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Für Lizzy von Mutsch


eISBN 978-3-649-62202-4
© 2015 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,
Hafenweg 30, 48155 Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
Text: Andrea Russo
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen
Illustrationen: Elisabeth Bruder
Lektorat: Eva Philippon, Sara Mehring
Satz: Helene Hillebrand
Band 2 erscheint im Juni 2015 unter der ISBN: 978-3-649-6679-4 (eBook) / 978-3-649-61917-8 (Buch)
Band 3 erscheint im Januar 2016 unter der ISBN: 978-3-649-66795-7 (eBook) / 978-3-649-66677-9 (Buch)
eBook-Produktion: Konvertus b.v. www.konvertus.com

Das Buch erscheint unter der ISBN: 978-3-649-61532-3

www.coppenrath.de

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Hier kommt Paulina!

»Hohlbratze!«, sagt Kira und grinst mich an.

»Dumpfbacke!«, kontere ich.

»Megazicke!«

»Lisa!«

»Boah, du hast mich nicht wirklich gerade Lisa genannt, oder? Das ist echt gemein!« Ich remple Kira an, sodass sie fast vom Beckenrand rutscht.

Kira krallt sich mit einer Hand an mir fest, mit der anderen hält sie sich den Bauch vor Lachen. »Der war gut, oder? Gibst du nun auf?«

»Voll krass«, gebe ich zu. »Eine schlimmere Beleidigung als den Namen gibt es wohl kaum. Du hast ganz eindeutig gewonnen.«

Lisa geht in unsere Klasse. Und sie ist die absolute Oberzicke. Das Schlimmste an ihr ist ihre Stimme. Die ist megaschrill – und dazu noch mindestens zehn Stufen zu laut. Am besten hält man genügend Sicherheitsabstand, sonst fängt man sich, wenn man Pech hat, unangenehmes Ohrensausen ein. Zum Glück habe ich nicht viel mit ihr zu tun. Ich sitze taktisch klug mit Kira, Luca und Noah in der letzten Reihe, die Bratze Lisa hockt zwischen ihren beiden Zickenfreundinnen ganz vorn.

In den Pausen machen wir einen möglichst großen Bogen um die drei. Meistens hängen die aber sowieso im Mädchenklo vor dem Spiegel rum, um sich mit Glitterlipgloss zu verunstalten und die Luft mit irgendwelchen stinkenden Parfüms zu verpesten. Danach sitzen sie wie die Hühner auf der Stange in der Nähe des Schulkiosks auf einer Bank. Von dort aus himmeln sie die älteren Jungs an. Total dämlich!

Dass die drei heute auch hier im Schwimmbad rumhängen, war ja irgendwie klar.

Sie liegen in knappen Bikinis nebeneinander auf ihren Handtüchern und lassen sich die dünnen Bäuche braun brutzeln. Im Wasser waren sie ganz sicher noch nicht. Warum auch? Das könnte den Grillhühnchen ja womöglich noch die Frisur versauen.

Und dabei haben wir das absolute Hammerwetter! Wir lassen unsere Beine im Wasser baumeln und genießen die letzte Woche der Sommerferien. Herrlich!

»Achtung, Arschbombe!«, ruft Luca und wir schauen nach oben. Platsch! Wie ein nasser Sack lässt er sich vom Dreier ins Wasser fallen.

»Sieben!«, brüllt Kira.

»Was? Nur eine Sieben? Ich hab aber alle nass gemacht!« Luca schwimmt auf uns zu, wuchtet sich am Beckenrand hoch und quetscht sich zwischen uns.

»Pass doch auf!« Beinahe hätte er mich ins Wasser abgedrängt.

»Sorry, war keine Absicht«, nuschelt er und ich rutsche ein Stückchen weg.

»Dreifacher Mikadosprung!«, kündigt nun Noah oben auf dem Brett an. Er nimmt Anlauf, springt ab, dreht sich einmal um sich selbst und ...

»Autsch!«, entfährt es mir. Noahs Rücken ist mit voller Wucht aufs Wasser geknallt.

»Hat gar nicht wehgetan«, behauptet er, als er sich kurz darauf zu uns setzt.

»Alter, du bist hinten aber feuerrot.« Fachmännisch begutachtet Luca Noahs Rücken. »Na ja, ich würde mal behaupten, das war mindestens ’ne Acht.«

»Oder ’ne Neun«, schlagen Kira und ich wie aus einem Mund vor. Dann fangen wir beide an zu lachen und können gar nicht mehr aufhören. Es passiert ganz häufig, dass wir genau im selben Moment das Gleiche sagen.

»Guckt mal, da kommen die Glitterellas«, unterbricht Noah unser Gekicher und zeigt zur anderen Seite des Schwimmbeckens.

