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ISBN 978-3-649-60984-1 (eBook)

Für all die Male,
die das Gefühl den Verstand besiegt

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»Wir kaufen ein Haus.«

»Eigentlich haben wir es schon gekauft«, verbesserte Mama.

»An der niederländischen Grenze.« Papa schaute sie mit strahlenden Augen an.

»Mitten im Grünen, in einer schönen Gegend.« Mama sah jetzt auch auf, aber sie spielte immer noch nervös mit ihrem Ehering.

»Ich ziehe nicht um.«

Eve hatte ihre Eltern fassungslos angestarrt, vor so vielen Monaten, und nicht gewusst, wen sie zuerst durchschütteln sollte. Vielleicht ihre Mutter. Wie konnte sie nur? Eve hatte immer gedacht, dass Mama die Boutiquen, die große Einkaufsstraße, den Delikatessenladen gleich um die Ecke und das Kino fünf Minuten von der Haustür entfernt auch um keinen Preis der Welt missen wollte.

Aber Mama hatte bloß dagesessen und gelächelt. Also hatte Eve protestiert und ausnahmsweise unterstützten Max und Frederik sie. Wie sollte das mit der Schule und ihren Freunden gehen? Ihre Eltern hatten kein Recht dazu!

Doch Mama und Papa waren gut vorbereitet und hatten sich einige überzeugende Argumente zurechtgelegt. Jeder würde ein eigenes Zimmer bekommen. Ein großes Zimmer. Sie hätten Platz für Tiere. Eve sah, wie die Zwillinge zögerten. Vielleicht be kamen sie sogar ein Schwimmbad. Die Augen ihrer Brüder leuchteten auf. Es gab eine gute Schule, einen Jugendklub und fünfzig Kilometer waren schließlich nicht das Ende der Welt. Aber für Eve machten sie einen Riesenunterschied. Sie hatte niemals etwas anderes gekannt als ihre gemütliche Wohnung, die vielleicht ein wenig klein war, aber dafür mitten in der Stadt lag.

Und jetzt …

Sie hasste dieses Haus. Sie hasste den muffigen, modrigen Geruch, der in der Luft hing, weil die Fenster seit einer Ewigkeit nicht mehr geöffnet worden waren. Die braune Tapete und den schmutzigen Rauchrand an der ehemals weißen Decke. Ganz zu schweigen von dem Fußboden, der unter ihren Schritten knarrend nachgab, so als könnte man jeden Moment einbrechen. Farblos, verlassen, eklig und dreckig war dieses Haus. Und das alles im Überfluss.

»Eve?« Mama stand unten an der Treppe.

Eve ließ sich aufs Bett plumpsen.

»Ich weiß, dass du mich hörst!«

In Gedanken sah Eve ihre Mutter vor sich: einen Fuß auf der Treppe, den anderen in der Luft. Wie sie mit ihrem Ring ungeduldig gegen das Holz des Treppengeländers tickte, den Kopf in den Nacken legte und noch mal rief, bevor sie nach oben kam.

Eve warf sich auf die Seite und zog sich das Kissen über den Kopf. Ihr Zimmer war das hinterste. Sie hatte noch ein paar Sekunden …

Jetzt stand Mama vor ihrer Tür, atmete tief durch. Eve zog sich das Kissen noch fester über den Kopf. Mama zögerte einen Moment und öffnete dann mit einer energischen Bewegung die Tür.

Eve drehte sich nicht um. Sie spannte die Muskeln an und klammerte sich an dem Kissen fest. Sie rechnete damit, dass Mama es ihr jeden Moment vom Kopf ziehen würde, spürte förmlich Mamas Blick über sich gleiten. Dennoch kam sie unerwartet – die Hand in Eves Nacken und Mama, die sich neben sie aufs Bett fallen ließ.

»Ich weiß, dass du Antwerpen vermisst. Und es ist hier bisher alles andere als schön, das weiß ich auch. Aber das wird sich noch ändern. Gib ihm Zeit, dem Haus und dir. Du wirst sehen, dass alles halb so schlimm ist. Wirklich.«

Eve rollte weg von der tröstenden Hand ihrer Mutter, streifte mit der Schulter die Wand und blieb an einem Nagel hängen. Ihre Haut brannte.

»Eine Bruchbude auf dem Land, die jeden Augenblick zusammenstürzen kann, davon habe ich schon immer geträumt.«

»In ein paar Monaten sieht es hier großartig aus. Wir müssen jetzt einfach in den sauren Apfel beißen.«

»Wir hätten auch ganz normal zu Hause bleiben können.« Eve dachte an Eileen, die wahrscheinlich gerade draußen in einem Café saß und sich die vorbeigehenden Leute anschaute. Die hatte es gut.

