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ISBN 978-3-649-60976-6 (eBook)

Inhalt

Ein neuer Wohnwagen

Familienbesprechung

Ungewöhnliche Gäste

Ärger, nichts als Ärger

Kakerlakensuppe

Ritter auf Burg Rabenstein

Alfons Krummbiegels gutes Gefühl

Der Reporter

Karlas Verabredung

Eine böse Überraschung

Herr und Frau Schroff geben nicht auf

Der Basar

Ärger im Küchenzelt

Angeln in fremden Gewässern

Das Schließfach

Wütender Abschied

Im letzten Augenblick

Wieder daheim

Ein kleines Geschenk

Der Zauberspruch

Kiekenförde

Ein neuer Wohnwagen

Das Grinsen des gut gelaunten Autoverkäufers reichte von einem Ohr zum anderen. »Unser Luxusmodell!« Er strahlte und streckte Frau Rottentodd seine speckige Pranke entgegen.

»Ein guter Kauf. Da kann man nur gratulieren.«

Prospera Rottentodd reichte ihm ihre dürre Hand und sagte: »Mein Mann und ich holen den Wohnwagen morgen ab. Schlagen Sie bis dahin doch bitte einige Dellen hinein und streichen Sie ihn schwarz an.«

Während Patrizius Rottentodd zustimmend nickte, entgleisten dem Verkäufer die Gesichtszüge. Er ließ Frau Rottentodds Hand los und lächelte unsicher. Dann fing er plötzlich laut an zu lachen. »Sie haben Humor, haha! Dellen! Haha, gelungener Scherz, meine Teure!«

»Sie verstehen nicht«, erwiderte Herr Rottentodd. »Wir möchten die Luxusausführung in Schwarz und mit Dellen!«

Das Lachen des Wohnwagenverkäufers erstarb. »Ich … äh …«, suchte er nach Worten.

»Ist das bis morgen möglich?«, hakte Frau Rottentodd nach.

»Nein!«, erwiderte der Autoverkäufer energisch. »Morgen nicht, übermorgen nicht und überhaupt nicht!« Seine Augen weiteten sich vor Empörung. »Ich ruiniere doch nicht freiwillig meinen guten Ruf!«

»Wie schade!«, meinte Herr Rottentodd. »Dann kaufen wir den Caravan eben so, wie er ist.« Er wandte sich seiner Frau zu. »Dein Cousin Debilius wird wohl die Verschönerungsarbeiten vornehmen müssen, meine kleine Dornenwarze. Ich hole jetzt den Leichenwagen.«

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Frau Rottentodd nickte, während der Wohnwagenverkäufer Herrn Rottentodd mit offen stehendem Mund hinterherblickte.

Debilius lag träge zwischen zwei großen Disteln im Garten der Rottentodds und schaute Polly, Pit, Pampe und Palme gelangweilt beim Aufbau eines Zelts zu.

»Das hier ist die Querstange!« Pampe hielt eine aus drei Teilen zusammengesteckte Stange wie einen Speer in der Hand.

»Oh nein, Bruderherz!«, widersprach Polly ihm. »Die muss in das obere linke Eckteil und führt dann nach unten. Das sieht man doch!«

»Habt ihr ’nen Knick in der Optik?«, mischte sich Palme ein.

»Die Stange ist das hintere Mittelteil!«

»Das hintere Mittelteil«, äffte Pampe seinen Zwillingsbruder nach. »Ich kann dir mal in dein hinteres Mittelteil …«

»Vielleicht ist es ja auch der Schornstein«, unterbrach Pit die drei scheinbar teilnahmslos.

Polly, Pampe und Palme drehten ihm gleichzeitig die Köpfe zu, sahen sich an und prusteten los.

»Mein stets hilfsbereiter Klassenkamerad Pit hat wieder mal recht«, gab Polly lächelnd zu. »Wir benehmen uns schon so kindisch wie die Erwachsenen.«

»Die Stange gehört zum Vordach«, sagte Debilius, der sich auf die Seite gedreht hatte und seinen Kopf mit der Hand abstützte.

Pampe ließ die Stange mit einem lang gezogenen Stöhnen auf den Boden fallen.

In diesem Moment hörten sie die quäkende Hupe des Leichenwagens.

