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Warum hat Percy das Gefühl, Schloss Darkmoor
schon einmal besucht zu haben?

Wankt da wirklich ein Monster im Mondschein
durch den Park?

Was verbirgt sich in dem ägyptischen Sarkophag?

Wieso kann ein Spazierstock fliegen?

Und wer hat die Köchin Brenda ermordet?

Percy weiß es nicht.

Aber er wird es bald herausfinden!

Inhalt

1.    Die Einladung

2.    Die Familie Darkmoor

3.    Murmeln

4.    Verbotene Orte

5.    Strengstens verbotene Orte

6.    Der Mond und das Monster

7.    Grand Duc

8.    Mord im Schloss

9.    Im Wintergarten

10.  Verborgene Zimmer

11.  Inspektor Fortescue löst den Fall

12.  Der Irrgarten

13.  Das Frühstück

14.  Im Darkmoor

15.  Spurlos verschwunden

16.  Etwas stimmt nicht

17.  Das Turmzimmer

18.  Lauschen

19.  Die Schneiderpuppe

20.  Der Schrank und der Bär

21.  Der Galgenbaum

22.  In der Falle

23.  Inspektor Fortescue ist sprachlos

24.  Onkel Adalbert kommt nicht zu Wort

25.  Der Borger

26.  Der Kampf

27.  Schlussfolgerungen

28.  Das Fest

Vorwort

Wenn ihr der Meinung seid, dass es nichts Spannenderes gibt als alte Schlösser, die in düsteren Heidelandschaften stehen und in denen sich unheimliche und geheimnisvolle Dinge abspielen, dann werden euch die Abenteuergeschichten von Percy Pumpkin bestimmt gefallen.

Mein Onkel Hardy (der 7. Baron Stanley of Brickdale) hat sie vor vielen Jahren in kleine schwarze Notizbücher geschrieben, die ich durch Zufall auf dem Dachboden seines Schlosses entdeckt habe, nachdem er schon eine ganze Weile tot war.

Es ist mir ein Rätsel, warum er mir diese Geschichten zu Lebzeiten nie erzählt hat, denn ich liebe alte Schlösser, die in düsteren Heidelandschaften stehen und in denen sich unheimliche und geheimnisvolle Dinge abspielen …

Nun ja, immerhin hat er mir sein altes Schloss mit allem Drum und Dran vermacht, und da es leider ziemlich teuer ist, so einen Kasten im Winter zu heizen, habe ich mich dazu entschlossen, ein paar von Onkel Hardys unheimlichen und geheimnisvollen Dingen zu verscherbeln. Aber welche? Das Schrumpfkopfmuseum aus dem Keller? Die Posthornsammlung aus der Eingangshalle? Die dänischen Pfeifen aus dem Billardzimmer? Oder die Percy-Pumpkin-Abenteuergeschichten vom Dachboden?

Schließlich habe ich mich für Letztere entschieden. Es kann gut sein, dass Onkel Hardy ganz und gar nicht mit der Überarbeitung und Veröffentlichung seiner Notizen einverstanden wäre, aber sie werden bestimmt mehr Menschen Freude bereiten als runzelige Schrumpfköpfe oder Rost ansetzende Posthörner.

Nun aber zu der ersten Percy-Pumpkin-Geschichte. Sie spielt im Winter 1959 in der Grafschaft Worcestershire (gesprochen: Wusterschä). Dort steht das riesige alte Schloss Darkmoor Hall, inmitten einer düsteren Heidelandschaft am Meer. Und wenn ihr jetzt meint: »Worcestershire liegt doch nicht am Meer!«, dann habt ihr damit natürlich vollkommen recht. Onkel Hardy hat die Grafschaft einfach etwas weiter nach Westen verlegt. Den Rest hat er sich ausgedacht (hoffe ich zumindest).

Euer Christian Loeffelbein

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Philip traute seinen Augen nicht. Am Ende der steinernen Treppe befand sich tatsächlich ein Kellergewölbe, genau wie Dolores es ihm beschrieben hatte. Sein Herz begann, unangenehm schnell zu schlagen, und die Innenflächen seiner Hände wurden schwitzig, sodass ihm die Taschenlampe zu entgleiten drohte. Bei dem Gedanken, in diesem unheimlichen Gemäuer ohne Licht dazustehen, wurde ihm schwindelig. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen und hielt sich an der feuchten Wand fest. Dann taumelte er die letzten Stufen nach unten.

Der Sarkophag stand aufrecht in der Mitte des Raums. Philip schnappte überrascht nach Luft. Dolores hatte die Wahrheit gesagt! Er ärgerte sich, dass er Dr. Fowler Glauben geschenkt und ihm sogar dabei geholfen hatte, seine Cousine ins Irrenhaus einzuweisen.

Der Schein der Taschenlampe warf bizarre Schatten an die Wände, und für einen Augenblick hatte Philip den Eindruck, dass der Deckel des Sarkophags sich langsam öffnete. Er schüttelte den Kopf, um das Hirngespinst zu vertreiben.

Da ließ ihn ein Ächzen und Stöhnen erstarren. Der Deckel des Sarkophags bewegte sich tatsächlich! Philips Kehle war wie zugeschnürt und seine Beine versagten ihm den Dienst. Stocksteif stand er da und sah mit an, wie sich eine knochige Hand aus dem Grab hervorschob … Ein erneuter Schwindelanfall übermannte ihn und er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, erkannte er, dass weder Dolores noch Dr. Fowler recht gehabt hatten: Vor ihm stand kein Sarkophag, sondern eine Eiserne Jungfrau, das schlimmste Foltergerät, das je gebaut worden war, mit spitzen Dornen, die sich in den Leib desjenigen bohrten, der darin gefangen war.

Das Ächzen und Stöhnen wurde lauter, und im nächsten Augenblick geschah das, wovor Philip sich so sehr gefürchtet hatte. Die Taschenlampe entglitt ihm und rollte unter einen Schrank. Schlagartig war der Gewölbekeller in tiefste Dunkelheit gehüllt

»Hast du deinen Koffer gepackt, Liebling?«

Percy schreckte hoch. Seine Mutter hatte den Kopf durch die Zimmertür gesteckt und lächelte ihn fröhlich an.

Hastig klappte Percy das Buch zu und schob es unter die Bettdecke. »Alles fertig«, versicherte er ihr, obwohl das nicht ganz stimmte. Denn er wollte noch eins seiner neuen Bücher mit in die Weihnachtsferien nehmen, aber er konnte sich einfach nicht zwischen Der unheimliche Abt und Das blutige Leichentuch entscheiden.

