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Jutta Wilke
Bitte zweimal Wolke 7

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ISBN 978-3-649-60981-0 (eBook)
eBook © 2011 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
ISBN 978-3-8157-5313-2 (Buch)
© 2011 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
Text: Jutta Wilke,
vertreten durch: Literatur Agentur Hanauer, München
Umschlaggestaltung: Anna Schwarz
Coverillustration: Marion Rekersdrees
Satz: Sabine Conrad, Rosbach
Redaktion: Valerie Flakowski
www.coppenrath.de
www.reballa.de

Für Meike,
die »Rebella« in meinem Leben

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Das mit dem Gummibärchenkalender war Kims Idee. So wie fast alle guten Ideen von Kim kommen. Als feststand, dass ich auch in diesem Jahr die Sommerferien in Hamburg verbringen würde, schickte Kim mir eine Dose mit Gummibärchen. Abgezählt. Für jeden Tag eins. Damit du sehen kannst, wie schnell die Zeit vergeht, stand auf dem Zettel, den sie dazugelegt hatte.

Ich schiebe mir ein Gummibärchen in den Mund und frage mich, was mir dieser Tag wohl bringen mag. Die letzte Woche vor den Ferien ist ja meistens ganz erträglich. Die Klassenarbeiten sind alle geschrieben, die Notenkonferenzen sind gelaufen und selbst die Lehrer haben keine Lust mehr auf anstrengenden Unterricht. Na ja, fast alle Lehrer. Die Müller-Thurgau zieht ihr Ding wahrscheinlich wieder durch bis zur letzten Minute. Müller-Thurgau. Manche Leute denken einfach nicht nach, bevor sie heiraten.

Wir haben den Namen unserer Biolehrerin mal gegoogelt, nachdem wir erfahren haben, dass Müller-Thurgau eine Weinsorte ist. Mild, aber fruchtig, stand da. Die Weine sollten jung getrunken werden. Eine lange Lagerung ist nicht empfehlenswert. Seitdem ist uns alles klar: Die Müller-Thurgau wurde eindeutig viel zu lange gelagert, die ist nämlich das Gegenteil von mild und fruchtig. Eigentlich ist uns völlig schleierhaft, wie sie überhaupt zu ihrem Doppelnamen gekommen ist, zu dem ja, wie gesagt, auch ein Mann gehören muss.

Zum Glück steht Bio heute erst nach der großen Pause auf dem Stundenplan. Vorher ist Mathe dran. Mathe bei Herrn Kaiser ist ganz okay, oder besser gesagt, Herr Kaiser ist es. Da ist es nicht ganz so dramatisch, dass ich völlig unvorbereitet in die Schule komme.

Kim hat sich immer noch nicht gemeldet. Normalerweise schickt sie mir schon kurz nach dem Wachwerden mein Horoskop. Auch so eine Idee von Kim. Sie meint, wenn man den Tag mit einem Horoskop anfängt, dann ist man besser vorbereitet auf das, was passiert. Die Horoskope erstellt sie mit ihren Tarotkarten und ihrem Pendel selbst. Manchmal habe ich zwar den Eindruck, dass Kim ein bisschen nachhilft, aber was soll’s? Solange die richtigen Sachen in meinem Horoskop stehen – ich bin übrigens Wassermann – soll es mir recht sein.

Ich blicke nach vorne, als Herr Kaiser verkündet, dass es statt Mathe einen Film gibt. Die Welle. Haben wir zwar schon x-mal angeschaut, weil vermutlich jeder Lehrer glaubt, dass man Die Welle in seinem Schülerleben einmal gesehen haben sollte, aber besser als Matheunterricht ist es auf jeden Fall. Und Süßigkeiten gibt’s auch.