»Das ist zu Hause.« Mama holte sie in die Wirklichkeit zurück. »Für uns ist es auch nicht leicht. Wir hätten gern alles vor dem Umzug tipptopp in Ordnung gehabt. Aber wir tun, was wir können. Wenigstens das könntest du anerkennen.«

Mama schwieg.

Eve war fest davon überzeugt, dass sie den längeren Atem hatte. Sie würde heute nichts anderes machen, als auf diesem Bett in diesem grässlichen Zimmer zu liegen. Aber Mama hatte andere Pläne und Eve zog den Kürzeren.

»Papa und die Jungs sind schon mit den Fußböden zugange. Ich möchte heute und morgen den Keller aufräumen.« Mama hielt kurz inne. »Mit dir.«

Eve antwortete nicht.

»Eve.«

Mit einem Seufzer zog Eve sich das Kissen vom Kopf und richtete sich auf. »Ich komm ja schon«, entgegnete sie trotzig. »Was bleibt mir auch anderes übrig?«

Sie sah die Unentschlossenheit in den Augen ihrer Mutter: Sollte sie ihre Tochter zurechtweisen oder ihre Launen einfach ignorieren? Mama entschied sich für Letzteres und ging aus dem Zimmer.

»Bis gleich im Keller«, sagte sie nachdrücklich, bevor sie die Tür hinter sich zuzog.

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Zehn Minuten später betrachtete Eve mit offenem Mund das Chaos im Keller. Obwohl der Raum riesig war, lag überall Gerümpel. Nicht das winzigste Fleckchen Fußboden war noch zu sehen. In manchen Ecken stapelte sich der Müll sogar bis zur Decke. Und wie höllisch es stank! Eve wollte gar nicht wissen, wonach.

Sie warf einen Blick auf Mama, die auch erst mal kräftig schlucken musste.

»Woher kommt der ganze Kram? Ich dachte, hier hätte eine alte Frau gewohnt!« Eve zog eine abgenutzte Tastatur unter einem Stapel Zeitschriften hervor. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die von ihr ist.«

»Das werden nicht alles ihre Sachen sein. Einen Teil des Hauses hat sie regelmäßig vermietet. Auf diese Weise brauchte sie nicht allein zu wohnen und verdiente noch etwas damit.« Mama ließ den Blick durch den Raum schweifen. »Die Mieter haben auf jeden Fall ihre Spuren hinterlassen.«

»Warum müssen wir eigentlich deren Krempel aufräumen?« Eve trat mit der Schuhspitze gegen einen lädierten Monitor.

»Wir haben in den Kaufvertrag aufnehmen lassen, dass wir den Keller entrümpeln, wenn wir dafür einen Preisnachlass bekommen.«

»Ja, klar, nur zu, wir hatten ja auch noch nicht genug Arbeit!«

»Lass uns erst mal anfangen. Bestimmt sieht es viel schlimmer aus, als es ist.« Mama riss einen großen schwarzen Müllsack von der Rolle, die sie danach Eve zuwarf. Sie sauste knapp an ihrem Kopf vorbei.

»Ganz bestimmt, morgen ist alles wie durch Zauberhand verschwunden und das hier war nur ein übler Traum!« Bevor Mama etwas erwidern konnte, riss Eve eine Mülltüte ab und ging damit in die nächstbeste Ecke, um eine Ladung Eierschachteln hineinzustopfen.

»Will jemand was trinken?« Max kam mit einer Packung Apfelsaft und ein paar Pappbechern die Treppe hinunter.

Eve schaute von dem Karton mit Flugzeugzeitschriften auf, den sie gerade aus einem Haufen Glasscherben geholt hatte. Vorsichtig zog sie sich einen kleinen Splitter aus dem Daumen. Erst jetzt sah sie, wie schmutzig ihre Hände waren.

»Danke.« Erschöpft setzte sich Eve auf die unterste Treppenstufe. Auch Mama kam schnaufend hinter einem Turm aus alten Bierkästen hervor. »Unglaublich, was Leute alles aufheben. Und ich dachte immer, euer Vater wäre schon die Krönung auf dem Gebiet. Kommt überhaupt nicht infrage, Max, dass du irgendwas von hier unten mitnimmst«, setzte sie im gleichen Atemzug hinzu.

Max betrachtete den Zeitschriftenstapel, den er aus dem Karton gefischt hatte. »Das sind ganz seltene Exemplare. Die bringen auf dem Flohmarkt richtig Geld!«

»Ist mir egal.«

»Mam.«

»Max.«

Eve sah zu, wie ihr Bruder wütend aus dem Keller stürmte.