»Jap, Lisa und Co, die haben wir eben schon gesehen. Bah, die üben Schaulaufen am Pool. Als ob sie ausgerechnet hier als Topmodels entdeckt werden würden! Was meint ihr, Jungs? Eine kleine Abkühlung würde denen doch bestimmt guttun.«

Luca und Noah machen sich sofort auf den Weg zum Sprungturm.

»Böses Mädchen!«, sagt Kira und grinst.

Kira ist seit der ersten Klasse meine allerbeste Freundin. Wir kommen jetzt in die siebte und wir haben uns noch nie gestritten. Sie ist in Mathe ein Ass, hat lange schwarze Haare und blaue Augen. Obwohl sie total hübsch ist, ist sie kein bisschen zickig oder eingebildet deswegen. Ehrlich, ich glaube, es gibt keinen einzigen Jungen in der Schule, der nicht in Kira verknallt ist. Außer natürlich Luca und Noah. Die haben momentan nur Fußball im Kopf.

Die beiden Jungs gehen übrigens nicht nur in unsere Klasse, sie wohnen auch bei mir in der Straße. Mit Luca war ich schon zusammen im Kindergarten. Noah ist erst vor zwei Jahren nur ein paar Häuser von uns entfernt eingezogen. Er ist eher der ruhige Typ. Unheimlich clever, aber trotzdem absolut kein Streber. In Informatik und Physik hatte er glatte Einsen, ohne großartig dafür büffeln zu müssen, davon kann ich nur träumen!

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Und ich?

Mein Name ist Paulina, Paulina Pempelfurt. Ich wohne in Bottrop, gleich in der Nähe des Schwimmbads. Ich habe rote lockige Haare, die aus irgendeinem Grund in alle Richtungen wachsen, nur nicht nach unten. Meine Augen sind grün. Alles in allem bin ich ganz passabel. In mich ist aber niemand verknallt. Und das ist auch gut so. Auf das dämliche Angebaggere von irgendwelchen liebeskranken Kerlen habe ich nämlich überhaupt keine Lust.

»Iiiiiiiiii, spinnt ihr?«

Die Doppelarschbombe der Jungs hat gesessen. Die Glitterellas springen quiekend auseinander.

»Treffer!«, kommentiert Kira das Gekreische neben mir trocken und wir fangen schon wieder an zu lachen.

Luca und Noah schwimmen auf uns zu.

»Idioten«, mault Lisa, aber das hören die beiden nicht mehr, denn genau in dem Moment tauchen sie unter Wasser, um kurz darauf prustend vor uns wieder hochzukommen.

»Und jetzt habe ich Hunger«, verkündet Luca. »Ich hab was dabei. Kommt ihr mit?«

Lucas Mutter ist eine waschechte Italienerin aus Sizilien. Ihre größte Leidenschaft ist Kochen und Backen. Deswegen ist Luca immer bestens mit Proviant ausgestattet. Allerdings futtert er manchmal echt komisches Zeug.

»Sollen wir nicht lieber ’ne Fuhre Pommes holen?«, schlage ich vor. »Ich hab auch Hunger.«

»Können wir. Aber erst muss ich mein Ciabatta essen. Da ist Mozzarella drauf. Der wird total schnell schlecht bei dem Wetter.«

Lucas Vater ist Deutscher. Luca ist also genau genommen nur ein halber Italiener, futtert aber wie ein ganzer. Er hat deswegen eindeutig ein paar Kilo zu viel auf den Rippen. Aber irgendwie passt es zu ihm.

»Sieht gut aus, oder?« Wir schauen Luca über die Schulter, als er die beiden Brothälften auseinanderklappt und uns das Innenleben seines Sandwichs zeigt. Zwischen den weißen Käsescheiben stecken rote Tomatenscheiben, obendrauf liegt massenhaft von dem grünen Salatzeug, mit dem man mich jagen kann: Rucola.

»Bah«, sage ich.

In dem Moment kommt Herr Schneider, der Bademeister, auf uns zu.

»Paulina, ich hab dich schon überall gesucht. Wollen wir? Ich hab im Sportbecken eine Fünfzig-Meter-Bahn für dich abgetrennt.«

»Äh, hm, jetzt? Ich sollte doch morgen erst ...« Ganz plötzlich habe ich verdammt schwere Beine. Darauf war ich nicht vorbereitet, zumindest nicht heute.