Glücklicherweise ist der Platz neben mir frei. Sonst sitzt da Frederic, ein guter Kumpel von mir. Aber Freddy liegt mit Windpocken im Bett und darf die letzte Schulwoche vor den Ferien zu Hause bleiben. Ist mir heute auch ganz recht so. Sonst müsste ich den Süßkram mit ihm teilen, und es reicht mir, dass ich meinen allerersten Zungenkuss mit ihm teilen musste. Oder besser gesagt, eins von seinen Mentholbonbons. Das ist zwar schon eine Ewigkeit her – wir waren damals in der Siebten – aber seitdem ist mir der Appetit auf Bonbons gründlich vergangen. Eigentlich weiß ich auch gar nicht, wie das passieren konnte, denn Freddy und ich waren bis zu jenem Tag wirklich prima Freunde, nicht mehr und nicht weniger. Es war auf einer dieser Partys, auf der die Mädchen unbedingt tanzen wollten und die Jungs sich unter die Tische verkrochen. Alle Jungs. Bis auf Freddy. Der zerrte mich auf die Tanzfläche, und ich weiß noch, dass ich unglaublich stolz war. Schließlich war ich das einzige Mädchen, das mit einem Jungen tanzte. Als die Musik langsamer wurde, rückte mir Freddy immer dichter auf die Pelle, und plötzlich spürte ich seinen Atem in meinem Gesicht. Gleichzeitig strich er mir mit seinen Händen über den Rücken. Weil ich das Gefühl hatte, dass er irgendetwas suchte, öffnete ich den Mund, um ihn zu fragen, ob ich ihm helfen könne. In dem Moment steckte er mir blitzschnell erst sein Mentholbonbon und dann seine Zunge zwischen die Lippen. Ich wusste nicht so recht, was ich daraufhin machen sollte, also lutschte ich ein bisschen auf dem Bonbon herum und schob es dann zurück. Das ging so eine Weile hin und her, und ich bemühte mich wirklich sehr darum, Freddys Zunge nicht zu berühren, aber das ließ sich bei unserer Bonbonaustauscherei leider kaum vermeiden. Dabei stampften wir die ganze Zeit von einem Fuß auf den anderen. Irgendwann war das Lied zum Glück zu Ende, und ich nutzte die Chance, mich mit einem schnellen »Du, ich muss mal aufs Klo« zu verdünnisieren.

Freddy und ich haben über diesen Zwischenfall nie gesprochen. Ich war nur heilfroh, als er auf Kaugummi mit Colageschmack umstieg und ich nicht mehr den Geruch seiner Mentholbonbons ertragen musste.

Heute ist Freddy jedenfalls nicht da und ich kann völlig ungestört Herrn Kaiser betrachten. Für mich ist er natürlich viel zu alt. Bestimmt ist er schon dreißig. Aber er kann sich wirklich sehen lassen. Jeans, lockeres T-Shirt, dunkle Haare, kurzer Haarschnitt, immer so ein Dreitagebart. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie er sich über mich beugt, um mir die letzte Matheaufgabe zu erklären. Sein Arm berührt meine Schulter. Ich setze mich aufrecht hin und fühle, wie er sich ein bisschen tiefer beugt, sich ein bisschen enger an mich drückt. Sein Atem streift meinen Nacken und ich fühle seinen Mund direkt neben meinem Ohr. Ein Schauer läuft mir über den Rücken und breitet sich in meinem ganzen Körper aus.

»Karolin! Karolin Schreiber!« Irritiert öffne ich die Augen und werde sofort knallrot. »Könntest du bitte dieses Gepiepse abstellen, damit wir endlich mit dem Film anfangen können?«, sagt Herr Kaiser.

Gepiepse? Erschrocken taste ich nach meinem Handy. Verdammt. Ich hatte mal wieder vergessen, es auszustellen. Und Handys sind während der Unterrichtszeit natürlich streng verboten. Jetzt piepst und vibriert es und kündigt den Eingang einer SMS an. Na endlich. Wurde aber auch Zeit. Das wird das Horoskop von Kim sein. Ich fummele das Handy aus meiner Hosentasche und schalte es auf lautlos.

»Ja klar, kein Problem, sorry.«

Zum Glück ist mein Mathelehrer schon wieder mit dem DVD-Player beschäftigt und beachtet mich nicht mehr. Unter dem Tisch öffne ich den Mitteilungsorder. Treffer. Zwei neue SMS von Kim. Ich lese die erste. Dein Horoskop: In Liebesdingen solltest du dich ranhalten. Pass auf, dass du nicht den Anschluss verlierst. Finanziell ist alles im grünen Bereich. Nur noch 5 Gummibärchen bis Hamburg.

Vier, denke ich und schließe die Kurznachricht. Schließlich habe ich eins eben gegessen. Und am Samstag steige ich schon in den ICE. Ich freue mich wahnsinnig auf die Ferien.

