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ISBN 978-3-649-60977-3 (eBook)

Inhalt

Pauletta Rottentodd

Suche im Regen

Das unheimliche Haus

Kochtöpfe und Regentropfen

Großtante Paulettas Konzert

Vom Erdboden verschluckt

Die Buchhandlung

Ratlos im Museum

Palmes große Rede

Erste Vorbereitungen

Pampe verliert die Nerven

Das Geständnis

Unverhofft kommt oft

Abschied

Wolkenlos

Unangenehme Fragen

Willkommen daheim

Der Zaubertest

Das Versprechen

Pauletta Rottentodd

Pauletta Rottentodd saß in einem knarrenden, von Holzwürmern durchlöcherten Schaukelstuhl auf der Veranda und hoffte, dass die tiefschwarzen Wolken sich endlich in einem mächtigen Gewitter über dem aufbrausenden Meer entladen würden. Trotz ihres – auch für eine Rottentodd – sehr hohen Alters von über neunhundert Jahren liebte sie es noch immer, im Schein grell aufflackernder Blitze zu tanzen, als sei sie gerade mal hundertsechzig. Gegen das ohrenbetäubende Grollen des Donners anzusingen, bereitete ihr ein himmlisches Vergnügen – genau wie einst ihren Vorfahren.

Pauletta Rottentodd versank gerade in der Erinnerung an uralte Geschichten, in denen die Rottentodds noch Meister der Magie waren, als Fynn hinter sie trat.

»Muss Sie mal stören, Ma’am«, sagte ihr Mitbewohner in seiner rauen, seemännischen Art und kräuselte dabei sorgenvoll die sonnengebräunte Stirn. »An der Treppe zum Obergeschoss hat sich eine weitere Sprosse gelockert.« Er kratzte sich am Hinterkopf und knurrte: »Mich stört’s nicht weiter. Bin mit meinen sechshundertfünfundfünfzig Jahren ja noch ’nen junger Hüpfer. Hab auf See ganz andere Sachen erlebt. Wir hatten da mal ’nen Kahn, der hatte überhaupt keine Stufen – immer nur am Tau rauf- und runterklettern … aber Sie sind eine nicht mehr so junge Fregatte, Ma’am. Da kann man sich auf so ’ner ollen Treppe schnell mal die Gräten brechen …«

»Fynn!«, unterbrach Pauletta Rottentodd den alten Seebären. »Wie lange wohnen wir jetzt zusammen in diesem Haus?«

Nachdenklich kramte Fynn eine klobige Pfeife und einen ledernen Tabaksbeutel aus der Westentasche. »Seit meiner letzten Seeschlacht – das war im Jahr 1805. Hab damals unter Admiral Nelson für die englische Flotte gekämpft. Den Franzosen und Spaniern hab ich mein Holzbein zu verdanken.« Er klopfte die Pfeife an seinem rechten Bein aus und begann dann, sie hingebungsvoll zu stopfen. »Wir haben die Schlacht aber gewonnen. Hab meinen Teil dazu beigetragen. Könnte Ihnen der alte Nelson bestätigen, wenn er noch leben würde. Jetzt liegt mein rechter Unterschenkel auf dem Meeresgrund. Na ja, wahrscheinlich haben die Fische ihn längst weggefuttert …«, er zündete seine Pfeife an, »… und mit dem Stück Holz da unten lebt es sich verdammt schlecht auf einem Schiff. Nur deswegen bin ich ’ne Landratte geworden. Und nun koche ich für Sie seit über zweihundert Jahren.«

»Richtig!«, bestätigte Pauletta Rottentodd. »Und wurde in den letzten zweihundert Jahren schon mal irgendetwas in diesem Haus repariert?«

»Ist mir nicht aufgefallen.«

»Dann werden wir diese Tradition fortführen, mein lieber Fynn. Das Haus behält auf diese Weise seinen ganz eigenen Stil.«

Fynn zog genüsslich an seiner Pfeife und ließ den Blick über die Wände schweifen. »Da ist was dran«, brummte er. »Seinen ganz eigenen Stil.«

Der Wind frischte auf und wehte Pauletta Rottentodd eine Strähne ihres silbergrauen Haares vor die blinzelnden Augen. Sie atmete tief ein und sagte: »In spätestens zwei Stunden wird es ein Gewitter geben.«

Fynn nickte. »Sie haben ein besseres Gespür für die Wetterlage als so mancher Matrose, Ma’am.«

Pauletta Rottentodd lächelte und unzählige Fältchen ließen ihre Augen wie zwei kleine Sonnen erstrahlen. »Sieh zu, dass alle Töpfe richtig in ihren Kreisen stehen!«

»Wird gemacht, Ma’am!« Fynn nahm einen weiteren kräftigen Zug aus der Pfeife und blies eine bläuliche Rauchwolke in die Luft, bevor er im Haus verschwand.

