopfte. Er ließ sich davon jedoch nicht stören – schließlich war es die Aufgabe des alten Butlers Bruno, die Tür zu öffnen. Herr Rottentodd versank wieder ganz im wohligen Gewusel, da ertönte Brunos Stimme durch das Haus: »Gnädige Frau!«

Kurz darauf ließ ein greller Schrei die Wände erzittern.

Augenblicklich richtete sich Patrizius Rottentodd auf und verließ die übergroße Wanne. Flüchtig strich er sich einige Tausendfüßler von den Armen, schlüpfte schnell in seinen Bademantel und eilte nach oben.

»Meine süße Fledermaus«, sagte Prospera Rottentodd, als ihr Gatte mit fragendem Blick neben sie trat, »diese schreienden Herrschaften hier sind die Miesbachs – unsere neuen Nachbarn.«

»Wir haben Nachbarn?«, staunte Herr Rottentodd. »Gehört uns denn nicht das einzige Haus in dieser Straße?«

»Leider nicht.« Frau Rottentodd seufzte. »Schräg gegenüber steht noch ein zweites.«

»Ach!«, rief ihr Gemahl überrascht. »Das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen.«

»Aber genau da wohnen wir jetzt!«, brüllte Herr Miesbach aufgebracht und an seiner Schläfe traten dicke Adern hervor. Links neben ihm nickte seine Frau so heftig mit dem Kopf, dass der viel zu kleine Hut, der auf ihrer altmodischen Dauerwelle thronte, beinahe im hohen Bogen weggeschleudert worden wäre. Eingerahmt wurden die Eheleute Miesbach von ihren beiden Söhnen.

»Soso!«, sagte Patrizius Rottentodd schließlich, nachdem er die neuen Nachbarn eingehend gemustert hatte. »Und jetzt sind Sie also so freundlich und statten uns einen kleinen Willkommensbesuch ab?«

»Den Teufel tun wir!«, polterte Herr Miesbach sofort wieder los. »Wir fordern vielmehr, dass die Straße, in der wir wohnen, ordentlich und sauber gehalten wird. Aus ihrem völlig verkommenen Garten wuchert das Unkraut ja schon zu uns herüber! Und Ihre Frau ist völlig uneinsichtig, wie es scheint!« »Unkraut?«, staunte Palme, der gerade mit seinem Zwillingsbruder Pampe und seiner Schwester Polly an die Tür kam. »Das sind wundervolle Disteln und herrliche Brennnesseln!« »Die müsste man eigentlich unter Naturschutz stellen«, ergänzte Polly, obwohl sie als einziges Mitglied der Rottentodds duftende Blumen viel lieber mochte. Aber diese schreienden Miesbachs – und vor allem die dämlich grinsenden Söhne – fand sie schrecklich unsympathisch. Da musste sie natürlich zu ihrer Familie halten, die im Gegensatz zu ihr alles Alte und Stachelige liebte. Was nicht weiter verwunderlich war, weil sie von Hexen, Zauberern und allerlei anderen Wesen abstammte. Nur Polly war aus der Art geschlagen. »Ein Laune der Natur«, wie ihre Mutter zu sagen pflegte. Im Gegensatz zum Rest der Familie konnte Polly nicht im Dunklen sehen und hasste Kakerlakeneintopf, Madenpudding und Quallensuppe.

»Unverschämte Göre!«, meldete sich Frau Miesbach jetzt zu Wort. »Wenn Sie Ihren Garten so haben wollen – bitte schön! Aber die Straße befreien Sie gefälligst von diesem …« Plötzlich stockte ihr der Atem. Ihre Augen wurden größer und größer und sie schnappte laut nach Luft. »Da … da …«, stammelte sie und deutete entsetzt auf Herrn Rottentodd.

Unter dessen Kragen krabbelte gerade ein gutes Dutzend Tausendfüßler hervor.

»Das … das ist ja ekelhaft!«, schauderte es Herrn Miesbach und seine Söhne streckten angewidert ihre Zungen heraus. »Nichts wie weg hier!«, befahl Frau Miesbach und machte auf dem Absatz kehrt. Hoch erhobenen Hauptes verließ sie gefolgt von ihrem Mann und ihren zwei Söhnen das Grundstück der Rottentodds.

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»Menschen!«, brummte Patrizius Rottentodd kopfschüttelnd, wurde aber sofort wieder von dem angenehmen Krabbeln an seinem Hals aufgeheitert. »Regen sich immer gleich über alles Mögliche auf. Na ja …«, er machte eine wegwerfende Handbewegung, »die beruhigen sich schon wieder.« Dann ging er zurück zu den Pools.

