Für meine Mutter, ohne die ich nie geworden wäre,
was ich heute bin.

DER ÜBERFALL

Seine Hände waren eiskalt. Er rieb sie aneinander, das trockene Schaben war der einzige Laut in dem ansonsten stillen Wald. Die eisige Luft war eine Frechheit, vor allem so spät im Frühling. Sobald er diese Sache hinter sich gebracht hatte, würde er in eine wärmere Gegend umziehen. Doch nun war er hier und die Sonne ging langsam unter.

Sie würde jeden Moment vorbeikommen. Dann würde ihm die Kälte egal sein. Seine Hände würden warm sein. Er hauchte die Handflächen an und summte dieses Lied, das ihm immer ein Lächeln entlockte: »The Long and Winding Road«.

Er hörte ein Knacken. Ein Knirschen. Die feinen Härchen auf seiner Haut stellten sich auf. Er erhob sich ein wenig aus der Hocke, gerade weit genug, um durch die Drahtgestellbrille über den zerklüfteten Felsbrocken zu spähen, hinter dem er sich versteckte. Bei ihrem Anblick entfuhr seiner Kehle ein Seufzen. So klein, so keck, so vollkommen selbstvergessen. Ihr blondes Haar baumelte in einem dicken Zopf über ihren Rücken. Es waren ihre Haare gewesen, die ihn verführt hatten. So dick, so weich, so viele unterschiedliche Goldtöne. Sie hatte keine Ahnung, wie schön es war. Wie schön sie war. Dafür liebte er sie.

Sie lief um die verdorrte Eiche und setzte zum Sprung über einen Graben voll rutschiger, vom Wasser abgeschliffener Steinbrocken an. Es war so weit. Er vergewisserte sich, dass seine graue Kuriertasche aus Segeltuch vollständig unter einem Laubhaufen verborgen war, und trat hinter dem Felsen hervor. Ein dünner abgebrochener Birkenzweig knackte unter seinem schweren Stiefel.

Sie erstarrte, dann schnellte sie mit weit aufgerissenen Augen herum, sah ihn aber nicht. Er konnte ihre Angst spüren. Die Arme um sich geschlungen, hastete sie ein paar Schritte weiter, der schwere Rucksack schlug ihr gegen die Wirbelsäule. Er trat auf einen weiteren Ast, dieses Mal mit Absicht. Wieder blieb sie stehen. Nun konnte er ihre Angst schmecken, er genoss die herbe Salzigkeit beim Schlucken. Sie begann zu rennen. Als sie zurückblickte – sie blickten immer zurück –, trat er vor sie auf den Pfad. Sie prallte gegen ihn und schrie auf. Er wankte nicht einmal. Sie wog ja so gut wie nichts. Ihr Aufschrei erfüllte ihn mit ehrlicher Freude.

Er packte sie an den Armen. Sie wich zurück, die Augen weit aufgerissen, die Haut straff gespannt, das Gesicht bleich. Dann sah sie ihn. Erkannte ihn. Ihr Körper sackte vor Erleichterung zusammen.

»Mr Nell! Oh, mein Gott!« Sie presste die Hand aufs Herz. Alles war gut. Sie kannte ihn. Nun fühlte sie sich sicher. Dummes Ding. »Sie haben mir aber ganz schön Angst eingejagt! Was machen Sie hier im Wald?«

Er ließ sie für diesen einen kurzen Moment los. Gönnte ihr diesen Augenblick vertrauensvoller Sicherheit. Dann leckte er sich die Lippen.

Mehr war nicht nötig. Die Angst kehrte zurück, dieses Mal noch heißer und schneller. Sie wich einen Schritt zurück, aber sie standen am Rande des Grabens. Sie schwankte, wie er es vorausgesehen hatte. Er packte sie am Handgelenk und nutzte den Schwung ihrer Bewegung, um sie herumzureißen und den Rucksack mit der freien Hand herunterzuzerren. Als sie erneut zum Schrei ansetzte, drückte er einen Arm auf ihren Hals, den anderen über ihren Mund. Er schleifte sie rückwärts vom Pfad weg, ihre Haare, ihre köstlichen Haare streiften seine Lippen.

