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ISBN 978-3-649-60963-6 (e-Book)

Für meine Eltern,
die mir das Tor zur Welt der Bücher
und ihren Geschichten geöffnet haben
.

Prolog

*

Einige nennen mich Mutter Holunder,

andere nennen mich Dryade,

aber eigentlich heiße ich

Erinnerung.

Hans Christian Andersen,

Mutter Holunder und andere Märchen

*

Kartause Mauerbach, ein Siechenhaus,
im Juni 1783 n.Chr
.

Es war dunkel geworden in dem alten Kloster.

Mit der Nacht kam die Kälte zurück, zog durch die Ritzen und kroch unter die Menschen, die eng aneinandergedrängt auf dem Boden kauerten. Nur die im Mondlicht blass schimmernden Glasfenster erinnerten daran, dass dieser Raum einmal zu einer Kirche gehört hatte. Es schien, als ob die weißen Dolden des Holunders, der draußen vor den Fenstern blühte, behutsam einen Schleier über diesen trostlosen Ort legen wollten.

Johanna wickelte das Laken enger um ihren kleinen Bruder. Sie streichelte seinen bebenden Körper und flüsterte ihm beruhigende Worte ins Ohr. So viele Nächte hatte sie an Samuels Lager gesessen, ihn gehalten und hin und her gewiegt. Ihr Rücken war schon steif und ihre Arme wurden immer schwerer.

Samuel glühte am ganzen Körper und Johanna wusste, dass sie ihm unbedingt etwas von dem Wasser einflößen musste, das sie am Brunnen geholt hatte. Sie versuchte, ihn aufzurichten und den Becher an seinen Mund zu setzen, aber sie hatte kaum noch Kraft. Schließlich tunkte sie einen Zipfel des Lakens in das Wasser und steckte ihn Samuel zwischen die Lippen.

Gierig begann ihr Bruder zu saugen. Immer wieder befeuchtete Johanna das Stückchen Stoff und schob es Samuel in den Mund.

Inzwischen schliefen fast alle Menschen um sie herum. Die wenigen, die noch wach waren, stöhnten leise auf ihren Lagern.

Das Kloster war ein feuchter, kalter Ort, selbst in Sommernächten wie dieser. Überall roch es nach Krankheit, nach Fäulnis und nach Tod.

Am liebsten wäre Johanna an die frische Luft gelaufen, aber hier drinnen lag Samuel, der einzige Mensch, der ihr noch geblieben war auf dieser Welt.

Und jetzt war auch er krank.

Samuel saugte noch ein paar Tropfen Wasser, dann fiel sein Kopf auf ihre Schulter. Sie strich ihm über die dunklen Locken und küsste seine heiße Stirn. Sie nahm ihn fester in die Arme und hielt ihn im Schlaf. Johanna war selbst müde, so müde, dass ihr die Augen zufallen wollten. Aber sie hatte Angst einzuschlafen.

»Lass mich nicht allein, Sami, bitte lass mich nicht allein«, flüsterte sie.

Tränen liefen ihr über das Gesicht. Wie sehr sehnte sie sich nach ihrer Mutter. Aber die war tot, genauso wie ihr Vater.

Immer wieder quälten sie die Bilder, die besonders in der Nacht aus ihrem Versteck krochen, als hätten sie den ganzen Tag nur dagelegen wie ein hungriges Raubtier und auf den Moment gelauert, da sie nicht mehr die Kraft haben würde, sich gegen sie zu wehren. Für immer eingebrannt in ihre Erinnerung waren die Bilder der Männer, die erst ihren Vater in weiße Tücher gehüllt hatten. Dann hatte die Nachbarin auch über das geliebte Gesicht der Mutter helles Leinen gelegt, und die Männer hatten die toten Körper der Eltern aus der Stube geschafft wie alte Möbel, die keiner mehr brauchte.

In der Nacht nach dem Tod der Mutter hatte Samuel ebenfalls das schreckliche Fieber bekommen. Er wird sterben, hatte ein Nachbar gesagt. Ein anderer meinte, man solle die Hütte am besten gleich mit ihnen beiden anzünden, sie seien ohnehin verloren. Doch dann war die alte Hebamme gekommen, hatte sie mitgenommen und in das Kloster gebracht. Der Herrgott ist mit den Kindern, hatte sie gemurmelt und sie beide durch das große Tor geschoben.

Seitdem waren sie hier und Samuel wurde von Tag zu Tag schwächer. Johanna hielt ihn fest umklammert und lehnte sich an seinen kraftlosen Körper. Ihr Kopf wurde schwer, sie wollte sich hinlegen, nur für einen kurzen Moment die Augen schließen, nicht schlafen, nur ausruhen vom Tag.

Plötzlich schreckte sie hoch. Ihr war, als hätte ein Luftzug ihre Wange gestreift. Johanna lauschte.

Vereinzelt war leises Stöhnen zu hören, aber sonst war es still in der Kirche.

Dann sah sie den Fremden.

Hoch ragte er zwischen den Kranken auf, eine dunkle Gestalt in einer langen Kutte. Eine weit in die Stirn gezogene Kapuze verbarg das Gesicht. Johanna hielt die Luft an und machte sich ganz klein. Wer war dieser Mann und wie war er in die Kirche hereingekommen? Sie wusste, dass die schwere Eichentür des Klosters nachts abgeschlossen wurde.

So wollte man verhindern, dass die Menschen von ihren Lagern aufstanden und zurück in ihre Häuser flohen. Die Krankheit sollte nicht aus den Mauern hinaus in die Stadt getragen werden.

Was hatte der Fremde hier mitten in der Nacht zu suchen? Johanna reckte sich ein bisschen, um ihn besser sehen zu können. Er schaute nicht nach rechts und nicht nach links, interessierte sich nicht für die Menschen, die hier lagen. Mit langen Schritten eilte er durch den Gang.