Ich freue mich darauf, Papa endlich wiederzusehen, und fast noch mehr freue ich mich auf Kim. Manchmal, wirklich nur manchmal, denke ich, dass es doch etwas Gutes hatte, dass meine Eltern sich getrennt haben und Papa nach Hamburg gezogen ist. Sonst hätte ich meine allerbeste Freundin Kim nie kennengelernt. Klar habe ich auch hier Freundinnen. Sophia zum Beispiel. Oder Hannah. Die beiden sind echt ganz in Ordnung. Aber seit Sophia mit Tim aus der 10a zusammen ist, bekomme ich sie kaum noch zu sehen, und Hannah hat sowieso einen volleren Terminkalender als meine Mutter. Und das will was heißen, denn meine Mutter ist Rechtsanwältin und hat eigentlich nie Zeit. Manchmal, wenn ich sie ärgern will, rufe ich in ihrer Kanzlei an, verstelle meine Stimme und lasse mir einen Termin bei ihr geben.

Kim ist anders als Hannah und Sophia. Nicht so oberflächlich. Kim sieht irre toll aus mit ihren glatten schwarzen Haaren und den leicht schrägen Augen. Sie kommt aus Vietnam und hat eine Figur wie ein Topmodell. Aber sie macht sich nichts daraus, genauso wenig wie aus Klamotten, ganz im Gegensatz zu den Mädchen in meiner Klasse. Mit Kim kann ich über die wirklich wichtigen Dinge reden. Wie zum Beispiel über Umweltschutz. Und über Männer.

Pass auf, dass du nicht den Anschluss verlierst. Was meint sie damit? Den Anschluss woran? Ich öffne die zweite SMS und starre auf den Text. Bingo!

Sonst nichts. Einfach nur Bingo! Mir wird schwindelig. Vorsichtshalber gucke ich noch mal nach, ob die SMS tatsächlich von Kim ist oder ob sich da jemand einen blöden Scherz erlaubt hat. Nein. Kein Zweifel. Die SMS kommt von Kim. Und Kim schreibt: Bingo!

Ich muss hier raus. Sofort. Ich muss mit Kim sprechen, muss herausfinden, ob das wirklich wahr ist. Es gibt nur eine einzige Situation, in der die SMS Bingo! erlaubt ist. Nämlich dann, wenn eine von uns es getan hat. So hatten wir es vor ein paar Wochen am Telefon vereinbart. Wer zuerst keine Jungfrau mehr ist, darf Bingo! schreiben. Volltreffer sozusagen. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber fest stand für uns beide, dass es passieren sollte, bevor wir 16 sind. Und bis dahin sind es nur noch ein paar Monate. Ich habe im Februar Geburtstag und Kim im Mai. Ich starre wieder auf das Handy und kann es nicht glauben. Kim hat es getan? Mit wem? Wann? Und überhaupt. Kim ist drei Monate jünger als ich. Wie kann sie da vor mir mit einem Jungen … Meine Gedanken überschlagen sich und ich brauche frische Luft. Ich stopfe das Handy zurück in die Hosentasche und steige über Rucksäcke und ausgestreckte Beine nach vorne. Herr Kaiser blickt fragend auf.

»Ich muss mal kurz raus«, murmele ich, und er nickt nur abwesend, um dann wieder wie gebannt auf den Film zu starren. Schnell schiebe ich mich aus der Klasse und renne zum Mädchenklo.

Endlich. Ich schließe ab, lasse mich auf den Klodeckel sinken und hole das Handy wieder raus. Ich öffne die SMS von Kim und schreibe zurück: Ich will alles wissen! Hoffentlich hat Kim ihr Handy jetzt nicht ausgeschaltet. Ich werde es nicht überleben, wenn ich bis zum Nachmittag warten muss. Aber da summt es schon. Kim hat geantwortet: Ruf an, wenn du kannst.

Anrufen? Hat sie keinen Unterricht? Offensichtlich nicht. Ich gebe Kims Nummer ein und sie ist sofort dran.

»Was soll das heißen, Bingo?«, frage ich statt einer Begrüßung.

»Bingo heißt Bingo!«, kichert Kim.

»Du hast es getan?« Ich traue mich kaum zu fragen.

»Bingo!«

Einen Moment lang fällt mir nichts ein. Ich weiß nicht, ob ich traurig, wütend oder neidisch sein oder ob ich mich mit meiner besten Freundin freuen soll. Irgendwie fühle ich gerade alles auf einmal. »Aber wann … äh … wo, ich meine, mit wem … ich meine …«, fange ich an zu stottern, dann fällt mir nichts mehr ein.

Keine Antwort.