Percy hatte seit einiger Zeit eine Vorliebe für Kriminal- und Schauergeschichten. Eigentlich durfte er sie noch nicht lesen, aber Miss Samson aus der Leihbücherei drückte meist ein Auge zu und gab sie ihm trotzdem mit. Seine Eltern merkten das nie, da sie sich nicht für Romane interessierten. Für sie war ein Buch wie das andere.

Schließlich entschied sich Percy für den Unheimlichen Abt, in dem er gerade gelesen hatte. Doch schon stand er vor dem nächsten Problem: Der Band war viel zu dick für seinen Koffer. So sehr Percy auch drückte und presste, der Lederdeckel ging einfach nicht zu.

»Hast du auch ganz bestimmt alle Pullunder eingepackt?« Der Kopf seiner Mutter war erneut in der Tür seines kleinen Zimmers erschienen. »In Worcestershire gibt es oft Schnee über Weihnachten.«

»Ja, Mama«, sagte Percy gedehnt. Aber auch das stimmte nicht. Die vier dicken Wollpullunder, die er hatte einpacken müssen, waren ja gerade das Problem. Sie brauchten entschieden zu viel Platz. Noch dazu kratzten sie entsetzlich und … sie waren dunkelrot. Eine schlimmere Farbe konnte es gar nicht geben. Einer davon musste dem Unheimlichen Abt weichen, beschloss Percy.

Er schlich zur Tür und spähte vorsichtig hindurch. Seine Mutter war mit dem Picknickkorb beschäftigt und sein Vater war nirgends zu entdecken.

Jetzt musste es schnell gehen. Lautlos eilte Percy zum Koffer zurück und machte sich daran zu schaffen. Er zog einen besonders dicken und kratzigen Pullunder heraus, quetschte den Unheimlichen Abt hinein und drückte den Kofferdeckel nach unten. Der wölbte sich zwar nun wie ein dicker Bauch, aber die Schlösser fielen mit einem leisen Schnappen zu. Geschafft.

»Bist du fertig, Liebling?«, hörte er die Stimme seiner Mutter.

»Ja, Mama!«, rief Percy, ließ den Pullunder rasch unter dem Bett verschwinden und kam mit dem Koffer in der Hand aus dem Zimmer gerannt.

Percys Vater trat mit rotem Kopf und Schweißperlen auf der Stirn ins Treppenhaus.

»Verflixt und zugenäht«, schnaufte er leise. »Unser Wagen ist einfach zu klein.«

Als er Percy erblickte, lächelte er. »Guten Morgen«, sagte er und strubbelte ihm mit einer Hand durchs Haar. »Soll das auch mit?«

»Selbstverständlich, Darling«, flötete Percys Mutter und stellte ihm auch noch den Picknickkorb hin. Percys Vater wischte sich mit seinem geblümten Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Wenn seine Frau ihn Darling nannte, war höchste Vorsicht geboten. Seufzend nahm er Percy den Koffer aus der Hand und klemmte sich den Picknickkorb unter den Arm. Dann stapfte er wieder die Treppe hinunter.

»Vergiss deine Jacke und dein Halstuch nicht!«, ermahnte seine Mutter ihn, während Percy sich die Schuhe anzog.

»Aber es ist doch gar nicht kalt.«

»In Worcestershire ist es kühler als in London.« Percys Mutter band sich ein Kopftuch um, das ebenso geblümt war wie das Taschentuch ihres Mannes.

»Warum fahren wir dann überhaupt dorthin?«, wollte Percy wissen. Normalerweise verbrachten sie die Weihnachtsferien immer bei Onkel Ernie, der ein kleines Hausboot auf der Themse hatte.

»Weil wir von meiner Schwester Caroline eingeladen worden sind, das weißt du doch, mein Liebling«, sagte Mrs Pumpkin. Sie drückte Percy Jacke und Halstuch in die Hand und schob ihn ins Treppenhaus. Dann schloss sie die Wohnungstür.

»Es wird ein ganz wundervoller Urlaub werden«, schwärmte sie. »Caroline hat in eine vornehme Familie eingeheiratet, die ein Haus auf dem Land besitzt. Sie haben einen großen Pferdestall und ein Golfplatz soll auch in der Nähe sein.«

Percy hatte noch nie Golf gespielt und interessierte sich nicht für Pferde. Außerdem fand er, dass seine Mutter einen merkwürdigen Unterton in der Stimme hatte, als sie von dem Haus auf dem Land sprach.

»Bei Onkel Ernie war es immer sehr lustig«, sagte er, während er versuchte, das hässliche Halstuch in seiner Jackentasche verschwinden zu lassen.

»Onkel Ernie ist kein guter Umgang für dich«, sagte seine Mutter. »Bei Tante Caroline wird es dir bestimmt gefallen, Liebling. Dann lernst du auch endlich deine Cousins und Cousinen kennen. Sie gehen alle auf eine Privatschule

Percy verdrehte die Augen – natürlich so, dass Mrs Pumpkin es nicht sehen konnte. Jetzt waren Weihnachtsferien, da war ihm doch die Schule seiner Cousins und Cousinen egal. Und außerdem hatte es ihm bei Onkel Ernie immer sehr gut gefallen. Seine Koje befand sich nämlich genau neben der Kajüte von Onkel Ernie, der nichts dagegen hatte, dass Percy abends lange aufblieb und in seinen Krimis las. Und da seine Eltern am anderen Ende des Hausboots schliefen, bekamen sie nichts davon mit. Ob das bei dieser Tante Caroline auch so sein würde? Percy sah den Weihnachtsferien mit äußerst gemischten Gefühlen entgegen.

Er quetschte sich zwischen seinen Koffer und den Picknickkorb auf die Rückbank des kleinen Austin und versuchte, es sich so bequem wie möglich zu machen – was gar nicht so leicht war. Sie waren bereits an dem hässlichen Versicherungsgebäude vorbeigefahren, in dem sein Vater arbeitete, und hatten das Wembley-Stadion hinter sich gelassen, als er endlich so saß, dass ihn weder der Picknickkorb in die Beine noch die Kofferschnallen in die Seite pikten.

»Warum haben wir eigentlich noch nie etwas von Tante Caroline gehört?«, fragte Percy, als sie durch die grauen Vororte von London fuhren. In seinen Romanen bedeuteten plötzlich auftauchende Tanten selten etwas Gutes. »Ich meine, warum haben wir nicht schon früher etwas von ihr gehört? Vor dieser Einladung.«

»Ich habe Caroline das letzte Mal ein halbes Jahr vor ihrer Hochzeit gesehen«, erklärte Mrs Pumpkin. »Es gab einen kleinen Streit«, fügte sie dann etwas zögerlich hinzu.