»Der Wohnwagen ist da!«, rief Polly und stürmte los. Sie sprang über Debilius, raste quer über die Wiese … und blieb mit ihren Jeans an einem Dornengestrüpp hängen.

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Für ihre Familie gab es nichts Schöneres als den steinigen, von Unkraut überwucherten Garten, den sie samt Haus, Gärtner, Butler, Köchin, Hund und dem Zauberbuch Magia Eins erst vor wenigen Wochen von Onkel Deprius geerbt hatten.

Pollys Eltern Prospera und Patrizius und die Zwillinge Pampe und Palme liebten alles Dunkle, Alte und Stachelige. Das war nicht verwunderlich, denn sie stammten von Hexen, Zauberern und allerlei anderen Wesen ab – wobei sie ihre magischen Fähigkeiten im Laufe der letzten Jahrzehnte verloren hatten. Nur Polly war aus der Art geschlagen. »Eine Laune der Natur«, wie ihre Mutter zu sagen pflegte. Polly teilte nicht die Essensvorliebe der Rottentodds für Kakerlakeneintopf, Madenpudding oder Quallensuppe. Sie konnte nicht im Dunkeln sehen und würde auch nicht wie der Rest der Familie 800 Jahre alt werden. Sie war eben ein ganz normaler Mensch!

Laut fluchend befreite sich Polly von den Dornen und stürzte hinter Pampe und Palme her zur Vorderseite des Hauses. Pit trottete den staubigen Gartenweg entlang.

Debilius drehte sich wieder auf den Rücken und schob seine Sonnenbrille von der Stirn auf die Nase … und wieder zurück. Er fuhr sich mit den Händen durch die schwarzen fettigen Haare und war mit sich und der Welt zufrieden. Das Leben bei seinen Verwandten war so ganz nach seinem Geschmack. Bis vor Kurzem hatte er noch bei seinem grauenhaften Vater gewohnt. Doch nachdem dessen Versuch gescheitert war, Pollys Eltern durch die Entführung des kleinen Yorkshireterriers Hannibal zur Herausgabe des geheimnisvollen Zauberbuches Magia Eins zu zwingen, waren sowohl das Buch als auch Debilius bei den Rottentodds verblieben. Nun musste sich Debilius nicht mehr von seinem alten Herrn herumkommandieren lassen.

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»Hey, der ist ja blütenweiß!«, jubelte Polly, als sie den funkelnagelneuen Wohnwagen sah.

»Das werden wir selbstverständlich ändern«, antwortete Patrizius Rottentodd mit strenger Miene. »Genauer gesagt: Debilius wird das ändern!«

»Schade«, murmelte Polly. Sie hatte aber nichts anderes erwartet. Ihr Vater war von Beruf Bestatter und fühlte sich am wohlsten, wenn sogar seine Fingernägel schwarz vor Dreck waren – weil Schwarz eben seine Lieblingsfarbe war.

»Wir schieben ihn in den Garten«, sagte Pampe und löste den Wohnwagen von der Anhängerkupplung.

Frau Rottentodd klatschte ermunternd in die Hände. »Na, los! Alle packen mit an. So ein Caravan ist fürchterlich schwer. Ich suche schon mal ein schönes Plätzchen aus.«

»Wozu braucht ein Wohnwagen denn ein schönes Plätzchen?«, nörgelte Herr Rottentodd.

Doch seine Gemahlin war bereits losstolziert und bedeutete Gunther, dem Gärtner, mit einer knappen Geste, beim Schieben zu helfen.

Dieser zuckte nur gleichgültig mit den Schultern und stellte die stinkende Jauchekanne ab, mit der er gerade die Disteln gedüngt hatte.

Familienbesprechung

Karla, die dicke Köchin der Rottentodds, war schlecht gelaunt. Sie stand am Küchentisch und knetete den Teig für den Mehlwurmkuchen so energisch, als wäre sie wütend auf ihn. Hannibal äugte misstrauisch zu ihr hinauf.

»Urlaub mit Camping …«, schimpfte Karla in ihrem fremdländischen Akzent. »So eine Quatsch! Küche in Zelt!« Sie schaute mit zusammengekniffenen Augen zu Hannibal hinunter, als sei dieser an allem schuld. »Kommt eine Wind stark, alles fliegt wie Drache feuerspeiend! So eine Quatsch!« Sie schüttelte missbilligend den Kopf.