»Kim? Hallo?«

»Ja, schrei doch nicht so!«

»Wann habt ihr … ich meine, wann hast du …?«

»Letzte Nacht.«

»Letzte Nacht?!«, schreie ich und füge dann etwas leiser hinzu: »Letzte Nacht? Aber wo?«

»Letzte Nacht bei mir zu Hause!«

»Bei dir zu Hause? Und deine Eltern?«

»Die haben geschlafen«, erklärt mir Kim und ich bewundere sofort ihren Mut. Ich könnte nicht einmal mit einem Jungen knutschen, während meine Mutter nebenan schläft. Mal abgesehen davon, dass meine Mutter kein Auge zumachen würde, wenn sie wüsste, dass sich in meinem Zimmer ein männliches Wesen aufhält.

»Du willst mir erzählen, du hattest Sex mit einem Jungen in deinem Zimmer, während deine Eltern nebenan geschlafen haben?«, kreische ich in mein Handy. Jetzt ist es raus. Das Wort. Sex. Kim hatte richtigen echten Sex. Nicht einfach nur Händchenhalten und Knutschen und Fummeln. Es ist ja nicht so, dass die Mentholbonbonhinundherschieberei mit Freddy die bisher einzige Erfahrung meines Lebens war. Da waren noch ein paar andere. Zum Beispiel Marc aus der SV. Marc ist zwei Jahre älter als ich und ich war schrecklich verknallt in ihn. Ich ließ mich in der Achten zur Klassensprecherin wählen und tat alles, um möglichst oft ins SV-Büro gehen zu müssen. Marc war Mittelstufensprecher und fast immer dort. Einmal, als wir gerade allein im Raum waren und ich ihm half, Flugblätter für die 200-Jahr-Feier unserer Schule zu stapeln, beugte er sich plötzlich vor, drückte mich an sich und schob seine Zunge in meinen Mund. Ich war völlig perplex und ließ ihn machen. Genauso schnell, wie er mich an sich gezogen hatte, schob er mich auch wieder von sich und sagte: »Das war es doch, was du wolltest, oder? Du solltest allerdings erst mal ein bisschen üben. Deine Zunge fühlt sich an wie ein Waschlappen.«

Ich legte noch am gleichen Tag mein Amt als Klassensprecherin nieder und mache seitdem einen großen Bogen um das SV-Büro. Aber dann war da noch Paul. Mit Paul habe ich zum ersten Mal kapiert, was Freddy und Marc mit ihrer Zunge in meinem Mund eigentlich wollten. Und ja, mit ihm fühlte sich das auch richtig gut an. Paul saß neben mir im Kino, und während er mit seiner Zunge in meinem Mund herumspielte, versuchte er, mit seiner Hand in meine Jeans zu kommen. Das war mir schrecklich peinlich, weil mir die Hose eigentlich viel zu eng war. Ich musste die ganze Zeit wie wild den Bauch einziehen und konnte kaum noch atmen. Irgendwann gab Paul auf, und ich dachte schon, jetzt hat er gemerkt, wie dick mein Bauch ist, das war’s dann wohl. Aber er nahm meine Hand und legte sie auf seine Jeans. Und da war eine dicke Beule. Das war das erste Mal, dass ich einen Jungen unterhalb der Gürtellinie angefasst habe, und ich war heilfroh, dass wir im Kino waren und Paul eine Jeans anhatte und nicht etwa eine Badehose. Irgendwie erschien mir das sicherer. Ich versuchte, mich wieder auf den Film zu konzentrieren, aber Paul nahm meine Hand und drückte sie fester auf die Beule. Gleichzeitig schob er wieder seine Zunge in meinen Mund und seine Hand zwischen meine Beine. Der Film interessierte mich plötzlich überhaupt nicht mehr. Ich räkelte mich ein wenig, da stieß ich mit dem Fuß gegen die Colaflasche auf dem Fußboden. Sie fiel um und die Cola kippte komplett in Pauls Turnschuh. Er sprang auf und fluchte und ich war wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Über all das konnte ich natürlich mit niemandem sprechen – bis ich Kim kennenlernte. Und jetzt hat meine Freundin es tatsächlich vor mir gemacht? Ich kann es immer noch nicht fassen.

»Na ja …« Kim druckst ein wenig herum.

»Was, na ja? Hast du nun oder hast du nicht?«

»Ja schon, aber …«

»Was aber? Was ist daran so kompliziert?« Endlich habe ich meine Fassung wiedergefunden und bin ganz die Alte. Die praktische Karo, die nie um eine Antwort verlegen ist.

»Hast du nun mit jemandem geschlafen oder nicht? Und mit wem überhaupt?«, will ich wissen.