Sie wehrte sich natürlich. Sie wehrten sich immer. Die einzig unbekannte Größe war, wie lange sie durchhalten würde. Wie lange sie kämpfen würde, bevor ihr die Unausweichlichkeit des nächsten Schritts klar werden würde. Bevor sie es akzeptierte. Einige kämpften bis zum bitteren Ende, kratzten, tritten, bissen, schlugen mit ihren kleinen Fäusten nach ihm, bis er ihnen die letzte Kraft geraubt hatte. Andere flehten bloß. Es war egal, was sie taten. Das Ende war immer dasselbe.

Rory Miller würde ihn vermutlich anflehen. Da er sie seit Monaten beobachtete, wusste er, dass sie kein besonders mutiges Mädchen war. Abgesehen von ihrer Begeisterung für die Naturwissenschaften und ihrer Fähigkeit, bei fast jedem Crosslauf Dritte zu werden, war sie eher phlegmatisch. Eigentlich war nichts an ihr besonders. Mit Ausnahme ihrer Haare. Ihre wunderschönen, goldenen Haare.

Er nahm eine Strähne in den Mund.

Sie wollte wieder schreien, aber sein Griff war zu fest, als dass ein Laut hätte herauskommen können. Der Felsbrocken war nur noch wenige Handbreit entfernt. Er malte sich aus, wie er ihren Schädel gegen die rasierklingenscharfe Kante schmettern würde, wie diese eine klaffende Wunde in ihre Kopfhaut reißen würde. Allerdings wäre auf diese Weise alles viel zu schnell vorbei.

Als er den Felsblock erreichte, trat er auf ein nasses Blatt und rutschte aus. Für den Bruchteil einer Sekunde versuchte er, das Gleichgewicht wiederzufinden, und sein Griff lockerte sich ein wenig. Es war ein winziger Fehler, aber er genügte. Mit einem Aufschrei rammte sie ihm den spitzen Ellbogen in den Solar Plexus.

Zusammengekrümmt rang er nach Luft, die nicht kam. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er stützte sich mit der Hand auf den kalten Felsen und blinzelte, bis er wieder alles deutlich erkennen konnte. Da sah er das spitze abgebrochene Ende eines Astes auf sein Gesicht zukommen.

Er hörte den Hieb. Schmeckte das Blut schon Sekunden, bevor er den entsetzlichen Schmerz spürte. Seine Brille flog ihm von der Nase. Er fiel mit den Knien in den eisigen Matsch, den der Blutstrom aus seiner Nase schnell rot färbte.

»Du Nutte!«, schrie er, den Mund voller Blut.

Aber sie war schon fort.

Nein. Nein. Nein. Das durfte nicht sein. Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche, hielt es vor die Nase und schwankte weiter. Zweige und Dornengestrüpp peitschten gegen seine Arme, Unterholz zerrte an seinen Füßen, der eisige Wind schlug ihm ins Gesicht, aber er verlangsamte seinen Schritt nicht. Er hatte sie schon geschmeckt. Er musste sie haben.

Ohne Brille sah alles verschwommen aus. Dann erspähte er sie. Für einen kurzen Moment. Das weiße Segeltuchfutter ihrer Kapuze. Er rannte schneller. Er konnte sie wieder fühlen. Ihre Angst spüren. Er brauchte sie bloß einzuholen, dann gehörte sie ihm. Er spreizte die Finger. Sie schmerzten. Nur noch ein paar Zentimeter, dann hätte er sie. Nur. Noch. Ein. Paar. Zentimeter.

Grelles Licht blitzte auf. Bremsen quietschten. Er hörte ihren Schrei schon, bevor ihm klar wurde, was gerade passierte. Sie hatte den Waldrand erreicht. Sie hatte die Straße erreicht. Und nun war sie entweder tot oder in Sicherheit.