In den Armen hielt er ein Bündel, das er fest an sich presste. Er bemerkte Johanna nicht, obwohl er so dicht an ihr vorbeilief, dass sie ihn hätte berühren können. Rasch drückte sie ihr Gesicht wieder tiefer in Samuels Locken und stellte sich schlafend.

Da ließ sie ein plötzliches Poltern zusammenzucken. Der Fremde war über einen der Kranken am Rand des Ganges gestolpert und hatte sein Päckchen fallen gelassen. Etwas Glänzendes rollte über den Steinboden auf Johanna zu.

Im sanften Licht des Vollmonds konnte sie einen goldenen Kelch erkennen, der genau vor ihr zum Liegen kam. Noch nie hatte sie etwas so Kostbares gesehen. Johanna schlug das Laken zurück. Sie musste den Kelch berühren. Sie musste wissen, wie er sich anfühlte. Langsam strich sie mit den Fingerkuppen über die glatten Steine, die in seinen Rand eingefasst waren, ertastete die feine Gravur, die sich wie eine Schlange darum wand.

Der Blick des Fremden traf sie. Er hob den rechten Arm und streckte ihr seine Hand entgegen. Johanna zögerte. Der Mann trat einen Schritt auf sie zu. Er sprach kein Wort, aber Johanna wusste auch so, dass er ohne den Kelch nicht wieder gehen würde. Behutsam bettete sie Samuel auf das Lager, erhob sich und bewegte sich zögernd auf den Fremden zu. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie groß er war. Viel größer als alle Männer, die ihr bisher begegnet waren. Fest umklammerte sie den Kelch und biss sich auf die Lippen. An der rechten Hand des Mannes fehlte ein Finger. Schnell reichte sie ihm das kostbare Gefäß.

Der Fremde drehte sich augenblicklich um und ging auf den Altar zu. Dort berührte er das große Gemälde hinter dem Marmortisch – und verschwand.

Augenblicklich löste sich Johanna aus ihrer Starre und rieb sich die Augen. Zuerst glaubte sie, das sich in den Kirchenfenstern brechende Mondlicht habe ihr einen Streich gespielt. Sie lief zum Altar und erwartete, den Fremden noch zu sehen. Aber es war, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Mit klopfendem Herzen erklomm Johanna die Stufen zu dem heiligen Tisch. Ehrfürchtig betrachtete sie das riesige Bild, befühlte vorsichtig das bemalte Leinen und tauchte ein in ein schwarzes Nichts.

1

Deutschland, Gegenwart

Es war Sommer, als Jan die Tür hinter sich ins Schloss zog und das Haus für immer verließ.

Wie ein Dieb schlich er sich schon im Morgengrauen aus ihrem gemeinsamen Leben.

Im Kirschbaum stritten sich die Spatzen lauthals um die besten Plätze, die Sonne hatte eben erst begonnen, den Tau auf den Blättern zu trocknen.

Nele legte die Stirn an die Fensterscheibe und blickte auf die Straße. Sie würde nie wieder Kirschen essen können, ohne an diesen Morgen zu denken.

Unten vor ihrem Fenster stand Jan, ihr Vater. Sie sagte schon lange nicht mehr Mama und Papa zu ihren Eltern. Irgendwann war aus ihnen Lilli und Jan geworden.

Jan schaute zu ihr hoch und winkte zum Abschied. Dann stieg er in seinen alten blauen Bus und fuhr davon.

Nele fror. Es fühlte sich an, als ob nicht nur Jans Möbel, seine Bücher und Kleider mit dem Bus um die Ecke bogen, nein, es war, als ob auch ein Stück von ihr in Kisten verpackt worden wäre und sich nun immer weiter von ihr entfernte.

»Bis bald«, hatte Jan gesagt und sie noch einmal in den Arm genommen. Bis bald. So, als ob er nur eben auf eine Dienstreise ginge oder auf seinen jährlichen Angeltrip. Aber sie wusste, dass Jan niemals zurückkommen würde. Nicht in dieses Haus, in dem sie so viele Jahre glücklich zusammengelebt hatten.

Auch sie würde bald ausziehen. Lilli hatte eine kleinere Wohnung für sie beide gemietet.

Nele zog sich die Kapuze des riesigen grauen Sweatshirts über den Kopf.

Es war Jans Pullover. Sie hatte ihn heimlich aus einer der gepackten Kisten herausgenommen und unter ihrem Bett versteckt. Heute Morgen hatte sie ihn hervorgezogen und sich darin verkrochen. Wenn sie die Kapuze tief ins Gesicht schob und die Nase vorne in den Ausschnitt steckte, dann roch es nach Jan. Aber der Geruch würde verfliegen, sie konnte die Vergangenheit nicht festhalten.

»Nele, bitte mach doch endlich die Tür auf!«

Schon zum zweiten Mal stand Lilli heute vor ihrem Zimmer.

Nele antwortete nicht. Was hätte sie auch sagen sollen?

»Nele, bitte! So geht das nicht weiter. Wir müssen reden!«

Lilli klopfte schon wieder.

»Verdammt, lass mich endlich in Ruhe. Ich will nicht mit dir reden!«

Nele wandte sich vom Fenster ab und warf sich aufs Bett. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Wütend schlug sie mit den Fäusten auf das Kissen. Nur so konnte sie den Schmerz tief in sich drin aushalten.

Dieser Tag war auf sie zugerollt wie eine Lawine. Am Anfang hatte sie noch geglaubt, dass ihre Eltern sich bald wieder vertragen würden. Aber dann hatte Jan angefangen, Zeitungsannoncen auszuschneiden und auf Wohnungssuche zu gehen. Schließlich war er fündig geworden und hatte begonnen, seine Sachen in Umzugskisten zu packen.

Jeden Tag war das Haus ein bisschen leerer geworden, mit jeder gepackten Kiste hatte es sein Gesicht ein wenig mehr verändert. Da, wo Jans Sachen fehlten, wirkten die Räume wie ein Bild, in dem jemand herumradiert hatte.