Suche im Regen

Von ferne erklang ein lang gezogenes Grollen. Kurz darauf klatschten die ersten schweren Tropfen auf die Pflastersteine des Bahnhofsvorplatzes von Kiekenförde.

»So ein Mist!«, meckerte Polly und verzog griesgrämig das Gesicht. »Ein Gewitter hat mir gerade noch gefehlt!«

»Wie sieht dieser Fynn denn aus?«, fragte ihr Freund Pit und suchte mit unruhigen Augen den Platz nach dem Mann ab, der Polly, Pampe, Palme, Debilius und ihn abholen sollte.

»Der da drüben schaut so aus, als würde er auf jemanden warten!«, meinte Debilius und ging mit schlaksigen Schritten auf einen älteren Herrn mit dickem Bauch und Filzhut zu, der gerade seinen Regenschirm aufspannte.

»Sind Sie Synn?«, fragte Pollys Großcousin geradeheraus.

»Wie bitte?« Der ältere Herr wirkte leicht verstört.

»Sollen Sie uns abholen?«, hakte Debilius nach.

Der Blick des Mannes wanderte von Debilius’ fettigem Haar über dessen viel zu großes, verschwitztes T-Shirt und weiter hinunter zu einer Hose voller Essensflecken. »Na, zum Glück nicht!«, antwortete er entsetzt und ging schnell weiter.

»Debilius!«, rief Polly. »Der Mann, den Pauletta schicken wollte, heißt Fynn und nicht Synn!«

»Ach ja?«

»Hier steht’s!«, bestätigte Palme. Er hatte den Brief auseinandergefaltet, den ihre Großtante nach Ätzdorf geschickt hatte, wo Polly mit ihren Eltern Prospera und Patrizius Rottentodd, den Zwillingsbrüdern Pampe und Palme und ihrem Großcousin Debilius lebte. Sie waren erst vor Kurzem dorthin gezogen, nachdem sie das alte Haus von ihrem Onkel Deprius samt Gärtner, Butler, Köchin und Hund geerbt hatten.

»Ganz herzlichen Dank für Euren lieben Brief«, las Palme vor.

»Freue mich darauf, euch kennenzulernen. Fynn wird Euch am Bahnhof abholen.« Er nickte. »Datum und Ankunftszeit unseres Zuges sind richtig.«

Pampe trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. »Hey, Leute! Wir warten jetzt schon über eine halbe Stunde. Wenn wir nicht im Bahnhof übernachten wollen, sollten wir versuchen, unsere vergessliche Großtante zu finden!«

»Pampe hat recht!«, bestätigte Pit. »Zum Meer zu kommen, dürfte nicht allzu schwierig sein. Von dort aus müssen wir uns dann zu Pauletta Rottentodd durchfragen. Zu blöd, dass es ausgerechnet jetzt angefangen hat zu regnen.«

»Ja, super!«, stöhnte Polly und schulterte ihren Reiserucksack.

In einem Kiosk fragten sie nach dem Weg zum Meer und erfuhren, dass sie bis dorthin fast dreißig Minuten unterwegs sein würden. Die Stimmung sank auf den Nullpunkt.

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Als die fünf schließlich die felsige Küste erreichten, waren sie vollkommen durchnässt. Über dem Wasser zogen tief hängende schwarze Wolken dahin, aus denen in der Ferne grelle Blitze zuckten.

»Ungefährlich!«, entschied Palme nach dem letzten Donnern und schaute auf seine Uhr.

»Ungefährlich? Was ist ungefährlich?«, fragte Pampe seinen Zwillingsbruder.

»Das Gewitter. Zwischen Blitz und Donner liegen mehr als zwanzig Sekunden. Der Schall braucht eine Sekunde, um dreihundert Meter zurückzulegen. Der Blitz ist also etwa sechs Kilometer entfernt. Erst wenn zwischen Blitz und Donner weniger als zehn Sekunden liegen, sollte man sich nicht mehr im Freien aufhalten.«

»Klugscheißer!«, antwortete Pampe und verzog dabei das Gesicht.