Percy wurde sofort hellhörig. »Was denn für einen Streit?«, fragte er betont beiläufig.

Mrs Pumpkin schwieg und schaute konzentriert in die Straßenkarte auf ihrem Schoß.

»Ja, was für einen Streit?«, mischte sich nun sein Vater lachend ein.

»Wir waren gemeinsam in einem Tanzlokal«, antwortete Mrs Pumpkin schließlich widerstrebend. »Und es muss wohl so gewesen sein, dass wir beide mit dem gleichen Herrn tanzen wollten …«

»Was denn für ein Herr?«, wollte Percys Vater wissen.

Mrs Pumpkin ging nicht weiter auf die Frage ein. »Wie dem auch sei, auf jeden Fall haben meine Schwester und ich uns danach aus den Augen verloren. Aber eigentlich haben wir uns immer sehr gut verstanden. Sie ist eine außerordentlich vornehme Frau«, sagte sie und überprüfte im Rückspiegel den Sitz ihres Kopftuchs.

»So vornehm, dass sie dich nicht zu ihrer Hochzeit eingeladen hat«, bemerkte Percys Vater und zündete sich mit seinem Benzinfeuerzeug eine Zigarette an.

»Musst du jetzt rauchen?«, fragte Mrs Pumpkin.

Percys Vater seufzte. Er blies ein einsames Rauchwölkchen in die Luft, dann kurbelte er das Seitenfenster herunter und warf die Zigarette hinaus.

»Caroline hat, soweit ich weiß, in eine ziemlich große Familie eingeheiratet«, sagte Mrs Pumpkin. »Vielleicht hat sie uns einfach vergessen, und hinterher war es ihr so unangenehm, dass sie sich einige Jahre nicht bei uns gemeldet hat.« Sie schob eine widerspenstige blonde Strähne unter das Kopftuch. »Aber nun hat sie uns ja eingeladen. Für die ganzen Weihnachtsferien.«

Mr Pumpkin brummte etwas, das Percy nicht verstand. Er schien von den bevorstehenden Ferien ebenso wenig zu halten wie Percy.

Sie hatten London und seine Vororte inzwischen hinter sich gelassen und fuhren auf einer Schnellstraße Richtung Westen. Percys Mutter blickte immer wieder auf die Karte in ihrem Schoß und überprüfte die Route. Nebenbei erzählte sie Geschichten, die sie in einer Illustrierten gelesen hatte. Die Russen wollten einen Menschen mit einer Rakete ins Weltall schießen und die Amerikaner hatten das angeblich auch vor. Ein berühmter italienischer Opernsänger, dessen Namen Percy nicht genau verstand, würde ab sofort in London leben. Und außerdem war Nessie in diesem September wieder aufgetaucht, und zwar genau am 19.9.1959, so wie es irgendein berühmter Monsterforscher vorausgesagt hatte.

»Blödsinn«, sagte Percys Vater und ließ offen, ob er die russische Rakete, den italienischen Opernsänger oder das Ungeheuer von Loch Ness meinte.

Percys Gedanken schweiften zu Tante Caroline und ihrer großen Familie. Ob er sich mit seinen Cousins und Cousinen gut verstehen würde? Er überlegte, was sie alles zusammen spielen konnten. Auf jeden Fall Murmeln. Die waren neben Schauerromanen und Kriminalgeschichten seine große Leidenschaft. Er besaß eine Dicke Berta, die er einem Nachbarsjungen abgeluchst hatte, zwei Goldene Augen und sogar einen Flammenden Stein, auf den er natürlich besonders stolz war. Er hatte die feuerrote Murmel mit dem geheimnisvollen Schimmer im letzten Jahr von Onkel Ernie zu Weihnachten bekommen und ihr selbst diesen Namen gegeben, da sie in keinem Katalog zu finden war. Aber dass sie wertvoll war, das stand für ihn fest.

Percy rutschte ein wenig auf seinem Sitz hin und her. Die Fahrt nach Worcestershire wollte einfach kein Ende nehmen und die Rückbank wurde von Minute zu Minute unbequemer. Auch die kurze Pause für das Picknick hatte da nicht geholfen. Seine Schultern taten weh, seine Beine kribbelten, und er wusste nicht mehr, wohin mit seinen Armen. Außerdem war es immer kälter geworden, je weiter sie nach Westen gefahren waren. Mr Pumpkin hatte das Fenster zwar mittlerweile geschlossen, aber trotzdem zog noch von irgendwoher frostige Luft herein. Percys Hände und seine Nasenspitze waren inzwischen so kalt wie Eiszapfen.

Er wollte sich gerade beklagen, als seine Mutter auf ein Schild zeigte, das links am Straßenrand stand: »Willkommen in Worcestershire, dem Zuhause von Aunt Annie’s Worcestershire-Sauce«. Percy rieb sich verdutzt die Augen. Hier wurde also die berühmte Sauce hergestellt, die er so gern mochte? Das hatte er gar nicht gewusst! Schlagartig erschienen ihm die reitenden, Golf spielenden und Privatschulen besuchenden Verwandten ein wenig sympathischer.

»Wo wohnt denn jetzt deine famose Schwester?«, brummte Mr Pumpkin.

»Der Ort heißt Darkmoor«, sagte Percys Mutter. Sie tippte auf einen kleinen Punkt auf der Karte.

Vor ihnen lag eine wilde Heidelandschaft. Nebelschwaden zogen über niedrige Hügel, zwischen denen sich Senken mit kleinen schwarzen Tümpeln befanden. Hier und da standen struppige Ginsterbüsche oder verkrüppelte Birken, deren fahle Rinden im Licht der untergehenden Sonne schimmerten. Kahle Felsen ragten auf wie die Finger eines Skeletts.

»Menschenskinder«, sagte Mr Pumpkin, »das ist ja ein gemütliches Fleckchen. Ist das der Golfplatz?«

Percys Mutter überhörte den Scherz ihres Mannes.

»Das muss das Darkmoor sein«, sagte sie, und Percy hatte den Eindruck, dass in ihrer Stimme schon wieder ein eigenartiger Unterton mitschwang.

Nachdenklich schaute er zum Fenster hinaus. Er wusste nicht, was er von der ganzen Sache halten sollte. Einerseits war diese morastige Heidelandschaft alles andere als einladend. Andererseits sah sie genauso aus wie ein Schauplatz in seinen Lieblingsromanen. Percy beugte sich vor und verrenkte sich beinah den Hals, um so viel wie möglich sehen zu können.