Nele ließ ihren Blick durch ihr Zimmer schweifen. Bald würde hier ein anderes Kind wohnen. Ob es Geschwister mitbrachte? Ob seine Eltern sich besser vertragen würden als Lilli und Jan?

Sie seufzte. Ihr war kalt. Sie nahm die Wolldecke vom Bett und wickelte sich darin ein.

Dann drehte sie den Schlüssel im Schloss, öffnete die Tür und ging nach unten.

Lilli saß in der Küche und umklammerte mit beiden Händen eine Tasse. Ihre Mutter sah blass aus.

»Na, Große, möchtest du mit mir frühstücken?«

Nele griff nach einem Glas und goss Milch hinein.

»Das ist Jans Platz!«, fauchte sie ihre Mutter an.

Lilli hob erschrocken den Kopf. Ohne ein Wort zu sagen, stand sie auf, schob ihre Tasse ein Stückchen weiter und setzte sich auf den nächsten Stuhl.

Nele ließ sich ihr gegenüber nieder und nippte an ihrer Milch. Sie wusste, dass sie gemein war. Aber sie konnte nicht anders.

»Du siehst gemütlich aus mit deiner Decke.«

Nele verdrehte die Augen. Sie hasste es, wenn Erwachsene auch in Momenten, in denen es gar nichts zu sagen gab, irgendwas daherreden mussten.

»Ich weiß, dass es dir nicht gut geht. Aber schau, schon in einer Woche holt Jan dich ab und du lernst seine neue Wohnung kennen.« Lilli trank einen Schluck Kaffee.

Nele wusste nichts darauf zu sagen. So hatten sie es vereinbart, ja. Jan würde ausziehen, sich ein paar Tage lang in seiner neuen Wohnung einrichten und dann würde sie ihn besuchen. Schließlich waren Sommerferien. Und Nele wollte doch sicher sehen, wie Jan jetzt lebte.

Wollte sie das wirklich? Sie starrte auf den Platz, auf dem er beim Frühstück immer gesessen hatte. Sie wollte, dass er wieder hier wohnte, dass er da saß, wo er immer gesessen hatte. Sonst nichts.

Das Telefon klingelte.

Nele nippte wieder an ihrer Milch und wartete. Lilli starrte in ihren Kaffee. Aber das Telefon klingelte unbeeindruckt weiter, sodass Lilli schließlich fluchend ihre Tasse absetzte und in den Flur ging.

»Ja bitte?«

Pause.

»Was soll das heißen, du musst weg? Wie lange denn? Und warum konntest du das nicht schon vorhin sagen?« Lillis Stimme wurde lauter. »Was ist mit Nele?«

Als sie ihren Namen hörte, stand Nele auf und ging langsam in Richtung Flur.

»Soll ich dir mal was sagen? All die Jahre hindurch war dir dein Beruf wichtiger als alles andere. Nun hast du einmal die Chance, mit deiner Tochter zwei Wochen allein Urlaub zu machen, und schon wieder soll sie hinter deinem Job zurückstehen?« Lilli schrie jetzt und Nele zuckte zusammen. »Komm her und sag es ihr selbst. Wenigstens so viel Mumm solltest du haben, findest du nicht?« Lilli knallte das Telefon auf die Kommode und drehte sich um. Nele stand in der offenen Küchentür und starrte sie an.

»Was ist los?«

»Nichts, gar nichts.« Ihre Mutter strich sich durch die Haare und wich ihrem Blick aus.

»Ihr habt euch wieder gestritten. Ihr habt wegen mir gestritten. Was ist passiert?«

»Es ist nichts, Nele. Wirklich nicht.« Lilli wandte sich ab und lief ins Bad.

»Gar nichts?« Nele folgte ihr. Vor der verschlossenen Badezimmertür blieb sie stehen. »Was soll er mir selbst sagen? Und was ist mit seinem Job?«

Sie hörte, wie im Bad die Dusche anging. Ihre Mutter antwortete ihr nicht. Wütend trat Nele gegen die Tür. Sie musste hier raus. Sie stürzte den Flur entlang und wischte im Vorbeirennen das Telefon von der Kommode, das krachend auf den Fliesen aufschlug.

Sie riss die Tür auf und trat in den Garten. Der Morgen war noch kühl, irgendwo zwitscherte eine Amsel. Sie kannte die Stimmen der heimischen Vögel, Jan hatte sie ihr bei ihren langen gemeinsamen Spaziergängen durch den Wald immer wieder erklärt.

Nele seufzte. Der Garten schien ihr so unwirklich, die Stille so friedlich und vollkommen.

Im hinteren Teil des Gartens stand noch die kleine Hütte, die Jan ihr gebaut hatte und die ihr Schloss, ihr Wigwam oder ihre Höhle gewesen war. Auf dem Dach saß die Amsel und schaute sie neugierig an.

Nele schlüpfte unter das Dach, kauerte sich an die Wand und schlang die Arme um die Knie. Wenn man die Zeit nur zurückdrehen könnte. Oft hatte sie sich gewünscht, endlich erwachsen zu sein. Doch heute fühlte sie sich so klein wie schon lange nicht mehr und alles an ihr kam ihr zu groß vor. Ihre Beine waren schrecklich lang, sie konnte in der Hütte nicht mehr stehen, ohne sich den Kopf anzustoßen. Ihre Arme waren so gewachsen, dass sie sie nur auszustrecken brauchte, um die Wände rechts und links gleichzeitig zu berühren. Nele schloss die Augen und stellte sich vor, nicht sie sei größer geworden, sondern die Hütte sei geschrumpft. So musste Alice sich im Kaninchenbau gefühlt haben, bevor sie den Zaubersaft getrunken hatte.

»Hier steckst du also! Ich habe dich schon überall gesucht.«

Die Sonne stand hoch am Himmel, als Nele wach wurde. Die Amsel war längst verstummt. Nele rieb sich die Augen und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht.

