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Inhalt

Rattenschwänze und Extrawürste

Familie Rottentodd

Die Suche

Der Brief

Fragen im Keller und ein willkommener Gast

Beratung bei Polly

Dinge, die vom Himmel fallen

Die Geisterbahn

Ein ekliger Typ

Die Höhle

Eidechsenspeichel und Mäusekot

Der zweite Brief

In der Mausefalle

Der verpasste Bus

Der alte Mann mit der Glatze

Hinter Gittern

Ein neuer Verwandter

Das Frage-und-Antwort-Spiel

Spaghetti- oder Schneckenschleim-Eis?

Rattenschwänze und Extrawürste

Pampe hielt den Gartenschlauch direkt in das Erdloch. »Alles klar?«, fragte er seinen Zwillingsbruder Palme.

Dieser bückte sich und hielt seine Hände fangbereit vor die Öffnung. »Alles klar!«

Pampe drehte sich zu Gunther um. Der Gärtner stand in seiner abgewetzten schwarzen Latzhose und völlig verdreckten Gummistiefeln ein paar Meter hinter ihm. Die Schweißperlen auf seiner Glatze funkelten in der Sonne.

»Es geht los!«, rief Pampe, und Gunther drehte den Wasserhahn auf.

»Hoffentlich haben sie keinen zweiten Ausgang«, überlegte Palme laut.

»Werden wir gleich sehen …« Pampe konzentrierte sich. Es konnte nicht mehr lange dauern …

Da! Die erste völlig durchnässte Ratte sprang aus dem Erdloch. Palme reagierte blitzschnell, schnappte sie und warf sie in die fast hüfthohe Kiste neben sich.

Eine zweite Ratte stürzte ins Freie … dann eine dritte … und eine vierte … alles ging rasend schnell. Als nach der sechsten das Rattenloch überflutet war, gab Pampe Gunther ein Zeichen, und der kahlköpfige Gärtner drehte den Wasserhahn wieder zu.

»Sechs fette Ratten!«, verkündete Palme stolz. »Nicht schlecht, was?!«

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»Hey, sieh mal, wer da kommt!« Pampe grinste breit und zeigte zur Einfahrt. »Unser Schwesterherz und ihr Verehrer!« »Das habe ich gehört!«, rief Polly und warf ihrem Klassenkameraden Pit einen genervten Blick zu.

»Polly hat mich zum Essen eingeladen«, sagte Pit beinahe entschuldigend. Wie so oft hing ihm die eine Hälfte seines karierten Hemds aus der Jeans. »Und da ich noch nie bei euch war …«

»Wird es höchste Zeit!«, freute sich Palme. »Und heute gibt es was ganz besonders Leckeres.« Er deutete auf die Kiste, aus der ein lautes Scharren zu hören war.

»Mensch, Palme, muss das sein?«, meckerte Polly ihren Bruder an.

»Mensch?« Pampe zog das Wort wie einen Kaugummi in die Länge. »Du solltest Pit langsam mal aufklären!«

»Ich weiß, aber jetzt nimm endlich diese Kiste da weg und …«

»Worüber aufklären?«, fiel Pit ihr ins Wort.

»Wir lassen euch zwei Hübschen dann mal allein.« Palme lächelte seine Schwester vielsagend an.

»Und bringen diese Viecher zu Karla in die Küche – vielleicht macht sie zum Nachtisch knusprig frittierte Rattenschwänze.«

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Pits Mund öffnete sich, ohne dass ein Ton herauskam. Die Zwillinge lachten und verschwanden in Richtung Haus.

Pampe, Palme und Polly waren erst vor Kurzem zusammen mit ihren Eltern Patrizius und Prospera Rottentodd in die Villa am Rand von Ätzdorf gezogen. Sie hatten das alte Gebäude von Onkel Deprius geerbt – samt Gärtner, Butler, Köchin und Hund.