»Vielleicht komme ich gleich nach, mein Mäuseschwänzchen!«, rief Prospera Rottentodd ihm hinterher. »Ich muss nur noch schnell meine Haare waschen. Hat jemand mein neues Erdkrötenschleim-Shampoo gesehen?« Ohne jedoch eine Antwort abzuwarten, trippelte sie schon in Richtung Badezimmer.

Polly wechselte einen Blick mit Pampe und Palme.

»Das kann ja heiter werden«, seufzte Palme.

»Na, und wenn schon.« Pampe gab Polly einen Stups. »He, Schwesterherz! Da vorne kommt dein Freund Pit!«

»Unser Freund Pit«, verbesserte Polly ihn.

»Klar doch!« Pampe grinste seinen Zwillingsbruder vielsagend an. »Wir gehn dann schon mal in den Keller.«

Polly wartete auf ihren Schulfreund, der gut gelaunt durch das Gartentor geschlendert kam. »Wird aber auch Zeit«, sagte Polly. »Die Zwillinge sind schon nach unten gegangen.«

»Na, dann schnell hinterher«, lachte Pit. »Nicht, dass sie ohne uns anfangen zu zaubern!«

Mäusezauber

Pampe und Palme knieten im Keller vor Band eins und zwei der drei Magia-Zauberbücher.

»Schön für euch, dass ihr auch ohne Licht etwas sehen könnt«, sagte Pit anstelle einer Begrüßung. Er tastete sich hinter Polly langsam an der Wand entlang in den stockdunklen Raum vor.

»Ihr bedauernswerten Geschöpfe«, konterte Pampe, legte das Buch auf ein von Spinnweben überzogenes Regal und zündete die Kerzen eines vierarmigen Leuchters an, der auf einer verstaubten Truhe in der Mitte des Raums stand.

»Schon besser!«, meinte Polly und nahm den dritten Magia-Band aus dem Regal.

Palme übergab seinen Band an Pit. Dann schritt er feierlich auf die alte Truhe zu, zog eine tote Maus aus seiner rechten Hosentasche und legte sie andächtig auf die hölzerne Oberfläche. »Also …«, hauchte er und schluckte nervös. »Jeder der hier Anwesenden war beim letzten Treffen mit dem ausgewählten Zauberspruch einverstanden. Ist das immer noch der Fall?« Er sah alle der Reihe nach an. Pampe nickte. Pit ebenso. »Polly?«, hakte Palme nach und sah sie fragend an.

Pollys Stirn legte sich in Falten. »Und du bist auch wirklich sicher, dass der Zauberspruch aus dem dritten Band der richtige ist? Nicht, dass ein Unglück geschieht!«

Jeder Zauberspruch setzte sich aus drei Teilen zusammen. Der erste Teil stand im ersten Band, der zweite Teil im zweiten, der dritte Teil im dritten Band. Das Problem war nur, dass die Zaubersprüche im dritten Band nicht durchnummeriert waren, sodass es sehr schwierig war zu sagen, welcher Spruch zu welchem aus Band eins und zwei gehört.

Palme hob den Zeigefinger. »Pampe und ich haben wochenlang alle 777 Zaubersprüche aus dem dritten Magia-Band miteinander verglichen. Und wir haben festgestellt, dass diese drei Teile hier perfekt zueinanderpassen …« Sein Blick wurde feierlich. »Sie ergeben den Zauber zum Wiederbeleben toter Tiere

»Steht denn da auch, wie lange die Tiere höchstens tot sein dürfen, damit es klappt?«, fragte Pit. »Eure Maus sieht schon ziemlich vertrocknet aus.«

»Stimmt!«, bestätigte Palme. »Die frischeste ist sie nicht mehr. Aber solange das Fell noch dran ist …«

»Können wir jetzt endlich?«, nörgelte Pampe.

Pampe, Palme und Pit sahen Polly erwartungsvoll an.

Diese zuckte einmal kurz mit den Schultern. »Also schön! Wenn ihr euch so sicher seid!«

»Okay!«, flüsterte Palme aufgeregt. »Polly liest den ersten Teil des Zauberspruchs aus dem ersten Buch. Pampe, du hast den zweiten Magia-Band?« Pampe nickte. »Dann liest Pit den dritten Teil des Spruchs aus dem dritten Band.« Palme machte eine kurze Pause und sah noch einmal in die Runde – und abschließend auf die Maus. »Ich glaube, sie freut sich schon auf ihr zweites Leben.«

»Hat sie gelächelt?«, fragte Pit.