»Also ja, ich meine, nein, doch, haben wir …«

»Schätzchen«, sage ich und setze mich ein bisschen bequemer hin, »nun mal Butter bei die Fische. Mit wem hattest du letzte Nacht Sex?« Ich versuche, ganz lässig zu klingen, dabei klopft mein Herz bis zum Hals.

In Gedanken gehe ich die Liste der infrage kommenden Jungen durch. Die meisten kenne ich ja nur vom Hörensagen, schließlich trennen Kim und mich schlappe 500 Kilometer. Ob es Felix war, von dem Kim nach der letzten Klassenfahrt so geschwärmt hat? Oder Kalle, der Hockeyspieler? Irgendwie fällt mir gerade nicht ein, wer zuletzt auf Kims Hitliste ganz oben stand. David vielleicht, der süße Schlagzeuger aus der Schulband? Aber wie hat Kim das in der kurzen Zeit hinbekommen, dass er …

»Hallo, Erde an Karo – bist du noch da?«

»Ja, ja, natürlich. Wer war es denn nun?«

»Das habe ich dir doch eben gesagt. Er heißt Dragonheart und er ist einfach toll!«

»Dragonheart? Du willst mir erzählen, dass du mit einem Jungen geschlafen hast, der Dragonheart heißt?« Ich fasse es nicht. Jetzt ist meine Freundin Kim völlig durchgeknallt.

»Nicht wirklich geschlafen, wir …«

Ich unterbreche Kim. »Wie jetzt? Nicht wirklich geschlafen? Kann man auch unwirklich Sex haben? Und wer ist dieser Dragonheart überhaupt?«

Kim seufzt. »Doch«, sagt sie, »wir haben es getan. Aber nicht real.«

»Nicht real?« Ich verstehe nur Bahnhof.

»Wir haben gechattet.« Kim klingt ein bisschen kleinlaut.

»Gechattet? Ha! Du hast es mit einem Chatter getan? Virtuell? Du hattest Cybersex?« Irgendwo fällt eine Tür zu. Erschrocken beiße ich mir auf die Zunge. Hoffentlich hat mich niemand gehört. »Du willst mir sagen, du hattest nur virtuellen Sex?«, wiederhole ich deutlich leiser. Die Last, die gerade von mir abfällt, wiegt mehrere Tonnen. Virtuell. Ich hatte noch nie virtuellen Sex und habe zugegebenermaßen auch absolut keine Ahnung, wie das gehen soll. Aber eins steht für mich fest: Cybersex gilt nicht. Kim ist also noch Jungfrau. Genau wie ich.

»Na ja …«

»Warum schreibst du dann Bingo?«, frage ich. »Virtueller Sex gilt nicht. Wir hatten ausgemacht, dass wir wetten, wer zuerst Sex hat. Richtigen Sex natürlich. Von Cybersex war nie die Rede!« Irgendwie bin ich so erleichtert, dass ich beschließe, ein wenig gönnerhaft zu sein. »Na gut«, sage ich. »Ich lasse es gelten. Aber nur virtuell. Du hattest von uns beiden den ersten Cybersex. Und wie war es?«, will ich dann doch wissen.

»Oberoberobergeil!«

»Ja und?«

»Nix und. Einfach abgefahren. Das kann man nicht beschreiben, das muss man erlebt haben.«

»Kim!« Ich stehe auf, weil ich nicht mehr still sitzen kann. Rumlaufen kann ich in der engen Kabine zwar auch nicht, aber wenigstens ein bisschen auf der Stelle treten. »Du wirst mir jetzt sofort haarklein erzählen, was du und dieser Dragondingsbums da im Chat gemacht habt, jede klitzekleine Kleinigkeit.«

»Okay, zuerst haben wir ein bisschen geknutscht und dann hat er angefangen, mich auszuziehen, und ich habe angefangen, ihn …«

»Stopp!«

»Was denn?«

»Ihr habt euch beim Chatten ausgezogen?« Ich stelle mir gerade vor, wie ich nackt am Computer sitze, und meine Mutter platzt ins Zimmer.

»Nein, doch nicht real, nur virtuell.« Kim stöhnt über so viel Begriffsstutzigkeit.