»Gut zu wissen«, verteidigte Polly ihren Bruder.

Debilius schaute Palme verdutzt an. »Wie war das? Dreihundert Meter in zehn Sekunden?« Er betrachtete verwirrt seine Füße.

»Könnten wir jetzt vielleicht eure Großtante suchen?« Pit wurde langsam ungeduldig. »Hier gibt es eine ganze Menge Häuser.«

Sie liefen auf der Promenade an der Küste entlang. Auf der rechten Seite stand eine lange Reihe roter, sich ähnelnder Backsteingebäude, auf der linken erstreckte sich der steinige, zum Teil von Felsen durchzogene Strand.

»Ich klingle mal da drüben!« Polly lief auf die erstbeste Haustür zu.

Eine alte Dame mit einer Spülbürste in der Hand trat ihr entgegen. »Ja?«, fragte diese freundlich.

»Entschuldigen Sie bitte die Störung«, begann Polly lächelnd, »wir suchen unsere Großtante Pauletta Rottentodd. Sie wissen nicht zufällig, in welchem Haus sie wohnt?«

»Ach, du liebes bisschen!«, entgegnete die Frau, nachdem sie einen nach dem anderen angeschaut hatte. »Ihr seid ja patschnass!«

»Ja«, bestätigte Polly. »Es regnet.«

»Fürchterliches Wetter!«, meinte die Frau. »Und das mitten im Hochsommer …«

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»Es muss ein altes Haus sein«, fügte Polly ungeduldig hinzu.

»Hat euch denn niemand abgeholt bei dem Regen?«

»Ein sehr altes Haus!« Polly bohrte weiter und endlich schien die Frau ihr zuzuhören.

»Ein sehr altes Haus?« Sie überlegte. »Das wird doch nicht etwa … also, es gibt hier an der Küste nur ein sehr altes Haus. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass da überhaupt jemand drin lebt. So, wie das aussieht!«

»Das muss es sein!«, rief Polly erleichtert.

Die alte Frau rümpfte die Nase. »Aber nein, unmöglich!«

»In welche Richtung müssen wir denn nun gehen?«, mischte sich Pampe genervt ein. Ihm wurde langsam kalt, und er wollte endlich zu dieser Großtante, die offensichtlich einfach vergessen hatte, sie abholen zu lassen.

»Pampe!«, zischte Polly. Doch die Frau schien ihn überhaupt nicht gehört zu haben.

»Also, wenn ihr da wirklich hinwollt, müsst ihr dort langgehen.« Sie deutete mit der Spülbürste nach links. »Nach ungefähr fünfzehn Minuten seht ihr das Haus auf der rechten Seite.«

»Vielen Dank!«, sagte Polly. »Und einen schönen Tag noch!«

»Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass …«

»Oh, ich mir schon!« Polly lächelte, machte auf dem Absatz kehrt und folgte den anderen.

Das unheimliche Haus

»Die Frau hatte recht«, sagte Polly enttäuscht, als das alte Haus endlich in Sicht kam. »Da drin kann doch unmöglich jemand wohnen!«

Die fünf blieben ratlos im Regen stehen und starrten das Gebäude an, dessen Dach vollkommen schief war. Die Wände hatten Moos angesetzt und die Scharniere der morschen Fensterläden waren teilweise herausgerissen und klapperten gespenstisch im Wind.

Über der Eingangstür war ein kleiner Balkon angebracht, der ursprünglich von zwei, mittlerweile aber von sieben Balken gestützt wurde. Der Schornstein war nur noch zur Hälfte vorhanden.

»Ein Rottentodd aber vielleicht schon«, meinte Pit.

Pampe und Palme schüttelten ungläubig den Kopf. Selbst ihnen war die Bruchbude nicht geheuer.

»Sieht ziemlich nach Einsturzgefahr aus«, sagte Palme zögernd. Pampe nickte zustimmend.

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Nur Debilius zuckte gleichgültig mit den Schultern und ging auf den Eingang zu. »Was habt ihr denn? Ist doch ganz hübsch!«

Die anderen folgten ihm unschlüssig und stellten sich zwischen die Stützbalken unter den Balkon, wo es allerdings auch nicht viel trockener war. Von oben tropfte es durch unzählige Ritzen.

Pampe fasste sich ein Herz und klopfte gegen die Tür.

»Nicht so fest!«, ermahnte Polly ihn. »Sonst fällt das ganze Haus in sich zusammen.«