»Bring Luca mit«, unterbricht Herr Schneider mich und lächelt mir aufmunternd zu. »Ich habe gerade ein bisschen Zeit, wir können also jetzt gleich die Prüfung abnehmen. Es dauert auch nicht lang.«

»Luca?« Ich schiele zu meinem gewichtigen Freund, der gerade in sein riesengroßes Tomate-Mozzarella-Rucola-Brot beißt, und schnappe nach Luft. »Kann ich nicht lieber Kira nehmen?«

Echt, ich mag Luca, aber er ist mindestens doppelt so breit und somit doppelt so schwer wie Kira. Und jetzt muss ich ausgerechnet ihn abschleppen, damit ich das Jugendschwimmabzeichen in Gold bekomme? Außerdem darf man mit vollem Magen doch sowieso nicht schwimmen.

»Das machst du schon. Du sollst ja wirklich jemanden retten können, wenn es mal ernst wird. Was ist, wollen wir?«

»Also, ich bin bereit.« Luca macht noch einen letzten Bissen und packt seine Mahlzeit zurück in die Tasche.

Ich werfe einen zweifelnden Blick auf meinen Freund, den ich eigentlich echt gut leiden kann, dann seufze ich ergeben.

»Okay, gehen wir!«

»Mach dir keine Sorgen, wir schaffen das schon«, versucht Luca mir Mut zu machen und hängt sich von hinten an meine Schultern. Ich hole tief Luft und schwimme los. Luca ist schwer wie ein nasses Kopfkissen. Der Idiot lässt seine Beine einfach so nach unten ins Wasser sinken. Ich habe noch nicht einmal die Hälfte geschafft, da merke ich, dass mir die Puste ausgeht.

Ich versuche, die Entfernung zum Ziel abzuschätzen, und überlege, wie viele Meter ich noch durchhalten muss, da sehe ich Kira und Noah schräg vor mir mit wilden Gesten am Beckenrand stehen. Und dann höre ich sie auch schon: »Pau-li-na, Pau-li-na, Pau-li-na!«

»Du schaffst das!«, brüllt Noah zwischendurch.

Augen zu und ab durch die Mitte. Die beiden haben recht. Ich pack das! Was, wenn Luca wirklich mal absäuft und ich ihn in echt retten muss?

»Pau-li-na, Pau-li-na ...«

Geschafft! Mit letzter Kraft komme ich am anderen Beckenende an.

Als ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, merke ich, dass mir die Knie wackeln. Aber das geht ratzfatz vorbei und die Freude nimmt überhand.

»Hier, das hast du dir wirklich verdient, Paulina!« Herr Schneider drückt mir Ausweis und goldenes Abzeichen in die Hand. Noah greift nach dem Stück Stoff und glotzt es neidisch an. »Cool! Das kannst du dir auf deine Bikinihose nähen.«

Ich bin tatsächlich ein bisschen stolz. Na ja, ehrlich gesagt, megastolz!

»Das muss gefeiert werden!«, verkünde ich. »Und? Wer hat jetzt Lust auf Pommes?«

»Na, wir!«, rufen meine Freunde und wir rennen los.

Die Schlange vor dem Büdchen ist bestimmt zwanzig Meter lang, aber wir lassen uns nicht aufhalten und düsen einfach dran vorbei bis zum Nebeneingang.

Meine Oma schmeißt hier im Schwimmbad nämlich den Laden. Wenn es richtig heiß ist, so wie heute, dann helfe ich ihr manchmal beim Eisverkauf. Dafür bekomme ich den ganzen Sommer freien Eintritt ins Bad und eine kostenlose Pommes-Flatrate – das gilt für meine besten Freunde natürlich auch.

»Ich hab bestanden, Oma, guck mal!« Stolz halte ich Abzeichen und Ausweis hoch. Meine Oma wühlt gerade in der Eistruhe herum, wahrscheinlich wieder auf der Suche nach irgendeiner Sorte, die längst ausverkauft ist. Sie hebt den Kopf und lächelt mich an.

»Paulina, das ist ja toll! Ich habe aber ehrlich gesagt auch nichts anderes erwartet. Du tummelst dich ja momentan mehr im Wasser als auf dem Land.«

»Was suchst du denn, Oma?«

»Ach, das Cola-Kratzeis.«

Meine Oma hat Stress. Hier tobt heute aber auch wirklich der Bär. »Soll ich dir helfen?«

»Nein, lass mal gut sein, mein Schatz. Du hast heute schon genug geleistet.«

Ich überlege einen kurzen Moment, ob ich nicht doch mit anpacken soll, da höre ich im Nebenraum ein Klappern. Oma hat also schon Hilfe.

»Na gut. Dann mach ich für mich und meine Freunde eine Fuhre Pommes, okay? Kira, Luca und Noah warten draußen.«

»Ja, mach das.«

Gut gelaunt stoße ich die Tür zur kleinen Küche auf.