Ich kann mir das alles trotzdem nicht so recht vorstellen. Aber ich habe eine Idee. »Trefft ihr euch wieder? Im Chat, meine ich?«

»Ja klar, warum fragst du?«

»Weil du beim nächsten Cybersex einen Screenshot machen wirst, deshalb!«

»Aber sonst geht’s dir noch ganz gut?« Kim ist nicht wirklich begeistert von meinem Vorschlag. »Selbst ist die Frau! Die Chatadresse hast du ja.«

»Ja klar. Und wie läuft das bitte ab? Erzähle ich einfach, dass ich ganz langsam meine Bluse aufknöpfe – virtuell natürlich – und von meinen Schultern streife? Dass meine langen roten Locken dabei auf meine nackten Brüste fallen, denn einen BH habe ich nicht an …«

»Exakt so!«

»Und dabei habe ich die ganze Zeit keine Ahnung, wer am anderen Ende der Leitung sitzt.« Mir gefällt diese ganze Chat-Idee überhaupt nicht.

Kim kichert. »Rein theoretisch könnte sogar dieser … Mathelehrer von dir, der so gut aussieht, im Chat sein.«

»Herr Kaiser im Chat? Der sieht zwar toll aus, aber dafür ist der viel zu spießig.«

Mein Lachen wird von einer Stimme unterbrochen, die eindeutig nicht aus dem Handy kommt. »Ich denke, Herr Kaiser hätte größeres Interesse daran, dich in seinem Unterricht zu sehen!«

Mir bleibt das Herz stehen und panisch drücke ich das Gespräch mit Kim weg. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Die Müller-Thurgau. Was macht die denn hier auf dem Mädchenklo? Dürfen Lehrer überhaupt aufs Klo gehen? Mir ist ganz schlecht vor Schreck.

Am liebsten würde ich mein Handy in die Toilette schmeißen und selbst gleich hinterherspringen. Ich spüre, dass mein Gesicht die Farbe meiner Haare annimmt, und überlege verzweifelt, wie ich mich ungesehen an der Müller-Thurgau vorbeischleichen kann. Ob sie meine Stimme erkannt hat? Vielleicht habe ich Glück, und sie weiß gar nicht, wen sie da eben belauscht hat. Ich erwäge gerade, mich über die Trenn-wände von Kabine zu Kabine zu hangeln, als es an die Tür klopft.

»Karolin Schreiber! Würdest du jetzt bitte da rauskommen und zurück in den Unterricht gehen!«

Ich fluche innerlich und öffne die Tür. Die Müller-Thurgau steht mit verkniffenem Gesicht davor und hält fordernd die Hand auf. Ich lege mein Handy hinein und schiebe mich an ihr vorbei Richtung Ausgang.

»Deine Mutter kann dein Telefon nach Schulschluss im Sekretariat abholen!«, ruft sie mir hinterher.

Mist. Ärger mit meiner Mutter ist so ziemlich das Letzte, was ich jetzt brauche. Ich beiße die Zähne zusammen und schmeiße die Tür hinter mir zu.

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Natürlich. Meine Mutter ist mal wieder nicht zu Hause. Warum klingele ich überhaupt? Ich krame meinen Schlüssel aus dem Rucksack und schließe auf. Früher habe ich sie tagsüber nicht vermisst, denn als ich klein war, war Papa zu Hause. Er hat noch studiert, als meine Mutter schon als Anwältin gearbeitet hat. Später hat er dann sein Ingenieursstudium abgeschlossen und halbtags in einem kleinen Büro angefangen, bis das Angebot aus Hamburg kam. Papas Firma wollte ihn dorthin versetzen, weil dringend jemand mit seinen Fähigkeiten gebraucht wurde. Ich war gerade elf Jahre alt.

An dem Tag, als Papa den Job annahm, wurde bei uns alles anders. Meine Eltern stritten sich von da an nur noch und beschlossen ein Jahr später, sich zu trennen. Papa ging nach Hamburg, meine Mutter blieb mit mir hier in diesem Kaff und fuhr weiter in ihre Kanzlei nach Frankfurt.

Ich schließe kurz die Augen und versuche, mich an den Geruch von früher zu erinnern. Pfannkuchen. Wenn Papa Pfannkuchen machte, dann konnte man schon im Treppenhaus anfangen, sich darauf zu freuen.

Jetzt duftet es aus unserer Wohnung schon lange nicht mehr nach selbst gemachten Pfannkuchen.

Ich gehe in die Küche und hoffe, wenigstens irgendetwas zum Essen zu finden. Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel:

FamG.

Lasagne im Kühlschrank.

Kuss, Mama.

Aha. FamG heißt Familiengericht, und wenn meine Mutter dort heute Verhandlungen hat, dann kann das dauern.

Lasagne! Meine Mutter wird es nie begreifen, dass Lasagne nichts für Vegetarier ist. Auch Hackfleisch war mal ein Tier und wollte leben. Also wieder ein Käsebrot.