Unter der Wolldecke war es heiß geworden, die Haare klebten ihr nass am Kopf und ihr Sweatshirt war ganz verschwitzt.

Vor der Hütte stand Jan. »Willst du nicht rauskommen, oder möchtest du weiterschmoren, bis du gar bist?«

Nele hatte nicht damit gerechnet, ihren Vater so schnell wiederzusehen. Im ersten Moment wusste sie nicht, ob sie sich über sein Erscheinen freuen oder ärgern sollte.

Sie krabbelte aus der Hütte und reckte sich. »Was willst du hier?« Unschlüssig sah sie ihren Vater an, wie er da vor ihr stand, die Hände in den Taschen vergraben.

Das Telefongespräch fiel ihr wieder ein. Komm her und sag es ihr selbst, hatte ihre Mutter geschrien.

Er brauchte nichts zu sagen. Sein schuldbewusster Blick war deutlich genug. Nele betrachtete die Biene, die zu ihren Füßen tief in den blühenden Klee krabbelte.

»Komm mal her!« Jan setzte sich auf die Bank, die neben ihrer Kinderhütte unter der alten Fichte stand, und zog sie an seine Seite, so wie er es früher oft getan hatte. »Wie alt bist du jetzt?«, fragte er leise.

Natürlich wusste er genau, wie alt sie war. Was sollte das? »Zwölf«, brummte Nele.

»Zwölf? Meine kleine Prinzessin ist schon zwölf Jahre alt?«

»Warum bist du hier?«

Jan seufzte.

»Du bist genauso hartnäckig wie deine Mutter«, sagte er, ohne sie anzusehen. »Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden.«

»Du hast dich heute Morgen verabschiedet.«

»Nele, ich muss weg. Ich weiß es seit gestern Abend, aber ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte. Deine Mutter hat recht, ich bin ein Feigling.«

Ein Tannenzapfen landete vor ihren Füßen. Jan kickte ihn weg.

»Ich habe einen Anruf aus Österreich bekommen. Aus Wien. Es geht um ein paar wertvolle Gegenstände, die aus Kirchen gestohlen wurden.« Seine Stimme klang fast flehend.

Nele starrte auf den Tannenzapfen im Gras. Daher also wehte der Wind. Ihr Vater arbeitete in einem Museum. Er war Historiker und Kirchengeschichte sein Spezialgebiet.

»Wann musst du fahren?« Sie flüsterte.

»Heute noch. Sie erwarten mich morgen früh in Wien.«

Heute noch. Vor wenigen Stunden erst war er ausgezogen.

»Bitte, Jan! Du musst mich mitnehmen!«

Er schüttelte den Kopf.

»Warum nicht?«

»Ich habe dort keine Zeit für dich. Ich bin den ganzen Tag unterwegs, kann mich nicht um dich kümmern. Versteh das doch. Wir holen deinen Besuch nach. Versprochen. Spätestens in den Herbstferien. Mir fällt das auch nicht leicht, aber du weißt, wie schwer es in meinem Beruf ist, sich einen Namen zu machen. Ich muss diesen Auftrag annehmen. Ich würde meinen Sommer auch viel lieber mit dir verbringen, bitte glaub mir das.«

»Es wäre mir egal, den ganzen Tag allein zu sein. Ich könnte lesen. Oder meine Schulbücher mitnehmen und lernen.«

»Aber …«

»Hier bin ich auch allein. Alle meine Freunde verreisen. Es ist niemand da.«

»Deine Mutter ist zu Hause.«

»Ich will aber nicht hierbleiben zwischen all den doofen Umzugskisten. Bitte nimm mich mit! Ich bin kein kleines Kind mehr, auf das du den ganzen Tag aufpassen musst.«

»Nein, das bist du wirklich nicht mehr. Aber es geht nicht, Nele. Sei doch vernünftig!«

Tränen schossen ihr in die Augen. Vernünftig! Dieses Wort hatte sie in letzter Zeit viel zu oft gehört.

»Ich will aber nicht vernünftig sein!« Sie schob seinen Arm von ihrer Schulter und rannte zum Haus. Auf der Terrasse stand Lilli und sah ihr besorgt entgegen.

»Nele!«

»Lass mich in Ruhe!« Sie stürmte an Lilli vorbei und stolperte die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf. Schluchzend schloss sie die Tür hinter sich. Sie hatte es so satt, dauernd wie ein kleines Kind behandelt zu werden! Nie fragte sie jemand nach ihrer Meinung! Nele packte ihr Kissen und schleuderte es quer durchs Zimmer. Sie würde nicht mehr vernünftig sein! Nie mehr! Sie würde mit Jan nach Wien fahren. Ob er das wollte oder nicht.

Nele zerrte ihren Rucksack vom Schrank und fing an, wahllos Sachen hineinzustopfen. Jeans, ihren Kapuzenpulli, Wäsche, zwei T-Shirts, Strümpfe, einen Notizblock, ihr Handy. Fast hätte sie ihren Glücksstein vergessen, den Jan ihr geschenkt hatte, als sie noch ganz klein war. Glatt und rund lag er in ihrer Hand und schimmerte goldbraun. »Tigerauge«, hatte Jan ihn genannt.

Nele steckte den kleinen Stein in die Tasche ihrer Jeans.

Geld, sie brauchte Geld! Achtlos warf sie die Blechdose mit ihrem Gesparten zu den anderen Dingen. Ihr Lieblingsbuch und ihren Plüschhasen durfte sie auch nicht vergessen. Aber der Rucksack war voll. Behutsam setzte sie den Plüschhasen zurück auf ihr Bett und deckte ihn zu. Sie war kein kleines Kind mehr. Er musste hierbleiben. Nele sah sich noch einmal im Zimmer um. Dann nahm sie den Rucksack, drückte leise die Türklinke herunter und lauschte. Nichts war zu hören. Ihre Eltern mussten noch im Garten sein.