Hinter einer Wegbiegung tauchte ein kleines Dorf auf. Das musste der Ort Darkmoor sein. Ein richtiges Schild fehlte zwar, aber es gab ein Lokal namens »Darkmoor Inn« und eine Bäckerei, die im Schaufenster damit warb, den besten Apfelkuchen von ganz Darkmoor zu verkaufen.

Percys Blick fiel auf einen steinernen Brunnen, der von einem hässlichen Eisenfisch geschmückt wurde, und ein merkwürdiges Gefühl durchzuckte ihn. So als ob er von einem hohen Turm in schwindelerregende Tiefen schauen würde. Er kannte diesen Brunnen! Fast wollte er seine Eltern fragen, ob sie schon einmal in Darkmoor gewesen waren. Aber dann schüttelte er den Kopf. Das konnte ja gar nicht sein!

Percy fuhr sich durch die dichten blonden Locken und kratzte sich an der Stirn. Das tat er immer, wenn er sich über etwas wunderte. Da kam plötzlich hinter dem Brunnen ein kleiner Junge hervor, der offenbar vor nicht allzu langer Zeit verprügelt worden war. Er drückte sich an einer Hauswand entlang und bemühte sich, die Prellungen in seinem Gesicht, so gut es ging, unter einer Kapuze zu verbergen. Als er Percy erblickte, öffnete sich sein Mund zu einem stummen Schrei, und er verschwand in einem nahen Hauseingang.

Erschrocken schielte Percy aus dem Autofenster zu der Stelle, wo gerade noch der Junge gestanden hatte, und eine eigenartige Traurigkeit erfasste ihn. Was war nur los mit ihm? Warum hatte er mit einem Mal das Gefühl, für den Zustand des Jungen verantwortlich zu sein?

»Dahinten ist ein Straßenschild«, riss sein Vater ihn aus seinen Gedanken. »Schwarze Straße, das war doch die Adresse, oder?«

Die Straße, in die sie einbogen, führte aus dem Ort heraus in eine Art Tunnel, der durch eine hohe Mauer auf der einen und eine dichte Baumreihe auf der anderen Straßenseite gebildet wurde. Das Dach aus Zweigen ließ nur wenig Licht hindurch und Mr Pumpkin musste die Scheinwerfer des Austin anstellen.

»Kein Wunder, dass sie Schwarze Straße heißt«, brummte er. »Hier ist es ja wirklich finster wie die Nacht. Schade nur, dass nirgendwo ein Haus zu sehen ist.«

Percys Mutter spähte angestrengt in die Dunkelheit. »Dort hinten muss die Nummer 77 sein«, sagte sie auf einmal und zeigte auf ein riesiges Tor in der Mauer. Zwei steinerne Löwen mit grimmigen Gesichtern saßen links und rechts vor dem Eingang auf einem Sockel und über dem Tor verlief ein gemauerter Bogengang mit Schießscharten. Über dem rechten Löwen war ein kleines Messingschild befestigt, in das eine 77 eingraviert war. Darunter war eine Klingel.

»Menschenskinder!«, sagte Percys Vater. Er hielt den Wagen vor dem Tor an und stieg aus. »Menschenskinder!« Sein Atem bildete auch ohne Zigarette kleine Wölkchen in der Luft, so kalt war es.

Percy kletterte ebenfalls aus dem Austin und lief zum Tor. Durch die Gitterstäbe erblickte er eine weitläufige Parklandschaft, an deren Ende ein düsteres Schloss stand. Konnte es sein, dass ihre Reise tatsächlich hier endete? Dass Tante Caroline in diesem Schloss wohnte?

Seine Eltern schienen sich dasselbe zu fragen. Sein Vater hatte bereits zum siebten oder achten Mal »Menschenskinder« gesagt und seine Mutter zupfte immer nervöser an ihrem Kopftuch herum.

»Soll ich klingeln?«, fragte sie.

Ehe einer von ihnen nicken, mit dem Kopf schütteln oder mit den Schultern zucken konnte, geschah etwas Merkwürdiges. Aus einer dichten Hecke, die zwischen dem Park und dem dahinterliegenden finster aussehenden Wald wuchs, kam ein dicker Mann auf allen vieren hervorgekrochen. Er trug einen altmodischen karierten Anzug aus Tweed und hatte einen großen weißen Schnurrbart, dessen Enden sich in einem Bogen nach oben kringelten. Offenbar wollte er sichergehen, dass niemand ihn beobachtete, denn er schaute sich immer wieder nach allen Seiten um, und als er Percy und seine Eltern am Tor stehen sah, zuckten seine Schnurrbartenden noch ein Stückchen weiter nach oben. Er sprang auf die Füße und kam mit einer Geschwindigkeit zum Tor, die man ihm wegen seiner Leibesfülle niemals zugetraut hätte.

»Mon Dieu, mon Dieu«, sagte er mit einer etwas affektierten, aber freundlichen Stimme, »wenn das nicht die werte Familie Pumpkin ist, dann will ich nicht länger Lord Toby Knollys heißen. Wir haben Sie bereits erwartet, n’est-ce pas? Das Abendessen wird in einer Stunde serviert.«

»Wir haben das Anwesen nicht gleich gefunden«, sagte Percys Mutter.

»Aber das macht doch gar nichts, meine Liebe. Pas de problème. Wir werden es noch rechtzeitig in den Speisesaal schaffen, davon bin ich überzeugt. Die Mahlzeit, die Onkel Toby freiwillig ausfallen lässt, hat noch keiner zubereitet.«

Er lachte so laut und lange, dass zwei Tränen aus seinen kleinen Schweinsäuglein kullerten, und öffnete umständlich das Tor.

»Nur hereinspaziert«, lachte Lord Toby und winkte ihnen aufmunternd zu. »Hier im Haus meines Cousins legt man zwar schrecklich großen Wert auf die richtigen Umgangsformen, aber ich bin schlicht und einfach Onkel Toby.«

Er wuschelte Percy durchs Haar und hielt Mr und Mrs Pumpkin seine große dicke Hand entgegen.

»Wenn es euch nichts ausmacht, fahre ich mit euch zum Schloss zurück, n’est-ce pas?«, sagte er und ging auf den Austin zu. Percy fragte sich, ob er das ernst meinte. In dem Wagen war nicht einmal mehr Platz für eine Person, die halb so dick und groß wie Onkel Toby war.