»Hallo, Wischmopp!«

Mist! Mit der habe ich nicht gerechnet. Normalerweise schläft Katta in den Sommerferien immer bis mittags. Meine doofe Schwester steht vor der Fritteuse und grinst mich blöd an. Ich schiebe sie zur Seite und schmeiße vier Schaufeln Pommes in den Frittierkorb. Ausweis und Abzeichen lege ich vorher in sicherer Entfernung auf den Tisch, damit sie keine Fettspritzer abbekommen.

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»Boah, versorgst du schon wieder deine verfressenen Freunde? Oma ist bald pleite, wenn du so weitermachst!« Katta wird bald fünfzehn und führt sich deswegen immer auf wie die Oberchefin. Das nervt!

»Hat der riesige Pickel auf der Stirn etwa deinem Gehirn geschadet?«, erwidere ich und gehe schnell in Deckung, weil ich damit rechne, dass sie irgendwas nach mir schmeißen wird. Die kleinen gelben Dinger, die momentan haufenweise auf ihrer Haut sprießen, sind nämlich ihr absolut wunder Punkt. Aber Katta bleibt erstaunlich ruhig, viel zu ruhig, genau genommen.

Argwöhnisch warte ich darauf, dass doch noch etwas durch die Luft fliegt, aber meine Schwester führt anderes im Schilde.

»Was ist das?«, will sie wissen und greift mit ihren fettigen Pommesfingern nach meinem Ausweis. »Zeig doch mal.«

»Geht dich nix an«, fahre ich sie an, aber es ist leider schon zu spät.

»Jugendschwimmabzeichen in Gold ... Ich wusste ja gar nicht, dass du schwimmen kannst!«, lästert Katta.

»Und ich wusste nicht, dass du lesen kannst! Hätte ich echt nicht von dir erwartet.«

»Jetzt hast du noch eine große Klappe, Wischmopp, aber bestimmt nicht mehr lange. Wart mal, bis du heute nach Hause kommst. Ma hat nämlich eine ganz tolle Neuigkeit für dich.« Katta wedelt mir mit dem Ausweis vor der Nase herum. »Den kannst du in Zukunft sicher gut gebrauchen.«

»Was denn für eine Neuigkeit? Sag schon!« Schnell schnappe ich mir den Ausweis.

»Lass dich überraschen. Ich hab Ma versprochen, dir nichts zu verraten. Sie will es dir selber sagen.«

»Na dann ...«

Wahrscheinlich spinnt Katta wieder nur rum und will sich wichtig machen. Wenn es wirklich irgendwas von Bedeutung wäre, könnte Katta nie im Leben dichthalten, auch wenn sie es versprochen hat. Ich beschließe also, meine blöde Schwester zu ignorieren, und kümmere mich um die Pommes.

Kurz darauf stehe ich, beladen mit einem großen Tablett leckerer Fritten, wieder in der Sonne bei meinen Freunden.

»Hier, Leute, viermal Pommes spezial!«

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Das überlebe ich nicht!

»Mutsch, bist du da?«, rufe ich in den Flur hinein und werfe meine Schwimmtasche vor die Badezimmertür. »Mutsch?«

»In der Küche!«

Meine Mutter presst gerade Zitronen für selbst gemachte Limonade aus. Sie wischt sich die Hände ab und strahlt mich an.

»Ich hab was für dich.«

Noch bevor ich ihr von meiner bestandenen Prüfung erzählen kann, drückt sie mir einen Briefumschlag in die Hand.

»Hier.«

»Von wem ist der?« Ob ich vielleicht den Schreibwettbewerb gewonnen habe, bei dem ich letzten Monat mitgemacht habe?

»Schau doch mal auf den Absender!«

Neugierig drehe ich den Umschlag um.

Internat Bernstein

»Was wollen die denn noch? Die haben doch schon längst abgesagt.« Ein mulmiges Gefühl steigt in mir hoch. Meine Mutter lächelt weiter vor sich hin. Katta und ihr blöder Spruch von vorhin fallen mir wieder ein. Ich ziehe den Brief raus. Und dann lese ich:

Sehr geehrte Frau Pempelfurt,
wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Ihrer Tochter Paulina im Nachrückverfahren ein Stipendium für unser Internat Bernstein zugesprochen wurde. Aufgrund der hohen Anmeldungen wird die Jahrgangsstufe 7 in diesem Jahr erstmalig zweizügig angeboten.
Der Unterricht beginnt am ...

»Ich geh da nicht hin!« Fassungslos starre ich auf das weiße Blatt Papier und die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen.