Instinktiv warf er sich auf den Boden. Seine Nase pochte. Der Schweiß bildete einen Film auf seiner Haut und gefror ihn von außen nach innen. Er hörte Stimmen. Alarmierte Ausrufe. Sehr langsam schlich er in den Wald zurück, den er so gut kannte. Verkroch sich im Gebüsch. Hier konnte er sich verstecken. Er konnte abtauchen. Niemand würde ihn finden. Aber das war nicht genug. Er hatte sie geschmeckt. Er hatte sie geschmeckt. Er hatte sie geschmeckt. Wie sollte er mit dem Wissen weiterleben, ihr so nah gekommen zu sein? Dieses Verlangen blieb unbefriedigt. Für den Augenblick. Aber er würde nicht ruhen, bis er sie hatte.

Nicht tot, betete er, während er tiefer in die nahende Dunkelheit zurückwich. Bitte lass sie nicht tot sein.

Solange sie nicht tot war, bestand noch eine Chance. Wenn sie nicht tot war, würde er einen Weg finden. Er fand immer, immer einen Weg.

ENTKOMMEN

Das raue Ende eines dünnen Zweiges riss meine Wange auf. Ich keuchte, meine Lunge brannte bei jedem Atemzug. In meiner Panik sah ich alles so verschwommen, dass ich nicht mehr erkennen konnte, wohin ich rannte. Mein Fuß verfing sich in einer Baumwurzel und ich stürzte nach vorn. Ich schrie, denn ich dachte, er wäre hinter mir, würde mich einholen, hochreißen und meinem Tod entgegenzerren. Ich rappelte mich auf die Knie hoch und rang nach Luft. Ich spürte seinen heißen Atem in meinem Nacken. Seine Finger berührten meine Schulter, wieder schrie ich auf. Aber als ich herumschnellte, war niemand da. Ich zwang mich aufzustehen und rannte weiter.

Wie eine Klaue tauchte vor mir ein Zweig auf, ich wehrte ihn ab und sprang über einen umgestürzten Ahornstamm. Als ich auf der anderen Seite aufkam, wäre ich um Haaresbreite wieder gestürzt. Das hier war nicht wahr. Es durfte einfach nicht wahr sein. Mr Nell war mein Lehrer. Er war ein netter Typ. Lustig. Alle fanden ihn auf seine altmodische, unbeholfene Lehrerart cool. Das hier musste ein Albtraum sein, und bestimmt wachte ich jeden Moment auf und würde darüber lachen, dass ich ihn je für real gehalten hatte.

Ich hörte einen Ast hinter mir knacken. Einen Schritt. Er kam näher. Er hatte mir in die Augen geblickt und sich die Lippen geleckt. Er hatte meine Haare in den Mund genommen und gestöhnt.

Galle stieg in meiner Kehle auf. So würde ich nicht sterben. Diese Befriedigung würde ich ihm nicht geben. Ich würde aufs College gehen, Ärztin werden, heiraten und Kinder bekommen, Preise gewinnen, ein Strandhaus kaufen und in dem Wissen, während meiner legendären Karriere zahllose Leben gerettet zu haben, im Kreise meiner liebenden Familie sterben. Oder ich würde, wie meine Schwester Darcy immer sagte, allein und von meinen Katzen umgeben sterben. Aber nicht so. Ein Adrenalinstoß ließ mich weiterstürmen und mit einem Mal hörte der Wald auf. Es gab keine Blätter, kein Dornengestrüpp, kein Unterholz mehr. Nur noch Asphalt, der die Knie meiner Jeans durchscheuerte, und einen Geländewagen, der auf mich zukam.

Das Letzte, was ich sah, bevor ich die Hände hochwarf, war der glänzende silberne Kühlergrill, der geradewegs auf mein Gesicht zuhielt. Danach ein schreckliches, ohrenbetäubendes Quietschen und die Welt reduzierte sich auf den Gestank verbrannten Gummis.

Ich hielt die Luft an und wartete auf den Aufprall.

»Rory?«

Ich blinzelte. Über mir war Christophers Gesicht. Sein schönes, makelloses, erschrockenes Gesicht. Sein dunkles Haar war aus der Stirn gekämmt und noch nass von der Dusche in der Schule.