Vorsichtig schlich sie die Treppe hinunter, öffnete die Haustür und schlüpfte aus dem Haus. Jans Bus glänzte blau in der Sonne. Erleichtert registrierte sie, dass er ihn nicht abgeschlossen hatte. Sie öffnete die Schiebetür, kletterte hinein und zog die Tür leise wieder zu. Schnell krabbelte sie nach hinten und kroch unter die letzte Bank. Hier konnte ihr Vater sie nicht so ohne Weiteres sehen. Sie griff nach ihrem Rucksack und stellte sich auf eine lange Autofahrt ein.

2

»Wenn du sie gefunden hast, dann sag ihr, dass ich sie lieb habe.« Jan schlug die Autotür zu und startete den Motor.

Nele atmete aus. Er hatte sie nicht entdeckt, aber offensichtlich hatte er nach ihr gesucht. Geschah ihm recht, dass er losfahren musste, ohne sich verabschieden zu können. Sollte er ruhig mal spüren, wie es war, wenn einem der Schmerz unter die Haut zog.

Nele schloss die Augen und kroch noch ein bisschen tiefer in ihr Versteck. Es kam ihr so vor, als ließe sie nicht nur Lilli und das Haus hinter sich, sondern ihr ganzes bisheriges Leben. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr zwei Tränen übers Gesicht liefen.

Der Bus beschleunigte, sie waren wohl schon auf der Autobahn.

Am liebsten hätte Nele jetzt gelesen, sie hatte ja sogar ihr Lieblingsbuch eingesteckt, aber seit einiger Zeit konnte sie sich einfach nicht mehr richtig konzentrieren. Zu voll war ihr Kopf von all den Problemen und den nächtlichen Streitereien ihrer Eltern, zu voll mit ihren vielen Fragen und Ängsten. Da war kein Platz mehr für Geschichten.

Nele legte den Kopf auf ihren Rucksack.

Wie lange sie wohl schon unterwegs waren? Langsam wurde es ungemütlich. Jan würde nicht begeistert sein, wenn er sie fand. Vermutlich würde er sogar richtig böse werden. Schließlich hatte er sie nicht mitnehmen wollen. Nele hasste es, mit Jan zu streiten. Wenn er wütend auf sie war, ging es ihr schlecht. Sie konnte es nicht ertragen, ihn zu enttäuschen. Und Lilli? Nele wurde es ein wenig flau im Magen, wenn sie an die Sorgen dachte, die ihre Mutter sich ohne Zweifel gerade machte. Sie hätte ihr wenigstens eine Nachricht hinterlassen sollen. Aber es war alles so schnell gegangen. Außerdem hatte sie befürchtet, dass Lilli Jan zu früh anrufen und zur Umkehr bewegen könnte.

Denn umkehren wollte sie auf keinen Fall. Mit einem wütenden Jan konnte sie leben, aber zurückbringen durfte er sie nicht.

Vorsichtig lugte sie aus ihrem Versteck hervor. Sie konnte Jans Hinterkopf sehen, seine kurzen Haare, die immer in alle Richtungen abstanden und ihn stets aussehen ließen, als habe er eben erst das Bett verlassen. Nele hatte die störrischen Haare ihres Vaters geerbt. Sie konnte sie kämmen und bürsten, wie sie wollte, sie blieben nie an ihrem Platz.

Jan hob die Hand und strich sich über den Kopf. Er schien müde zu werden. Nele spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Was, wenn Jan jetzt anhielt, um eine Pause zu machen? Sie wollte lieber gar nicht daran denken und schloss die Augen. Sie versuchte sich den Dieb vorzustellen, der nachts in Kirchen einbrach, aber immer wieder schob sich ein anderes Bild vor ihr inneres Auge. Das Bild von Jan, wie er unten auf der Straße neben seinem gepackten Bus stand und winkte.

Irgendwann schlief Nele ein.

Es begann bereits zu dämmern, als sie wieder aufwachte. Jan hatte die Autobahn verlassen. An dem Schaukeln des Busses spürte sie, dass die Straße kurvenreich war. Nele streckte sich ein wenig, als ein schrilles Geräusch sie zusammenzucken ließ.

Jans Handy klingelte. Sie hielt die Luft an.

»Jan Wagner, hallo?«

»Jan, bist du dran, kannst du mich hören?«, ertönte laut die Stimme ihrer Mutter aus der Freisprechanlage.

Lilli! Nele erschrak.

»Lilli?«

Das Handy knarrte und rauschte, der Empfang war nicht besonders gut.

»Ja, Lilli hier, Jan. Die Verbindung ist so schlecht, kannst du mich hören?«

»Ich kann dich hören. Was gibt es denn?«

»Nele ist weg!«

Nele biss sich auf die Lippen.

»Was soll das heißen, Nele ist weg?«

»Sie ist weg, verschwunden! Seit du weggefahren bist, habe ich sie nicht mehr gesehen.«

»Hast du in ihrem Zimmer nachgesehen?«

»Natürlich habe ich in ihr Zimmer geguckt.« Lillis Stimme wurde lauter. »Sie ist nicht da!«

»Sie wird bei einer Freundin sein. Nele verschwindet doch nicht einfach so.«

Als Nele die besorgte Stimme ihrer Mutter hörte, bekam sie ein furchtbar schlechtes Gewissen.

»Jan! Nele ist nicht bei irgendeiner Freundin. Der Rucksack auf ihrem Schrank ist weg, Kleidungsstücke fehlen auch. Ihr Handy und ihre Spardose sind nicht mehr da. Sie ist abgehauen, Jan, verstehst du!« Lillis Stimme überschlug sich fast.

»Abgehauen? Aber wohin denn? Und warum?« Jan schrie mittlerweile ins Telefon.

Nele machte sich ganz klein.