»Aber, Paulina, warum denn nicht? Ich habe gedacht ... Freust du dich gar nicht?«

Freuen??? So wie ich das verstehe, soll ich demnächst auf dieses versnobte Internat gehen, von dem alle so angetan sind! Mit alle meine ich meine Mutter und meinen Vater. Und natürlich meine Klassenlehrerin, Frau Blumenthal. Die war da früher nämlich selbst mal Schülerin. Ständig erzählt sie uns Geschichten darüber, wie toll es da zuging und was sie dort so alles erlebt hat. Als sie erfahren hat, dass man in diesem Jahr Schüler für ein Stipendium vorschlagen kann, hat sie ausgerechnet an mich gedacht. Aus irgendeinem Grund hat sie einen Narren an mir gefressen. Meine Eltern waren von der Idee natürlich gleich begeistert.

Und ich?

Ich hätte nie, nie gedacht, dass die mich da haben wollen! Meine Noten sind nämlich nicht gerade berauschend. Eine Drei in Englisch und in Mathe bin ich dieses Jahr auch nur ganz knapp an einer Vier vorbeigerutscht. Normalerweise braucht man für ein Stipendium absolute Traumnoten. Deswegen haben wir auch eine Absage bekommen – und die Sache war für mich erledigt. Und jetzt das!

»Ich geh da nicht hin!«, wiederhole ich noch mal und gebe den Brief meiner Mutter zurück. »Da ist bestimmt was schiefgelaufen. Mein Notendurchschnitt ist doch viel zu schlecht. Außerdem hängen da bestimmt nur reiche Schnösel rum. Was soll ich denn da?«

»Die Noten sind nur ein Teil der Auswahlkriterien. Du hast mit deinem Einsatz für die Vorleserunde im Seniorenheim alle beeindruckt. Und da eine zweite siebte Klasse eingerichtet wird, vergeben sie eben noch einen Platz. Paulina, das ist eine wahnsinnig große Chance für dich. Für dein Leben – und für deine Zukunft!«

»Mein Leben ist aber hier. Meine Freunde sind hier, Oma, Opa – und ihr!«

»Ach, Paulina, du findest bestimmt ganz schnell neue Freunde. Wart mal ab, das wird sicher schön. Frau Blumenthal hat sich doch so für dich eingesetzt, damit du den Platz dort bekommst. Sie kann dich wirklich gut leiden. Und sie hält große Stücke auf dich.«

»Aber warum denn ausgerechnet ich? Ich versteh das nicht, ehrlich.«

»Weil du ihr sehr ähnlich bist. Frau Blumenthal hat mir erzählt, dass sie früher auch schon so viel gelesen hat wie du. Ihr seid beide ausgesprochene Leseratten.«

Was? Ich soll meiner Lehrerin ähnlich sein? Und zur Belohnung muss ich jetzt ins Internat? Das wird ja immer schlimmer!

»IHR habt mich dafür vorgeschlagen. Ich wollte doch gar nicht. Außerdem will ich keine neuen Freunde. Mir reichen meine, die ich hier habe. Im Internat sind bestimmt alle total eingebildet.«

»Ach Quatsch, so elitär ist es dort auch wieder nicht.«

»Elitär?«

»Na, überheblich, arrogant ... Im Internat gibt es ganz sicher viele nette Schüler. Frau Blumenthal war da schließlich auch mal. Und die findest du doch wirklich in Ordnung, oder?«

»Ja, schon, aber ...«

»Warum hast du denn nicht gleich gesagt, dass du gar nicht möchtest?«

»Weil ich dachte, dass es sowieso nicht klappt. Und weil, ach, ich weiß auch nicht ...« Plötzlich merke ich, wie das mulmige Gefühl aus dem Bauch nach oben kriecht, bis in meinen Hals. Ich kann nicht mehr sprechen. Und obwohl ich es gar nicht will, laufen mir Tränen über das Gesicht.

Aus Wut auf die blöde Blumenthal. Und auf mich selbst!

»Ach, Paulina«, seufzt meine Mutter und geht auf mich zu. Aber ich drehe mich einfach um, renne aus der Küche, die Treppe rauf, in mein Zimmer. Dass die Tür laut hinter mir zuknallt, will ich eigentlich nicht. Es passiert einfach so. Ich werfe mich auf mein Bett und schluchze mir die Seele aus dem Leib.

Es dauert nicht lange, da sitzt meine Mutter neben mir. »Ich kann dich nicht zwingen, Muckelchen. Und das möchte ich auch gar nicht. Ich habe wirklich gedacht, dass du dich freust. Bernstein ist ein sehr gutes Internat, in dem du viele Möglichkeiten hättest. Es gibt sogar ein Schreiblabor da – unterstützt von einer echten Autorin. Du willst doch mal Schriftstellerin werden! In dieser Schule wird sehr viel Wert auf die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit gelegt.«

Das blöde »Muckelchen« kann meine Mutter sich sparen. So hat sie mich früher immer genannt, wenn ich trotzig war. Aber ich bin keine drei mehr, und ich mucke auch nicht grundlos rum, weil ich kein Eis bekomme oder so. Ich soll abgeschoben werden. So sieht das für mich aus!