»Oh Gott, was ist mit dir?«

Während er mich an beiden Armen packte und von der Straße zog, sah ich zum Wald zurück. Als ich versuchte, mich hinzustellen, gaben meine Knie nach, ich stützte mich auf ihn und klammerte mich mit meinen schmutzigen Händen an die Ärmel seiner schwarz-weißen Mannschaftsjacke. Mein einer Handrücken war blutverschmiert, die Manschette meines Ärmels voller Schlamm. Ich zitterte am ganzen Leib.

»Steig in den Wagen!«, schrie ich.

»Was?« Seine warmen braunen Augen sahen mich fragend und verwirrt an. »Rory, was …«

»Steig in den Wagen, Chris!«, schrie ich noch einmal. »Wir müssen hier weg!«

Während ich auf die Beifahrertür zutaumelte, behielt ich den Wald im Blick. Die Bäume bogen und drehten sich vor meinen Augen und der Boden unter mir neigte sich. Ich stützte mich auf die Kühlerhaube, um nicht umzukippen, und atmete gegen das Schwindelgefühl an. Ich durfte jetzt nicht aufgeben. Nicht, wenn ich beinahe in Sicherheit war.

»Ich halte dich«, sagte Christopher in mein Ohr.

Er half mir in den Wagen und schlug die Tür zu. Mit zitternden Fingern drückte ich so lange auf die Verriegelung, bis sie endlich einrastete. Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr und schreckte hoch, doch als ich einen buschigen Schwanz sah, wurde mir klar, dass es bloß ein Eichhörnchen war, das einen Baumstamm hinaufhuschte.

»Rory, was geht hier vor sich?«, fragte Christopher und setzte sich hinters Steuer. »Warum bist du so schmutzig?«

»Fahr einfach, Chris. Bitte«, flehte ich. Mein Körper fing so heftig zu zittern an, dass es wehtat. Ich versuchte, die Luft anzuhalten, versuchte, das Zittern in den Griff zu bekommen, aber es wollte nicht aufhören. Nicht einmal, als ich die Hände unter die Achseln schob und die Knie aneinanderpresste und die Zähne zusammenbiss. Es wollte einfach nicht aufhören.

»Aber wir sind fast bei mir …«

»Bring mich bitte einfach zu mir nach Hause«, flehte ich. »Und ruf die Polizei.«

»Warum?«, fragte Christopher. Er musterte mich von oben bis unten, sein Gesicht war bleich. »Rory«, sagte er mit angespannter Stimme. »Was ist passiert?«

»Mr Nell«, stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Mr Nell hat mich angegriffen.«

»Mr Nell, der Mathelehrer?«, platzte er heraus und nahm die Kurve am Ende seiner Straße in einem so großen Bogen, dass er fast einen Wagen gerammt hätte, der am Stoppschild wartete. Mir wurde flau im Magen, als der andere Fahrer hupte. Ich stemmte mich gegen die Autotür und Chris’ Sitz.

Chris fuhr an den Seitenrand. Eine tiefe Sorgenfalte auf der Stirn, sah er mich an, und mein Herzschlag setzte aus. Innerhalb von Sekunden wechselte sein Blick von verblüfft zu resigniert, zu mörderisch. Erst in diesem Moment begriff ich, was er für mich empfand. Dort, in jenem schrecklichen Moment, als die Autos so schnell vorbeifuhren, dass der Wagen bebte.

Wie hatte ich ihn abweisen können? Hätte ich einfach Ja gesagt, mich nicht um Darcys Gefühle geschert, so, wie sie sich die meiste Zeit auch nicht um meine kümmerte, wären Chris und ich jetzt ein Paar gewesen. Wir hätten die Schule an diesem Tag gemeinsam verlassen, und er hätte mich zu sich nach Hause gefahren, damit ich seiner Schwester Nachhilfe geben konnte. Hätte ich einfach Ja gesagt, hätte ich niemals diese Abkürzung durch den Wald genommen und nichts von dem hier wäre passiert.