»Aber nein, ganz und gar nicht«, sagte Percys Mutter sofort. »Wir freuen uns so, dass wir uns endlich kennenlernen. Nicht wahr, Darling?« Sie boxte Percys Vater unauffällig in die Rippen.

»Ja, wir freuen uns riesig«, sagte Mr Pumpkin und beobachtete mit besorgter Miene, wie Onkel Toby sich in sein Auto quetschte.

»Wärt ihr so freundlich, mir beim Einsteigen behilflich zu sein?«, fragte Onkel Toby nach einer Weile. Er hatte es zwar geschafft, seinen massigen Oberkörper in den Wagen zu hieven, aber seine Beine hingen noch immer hilflos aus der Fahrertür heraus.

Nachdem alle mit angepackt hatten, konnte die Fahrt zum Schloss weitergehen. Percy bekam allerdings nicht mehr viel davon mit, denn er hatte sowohl seinen Koffer als auch den Picknickkorb auf den Schoß nehmen müssen und war nun voll und ganz damit beschäftigt, nicht unter der Last erdrückt zu werden.

»Ihr fragt euch sicher, was der gute alte Onkel Toby so kurz vor dem Abendessen noch am Waldrand zu suchen hat, nicht wahr? N’est-ce pas? Aber ganz sicher fragt ihr euch das. Hm, hm, hm, hahaha.« Er lachte wieder.

Percy fragte sich eher, ob der Austin gleich zusammenbrechen würde, denn der Motor gab mittlerweile noch merkwürdigere Schnaufgeräusche von sich als der dicke Lord.

»Nun ja, ich spiele für mein Leben gern Golf, müsst ihr wissen. Und da kann es passieren, dass der eine oder andere Ball beim Üben verloren geht. Meine schönsten Exemplare sind mir auf diese Weise schon abhandengekommen. Na ja, und die wollte ich endlich einmal mit einem Körbchen zusammensuchen«, sagte Lord Toby.

Percy konnte zwar nirgendwo ein Körbchen entdecken, machte sich darüber aber keine weiteren Gedanken. Seine ganze Aufmerksamkeit galt inzwischen dem Schloss, das sie nun fast erreicht hatten. Auch seinen Eltern schien es so zu gehen.

»Menschenskinder, was für ein Kasten!«, sagte Mr Pumpkin leise.

»Nicht wahr? N’est-ce pas? Ein ganz veritabler Koloss, unser schönes Darkmoor Hall«, sagte Onkel Toby. »Die ältesten Teile stammen angeblich noch aus dem frühen Mittelalter. Im Laufe der Jahrhunderte ist dann immer wieder hier und da etwas angebaut worden. Mein lieber Cousin Cedric kennt sich ganz vorzüglich mit der Familien- und Kunstgeschichte aus. Er kann euch sicherlich genauestens erklären, wie man die verschiedenen Baustile nennt. Ich selbst bin da leider nicht so bewandert. Hahaha, hm, hm.«

Percy überlegte, ob Darkmoor Hall noch größer als der Buckingham Palast war. Auf jeden Fall war es entschieden unheimlicher als alle Schlösser oder Burgen, die er bislang gesehen hatte. Nicht einmal die Geisterschlösser aus seinen Schauerromanen konnten da mithalten. Die unzähligen Fenster von Darkmoor Hall sahen aus, als würden sie die Ankömmlinge beobachten. Außerdem waberte dichter Nebel um das Anwesen, der den Eindruck erweckte, das ganze Schloss würde dampfen. Percy stellte fest, dass es aus einem Haupthaus und zwei Seitenflügeln bestand, an die sich weitere Gebäude anschlossen. Aus dem steilen Dach des Haupthauses ragte ein viereckiger Turm in den dunklen Himmel, um den mehrere Raben kreisten. Die Seitenflügel wurden von kleineren Türmen mit bedrohlich spitzen Dächern oder scharfkantigen Schießscharten überragt. Überall gab es schmale Brüstungen, die zwischen Terrassen und Balkonen verliefen, äußere Treppen, die scheinbar im Nirgendwo endeten, und überdachte Gänge, die außen an den Schlosswänden entlangführten. Percy kratzte sich an der Stirn. Was für ein unglaublich monströses Bauwerk!

Inzwischen waren sie am Schlossgraben angekommen, der mit seinem schwarzen Wasser ebenfalls keinen besonders einladenden Eindruck machte. Onkel Toby bat Percys Vater anzuhalten, weil er vor dem Abendessen schnell noch etwas im Zugturm erledigen wollte. Er kletterte aus dem Wagen, erklärte, dass sie über die Schlossbrücke bis zum Hauptportal fahren sollten, und verschwand dann in der Tür des linken Turms.

Percys Vater runzelte die Stirn und steuerte den Austin vorsichtig über die Brücke. Als die Holzbohlen unter ihnen knarrten und ächzten, zuckten Percy und seine Eltern erschrocken zusammen.

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Während Tante Caroline seine Eltern begrüßte, stand Percy etwas abseits und blickte noch immer zu der Schlossfassade empor. Die Sonne war inzwischen fast vollständig untergegangen und im Zwielicht der Dämmerung sah Darkmoor Hall sogar noch unheimlicher aus als zuvor. Percy gefiel der Ort von Minute zu Minute besser. Die Vorstellung, die ganzen Ferien damit zu verbringen, ein echtes Gruselschloss zu erforschen, erschien ihm einfach wunderbar.

»Mach den Mund zu, es zieht«, sagte auf einmal eine helle Stimme neben ihm. Er kratzte sich verlegen am Ohr und sah in das mit Sommersprossen übersäte Gesicht eines großen rothaarigen Mädchens. Es war etwa so alt wie er.

»Hast du noch nie ein Schloss gesehen?«, fragte dieselbe Stimme, diesmal hinter ihm. Er drehte sich erschrocken um und blickte noch einmal in das gleiche Gesicht. Verwirrt schaute Percy hin und her. Es war ihm ein Rätsel, wie das Mädchen gleichzeitig hinter und neben ihm stehen konnte.

»Claire, Linda – hört auf, Percy zu ärgern!«, sagte Tante Caroline. Sie kam zu ihm herüber und gab ihm die Hand. »Herzlich willkommen, Percy. Du musst das Benehmen meiner Töchter entschuldigen. Die beiden haben nichts als Unsinn im Kopf, aber sie haben sich sehr auf dich gefreut, und ihr werdet euch sicherlich gut verstehen. Nicht wahr?« Tante Caroline warf ihren Töchtern einen durchdringenden Blick zu.

Percy hatte inzwischen begriffen, dass es sich bei den beiden nicht um eine Geistererscheinung, sondern um Zwillinge handelte.