»In der Schule haben wir auch eine Schreib-AG!« Okay, das stimmt zwar, aber genau genommen kann man die beiden Stunden echt in die Tonne kloppen. Die Brinkmann ist so was von grottenlangweilig! Wir haben die letzten sechs Wochen vor den Sommerferien jedes Mal voll kindisch über irgendwelche Elfen und Feen geschrieben.

»Überlege es dir noch mal, Schatz. Das Internat Bernstein liegt auf einer Flussinsel im Rhein, total romantisch. Ich bin mir ganz sicher, dass es dir dort gefallen wird. Wie gesagt, ich zwinge dich nicht. Aber ich fände es schön, wenn du es dir wenigstens für ein paar Wochen anschauen würdest. Was hältst du davon?«

Für ein paar Wochen? Auf einer Insel? Hilfe! Das überlebe ich nicht, niemals! Eher raufe ich mich hier noch mit Katta zusammen. Notfalls würde ich sogar mit ihr in ein Zimmer ziehen. Obwohl ich das genau genommen wahrscheinlich auch nicht überleben würde. Deshalb schiebe ich den Gedanken auch ganz schnell wieder weit weg.

»Paulina?«

»Hm?«, schniefe ich.

»Solch eine Chance bekommst du so schnell nicht wieder. Du hattest enorm Glück, dass du noch nachgerückt bist. Versprich mir, dass du es dir, na sagen wir mal ... vier Wochen lang anschaust, ja?«

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»Vier Wochen? Und was passiert so lange mit meinen Täubchen?« Opa hat mir und Kira jeweils drei Brieftauben geschenkt. Wir haben ganz hart mit ihnen gearbeitet, damit wir uns gegenseitig Nachrichten schicken können.

»Die sind bei Opa im Garten gut aufgehoben, das weißt du doch. Und außerdem kann Kira sich ja um sie kümmern.«

»Hm ...«

»Ach komm, Paulina, gib dir einen Ruck.«

»Na gut. Aber wenn es mir da auf der Insel gar nicht gefällt, darf ich wieder nach Hause, versprochen?« Wenn ich mich jetzt stur stelle, zieht meine Mutter niemals ab.

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»Versprochen, Muckelchen.« Mutsch streichelt über mein Haar.

»Wenn du mich noch einmal Muckelchen nennst, sag ich für den Rest meines Lebens nur noch Mutti zu dir.« Meine Mutter findet, es klingt irgendwie alt, wenn ich sie Mutti nenne, also haben wir uns auf Mutsch geeinigt. Ich versuche ein Lächeln hinzukriegen, bin mir aber sicher, dass es eher wie ein schiefes Grinsen aussieht.

»Abgemacht!«, sagt Mutsch. Dann lässt sie mich endlich allein.

Wir haben drei vor acht. Kiras Mutter ist sehr streng, wenn es ums Telefonieren geht. Seitdem wir eine Flat füreinander haben, rufen wir uns ständig gegenseitig an oder schicken uns Nachrichten. Deswegen muss meine beste Freundin spätestens um acht ihr Handy ausschalten, weil wir sonst angeblich die ganze Nacht durchquatschen würden.

In Windeseile tippe ich eine SMS:

Notfall! Kannst du noch tel?

Es dauert keine zehn Sekunden, da klingelte auch schon mein Handy.

»Was ist los?«, flüstert meine Freundin. »Du hast Glück gehabt, ich wollte gerade ausschalten.«

»Hör mir bloß auf mit Glück! Meine Mutter hat mich mit der tollen Nachricht überrascht, dass ich doch einen Platz im Internat bekommen habe. Und dann hat sie auch noch gedacht, ich würde mich darüber freuen.«

»Was? Die Sache war doch schon längst vom Tisch! Du veräppelst mich, oder?«

»Nein, damit würde ich nie spaßen. Die Lage ist ernst, Kira, todernst sozusagen. Ich geh kaputt in dem blöden Laden, ganz sicher.«

»Mist, verdammter!«

»Das kannst du wohl laut sagen.«

»Und jetzt?«

»Ich will da nicht hin! Das Problem ist nur, dass ich meiner Mutter versprochen habe, es mir wenigstens mal anzuschauen.«

»Dann komm ich mit!«

»Das wär cool. Aber deine Eltern erlauben doch nie, dass du hier die Schule verpasst.«