»Polly?« Pit sah seine Schulfreundin mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Polly kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum. »Weißt du, Pit, ich bin total gerne mit dir befreundet, aber da gibt es eine Sache, die du wissen musst, die meine Familie betrifft … also es ist so …«

In diesem Moment kam Karla, die ziemlich dicke Köchin, in den Garten gestapft. Ihre ursprünglich weiße Schürze war übersät mit dunkelroten Flecken. »Muss kleines Pollyxenia Karla doch sagen, dass Besuch essen auch hier!«, rief sie Polly zu. Karla war aus einem fernen Land nach Ätzdorf gekommen und hatte ihre ganz eigene Art zu sprechen. »Muss Karla kochen Extrawurst? Oder essen Besuch Rattenragout und Schwänze zum Nachtisch?«

»Kein Ragout und keine Schwänze«, flüsterte Polly und schaute betreten zu Boden.

»Oh, schade! Also Extrawurst?«, erwiderte Karla, wandte sich ab und ging zurück in die Küche.

»Ja, bitte!«

Pit kratzte sich mit gerunzelter Stirn am Kopf.

Polly lächelte gequält. »Weißt du, es wirkt auf den ersten Blick alles etwas … merkwürdig«, sagte sie zögernd.

»Merkwürdig«, sprach Pit ihr nach.

»Jaja …« Polly seufzte und schlenderte auf einem kleinen Weg in den hinteren Teil des Gartens. Pit folgte ihr. »Ich hoffe, dass wir nach diesem Gespräch noch Freunde sind …«, begann Polly unsicher. Pit blinzelte nervös mit den Augen und Polly atmete einmal tief durch.

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»Also, um es gleich zu sagen. Ich bin ein Mensch – genau wie du!« Dabei machte sie eine ausschweifende Handbewegung und deutete erst auf sich, dann auf Pit, dessen Augenbrauen nach oben schnellten. »Aber die Zwillinge …«, fuhr Polly langsam fort und suchte dabei nach den passenden Worten, »… also Pampe und Palme …«, Pit hing an ihren Lippen, »… und meine Mutter …«, wieder stockte sie und Pit ergänzte ungeduldig: »… und dein Vater …« »Richtig!«, bestätigte Polly. »Und mein Vater!« Sie machte eine kurze Pause. »So!«, sagte sie schließlich. »Damit wäre dann ja alles geklärt!«

Pit traute seinen Ohren kaum. »Polly! Was ist mit den Zwillingen, deiner Mutter und deinem Vater?«

»Na ja …« Polly schaute verlegen auf ihre Füße, die einen Kreis nach dem anderen in den staubigen Boden malten. »Und … Gunther, der Gärtner … und Karla, die Köchin … und Bruno, der Butler … sogar Hannibal, unser Mini-Yorkshire-Terrier … Sie alle sind …«

Pits Augen wurden größer. »Ja …?«

»Sie alle sind … anders!«

»Ach …«, erwiderte Pit, »… und was genau bedeutet das?« Polly schluckte. »Also … zum Beispiel … finden sie alles schön, was wir hässlich finden!«

Pits Blick schweifte über die Disteln und das Dornengestrüpp vor dem schwarz angestrichenen Haus, dessen Farbe an einigen Stellen abgeblättert war.

»Und sie …«, Polly schluckte, »sie können … im Dunkeln sehen.«

Familie Rottentodd

Pit schaute Polly ungläubig an. »Was meinst du damit – sie können im Dunkeln sehen?«

»Sie merken überhaupt nicht, wenn es dunkel wird«, antwortete Polly. »Kein Unterschied zwischen Tag und Nacht, verstehst du?«

Pit schüttelte den Kopf.

»Sie brauchen nachts kein Licht. Im ganzen Haus gibt es keine elektrischen Lampen, nur für mich haben sie ein paar Kerzen besorgt.«

Pit räusperte sich. »Und warum kannst du nicht im Dunkeln sehen?«, fragte er.

»Keine Ahnung!« Polly zuckte mit den Schultern.

»Meine Mutter sagt immer, ich sei eine Laune der Natur. Und alle bedauern mich dann, weil ich so eine kurze Lebenserwartung habe.«

»Was?«, rief Pit entsetzt.

»Nein, nein! Versteh mich nicht falsch. Es ist nur so, dass sie zehnmal älter werden als wir Menschen.«

»Zehnmal älter?«, wiederholte Pit und schaute Polly aus weit aufgerissenen Augen an.