»Lilli, wenn sie ihr Handy mitgenommen hat, hast du denn schon mal probiert, sie anzurufen?«

»Nein«, antwortete Lilli nach einer kurzen Pause. »Daran habe ich vor lauter Aufregung gar nicht gedacht. Ich probiere das gleich mal und melde mich dann wieder. Hoffentlich hat sie es an.«

»Ja, hoffentlich«, murmelte Jan.

Nele wurde blass. Ihr Handy! Das hatte sie total vergessen! Hektisch angelte sie nach ihrem Rucksack. Sie nestelte an dem Verschluss herum. Mist! Wo war das Handy nur? Sie wühlte durch ihre Sachen, grub sich an den Kleidungsstücken vorbei und tastete über den Boden des Rucksacks. Da! Etwas Glattes. Sie griff zu und merkte enttäuscht, dass es nur ihre Spardose war.

In dem Moment unterbrach ein Klingelton das gleichmäßige Brummen des Motors.

Jan fuhr herum. »Was zum Teufel …«

Nele ließ ihr Handy klingeln und krabbelte aus dem Versteck.

»Verdammt, Nele, was hast du dir dabei gedacht?« Jan schlug mit beiden Händen auf das Lenkrad.

Nele öffnete den Mund, sie wollte etwas sagen, heraus kam aber nur ein Schluchzen. Es war, als ob sie vor Schreck all die Worte, die sie sich als Erklärung zurechtgelegt hatte, verschluckt hätte.

»Kannst du dir vorstellen, was deine Mutter durchgemacht hat? Sie ist fast verrückt vor Angst um dich!«

Das Handy klingelte wieder.

»Und jetzt stell endlich dieses verdammte Telefon ab!«

Nele zuckte zusammen und kletterte nach vorn. Sie ließ sich auf den Beifahrersitz plumpsen und schaute Jan ängstlich an.

Er würdigte sie keines Blickes und starrte weiter geradeaus auf die Straße, die sich eng und steil einen Berg hinaufwand. Er umklammerte fest das Lenkrad, sodass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.

»Am nächsten Bahnhof halten wir an und ich setze dich in den Zug nach Hause.« Seine Stimme klang kalt und abweisend. Und enttäuscht. Das war das Schlimmste. Zu hören, dass Jan enttäuscht von ihr war.

»Nein, bitte, lass mich bei dir bleiben. Ich rufe Lilli an und erkläre ihr alles. Ich bin dir nicht im Weg. Versprochen. Du brauchst dich überhaupt nicht um mich zu kümmern.«

In diesem Moment ertönte ein lautes Hupen hinter ihnen. Jan warf einen Blick in den Rückspiegel und fluchte. Dann wandte er sich wieder seiner Tochter zu. »Nein! Nele, du kannst nicht mitkommen. Du weißt doch …«

»Jan!« Entsetzt starrte Nele aus dem Seitenfenster. Ein riesiger Transporter hatte zum Überholen angesetzt und schob sich so dicht an ihnen vorbei, dass er sie jeden Augenblick berühren musste. Sein Anhänger war mit meterlangen Baumstämmen beladen.

»Verdammt!« Jan trat mit voller Kraft auf die Bremse. Die Reifen quietschten und der Bus geriet ins Schlingern. Hektisch kurbelte Jan am Lenkrad, versuchte, den Bus wieder zu stabilisieren. Metall schob sich über Metall und ein grässliches Kreischen und Quietschen dröhnte in ihren Ohren, als der Transporter den Bus weiter nach rechts drückte.

Aus den Augenwinkeln sah Nele die steile Böschung wenige Zentimeter neben ihrem Fenster. Jan riss das Lenkrad wieder nach links, der Bus fing an zu schaukeln und schrammte an dem Hänger mit den Baumstämmen entlang. Mit einem Ächzen blieb er schließlich stehen. Langsam öffnete Nele die Augen und blickte in den Abgrund.

Der Transporter war längst hinter der nächsten Biegung verschwunden.

»Ich will hier raus.« Ihre Stimme war nur noch ein leises Wimmern.

Jan stieß die Tür auf, zog Nele zu sich herüber und hob sie vorsichtig aus dem Auto.

3

In Wien wurde es bereits dunkel, als im Büro von Dr. Holzer ein Handy klingelte.

Das alte Haus, in dem der Historiker sein Büro hatte, stand dicht am Wiener Naschmarkt – so dicht, dass bei Tag die Stimmen der Händler bis zu ihm in den zweiten Stock hinaufreichten.

Heute, am Sonntag, waren die Stände auf dem Markt geschlossen, die Tische der kleinen Lokale leer, die Stühle ordentlich übereinandergestapelt und angekettet. Nur einige Tauben und ein paar vorwitzige Spatzen suchten auf dem Kopfsteinpflaster nach den Resten der vergangenen Marktwoche.

In dem großen Haus am Rand des Platzes spiegelte sich das letzte goldene Licht des Tages. Im zweiten Stock hielt eine manikürte Hand, deren Ringfinger fehlte, ein Telefon. »Ich habe verstanden. Danke.

Warten Sie auf weitere Anweisungen.« Dr. Holzer steckte sein Handy wieder in die Jackentasche. »Verflucht!«

Er musste sich beherrschen, um nicht laut loszubrüllen. Dieser Stümper war zu nichts zu gebrauchen. Da verließ er sich ein einziges Mal auf jemand anderes, statt es selbst zu erledigen, und das hatte er jetzt davon. Er würde diesem Idioten höchstpersönlich den Hals umdrehen, wenn er es wagen sollte, ihm noch einmal unter die Augen zu treten. Jetzt hieß es schnell handeln. Noch war nicht alles verloren, aber er musste sich etwas einfallen lassen, bevor dieser Deutsche ihm in die Quere kam.

Mühsam beherrscht griff Holzer noch mal zum Handy und wählte die Privatnummer seiner Sekretärin.