Mama schloss die Augen. »Lass ihn jetzt bitte nicht …«

Eve hielt den Kopf schräg und fing an zu lachen, als Max zurückkam. Dieses Mal mit seinem Vater.

»Max erzählte, dass hier richtige Schätze verborgen liegen?«

»Hör zu, Simon. Das Thema hatten wir schon einmal. Eve und ich räumen den Keller auf und alles verschwindet. Basta.« Mit einer energischen Geste schickte Mama ihren Mann wieder die Treppe hinauf.

Eve bemerkte, wie Max hinter Mamas Rücken schnell den Stapel Zeitschriften aus dem Karton zog und Papa zuzwinkerte. Der gab seinen Widerstand sofort auf. »Gut, Merle, du hast recht. So war’s abgemacht.«

Eve schluckte den letzten Rest Apfelsaft hinunter und kehrte mit dem Staubsauger bewaffnet in ihre Ecke voller Glassplitter zurück. Sie spürte Mamas Blick auf sich und ahnte, dass sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen. Schnell schob sie den Stecker in die Steckdose und ließ den Staubsauger laut aufheulen.

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»Pizza!« Frederiks Stimme schallte durch das Haus.

Eilig drehte Eve am Duschhahn. Eiskaltes Wasser stürzte über ihren Kopf. Fluchend drehte sie den Hahn schnell in die andere Richtung. Nicht mal entspannt warm duschen konnte man hier!

Sie kramte in den Umzugskartons auf dem Boden herum, bis sie in einem mit der Aufschrift HYGIENE Desinfektionsmittel fand. Manchmal hatte es auch Vorteile, dass ihre Mutter so gut organisiert war. Großzügig sprühte sie das Mittel auf den Daumen, in dem der Glassplitter gesteckt hatte. Danach suchte sie hastig ihre Klamotten zusammen.

Als sie gerade aus dem Bad wollte, rutschte sie beinahe auf dem glatten Fußboden aus. Wütend stampfte sie gegen die alten blaugrünen Fliesen.

Einen Moment später stand sie im Flur und hielt die Klinke der Badezimmertür in der Hand: abgebrochen.

Schließlich bahnte sich Eve ihren Weg zwischen den Kartonstapeln im Flur hindurch bis in die Küche. Dort nahm sie Papa einen Pizzakarton ab und drückte ihm dafür die Türklinke in die Hand.

»Woher ist die denn?«, fragte ihr Vater stirnrunzelnd.

»Aus dem Badezimmer«, antwortete Eve mit vollem Mund. »Ich hab nichts falsch gemacht!«, verteidigte sie sich, als Papa sie immer noch ansah. »Sie ist einfach abgebrochen, was kann ich denn dafür?«

»Eve, weißt du eigentlich, wie du da morgen hinkommst?«, unterbrach Mama das Gespräch.

»Was meinst du?«

»Morgen fängt dein Theaterkurs an, weißt du das nicht mehr?«

Eve hatte es nicht vergessen, sie hatte nur ganz fest versucht nicht mehr daran zu denken. »Ich hab doch gesagt, dass ich da nicht hin will.«

»Der Kurs soll sehr gut sein und es ist eine prima Gelegenheit für dich, hier ein paar Leute kennenzulernen, bevor die Schule anfängt. Außerdem ist er nur montags und donnerstags, den Rest der Woche hast du frei und kannst tun und lassen, was du willst.«

»Im Keller schuften, meinst du wohl.«

»Die Lehrerin ist eine großartige Schauspielerin, ich habe sie schon in einigen Stücken gesehen. Sie gibt den Kurs seit Jahren und er ist immer wieder ein voller Erfolg. Los, Eve, das macht dir bestimmt Spaß!«

»Genauso viel Spaß wie umziehen, wahrscheinlich.« Eve schob die Pizza zurück in den Karton.

»Theater ist nur was für Leute, die sich selbst besonders interessant finden«, mischte sich Max in das Gespräch.

»Ach ja? Warum gehst DU dann nicht da hin?«, fuhr Eve ihn gereizt an.

»Immer mit der Ruhe. Max besucht zusammen mit Frederik zweimal die Woche einen Naturkurs. Der fängt übermorgen an«, beschwichtigte Mama die beiden.

»Natur haben wir hier ja reichlich.« Eve ließ ihre Pizza wütend im Karton hin und her rutschen.

»Kennst du den Weg, Eve?«, wiederholte Mama ihre Frage.