»Wer von euch ist denn wer?«, fragte er.

»Ich bin Claire«, sagte das Mädchen, das ihn zuerst angesprochen hatte. »Seid ihr alle in diesem winzigen Auto hierher gefahren?«

Percy nickte verlegen. Tante Caroline und ihre Töchter sahen aus wie aus dem Ei gepellt, und Percy wünschte sich auf einmal, dass er beim Picknick unterwegs mehr auf seine Jacke geachtet und sie nicht mit Worcestershire-Sauce bekleckert hätte.

»Das Abendessen wird in einer Viertelstunde serviert«, sagte Tante Caroline. »Ich würde vorschlagen, dass ihr euch nicht extra umzieht, sondern nur etwas frisch macht. Nach dem Essen zeigt euch Jasper dann eure Zimmer.«

Sie ging die Stufen zu dem gewaltigen Eingangsportal hinauf und winkte ihnen, ihr zu folgen. Die Zwillinge waren plötzlich verschwunden, ohne dass Percy es bemerkt hatte. Und seine Eltern waren so sehr damit beschäftigt, einen guten Eindruck auf Tante Caroline zu machen, dass sie ihn anscheinend völlig vergessen hatten. Percy zupfte seine Mutter am Ärmel. Ohne ihn weiter zu beachten, strich sie ihm gedankenverloren durchs Haar.

Die Eingangshalle des Schlosses sah genauso aus, wie Percy sie sich vorgestellt hatte: dunkle Holzvertäfelung, ein alter Kommodentisch unter einem noch älteren Spiegel, in den Ecken Ritterrüstungen und an den Wänden Hirschgeweihe. Über eine breite Treppe aus Marmor mit einem roten Teppich in der Mitte gelangte man zu einer Balustrade im ersten Stock. Erstaunt bemerkte Percy die beträchtliche Anzahl von Türen, die aus der Halle führten. Auf den ersten Blick waren es zehn, aber während Tante Caroline ihnen den Butler Jasper vorstellte, entdeckte Percy noch mindestens drei weitere, die hinter dunkelroten Samtvorhängen verborgen waren.

Durch eine dieser Türen führte Jasper sie kurze Zeit später Richtung Badezimmer. Schon nach wenigen Schritten hatte Percy die Orientierung verloren. Ständig kamen sie an neuen Abzweigungen und einer Unmenge weiterer Türen vorbei. Es ging treppauf und dann wieder treppab, und als sie schließlich vor einer großen Tür aus Ebenholz haltmachten, hätte Percy nicht einmal mehr sagen können, in welchem Stockwerk sie sich befanden.

»Bitte sehr, Madam«, sagte Jasper zu Percys Mutter und öffnete die Tür. Das Badezimmer dahinter war so groß wie die Wohnung in London, in der Percy mit seinen Eltern wohnte.

»Bitte hier entlang, Sir.« Jasper lotste Percy und seinen Vater zu einem weiteren Badezimmer und zog sich dann diskret zurück.

Mr Pumpkin schaute sein Spiegelbild an, als sähe er es zum ersten Mal. »Menschenskinder«, sagte er leise und pfiff durch die Zähne. Dann rückte er seinen Krawattenknoten zurecht.

Als sie sich nach einer Weile auf den Weg zum Speisesaal machten und die langen Flure und Korridore hinauf- und hinabgingen, wurde Percy erneut von einer seltsamen Unruhe erfasst. Während seine Eltern Jasper wie erstaunte Marionetten durch die labyrinthischen Gänge folgten und jede einzelne Kommode, wertvolle Vase oder Ritterrüstung bewunderten, stellte sich bei ihm ein Gefühl der Vertrautheit ein, so wie er es schon in dem kleinen Ort erlebt hatte. Er konnte sich nicht erklären, woher es kam, und je mehr er darüber nachdachte, desto schwindeliger wurde ihm.

Kurz bevor sie den Speisesaal erreichten, tauchten Claire und Linda links und rechts von Percy auf und hakten sich bei ihm unter. Percy fuhr erschrocken zusammen.

»Warum habt ihr uns eigentlich nicht schon früher besucht?«, wollte Claire wissen.

Percy zuckte mit den Schultern. »Wir haben die Ferien immer bei Onkel Ernie verbracht. Er hat ein Hausboot auf der Themse.«

»Onkel Ernie? Nie gehört.« Linda schüttelte den Kopf.

»Morgen früh wollen wir ein Picknick im Wald machen. Bevor der erste Schnee fällt«, wechselte Claire das Thema. »Da kommst du doch mit, oder?«

Percy nickte.

»Lieber unten am Strand«, sagte Linda. »Cyril und Jason wollen morgen auch in den Wald, die neuen Gewehre ausprobieren, die sie von Onkel Eric bekommen haben. Ich habe keine Lust, den beiden über den Weg zu laufen, wenn’s nicht unbedingt nötig ist.«

»Wer sind denn Cyril und Jason?«, erkundigte sich Percy, der sich etwas unbehaglich fühlte, weil Linda das Wort Gewehre so komisch betont hatte. Ob sie echte Gewehre meinte?

»Das wirst du schon noch früh genug herausfinden«, sagte Claire. »Komm, wir gehen hinein. Papa mag es nicht, wenn man zu spät zum Abendessen kommt.«

Sie betraten den Speisesaal und Percy blickte sich mit großen Augen um. Noch nie hatte er einen so riesigen Raum gesehen! An der Decke hingen Kronleuchter, in denen man ein Baumhaus hätte bauen können, und die Ölgemälde an den Wänden hatten das Format von Billardtischen. Percy bekam feuchte Hände – das Gefühl der Vertrautheit war schlagartig verschwunden. Er hatte den Eindruck, von Hunderten Augenpaaren angestarrt zu werden. Nicht nur die Vorfahren von Claire und Linda schauten aus ihren Bilderrahmen ziemlich finster auf ihn hinab, auch die Herrschaften an der langen Tafel in der Mitte des Saals schienen ihn mit zusammengezogenen Brauen zu mustern. Ganz besonders zusammengezogen waren die Brauen eines ganz besonders hageren Mannes mit ganz besonders wenigen Haaren. Er saß neben Onkel Toby und entweder störte ihn dessen fröhlicher Redeschwall oder die Ankunft Percys missfiel ihm. Vielleicht auch beides.