»Stimmt. Dann guck es dir an und komm einfach am nächsten Tag wieder zurück.«

»Das geht nicht. Ich hab meiner Mutter vier Wochen versprechen müssen.«

»Was? So lang? Das halt ich aber nie im Leben aus ohne dich!«

»Frag mich mal! Du hast wenigstens noch Luca und Noah. Und wen hab ich? Ich bin dann ganz allein. Die sind bestimmt alle total eingebildet da. Das Internat Bernstein befindet sich auf der Flussinsel Rosenwerth, wie sich das schon anhört, voll wichtigtuerisch! Aber wenn ich mich jetzt doch weigere, hält meine Mutter mir das bestimmt ständig vor. Was mach ich denn jetzt?«

»Hm ... Was wäre denn, wenn du hinfährst, es dir aber dort sehr schnell ganz doll schlecht gehen würde? So mit Heimweh, Bauchschmerzen, nix mehr essen können und allem Drum und Dran? Dann dürftest du bestimmt gleich wieder zurück – und du hättest es immerhin versucht. Dann wäre dir bestimmt keiner böse.«

»Meinst du?«

»Ja, aber lass uns morgen weiterquatschen. Meine Mutter ist im Anmarsch ...«

An Kiras Idee ist was dran. Meine Eltern sind bestimmt nicht sauer, wenn ich ganz schnell wieder nach Hause komme, weil ich mich dort überhaupt nicht wohlfühle und deswegen womöglich richtig krank werde. Immerhin habe ich es mir dann wenigstens mal angesehen. Und außerdem ist das mit dem Krankwerden wahrscheinlich noch nicht mal gelogen. Mir wird nämlich jetzt schon ganz komisch bei dem Gedanken, dass die mich tatsächlich in ein Internat abschieben wollen. Und dann befindet sich das blöde Ding auch noch auf einer Insel in einem Fluss! Das heißt, dass ich wahrscheinlich gar nicht ausbüxen kann, wenn das mit Kiras Idee nicht hinhaut. Vier Wochen überlebe ich das auf keinen Fall, so viel steht schon mal fest!

Bei dem Gedanken kommen mir fast wieder die Tränen, doch da höre ich Katta die Treppe hochpoltern. Und bestimmt stürmt sie gleich in mein Zimmer rein, natürlich ohne vorher anzuklopfen. Ich schnappe mir also schnell das Buch, das neben dem Bett auf dem Nachttisch liegt, und tue so, als würde ich lesen.

Katta reißt die Tür auf und starrt mich neugierig an. War ja klar. »Und?«

»Was, und? Schon mal was von Anklopfen gehört?«

»Oh, Prinzessin Wischmopp macht mal wieder einen auf sensibel.«

Katta ist drei Jahre älter als ich und heißt eigentlich Katharina. Ungefähr seit einem halben Jahr führt sie sich auf wie eine Verrückte. Sie besteht darauf, dass alle sie Cat nennen. Ich weigere mich standhaft. Ist doch nicht mein Problem, dass meine größenwahnsinnige Schwester beschlossen hat, Popstar zu werden. Katta hat ihre eigene Band gegründet, die »Cats and Dogs«. Sie ist natürlich die Leadsängerin. Ich kam wesentlich besser mit ihr klar, als sie noch in ihrer Hippiephase war, in der sie ihre Haare verfilzen ließ, damit sie aussehen wie Rastalocken. Kattas Haare sind von Natur aus rot, so wie meine. Aber von Locken weit und breit keine Spur. Deswegen ist sie höllisch neidisch, was sie natürlich niemals zugeben würde. Dass sie mich Wischmopp nennt, ist also genau genommen ein Kompliment. Nur ist sie zu doof, das zu verstehen.

»Ich wollte eigentlich nur nett sein und fragen, wie’s dir geht«, erklärt meine Schwester. »Ich hab nämlich vermutet, dass du gar nicht ins Internat willst. Deswegen wollte ich mal nachfragen.«

»Ja, klar.« Katta und nett? Niemals! »Mir geht’s blendend! Könntest du mich jetzt bitte in Ruhe lassen? Ich will lesen.«

»Jetzt sag doch mal: Gehst du wirklich ins Internat?« Katta bleibt einfach in der Tür stehen und nervt weiter.

»Ja«, sage ich, in der Hoffnung, dass sie dann verschwindet.

»Hätte ich dir gar nicht zugetraut. Nicht schlecht, Schwesterchen.«

Ich blättere demonstrativ die Seite um und tu so, als würde ich weiterlesen, doch das hält Katta nicht davon ab, sich zu mir ans Bett zu setzen. So wie Mutsch vorhin. Was ist denn mit der los? Ob Mutsch sie gezwungen hat, jetzt besonders nett zu mir zu sein? Ansonsten Taschengeldentzug oder so?