»Ich habe doch eben gesagt, dass ich nicht gehe.«

»Der Kurs ist nicht gerade billig. Du bist angemeldet. Er fängt morgen um neun Uhr an und dann wirst du dort auf der Matte stehen, ob du nun Lust hast oder nicht.«

Mama biss große Happen von ihrem letzten Stück Pizza ab.

Eve starrte auf ihre Pizza mit Sardellen. »Möchte noch jemand?« Sie schob den Karton quer über den Tisch ihren Brüdern zu und verschwand nach oben.

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»Mama, das ist nicht schön

Ich starrte auf den strengen Scheitel, den meine Mutter gerade in mein Haar gezogen hatte. Die Zähne des Kamms hielten meine großen roten Locken ganz straff zurück. Mama zog so fest, dass es fast wehtat. Trotzdem sprangen mir die Locken zwei Sekunden später wieder ins Gesicht.

Seufzend gab sie auf. »Das muss reichen.«

Während Mama in den Flur ging, schüttelte ich heimlich den Kopf, sodass meine Locken wieder genauso fröhlich tanzten wie sonst. Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel. Heute war es endlich so weit!

Ich hatte mein allerschönstes Kleid herausgesucht, das grüne mit den zartrosa Blüten, die auf dem Untergrund umherzuschweben schienen.

Als wir uns schließlich auf den Weg machten, hüpfte ich beinahe, aber ich tat es nicht wirklich. Denn dafür war ich mit meinen vierzehn Jahren zu groß, fand Papa. Doch das war mir egal. Heute war alles egal. Ich war so neugierig darauf, wie es sein würde, ein Foto machen zu lassen.

Wie oft schon hatte ich die Porträts von Mama und Papa betrachtet! Sie sahen so echt aus, als könnte man sie anfassen. Aber mein neugieriger Finger stieß jedes Mal wieder gegen das harte, kalte Glas. Ich tat es heimlich, weil Mama nicht wollte, dass ich mit den Porträts spielte, dafür waren die Fotos viel zu teuer gewesen. Dennoch konnte ich es nicht lassen, sie immer wieder zu bewundern.

Als Papa mich fragte, was ich zu meinem vierzehnten Geburtstag am allerliebsten hätte, brauchte ich keine Sekunde nachzudenken. Ein Foto von mir selbst. Papa hatte gedacht, ich würde mir eine Spieluhr wünschen oder Parfüm oder schöne Kleider, weil sich das für Mädchen doch so gehörte. Und nach der Schaukel, dem Baumhaus und dem Hund wünschte er sich wahrscheinlich, dass seine einzige Tochter endlich nicht mehr so ein Wildfang wäre.

Ich wusste, dass Mama gehofft hatte, ich würde mir ein Brüderchen oder ein Schwesterchen wünschen. So lange versuchte sie es jetzt bereits und mit so vielen Tränen. Aber jedes Mal wurden die Kinder tot geboren.

»Wir haben doch schon so ein Prachtstück«, sagte Papa dann.

Und Mama nickte. Mit jedem toten Brüderchen oder Schwesterchen nickte sie nach diesem Satz heftiger. Als würde ihr Kopf abfallen. Aber ich wusste inzwischen, je heftiger sie nickte, desto verzweifelter war sie. Papa wusste das bestimmt auch. Und beim letzten toten Brüderchen hatte er den Satz gar nicht mehr gesagt.

Sie nannten mich nicht mehr Prachtstück, aber ich bemühte mich eine vorbildliche Tochter zu sein. Das war das Mindeste, was ich für Papa und Mama tun konnte. Nicht, dass es mir immer gelang.

Doch heute schien es, als hätte sogar Mama einen Moment lang vergessen, wie viel Leid sie immer auf den Schultern zu tragen hatte. Sie hakte sich bei mir ein und wir marschierten im strammen Tempo zum Fotografen. Mama konnte einfach nicht langsam gehen. Um Schritt zu halten, lief ich so schnell, dass meine Fersen in den Stiefeln scheuerten. Aber auch das war heute egal. Heute war wirklich alles egal!

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»Philip, gib her, du Blödmann!«

Ein Junge und ein Mädchen stürmten in den kleinen Theatersaal. Der Junge wedelte herausfordernd mit einem Handy vor der Nase des Mädchens herum. Immer wenn sie es fast erwischte, hielt er es ein Stückchen höher. Kein Problem für ihn, weil er etwa einen Kopf größer war.

Mit gespieltem Interesse sah sich Eve die Szene an. Sie kam ihr nur allzu vertraut vor. Diese albernen Nervereien kannte sie von ihren Brüdern. Mit einem Unterschied: Hier schienen beide Spaß daran zu haben.