Polly seufzte. »Meine Eltern sind über dreihundert Jahre alt, sehen aber aus, als wären sie Mitte dreißig. Pampe und Palme wurden vor hundertelf Jahren geboren, sie benehmen sich jedoch wie Elfjährige.«

»Aber du bist vor zwölf Jahren auf die Welt gekommen – und zwölf Jahre alt?«, hakte Pit nach.

»Genau! Eben wie ein ganz normaler Mensch.« Polly überlegte, ob sie Pit noch erzählen sollte, dass ihre Familie bei Vollmond summend auf schwarzen Campingstühlen im Freien saß. Dass sie von Hexen, Zauberern und allerlei anderen Wesen abstammte. Dass sie ihre magischen Fähigkeiten jedoch verloren hatte. Und dass sie mit Vorliebe Kakerlaken, Maden und Quallen aß. Sie entschied aber, nicht mehr zu sagen. Sollte Pit tatsächlich bis zum Essen bleiben, würde er ihre Familie noch früh genug besser kennenlernen. Und sie hoffte so sehr, dass er blieb. Pit war der Einzige, mit dem sie sich seit ihrem Umzug nach Ätzdorf angefreundet hatte.

Karla riss sie aus ihren Gedanken. »Extrawurste für Menschen bedauernswerte sind fertig!«, rief sie aus dem Küchenfenster. »In eine Minute und noch eine Minute alle können essen!«

Polly sah Pit hoffnungsvoll an. »Was ist? Kommst du in einer Minute und noch einer Minute mit zum Essen?«

Pit schaute sich abermals in dem steinigen, von Unkraut überwucherten Garten um, als würde er dort die Antwort finden. Dann sagte er lässig: »Na klar! So was lasse ich mir doch nicht entgehen!«

Als Pit das Haus betrat, konnte er ein erschrockenes Ah! gerade noch unterdrücken. Wo er auch hinsah – überall standen Särge. Aufeinandergestapelt an den Wänden, zwischen den Türen …

»Mein Vater hat ein Bestattungsunternehmen«, entschuldigte sich Polly. »Er sucht immer noch nach neuen Geschäftsräumen … sagt er jedenfalls.« Leise fügte sie hinzu: »Aber ich glaube, er hat überhaupt keine Lust mehr auf den Job. Meine Eltern haben nämlich jede Menge Geld geerbt.«

Sie deutete auf eine Tür. »Dort ist das Esszimmer.«

»Da seid ihr ja endlich!«, rief Pampe erleichtert, als die beiden hereinkamen. »Hab ich vielleicht einen Hunger!«

»Das ist Pit Nick aus meiner Klasse«, stellte Polly ihren neuen Freund vor.

Frau Rottentodd blickte Pit neugierig aus ihren dunkel geschminkten Augen an. »Pamphilius und Palmatius haben uns schon erzählt, dass wir heute mit einem Gast speisen werden«, sagte sie mit einem kühlen Lächeln.

»Wer?«, fragte Pit mit leicht bebender Stimme.

»Pampe und Palme«, erklärte Polly schnell und schob Pit in Richtung Esstisch.

»Ach so!« Pits Gesicht lief rot an. »Also, hallo, und vielen Dank für die Einladung!«

Herr Rottentodd, der die Szene mit abwesendem Blick beobachtet hatte, nickte Pit nun freundlich zu. Er strich mit der linken Hand über seinen dünnen Spitzbart und sagte förmlich, als habe er es mit einem Geschäftskunden zu tun: »Einen schönen guten Tag, junger Mann!« Dann wandte er sich an seine Tochter. »Du hast deinen Gast über unsere Familie … aufgeklärt?«

»Klar doch!«, antwortete Polly und forderte Pit auf sich zu setzen.

Kaum stand dieser neben dem für ihn vorgesehenen Stuhl, kam Bruno, der nicht mehr ganz junge Butler, mit zittrigen Beinen aus einer Ecke auf ihn zugewackelt und zog den schweren Polsterstuhl zurück.