»Witzbold!«, antwortete Palme. »Also, Polly! Es geht los!« Polly senkte ihren Kopf über Magia Eins und atmete tief ein.

»Tauben und auch Maden
lassen sich nicht baden.«

Dann gab sie Pampe ein Zeichen.

»Würmer und auch Ziegen
wollen niemals fliegen.«

Jetzt war Pit an der Reihe. Mit bebender Stimme las er:

»Und es wird nun hier vollstreckt,
totes Tier wird auferweckt!«

Die vier starrten gespannt auf die Maus.

Zur gleichen Zeit bereitete die Köchin Karla, die die Rottentodds samt Butler, Gärtner und Haus vor Kurzem geerbt hatten, ein Stockwerk höher das Mittagessen für die Familie zu: frisch gedünstete Kakerlaken in gegorener Distel-Minzesoße mit einem Schuss alkoholfreiem Krötenmatschlikör. Gut gelaunt warf sie Hannibal, ihrem Mini-Yorkshire-Terrier, eine der leblosen Schaben in das gierig aufgerissene Maul. Gerade wollte sie eine Handvoll Kakerlaken in den Kochtopf streuen, als sie plötzlich innehielt. Hatte sie da eben nicht ein merkwürdiges Kitzeln in ihrer Hand gespürt?

»Ach, du Madengrütze liebe!«, rief sie erschrocken in ihrem fremdländischen Akzent, als sie ihre Hand öffnete. »Eben noch alle Kakerlaken tot, jetzt alle wieder kribbeln und krabbeln!« Sie schaute sich die geschäftig auf ihrem Arm herumwuselnden Tierchen eine Weile lang ungläubig an, streifte sie dann am Rand einer Schüssel ab und nickte zufrieden. »Dann gibt es eben Kakerlaken lebend. Ist gesünder sowieso!«

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Im Keller knieten die vier Freunde mit angehaltenem Atem vor der Truhe mit der toten Maus. Die muffige Kellerluft knisterte vor Spannung. Und langsam – wie in Zeitlupe – nahmen die Pfötchen der Maus wieder Farbe an und ihr Fell begann leicht zu schimmern. Dann bewegte sich ihre kleine Schnauze einmal kurz.

»Sie lebt, sie lebt!«, rief Pampe begeistert und ballte eine Hand siegessicher zur Faust. »Die Zaubersprüche funktionieren! Die Welt gehört uns!«

»Jetzt mal ganz langsam, Bruderherz«, versuchte Polly ihn zu beruhigen. »Wenn eine tote Maus mal kurz ihr Schnäuzchen bewegt, heißt das noch gar nichts.«

Aber dann zuckten die Vorder- und Hinterpfoten. Der Schwanz machte eine peitschenartige Bewegung – und die Maus rappelte sich benommen auf. Dann drehte sie sich einmal um sich selbst und bemerkte, dass sie beobachtet wurde. Voller Panik hopste sie von der Truhe und flüchtete mit kleinen, schnellen Sätzen unter einen klapprigen Schrank.

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»Waaahnsinn!« Palme machte einen Luftsprung. »Das ist der absolute Wahnsinn! Was sollen wir als Nächstes zaubern?«

»Nur dieser eine Test!«, erinnerte Pit seinen Freund an ihre Abmachung. »Wir waren uns einig, dass wir danach nur zaubern würden, wenn es absolut notwendig ist …«

»Und wenn jeder von uns damit einverstanden ist«, ergänzte Polly.

»Oh Mann!« erwiderte Palme. »Aber am Anfang müssen wir doch unbedingt ausprobieren, welche Zaubersprüche funktionieren!«

»Müssen wir nicht!«, widersprach Polly ihm. »Das Ganze ist viel zu gefährlich! Wir können nie ganz sicher sein, ob der Teil aus dem dritten Band auch tatsächlich der richtige ist. Ich sage nur Fisch!«

Bei ihrem ersten Zauberversuch war im Wohnzimmer ein kleiner Goldfisch aufgetaucht, der Patrizius Rottentodd vor der Nase herumgeschwommen war und für allerlei Verwirrung gesorgt hatte.

»Das war doch echt kein Drama!« Pampe hob die Achseln.