Eve schaute weiter zu, wie die beiden eine Runde nach der anderen drehten. Was blieb ihr auch anderes übrig? Ganze zehn Minuten saß sie nun schon allein am Tisch. Und das nur, weil sie die Zeit falsch eingeschätzt und viel zu früh vor dem Theatersaal gestanden hatte. Also hatte sie sich einen Platz hinten im Raum gesucht, um nicht an der Tür herumzulungern.

Alle anderen kannten sich und schienen überhaupt kein Problem damit zu haben, sie einfach dort sitzen zu lassen. Jede Minute, die Eve länger allein auf ihrem Stuhl hin und her rutschte, verfluchte sie ihre Eltern mehr. Wie konnte Mama nur glauben, sie würde hier Freunde finden?

Das lärmende Duo näherte sich und Eve nutzte ihre Chance. Als Philip vor ihr stand, streckte sie demonstrativ das Bein aus. Überrascht hielt Philip einen Moment inne. Genug Zeit für das Mädchen, ihr Handy zurückzuerobern.

»Yes!«, schrie sie. »Danke!« Lachend ließ sie sich neben Eve auf den Stuhl fallen. »Du hast sicher auch Brüder, was?«

»Zwei«, nickte Eve.

»Prima, dann können wir ja Erfahrungen austauschen. Ich heiße übrigens Lies. Und du? Was hat dich eigentlich hierher verschlagen, ich hab dich noch nie gesehen, oder?«

Zu viele Fragen in einem Satz. Eve bemühte sich, nicht genervt zu reagieren. »Ich heiße Eve und wohne erst seit Kurzem hier, du hast mich bestimmt noch nicht gesehen. Wir sind vorgestern angekommen.«

»Wo wohnst du denn?«

»In DE DIJK, in dem alten Haus am Ende.«

»Im ’T KOUTER«, sagte Philip feierlich, während er sich auf den anderen freien Stuhl neben Eve setzte.

»Hä?« Eve sah ihn stirnrunzelnd an.

»Das Haus hat einen Namen. Achte mal darauf, wenn du gleich nach Hause kommst, er steht oben auf dem Giebel. Die Farbe ist mittlerweile so verblichen, dass man ihn kaum noch lesen kann, aber alle hier kennen das Haus unter ’T KOUTER«, erklärte Lies.

Eve schwieg. Das passte zu ihren Eltern, ein Haus mit einem Namen zu kaufen.

»Wir wohnen hier ganz in der Nähe, in DE DREEF. Unser Haus hat keinen Namen, es ist auch längst nicht so alt wie ’T KOUTER

Eve nickte leicht und Lies quatschte munter weiter.

Kann sie nicht mal über was anderes reden als über Häuser?, fragte sich Eve.

»Du hast vielleicht ein Glück«, unterbrach Philip seine Schwester. »Ich würde nur zu gern in so einem Haus wohnen. Wer weiß, was dort alles passiert ist …«

»Es ist einfach nur ein Haufen Steine.« Eve zuckte mit den Schultern.

»Trotzdem werden jede Menge Geschichten über dein Haus erzählt.« So leicht gab Philip sich nicht geschlagen.

»Es ist nicht MEIN Haus«, murmelte Eve, während sie an ihr gemütliches Zimmer in der Stadt zurückdachte.

»Warum ist es nicht dein Haus?« Philip sah sie fragend an.

»Meine Eltern haben es gekauft, nicht ich.«

»Spielt das eine Rolle?«

Lies stieß ihren Bruder an, während sie Eve einen verständnisvollen Blick zuwarf. »Komm doch heute Mittag mit zu uns zum Essen«, schlug sie vor.

»Was hast du gesagt?«, fragte Eve, um Zeit zu gewinnen. So viel Direktheit war sie nicht gewohnt.

»Naja, komm eben heute in der Mittagspause mit zu uns. Kaum einer bleibt hier und unsere Mutter mag es, wenn ihre Küche voll ist.«

Am liebsten hätte Eve ihre Stacheln gezeigt und Nein gesagt. Die sollten sie doch einfach alle in Ruhe lassen! Aber gleichzeitig sehnte sie sich nach Gesellschaft. Hier ganz allein ihre Brote zu essen war kein verlockender Gedanke.

»Einverstanden«, antwortete sie. Sie konnte ja immer noch früher weggehen, wenn es ihr nicht gefiel. Dann wandte Eve ihre Aufmerksamkeit schnell der Frau zu, die gerade den Raum betreten hatte, damit Lies keine Fragen mehr stellen konnte.

»Hallo, zusammen, herzlich willkommen! Ich schlage vor, dass wir erst einmal die Tische zur Seite schieben, die sind uns nur im Weg.«