Mein Handy kann ich mir für heute auch abschminken. Bis meine Mutter aus dem Gericht kommt, ist das Schulsekretariat längst geschlossen.

Ich schneide mir zwei Scheiben Brot ab und belege sie mit den Käseresten, die ich noch im Kühlschrank finde. Dazu mache ich mir eine Riesenschüssel Cornflakes mit viel Zucker – ich brauche jetzt definitiv was Süßes. Zusammen mit einem großen Glas Apfelschorle packe ich alles auf ein Tablett und balanciere das Mittagessen in Richtung meines Zimmers.

Zum Glück ist die Tür nur angelehnt, also stoße ich sie mit dem Ellenbogen auf und stelle das Tablett auf den Schreibtisch. Meinen Rucksack kicke ich in die Ecke, schnappe mir meinen iPod und verziehe mich mit meinen Käsebroten ins Zelt.

Das Zelt war ein Geburtstagsgeschenk von Papa zu meinem 15. Geburtstag und ist mit Abstand das beste Möbelstück in der ganzen Wohnung. Es ist ein richtiges Kuppelzelt für zwei Personen, rot und orange, und wenn man der Bedienungsanleitung glauben darf, ist es absolut arktistauglich. Ich habe es allerdings noch nie draußen ausprobiert. Stattdessen habe ich mein Bett rausgeschmissen und das Zelt mitten im Zimmer aufgebaut. Eine Matratze und ein paar Kuschelkissen machen eine richtig gemütliche Höhle daraus. Innen hängt eine kleine Lichterkette, die ich meiner Mutter aus ihrer Weihnachtsdekokiste geklaut habe, und alle meine Lieblings-CDs, Bücher und meine Gummibärchen bewahre ich auch dort auf. Besonders stolz bin ich auf das Schild, das ich am Zelteingang aufgehängt habe: Naturschutzgebiet. Betreten verboten!

Jetzt nur noch den Reißverschluss hochziehen und dann ade, du blöde Welt.

Was für ein Tag. Ich hole mein Notebook unter dem Kopfkissen hervor, klappe es auf und starte mein Mailprogramm. Montags kommt immer der Newsletter von den Green Fighters. Ich muss unbedingt wissen, wie die Aktion »Rettet die Wale« weitergehen wird. Die Green Fighters habe ich in den letzten Sommerferien in Hamburg kennengelernt. Das heißt, eigentlich bin ich über sie gestolpert beziehungsweise über Kim. Papa hatte sich mit mir zum Essen im Schanzenviertel verabredet und ich war mal wieder viel zu spät dran. Als ich völlig hektisch aus der S-Bahn sprang, habe ich blöderweise das Mädchen übersehen, das gerade einsteigen wollte. Sie hatte einen Stapel Papier im Arm, der nach unserem Zusammenstoß im hohen Bogen durch die Luft segelte. Mist. Das war mal wieder typisch für mich. Das Mädchen schimpfte in einer Sprache, die ich nicht kannte, und fing an, die Blätter wieder einzusammeln. Ich half ihr dabei, aber einige der Zettel wehten bereits über die Schienen und wurden von der anfahrenden S-Bahn überrollt.

»Verdammter Mist!« Diesmal fluchte das Mädchen mit den schwarzen Haaren auf Deutsch. »Und dafür habe ich jetzt den ganzen Tag rumgestanden!«

»Es tut mir leid!« Ich war ziemlich zerknirscht. »War das was Wichtiges?«

Das Mädchen hockte auf dem Bahnsteig und schob die verbliebenen Zettel wieder zusammen.

»Unterschriftenlisten. Mindestens 300 Unterschriften sind jetzt futsch.«

Unterschriftenlisten? Und deswegen regte die sich so auf?

»Und was machen wir jetzt?«, fragte ich, nur um irgendetwas zu sagen.