»Holzer hier. Hören Sie? Der deutsche Wissenschaftler, von dem wir gestern gesprochen haben, ist in Wien angekommen. Ja, richtig. Jan Wagner. Er ist in Mauerbach in der Pension Holle abgestiegen. Seine Handynummer hatte ich Ihnen gegeben? Gut. Vereinbaren Sie einen Termin mit ihm für morgen Vormittag. Ja. Ich hole ihn ab. Danke. Ach – und noch etwas. Sie können sich morgen freinehmen. Ich werde den ganzen Tag unterwegs sein. Bitte. Gerne.«

Holzer legte auf und starrte eine Weile auf seinen Monitor. Dann schob er die Dokumente von seinem Schreibtisch zurück in die Schublade und schloss ab. Mit einem Klick löschte er den Internetverlauf. Es war besser, keine Spuren zu hinterlassen. Auch wenn kaum jemand Zutritt zu seinem Büro hatte, wollte er kein Risiko eingehen.

Eine Fliege ließ sich auf dem Ärmel seines dunklen Anzugs nieder. Mit einer ärgerlichen Geste verscheuchte er das Tier und stand auf.

Diesen Abend hatte er sich anders vorgestellt. Jetzt musste er seine Pläne ändern. Die Gefahr, in letzter Minute entdeckt zu werden, war einfach zu groß.

Holzer ging zum Fenster und blickte nach draußen. Nachträglich beglückwünschte er sich zu der Idee, sein Büro hierher verlegt zu haben. Die Aussicht über den gesamten Bezirk war perfekt und bis zur Kirche war es nur ein Katzensprung. Mariahilfer Kirche. Er lachte trocken. Es war eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet die Mutter Gottes ihm helfen sollte, seinen Plan zu vollenden.

Er war fast am Ziel. Diese eine Kirche noch und er hatte es geschafft.

Wenn ihm nur nicht der unerwünschte Besuch aus Deutschland wertvolle Zeit kosten würde.

Dieser dahergelaufene Wissenschaftler. Kirchenhistoriker! Was wusste der Mann schon von den Kirchen und den Geheimnissen, die sie bargen? Nichts. Im Vergleich zu ihm war Jan Wagner ein Stümper, ein Niemand, ein Wurm.

Und wie einen Wurm würde er jeden zertreten, der sich ihm in den Weg stellte.

Die Fliege landete auf der Fensterbank.

Er hob die Hand und schlug zu.

Niemand würde ihn jetzt noch aufhalten.

Holzer schnippte das tote Tier auf den Fußboden, kehrte dem Fenster den Rücken zu und trat vor die Fotos an der Wand. Nachdenklich starrte er auf den Grundriss des Klosters, ließ seinen Blick über die Skizzen der Kreuzgänge wandern, sah den Kaisergarten vor sich und glaubte fast, das Läuten der Glocke zur Andacht zu hören. Da war es wieder, dieses Rauschen in seinem Kopf. Ihm wurde schwindelig und für einen kurzen Moment schloss er die Augen. Dieser Schwindel überfiel ihn in den letzten Tagen in immer kürzeren Abständen. Es wurde Zeit, die Sache zu Ende zu bringen.

Holzer dachte an den Anruf zurück. Wie es aussah, hatte Wagner seine Tochter mit nach Wien gebracht. Ein kleines Mädchen war sicher kein Problem. Ganz im Gegensatz zu dem Jungen. Dauernd musste er seine Nase in Dinge stecken, die ihn nichts angingen. Mehr als einmal hatte er ihn schon im Kloster erwischt. Schlimm genug, dass der Kerl während der Schulzeit in seinem Geschichtsunterricht saß. Jetzt, in den Sommerferien, streunte er durch die Gegend wie ein räudiger Hund – und genauso lästig war er auch. In jeder anderen Zeit hätte er den Jungen längst beseitigt. Keiner hätte ihm auch nur eine Träne nachgeweint. Ein Kind ist verschwunden? Nun, vermutlich ist es in die Donau gefallen und ertrunken, oder Wegelagerer haben es auf dem Heimweg vom Markt überfallen, oder die Wölfe aus dem nahen Wald haben es verschleppt, oder es ist in eine Bärengrube gestürzt. Im 17. Jahrhundert gab es unzählige Gefahren, die auf zu neugierige Jungen lauerten. Aber heute konnte man ein Kind nicht einfach verschwinden lassen. Sofort wäre die Polizei alarmiert, und das war das Letzte, was er jetzt noch gebrauchen konnte.

Holzer nahm sich vor, noch einmal mit dem Vater des Jungen zu reden. Von Lehrer zu Vater. Er würde dem Knaben Hausaufgaben für die Ferien aufbrummen, dass ihm Hören und Sehen verging. Flavio durfte einfach keine Zeit mehr haben, durch das Kloster zu schleichen. Dafür würde er sorgen. Und er war sich sicher, Flavios Vater würde ihn unterstützen.

Holzer bückte sich nach einem Foto, das von der Wand gefallen war. Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete er es eine Weile, dann hängte er es wieder an seinen Platz.

Die Schmerzen in seinem Kopf wurden abermals schlimmer. Fieberhafte Bilder breiteten sich dort aus, so sehr er sich auch dagegen wehrte.

Er massierte seine Stirn mit zwei Fingern. Die Bilder quälten ihn weiter.

Er ging zum Waschbecken und ließ kaltes Wasser in ein Glas laufen. Alles hatte sich verändert, selbst das Wasser schmeckte anders. Holzer zog ein Röhrchen aus der Innentasche seiner Jacke und schüttete eine Tablette in das Wasser. Sprudelnd löste sie sich auf. Er leerte das Glas in einem gierigen Zug und blickte dabei in den Spiegel. Zwei kalte blaue Augen starrten ihm entgegen. Holzer atmete tief aus.