»Hey, Karla …«, lachte Polly, die gerade in die Küche kam, »freu dich doch lieber auf den Urlaub! Sonne, Berge, andere Menschen …«

»Und was sollen wir bei Menschen?«, klagte Karla. »Menschen geben immer Ärger.«

»Ich bin aber doch auch einer«, erwiderte Polly und deutete mit dem Finger auf sich.

»Ich weiß! Kleines Pollyxenia nicht ganz normal. Kann man leider machen nix.

Armes Ding kleines … und mein Hannibalchen muss auch bleiben hier bei die Herren Bruno und Gunther! Oh, Karla wird Hundchen vermissen!«

»Tut mir auch leid wegen Hannibal«, sagte Polly mitfühlend und nahm den kleinen Yorkshireterrier auf den Arm. »Aber auf dem Campingplatz sind Hunde nun mal nicht erlaubt.« Polly schwang sich auf die Küchenanrichte und landete zur Hälfte im Mittagessen der Rottentodds.

»Kleines Pollyxenia – Achtung!«, schimpfte Karla und streckte dabei warnend ihre speckigen Hände in die Luft. »Oje! Arme Schaben aus Küche und arme Asseln aus Keller – alles Matsch!«

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Hannibal sprang mit einem lauten »Wuff« aus Pollys Armen. »Uuups!« Polly rümpfte die Nase. »Werden die denn nicht eh püriert? Und was gibt’s eigentlich für Pit und mich zu essen?«

Jetzt rümpfte Karla die Nase. »Kuchen aus Pfanne.«

»Pfannkuchen! Super! Du bist ein Schatz, Karla!«

Die Köchin grinste breit und widmete sich wieder ihrem Teig.

»Fmeckt fuper!«, lobte Pit Karla, wobei ihm das abgebissene Pfannkuchenstück beinahe aus dem Mund fiel. »Ift nur etwaf heif!«

»Gast von kleines Pollyxenia komisch reden«, erwiderte die Köchin und schüttelte den Kopf.

»Der Pfannkuchen schmeckt super, ist nur etwas heiß«, übersetzte Polly.

Karla zog eine Grimasse. »Keiner kann kochen kalt.«

Die Rottentodds saßen beim Mittagessen zusammen. Es gab zart gedünstete Kellerasseln mit bissfesten Küchenschaben in giftgrüner Schneckenrahmsoße.

Pollys Schulfreund Pit hatte ebenfalls am Tisch Platz genommen. Er durfte die Ferien bei den Rottentodds verbringen und mit ihnen in den von Polly geplanten Urlaub fahren. Ihr Ziel war die Burg Rabenstein. Dort würden sie laut Debilius das Zauberbuch Magia Zwei finden – und darin möglicherweise einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des dritten Bandes. Denn nur mit den Sprüchen aus allen drei Büchern sollten sie endlich wieder zaubern können. Das einzige Problem: Auch Debilius’ Vater machte weiterhin Jagd auf die Magia-Bücher und schreckte vor nichts zurück.

»Woran denkst du gerade?« Polly stupste Pit mit dem Ellenbogen an.

»An … an … diesen tollen Pfannkuchen. Klasse, Karla! Einfach klasse!« Pit war in Gedanken bei dem zweiten Zauberbuch gewesen. Das wollte er jedoch nicht zugeben, da Pollys Eltern von dem wahren Grund ihrer Reise nach Burg Rabenstein nichts wussten.

Karlas Augenbrauen zogen sich bedrohlich zusammen. »1st doch nur Kuchen aus Pfanne – keine Festmahl für Hohe Zeit.«

»Du meinst wohl: Hochzeit!« Polly grinste.

Karla rollte genervt mit den Augen.

Prospera Rottentodd räusperte sich. Sie legte ihr Besteck beiseite, tupfte ihre Mundwinkel sorgfältig mit der fleckigen Serviette ab und sagte feierlich: »Morgen brechen wir also in den ersten Campingurlaub unseres Lebens auf.«

Patrizius Rottentodd stöhnte. Karla seufzte.

Polly, Pit und die Zwillinge schauten gespannt auf. Debilius aß schmatzend weiter.