»Das ist Onkel Eric«, flüsterte Linda. »Der guckt immer so, als hätte er gerade in ein fauliges Fischbrötchen gebissen, nimm das nicht persönlich.«

»Dahinten sind unsere Plätze«, flüsterte Claire. »Los, schnell. Jasper kommt gleich mit der Suppe.«

Sie rannten an einer Unmenge bereits besetzter Stühle vorbei. Percy hatte noch nie so viele Personen an einem Tisch sitzen sehen, nicht einmal bei der Weihnachtsfeier im Fußballverein seines Vaters. Wo waren eigentlich seine Eltern?, fragte er sich plötzlich, konnte sie aber nirgends entdecken. Er kletterte auf den gewaltigen Stuhl, den Jasper für ihn vom Tisch wegzog. Ihm gegenüber saßen zwei rothaarige, ungefähr sechsjährige Kinder, die noch spitzere Nasen hatten als Claire und Linda. Sie beschossen ihn aus einem kleinen Blasrohr mit Papierkügelchen, die sie vorher im Mund zerkaut hatten. Percy konnte nicht erkennen, ob es Jungen oder Mädchen waren.

»Das sind Dick und Dolores«, sagte Linda mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Zwei ganz besonders reizende Kinder aus dem heruntergekommenen Whimsey Castle in Cornwall. Sie sind zusammen so schlau wie eine Teekanne. Sie und ihre noch viel reizenderen Eltern erfreuen uns jedes Jahr zu Weihnachten mit ihrem Besuch.«

Dick und Dolores kicherten und feuerten weitere Kügelchen ab. Die Erwachsenen rechts von ihnen schien das nicht weiter zu interessieren. Sie unterhielten sich über irgendetwas, das aus Frankreich kommen musste, denn Percy hörte immer wieder Namen wie Fantin Latour, Rose du Roi oder Boule de Neige und Gloire de Dijon.

Rechts neben Claire und Linda saß ein dicker Junge mit glatten, eher blonden Haaren, die an seinem runden Kopf zu kleben schienen. Er bekam die meisten von den Spuckekügelchen ab und lächelte Percy etwas gequält zu.

»Das ist dein Cousin John«, stellte Linda ihn vor. »Wenn Jasper nicht gleich mit der Suppe kommt, ist es um ihn geschehen.«

»Hättet ihr mir beim Tee nicht alle Sandwiches weggefuttert, hätte ich jetzt auch nicht solchen Hunger«, beschwerte sich John und blickte auf seinen leeren Suppenteller.

»Bei John musst du aufpassen«, sagte Claire zu Percy. »Ehe man sich versieht, futtert er einem die Hühnchenschenkel weg.«

John murmelte irgendetwas, das Percy nicht verstand.

»Ihm gegenüber sitzt übrigens Nigel«, sagte Claire und deutete auf einen Jungen, der betont gerade am Tisch saß und seine Hände wie Hundepfötchen links und rechts vom Teller liegen hatte.

»Sehr erfreut«, sagte Nigel und nickte Percy kurz zu. Dann richtete er seinen Blick wieder auf die Stickereien auf der Tischdecke und studierte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen.

»Er ist bei den Pfadfindern«, flüsterte Claire Percy zu. »Aber hüte dich vor seinen guten Taten. Nigel ist die größte Petze der Grafschaft.«

»Dank Cyril und Jason verbringt er den Großteil seiner Zeit zum Glück gefesselt und geknebelt auf einem Schrank«, sagte Linda.

»Oder in einem Brunnenschacht«, meinte John.

»Oder an einen Apfelbaum gebunden, nicht wahr, Nigel?«

Den Blick weiterhin auf die Tischdecke geheftet, zuckte Nigel nur mit den Schultern und wischte sich dann ein Papierkügelchen von der Nase, das Dick auf ihn abgefeuert hatte.

»Wer sind denn nun Cyril und Jason?«, fragte Percy.

»Sie sitzen normalerweise da drüben«, sagte John und zeigte auf zwei leere Stühle. Daneben erblickte Percy zwei besonders hübsche Mädchen, die fortwährend kicherten und miteinander tuschelten. Sie waren wie Erwachsene geschminkt und trugen Perlenohrringe.

»Und das sind zwei Hühner namens Gack und Gock«, sagte Claire leise, aber doch so, dass die beiden Mädchen es hören mussten. »Ihre richtigen Namen fallen mir leider gerade nicht ein, aber da sie sowieso nicht mit dir sprechen werden, macht das auch gar nichts.«

»Vielleicht haben Cyril und Jason ihre Gewehre schon heute ausprobiert«, überlegte Linda. »Und sich dabei gegenseitig erschossen.«

»Unmöglich.« Claire schüttelte den Kopf. »So viel Glück gibt es nur im Märchen.«

»Neben Gack und Gock sitzt unser Cousin Heinrich«, sagte Linda. »Er kommt aus Ingolstadt in Deutschland und ist ein bisschen verrückt

Percy wusste nicht, warum Linda das so betonte. Abgesehen davon, dass Heinrich etwas düster angezogen war und ziemlich bleich aussah, fand Percy fast alle Mitglieder der Familie Darkmoor ein bisschen verrückt – jedenfalls die, die er bislang kennengelernt hatte. Er ließ seinen Blick über die lange Tafel schweifen, um erneut nach seinen Eltern Ausschau zu halten. Schließlich entdeckte er sie. Sie saßen in einiger Entfernung neben zwei unglaublich dürren Damen in dunkelroten Abendkleidern, die Zigaretten aus langen Spitzen rauchten. Es sah aus, als hielten sie dampfende Zauberstäbe in ihren knochigen Fingern. Percys Mutter unterhielt sich angeregt mit Tante Caroline. Sein Vater starrte gedankenverloren vor sich hin. Vermutlich dachte er gerade mit Wehmut an die letzten Weihnachtsferien bei Onkel Ernie zurück.

»Entschuldigen Sie bitte, Sir«, hörte Percy eine freundliche Stimme sagen. Als Claire ihn anstupste, wandte er den Kopf. Jasper stand mit einer dampfenden Suppenschüssel und einer silbernen Kelle neben ihm.

»Du musst deine Serviette runternehmen, sonst kann Jasper dir nicht auffüllen«, flüsterte Claire ihm zu. John rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

Schon bald war der ganze Saal vom Klippern und Klappern des Silberbestecks erfüllt. Percy schielte nach links und nach rechts. Außer Heinrich, der den Eindruck erweckte, an seiner Serviette zu nagen, waren alle damit beschäftigt, emsig ihre Suppe zu löffeln. Auch die Erwachsenen hatten aufgehört, sich zu unterhalten – sogar die beiden dürren Damen mit den Zauberstab-Zigaretten langten kräftig zu.