Das Mädchen zuckte mit den Schultern. »Neue sammeln, bis zum Stichtag sind es noch zehn Tage. Hier.« Sie drückte mir einen Packen Zettel in die Hand und kritzelte auf den obersten schnell etwas drauf, bevor sie in die S-Bahn stieg, die gerade eingefahren war. Völlig verdattert schaute ich ihr hinterher. Wie dreist war die denn? Am liebsten hätte ich die Blätter im nächsten Abfalleimer versenkt, aber mein schlechtes Gewissen war stärker und so stopfte ich sie mir in den Rucksack. Erst abends im Bett fielen sie mir wieder ein, und ich wurde neugierig, um was es bei der Unterschriftensammlung überhaupt ging. Mithilfe der auf den Zettel gekritzelten Website fand ich heraus, dass die Unterschriftenaktion gegen den Walfang gestartet worden war und dass eine Umweltschutzgruppe mit dem Namen Green Fighters hinter der Kampagne stand. Ich fand ein Foto von dem Mädchen, das ich umgerannt hatte. Sie war zusammen mit dem süßesten blonden Jungen, den ich je gesehen hatte, verantwortlich für die Unterschriftensammlung. Kim zieht mich heute noch damit auf, dass ich mich der Gruppe nur wegen Stefan angeschlossen hätte. Aber das stimmt nicht. Die Aktion gefiel mir und ich wollte unbedingt dazugehören. Ich versuche seither, die Green Fighters auch von zu Hause aus zu unterstützen, aber ich beneide Kim um ihre wöchentlichen Gruppentreffen und um die Strandpartys, die sie in Hamburg regelmäßig veranstalten.

Fünf neue Mails, verkündet mein Programm. Der Newsletter ist noch nicht dabei. Dafür finde ich zwischen der Mitteilung, dass ich die glückliche Gewinnerin einer Bierzapfanlage bin, und dem Angebot einer kostengünstigen Penisvergrößerung eine Mail von Kim. Ich beiße in mein Käsebrot und öffne sie.

Hallo, Süße,

gab’s Ärger? Ich habe noch mal versucht, dich zu erreichen, aber dein Handy war tot. Deshalb schnell diese Mail. Ich wollte dir noch sagen, dass die Green Fighters in den Sommerferien einen Tauchkurs anbieten. Hast du Lust? Stefan macht gerade einen Tauchlehrerschein und wird den Kurs mit Markus leiten, seinem Ausbilder. Es geht gleich in der ersten Ferienwoche los und ich hab meine Eltern schon überredet. Ich darf! Ich hänge dir mal das Anmeldeformular als Datei an. Sieh zu, dass deine Mutter unterschreibt.

Ich freu mich auf die Ferien und auf dich.

*Bussi*

Kim

PS: Du kennst doch Stefan noch? image

Und ob ich Stefan noch kenne! Wie könnte ich den vergessen? Stefan, der Typ von der Homepage, war wochenlang der Mann meiner schlaflosen Nächte, nachdem er mich im letzten Sommer von einer Elbstrandparty mit seinem Roller nach Hause gefahren hat.

Stefan ist ein richtiger Hingucker, braun gebrannt und blonde Wuschellocken, so der Typ Surflehrer.

Oder Tauchlehrer. Passt ja! Ob ich Lust habe, einen Tauchkurs bei Stefan zu machen? Was für eine Frage! Schon beim Gedanken daran, mit dem Typ zusammen im Wasser zu sein, wird mir ganz anders. Stefan. Und jetzt der Tauchkurs! Ich muss einfach die Erlaubnis meiner Mutter kriegen. Oder soll ich besser gleich meinen Vater fragen?

Schließlich werde ich die Ferien ja bei ihm in Hamburg verbringen, da ist er doch zuständig für solche Entscheidungen, oder? Das Klingeln des Telefons reißt mich aus meinen Überlegungen.

»Hallo, Karo, ich bin’s«, höre ich die Stimme meines Vaters. Perfektes Timing. »Ist deine Mutter da?«

Wie ich das hasse. Seit meine Eltern sich getrennt haben, spricht mein Vater nur noch von »deiner Mutter« und meine Mutter nur noch von »deinem Vater« oder, wenn sie schlecht drauf ist, von »deinem Erzeuger«. Als hätten sie gegenseitig ihre Namen vergessen.

»Nein, Mama ist nicht da. Sie hat einen Termin am Familiengericht. Das kann dauern.« Was Papa wohl von Mama will? »Kann ich ihr was ausrichten?«

»Nein, Kleines, oder – ach nein, ich melde mich dann einfach heute Abend noch mal.«

Was für ein Gestotter. Egal. Jetzt oder nie. Das ist meine Chance. »Du, hör mal«, setze ich an, aber Papa unterbricht mich.

»Ich muss jetzt Schluss machen, habe noch ein Gespräch auf der anderen Leitung. Sag deiner Mutter, dass ich angerufen habe. Ich melde mich wieder.« Dann legt er auf.

»Blödmann«, murmele ich. Wenn ich einmal was Wichtiges fragen will. Na gut, dann halt nicht. Später ist auch noch Zeit. Das mit dem Tauchkurs werde ich schon hinkriegen.