»Er hat nicht …« Auf Chris’ Hals bildeten sich rote Flecken, die zu seinem Gesicht hochwanderten. »Rory, er hat nicht …«

Es drehte mir den Magen um, als mir bewusst wurde, was er mich da fragte. Ich schüttelte den Kopf. »Nein.« Ein Schluchzen entfuhr meiner Kehle und ich schlug beide Hände vors Gesicht. »Nein.«

Chris ließ sich in seinen Sitz zurücksinken. »Gott sei Dank.« Er drückte auf den Bluetooth-Knopf auf dem Armaturenbrett.

Plötzlich hallte die Stimme eines Mannes durch das Auto. »Notrufzentrale der Polizei. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Meine Freundin – eine Freundin von mir wurde überfallen.« Chris versagte die Stimme.

»Ist Ihre Freundin jetzt bei Ihnen?«, fragte der Mann.

»Ja«, antwortete Christopher. »Sie ist hier. Es geht ihr … gut.«

Er griff nach meiner Hand und drückte sie so fest, dass es schmerzte.

»Wo sind Sie?«

»Wir sitzen in meinem Auto auf der Siebzehnten, kurz vor Fisher’s Crossing«, sagte er. »Aber der Typ läuft noch frei herum. Mr Nell. Ich weiß nicht, wie er mit Vornamen heißt. Er unterrichtet an meiner Schule. An der Princeton Hills High-school. Er ist noch immer im Wald.«

»Ihre Namen?«, fragte der Mann.

»Christopher Kane und Rory Miller.«

»Gut, Sir. Bleiben Sie, wo Sie sind. Wir schicken sofort jemanden zu Ihnen.«

»In Ordnung«, sagte Christopher. »In Ordnung.«

Es fing zu regnen an, dicke Tropfen klatschten auf die Windschutzscheibe. Christopher drückte auf den Knopf, um das Gespräch zu beenden. Eine ganze Weile sagte keiner von uns ein Wort und wir saßen wie erstarrt da. Schließlich stieg Chris aus, lief um das Auto herum auf meine Seite und quetschte sich neben mich. Ich kletterte auf seinen Schoß und er schloss die Tür und hielt mich einfach nur fest. Ich vergrub mein Gesicht an seiner Brust und atmete den intensiven Wollgeruch seiner Jacke ein, dann schloss ich die Augen und versuchte, das Bild von Mr Nells Gesicht zu verdrängen. Ich versuchte, an etwas anderes zu denken. Irgendetwas anderes. An meine Mutter, wie sie mich ein paar Monate vor ihrem Tod angelächelt hatte. An meinen Vater, als er mich zum ersten Mal zum Laufen mitgenommen hatte. An meine Schwester, als sie an Thanksgiving im roten Tutu und mit der herzförmigen Sonnenbrille Pirouetten gedreht und eine Show für die Familie abgezogen hatte. Doch das Bild von Mr Nell löschte eine Erinnerung nach der anderen aus. Dieses hässliche Cordjackett, das die Farbe von Erbrochenem hatte. Der Sprung im Glas seiner Drahtbrille. Die Triefaugen. Die gelben Zähne. Die dünnen, trockenen Lippen. Die schlüpfrige Zunge. Es wollte. Einfach. Nicht. Aufhören.

Ich wimmerte leise und Christopher drückte mich fester an sich.

»Schon gut«, flüsterte er. »Es wird alles gut.«

Aber ich wusste in meinem Herzen, dass er sich irrte. Nichts würde jemals wieder gut sein.

NUMMER FÜNFZEHN

Verschwommen nahm ich das rote und blaue Blinken des Streifenwagens wahr. Christopher blickte starr geradeaus, sein Atem jedoch ging erstaunlich gleichmäßig, als er dem Polizeiwagen die kurvenreiche Straße hinunter folgte, in der ich wohnte. Die Scheibenwischer schlugen hin und her, viel zu schnell für den schwächer werdenden Nieselregen. Er parkte in der Nähe unseres Hauses, vor dem zwei Dutzend Streifenwagen standen, ein schwarzer Transporter hielt halb im Vorgarten, halb auf der Straße.

»Wow«, sagte er leise.