»Sag mal, wenn du dann eh nur noch selten zu Hause bist, meinst du, wir könnten vielleicht unsere Zimmer tauschen?«

Das ist jetzt nicht wahr! Ich klappe das Buch zu und starre meine Schwester fassungslos an. Mir fehlen echt die Worte, im Gegensatz zu Katta. Die redet ganz unbekümmert weiter.

»Mein Zimmer ist doch direkt über dem Schlafzimmer. Ma und Dad beschweren sich immer, wenn ich abends noch rumlaufe. Wegen der blöden Holzdielen kriegen die jeden Schritt mit. Und du bist ja dann nur noch am Wochenende hier.«

Das reicht! »Nimm doch einfach beide Zimmer!«, schlage ich vor. »Dann hast du viel mehr Platz. Ich kann ja im Gästezimmer schlafen, wenn ich mal hier bin.«

»Echt?«

»Nein!« Wütend schnappe ich mir ein Kissen und schmeiße es an ihren dämlichen Kopf. Dann springe ich aus dem Bett und baue mich vor Katta auf. Wie kackendreist ist die denn? Die glaubt doch nicht ernsthaft, ich würde ihr kampflos mein Zimmer überlassen!

»Das ist mein Zimmer. Und das wird es auch bleiben!«, schreie ich. »Und jetzt raus hier!«

»Boah!« Katta steht auf, geht im Zeitlupentempo zur Tür und zieht sie mit einem Rums hinter sich zu.

Ich reiße die Tür noch einmal auf. »Und komm bloß nicht auf die Idee, dich irgendwie hier einzunisten, während ich weg bin.«

»Ist ja schon gut. War doch nur ’ne Frage.« Katta zuckt mit den Schultern, dann verkrümelt sie sich in ihr Zimmer, das auf der anderen Seite des Flurs liegt.

Noch ein Grund mehr, möglichst schnell wieder zurückzukommen!

Ich lasse den Blick durch mein Zimmer schweifen. Wir haben erst letztes Jahr alles hier verändert. Die rosafarbene Prinzessin-Lillifee-Tapete ist einer schlichten hellgelben gewichen. Über dem Bett habe ich in bunten Bilderrahmen ganz verrückte Fotos von Kira und mir aufgehängt. Auf der anderen Seite prangt ein riesiges Poster von Bilbo aus Der Hobbit, mein absoluter Lieblingsfilm – und mein allerabsolutes Lieblingsbuch!

Super, jetzt geht es mir wie dem Hobbit, ich muss auch eine unerwartete Reise antreten. Nur dass es auf der Insel Rosenwerth keine Elben, Zwerge und Orks geben wird, aber dafür ganz sicher Streber, Spießer und Schnösel. Da will ich nicht hin. Ich will hierbleiben!

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Ich atme einmal durch, dann hole ich mir Der Hobbit aus meinem proppevollen Bücherregal. Ich liebe Bücher. Beim Lesen kann ich in fremde Welten eintauchen, ohne mich einen Zentimeter bewegen zu müssen. Ich mache es mir also auf dem Bett gemütlich und fange an zu lesen. Aber irgendwie kann ich mich nicht richtig konzentrieren. Ständig schweifen meine Gedanken ab. Ob das klappt mit Kiras Plan?

Was, wenn nicht?

Jetzt bloß nicht wieder heulen, denke ich, da höre ich plötzlich ein leises Klacken, das von der Fensterscheibe herkommt, so als würde jemand zaghaft anklopfen. Das ist doch nicht etwa ...

»Lady Gaga!« Kira hat meine Brieftaube zu mir geschickt. Und sie ist wirklich hier bei mir angekommen, zum ersten Mal! Schnell öffne ich das Fenster. Lady Gaga lässt sich ohne Probleme von mir hochnehmen.

»Das hast du wirklich toll gemacht«, lobe ich sie, trage sie vorsichtig in mein Zimmer und setze mich mit ihr aufs Bett. Lady Gaga ist meine absolute Lieblingstaube. Sie sieht voll schräg aus. Körper und Flügel sind schneeweiß, ihr Kopf ist dunkelgrau. Über beiden Augen kann man einen helleren breiten Strich erkennen, so als hätte sie sich geschminkt.

Ich glaube ehrlich gesagt, dass Lady Gaga ein kleines bisschen verrückt ist. Aber genau das mag ich an ihr. Wenn ich die Musik laut aufdrehe, wackelt sie ganz doll mit ihrem Kopf hin und her. Und fängt an, komisch zu gurren. Es klingt kratzig, so als wäre sie ständig erkältet.