Die Suppe schmeckte vorzüglich und Percy hatte seinen Teller kaum geleert, da wurden auch schon weitere Köstlichkeiten aufgetragen. Es gab Mohrrüben mit frischen Kartoffeln und frittiertem Fisch, eingelegte Krabben, Schweineschnitzel mit knusprigem Speck und ein Ragout, von dem Percy noch drei Portionen hätte essen können, obwohl er eigentlich schon pappsatt war. Darkmoor Hall mochte ja ein gruseliger Kasten sein, aber das Essen war fantastisch!

»Gibt es hier immer so leckere Sachen?«, fragte er Claire, nachdem er sich den Mund abgewischt und einen Schluck Limonade getrunken hatte.

»Natürlich«, sagte seine Cousine und spießte ein letztes Möhrchen auf ihre Gabel. »Brenda ist die beste Köchin der Welt.«

»Aber nur, weil sie fast alles mit unserer Sauce würzt«, sagte Linda.

»Eure Sauce?«

Linda hielt ein kleines Fläschchen mit Aunt Annie’s Worcestershire-Sauce hoch, das neben einem Salz- und Pfefferstreuer auf dem Tisch stand. Percy schaute verdutzt.

»Wieso ist das eure Sauce?«, fragte er erstaunt. »Die steht doch in jedem Pub auf dem Tisch.«

»Die Queen benutzt sie auch«, sagte Claire und tippte auf ein verschnörkeltes Emblem, das sich am unteren Rand des Etiketts befand und das Percy noch nie aufgefallen war.

»Onkel Cedric stellt die Sauce in der Fabrik hinter dem Schloss her«, sagte John und prüfte mit einem kurzen Seitenblick, ob er gerade von den Erwachsenen beobachtet wurde. Dann leckte er seinen Teller ab.

»Ihr wollt mich auf den Arm nehmen.« Percy schüttelte den Kopf.

»Wie kommst du denn auf die Idee?« Claire runzelte die Stirn. »Wir können dir die Fabrik gleich nach dem Abendessen zeigen.«

»Wir wollten doch Murmeln spielen«, sagte John.

»Du kannst den Hals auch nie voll kriegen.« Linda beugte sich zu Percy und sagte in einem verschwörerischen Ton: »John luchst dir im Nu deine ganze Sammlung ab. Falls du eine hast. Du spielst doch Murmeln, oder?«

Percy nickte. Er wollte sich gerade noch mal nach der Fabrik für die Würzsauce erkundigen, als der Nachtisch serviert wurde. Für eine Weile vergaß Percy alle Saucen, Murmeln und Schlösser dieser Welt, denn es gab Grießpudding mit Erdbeerkompott, eine seiner Leibspeisen.

Köchin Brenda brachte das Kompott persönlich in mehreren kleinen Schüsseln zur Tafel. Sie war die rundeste Person, der Percy jemals in seinem Leben begegnet war, sah dabei aber so rosig und frisch aus wie ein Radieschen. Percy mochte sie auf Anhieb gut leiden. Und sie ihn offenbar auch, denn sie wuschelte ihm durch die Haare und sagte, dass sie ihn sehr darum beneide, in London zu wohnen, so nah am Buckingham Palast.

Percy kam nicht mehr dazu, ihr zu erklären, dass er in einem Stadtteil lebte, der denkbar weit vom Palast der Königin entfernt war, und dass sein Vater ja auch kein Baron, Duke oder sonst etwas war, sondern Versicherungsangestellter bei Hobbs & Frogs, denn Brenda musste in die Küche zurück. Sie wünschte allen eine gute Nacht und winkte den Kindern zum Abschied zu. Eine schwarze Katze folgte ihr mit majestätisch aufgestelltem Schwanz zur Tür hinaus. Sie war so groß wie ein Hund.

»Das ist Churchill«, erklärte Claire. »Er hängt an Brenda wie eine Klette. Kein Wunder, wo sie ihn den ganzen Tag mit Leckereien verwöhnt.«

»Wallace meint, sie würde sich sogar nachts einen Wecker stellen, damit sie Churchill noch etwas geben kann«, sagte John.

»Neidisch?«, fragte Linda und kletterte von ihrem Stuhl, bevor Dick und Dolores wieder damit anfangen konnten, Papierkügelchen abzufeuern.

»Wer ist denn Wallace?«, wollte Percy wissen.

»Unser Gärtner. Den lernst du später bestimmt auch noch kennen. Seine Wohnung liegt direkt neben den Gästezimmern. Kommst du jetzt und spielst Murmeln mit uns?«

»Ja klar«, sagte Percy. »Ich sage nur kurz meinen Eltern Bescheid.«

Seine Mutter hatte gerötete Wangen und unterhielt sich angeregt. Auch sein Vater hatte mittlerweile sichtlich bessere Laune.

»Ich werde jetzt mit Lord Darkmoor ins Billardzimmer gehen und seinen hundert Jahre alten Whisky probieren«, verkündete er stolz.

»Nur Cedric, bitte«, sagte Lord Darkmoor und lachte. »Den hundert Jahre alten Whisky müssen wir übrigens erst aus der Küche holen. Den hält Brenda unter Verschluss. Es ist bei uns eine alte Familientradition, dass die Köchin für die wirklich wichtigen Dinge zuständig ist.«

Dann gab er Percy die Hand. »Und du sagst Onkel Cedric zu mir, abgemacht?« Percy nickte. Lord Darkmoor hatte dieselben blitzenden grünen Augen wie seine Töchter und so viele Sommersprossen wie beide zusammen. Genau wie Brenda konnte Percy ihn auf Anhieb gut leiden.

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Es dauerte eine Weile, bis sie Percys Murmeln aus dem Koffer in der Eingangshalle geholt und einen Platz zum Spielen gefunden hatten. Wenn es nach Percy gegangen wäre, hätten sie gleich in einem der Räume im Erdgeschoss damit anfangen können, aber Claire, Linda und John waren offenbar sehr eigen, wenn es um den geeigneten Ort für einen Murmel-Wettstreit ging.

»Hier haben wir zu wenig Platz«, sagte John zu einem Raum, dessen Dielenboden bis auf eine alte Standuhr und zwei ausgestopfte Dachse in einer Glasvitrine vollkommen leer war.

»Hier ist es zu dunkel«, befand Claire in einem Salon mit einem riesigen Kronleuchter, der mit elektrischen Glühbirnen bestückt war.

»Hier zieht es«, sagte Linda und weigerte sich, in einem kleinen Eckzimmer zu spielen, in dem es wärmer war als in allen Räumen, die sie bisher betreten hatten.