Langsam und benommen kletterte ich aus dem Wagen. Ich wollte nur noch unter die Dusche, mich in Embryohaltung auf den Kacheln zusammenrollen und dort liegen bleiben, bis ich mich wieder sauber fühlte. Aber die Beamten schienen andere Pläne zu haben.

»Rory?« Mein Vater löste sich aus der Gruppe uniformierter Polizeibeamter und ernst blickender Männer in Trenchcoats und kam auf den Wagen zugestürmt. Sein weißes Button-Down-Hemd hing ihm aus der Hose, sein abgewetztes Tweedjackett stand offen. Die Augen waren blutunterlaufen, die Nase rot und auf seinem dunklen Haar glitzerten Regentropfen. Als er mich erreichte, schlang er die Arme um mich, seine Finger bohrten sich in meine Schulterblätter.

Dutzende Fremde und Nachbarn musterten uns, während ich verlegen und steif dastand. Ich konnte mich nicht erinnern, wann er mich das letzte Mal in den Arm genommen hatte. Mein Vater holte mich immer noch von der Schule ab, wenn ich krank war, und wenn er Zeit hatte, kochte er auch unsere Lieblingsgerichte. Doch seit dem Tod meiner Mutter war er abends nicht mehr in unsere Zimmer gekommen, um nach uns zu sehen oder uns einen Gutenachtkuss zu geben. Er hatte sich in sich selbst zurückgezogen. Aber unter diesem Panzer, den er sich zugelegt hatte, schwelte und brodelte es, als könnte sein Zorn jeden Augenblick aus ihm hervorbrechen.

Mit heulender Sirene fuhr ein weiterer Streifenwagen vor. Die Umarmung fand ein abruptes Ende. Darcy stand, die dünnen Arme über ihrem Cheerleadertrikot der Princeton Hills Highschool verschränkt, in der Nähe, die Kapuze hatte sie zum Schutz vor dem Nieselregen über die dunkelbraunen Haare gezogen. Christopher wollte aus dem Auto steigen, doch als sich ihre Blicke trafen, blieb er sitzen. Mein Vater räusperte sich.

»Rory, bist du okay?«, fragte er. »Als die Polizei bei mir im Hörsaal aufgetaucht ist, dachte ich …« Seine Stimme versagte, und er griff unbeholfen nach meinem Handgelenk, als wollte er sich vergewissern, dass es mich wirklich noch gab. »Wenn dir etwas geschehen wäre …«

»Mir geht es gut«, versicherte ich ihm. »Ich bin bloß …«

»Was hast du dir dabei gedacht?«, fuhr er mich plötzlich an und ließ mich los. Ich zuckte zusammen und wich instinktiv einen Schritt zurück. »Allein durch diesen Wald zu laufen?! Er hätte dich umbringen können!«

Da war er wieder, der Vater, den ich kannte. Schnell gereizt und noch schneller dabei, anderen die Schuld zuzuschieben. Es war seltsam beruhigend – ein Stück Normalität an einem unwirklich scheinenden Tag.

»Dad, lass sie in Ruhe!«, fuhr Darcy ihn an.

Er wurde rot und blickte zu Boden, um niemandem in die Augen sehen zu müssen.

»Geh rein«, sagte er leise, aber hart.

Ich zog den Kopf ein. Tränen brannten in meinen Augen, als ich zitternd auf das Haus zuging. Darcy lief im Gleichschritt neben mir her, so nah, dass sich unsere Schultern im Laufen streiften. Ich konnte nur kurz zu Christopher zurückschauen. Er hob die Hand vom Lenkrad und deutete ein Winken an, sein Mund presste sich zu einem angespannten Lächeln zusammen, das mir wohl Mut machen sollte. Plötzlich wollte ich nur noch zurück in dieses Auto, zurück zu ihm, dorthin zurück, wo ich mich sicher gefühlt hatte. Doch er ließ den Motor aufheulen und von einer Sekunde auf die andere war er verschwunden.