Er strich sich prüfend mit beiden Händen über die dunklen Haare, fuhr mit den Fingern den sorgfältig zu schmalen Linien rasierten Bart nach. An der Schläfe entdeckte er ein graues Haar und riss es aus. Sein Blick blieb an seiner rechten Hand hängen. Er starrte auf die Stelle, wo einst sein Ringfinger gewesen war. Das Rauschen in seinem Kopf wurde lauter, wurde zu Kampfgebrüll, durchdrungen von dem anhaltenden Dröhnen der Glocke, dem Alarm, der für viele zu spät gekommen war. Die Bilder überrollten ihn. Er sah Feuer. Männer, die über Wurzeln und Äste stolperten, die ihre Kutten zusammenrafften und den Berg hinaufrannten. Immer tiefer in den Wald. Hinter sich das Brüllen der Verfolger, nur übertönt von den verzweifelten Schreien der Brennenden. Holzer biss die Zähne zusammen, seine linke Hand krallte sich am Waschbecken fest, mit der rechten umklammerte er das Glas, bis es zersplitterte. In dünnen Rinnsalen lief das Blut aus seiner geschlossenen Faust. Irritiert betrachtete er einen Moment die tiefrote Flüssigkeit, die auf das weiße Porzellan tropfte, und presste dann die glühende Stirn gegen den kühlen Spiegel.

Wenn er nur diese Bilder aus seinem Kopf verbannen könnte. Mit einem Stöhnen riss er sich von seinem Spiegelbild los. Die Welt bestand nur noch aus seinem Atem, laut, unregelmäßig, unkontrolliert. Er zwang sich zur Ruhe, wusch die verletzte Hand, umwickelte sie mit einem Taschentuch. Dann lehnte er sich an die Wand und wartete, bis sein Atem sich vollständig beruhigt hatte. Es machte ihm Sorgen, dass er die Anfälle nicht mehr unter Kontrolle hatte. Anfangs waren sie nur selten gekommen und immer sehr kurz gewesen, doch in den letzten Wochen waren sie häufiger und stärker geworden. Seine Zeit lief ab, das Ultimatum rückte näher.

Holzer atmete jetzt wieder gleichmäßig und kontrolliert.

Er ließ seinen Blick über das Bücherregal wandern, das die gesamte Wand einnahm. Die Menschen waren dumm, so dumm. Da trauerten sie um die alten Handschriften der Mönche, weil sie glaubten, dass die Bücher Opfer des verheerenden Brandes geworden waren. Dabei standen fast all diese kostbaren Werke hier in seinem Büro und warteten auf ihre wahre Bestimmung. Nur er kannte die wirkliche Bedeutung der meisten Texte.

Damals, als die Männer ihn nach dem Tod seiner Eltern in das Kloster gebracht hatten, hatte er sie verflucht. Er hasste Gott.

Gott hatte ihm seine Mutter und seinen Vater genommen, innerhalb einer Woche waren sie beide an dieser schrecklichen Seuche gestorben. Gott hatte sein Weinen und Betteln nicht erhört. Er hatte ihn ausgelacht. Sein Sohn hatte ihn vom Kreuz herab geringschätzig belächelt, als er auf Knien davorgelegen und um das Leben seiner Eltern gefleht hatte.

Seine einzigen Verwandten hatten selbst sieben Mäuler zu stopfen gehabt und ihn nicht mit durchfüttern können. So war er bei den Mönchen in der Kartause geblieben. Ausgerechnet bei den Männern Gottes, denen er lebenslange Rache geschworen hatte.

Oh ja, er wollte den Tod seiner Eltern rächen. Gott würde es noch bitter bereuen, dass er sich ihn zum Gegner gemacht hatte.

Schon früh hatte er begriffen, dass das, was er von den frommen Brüdern lernen konnte, ihm für seine Zwecke von großem Nutzen sein würde.

Er lernte Lesen und Schreiben, er lernte Hebräisch, Griechisch, Latein. Er studierte die alten Schriften tagein, tagaus. Er suchte nach einem Weg der Rache, der Vergeltung. Bald kannte er die Bücher und Schriftrollen besser als jeder andere im Kloster, und die Mönche kamen zu ihm, wenn sie Auskunft zu einem bestimmten Buch brauchten oder Rat bei der Übersetzung eines Textes.

Sie ahnten nicht, dass sich hinter dem sprachlich so begabten Jungen in Wirklichkeit der ärgste Feind ihres Gottes verbarg.

Er war dazu auserwählt, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Was war der Verlust eines Fingers gegenüber dieser Aufgabe? Sein Atem wurde ruhiger, das Ziel lag wieder klar vor ihm. Fast zärtlich ließ er seine Hand über die alten Buchrücken gleiten. Fühlte mit den Fingern die goldenen Intarsien nach, murmelte die griechischen und lateinischen Titel wie beruhigende Formeln.

Er straffte die Schultern und ging zu der gläsernen Vitrine, die den Mittelpunkt des Raumes bildete. Vorsichtig hob er das schwarze Tuch an, mit dem das in der Vitrine ausgestellte Pergament vor Licht geschützt wurde. Ein letzter Strahl der untergehenden Sonne brach sich in dem Diamanten auf seinem Fingernagel. Das Pergament unter seinen Händen schien in Flammen zu stehen.

4

Es wurde schon dunkel, als Jan den Bus parkte und Nele behutsam weckte.

»Aufwachen, Süße, wir sind da.«

Nele schaute hinaus und atmete tief ein. Sie standen vor einem kleinen Haus, an dessen Wänden Rosen um die Wette kletterten. Ihr Duft erfüllte die warme Sommernacht mit Erinnerungen an einen anderen Garten in einer anderen Zeit. Das Dach zog sich wie ein alter Hut tief über die schmalen Fenster, hinter deren Scheiben kleine Lampen leuchteten. Dutzende von brennenden Kerzen steckten in Windlichtern und säumten den schmalen Weg zur Haustür. Der Kies knirschte unter ihren Füßen.

»Du musst Nele sein. Ich bin Viviane. Komm rein. Du bist bestimmt todmüde nach der langen Fahrt.«

Nele zwang sich, die Fremde nicht anzustarren. Rote Wuschellocken umrahmten ihr Gesicht, hier und da