Sobald wir im Haus waren, knallte mein Vater die Eingangstür hinter uns zu. Dann stutzte er plötzlich. Im Wohnzimmer stand neben der Wand mit den gerahmten Kinderbildern von Darcy und mir eine zierliche Frau mit tropfendem Basecap und schwarzem Mantel. Mehrere Männer in blauen Overalls durchsuchten das Erdgeschoss, sicherten an Wänden und Oberflächen Spuren, während ein anderer die Treppe zum Obergeschoss hochstieg.

»Wer sind Sie?«, wollte mein Vater wissen.

»Ich heiße Sharon Messenger.« Sie zog eine Brieftasche hervor und zeigte uns ihre Dienstmarke. Drei fette große Buchstaben sprangen mich an: FBI.

Mein Herz begann, schmerzhaft zu pochen.

»Warum ist das FBI hier?« Mein Vater runzelte die Stirn.

Die Ermittlerin überhörte seine Frage und wandte sich an mich. »Ist das der Mann, der Sie angegriffen hat?«, fragte sie und tippte auf ihr Smartphone. Augenblicklich erschien Mr Nells Gesicht auf dem Bildschirm, allerdings sah er wesentlich jünger aus und trug einen Schnurrbart und eine viereckige schwarze Brille statt des goldenen Drahtgestells.

»Ja«, sagte ich und drehte mich weg. »Das ist er. Das ist Mr Nell.«

Agent Messenger presste die blassen Lippen aufeinander. Sie hängte ihren regennassen Mantel an den Kleiderständer und deutete auf das Sofa. »Warum setzen wir uns nicht?«

»Warum sagen Sie uns nicht erst, was hier gespielt wird?«, fuhr mein Dad sie an und straffte die Schultern. Dad war früher Sportler gewesen, ein schlanker Crossläufer wie ich. Nach dem Tod meiner Mutter hatte er jedoch aufgehört zu trainieren, hatte aufgehört zu laufen und mittlerweile sah er einfach nur noch müde und schwächlich aus.

»Dad«, schimpfte Darcy, »jetzt fang bitte keine Streiterei an!«

Die Augen meines Vaters funkelten, aber er setzte sich in den alten Fernsehsessel. Ich ließ mich auf das äußerste Ende des Sofas fallen, zog die Knie ans Kinn und schlang die Arme um mich. Darcy setzte sich ans andere Ende, während Agent Messenger auf dem abgetretenen Orientteppich auf und ab ging, den meine Eltern in ihren Flitterwochen gekauft hatten.

»Der Mann, den Sie unter dem Namen Steven Nell kennen, heißt in Wirklichkeit Roger Krauss«, sagte sie unvermittelt. »Das FBI sucht seit über einem Jahrzehnt nach ihm.« Sie blieb stehen und sah mir in die Augen. Die nassen schwarzen Locken, die ihr am Hals klebten, wirkten auf ihrer milchweißen Haut wie Tätowierungen. »Er hat vierzehn Mädchen in zehn Bundesstaaten ermordet. Zuerst stellt er ihnen nach. Dann macht er Jagd auf sie und … Sie hatten Glück, dass Sie entkommen konnten.«

Mir gefror das Blut in den Adern. Vierzehn Mädchen. Er hatte vierzehn Mädchen umgebracht. Und ich hätte die Nächste sein sollen. Ich war Nummer fünfzehn.

»Das kann nicht sein«, platzte Darcy heraus und schob sich die Kapuze aus dem Gesicht. »Mr Nell ist ernsthaft ein Serienmörder?«

»So, wie es aussieht, ja«, erwiderte Messenger.

Plötzlich fing das Zittern wieder an. Zum ersten Mal bemerkte ich die getrockneten Blätter auf der Unterseite meiner Ärmel. Ich zupfte sie hektisch ab, wobei meine Fingernägel an der Wolle rissen, und warf sie auf den Boden.

Die Ermittlerin nahm ihr Basecap ab und wischte sich Wassertropfen von der Stirn. Sie hatte lilafarbene Ringe unter den Augen, ihre Wangen wirkten eingefallen, und in ihren dunklen Haaren schimmerten einige graue Strähnen, obwohl sie kaum älter als fünfunddreißig sein konnte. Wie viel Zeit hatte Messenger im letzten Jahrzehnt wohl mit der Suche nach Mr Nell verbracht – und war gescheitert?

»Krauss ist schlau. Genial, genau genommen«, sagte Messenger ruhig, als würde sie über das Wetter oder einen Film sprechen, den sie die Woche zuvor gesehen hatte, und nicht über einen skrupellosen Killer. »Er verwischt immer seine Spuren und ist ein Meister im Abtauchen. Jedes Mal wenn wir kurz davor sind, ihn zu schnappen, entwischt er uns.« Messengers Telefon piepte in der Hüfttasche. Sie warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm, bevor sie es wieder wegsteckte. »Wir hatten Geheimdienstinformationen erhalten, wonach er sich möglicherweise hier in New Jersey aufhält, und nun haben wir unseren Beweis. Im Moment sucht jeder Polizeibeamte und Agent in der Stadt nach ihm.«

»Gut«, sagte Darcy. »Ich hoffe, sie knallen ihn ab.«

»Darcy«, sagte mein Vater warnend.

»Um ehrlich zu sein, kann ich ihr da nicht widersprechen, Sir«, sagte Messenger und hob die Hände.

»Agent Messenger?«, rief jemand.

Der Mann, der die Treppe hochgegangen war, tauchte mit einer Plastiktüte in der Hand auf. Darin befand sich ein kleines schwarzes Quadrat mit einem Kabel. Eine Überwachungskamera. »Die haben wir im Schlafzimmer des Mädchens gefunden. Sie war in den Lamellen der Kleiderschranktür versteckt.«

»Oh Gott.« Darcy klappte vor Entsetzen die Kinnlade runter, als sie sich zu mir drehte.

Ich bekam keine Luft. Er war in unserem Haus gewesen. Er hatte mich beobachtet. Das Zittern wurde unkontrollierbar.

»Bringen Sie die Kamera ins Labor«, sagte Messenger mit einem knappen Nicken. »Finden Sie den Übertragungsradius heraus. Vielleicht führt er zu einem Versteck in der Nähe.«

Mein Magen krampfte sich zusammen. »Wie lange war sie hier installiert?«, flüsterte ich.

Die dunklen Augen der Agentin blickten milder. »Das lässt sich nicht sagen«, antwortete sie sanft.

Ich dachte an mein Zimmer mit den buttergelben Wänden, an mein Mikroskop und an meine Biologiebücher. Es war der Raum, in dem ich meine Hausaufgaben machte und meine Versuche durchführte, von dem ich meine Freunde anrief, in dem mir meine Mutter früher Geschichten von einem Frosch namens Neville erzählt hatte, wenn ich nicht einschlafen konnte. Es war der Raum, in dem ich jeden Morgen aufwachte und mich anzog und …

Ich rannte zur Toilette im Flur und kniete mich auf den Fliesenboden vor die Kloschüssel. Ich erbrach mich, bis mein Magen leer war. Danach lehnte ich mich gegen die Wand und schloss die Augen, blind tastete ich nach der Spülung. Plötzlich kam Mr Nells Gesicht auf mich zu, und ich drückte die Handballen auf die Augenhöhlen, um das Bild zu loszuwerden.

Wenn ich doch bloß das Wissen hätte auslöschen können, dass Mr Nell mich in meinem Zimmer beobachtet und die intimsten Momente meines Lebens ausspioniert hatte – der Mann, der immer in Großbuchstaben und dreifach unterstrichen GUTE ARBEIT unter meine Tests geschrieben hatte, der Typ, der mich letzten Herbst dazu überredet hatte, an einem landesweiten Mathewettbewerb teilzunehmen, dem ich getraut und den ich als meinen Mentor betrachtet hatte. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so missbraucht gefühlt. Ich musste fliehen. Ich musste duschen. Ich musste mich säubern. Ich musste allein sein.

»Ich gehe hoch!«, rief ich, als ich von der Toilette kam.

»Warte.«

Mein Vater stand mit besorgter Miene am Ende des Flurs. Er zögerte verlegen, bevor er fragte: »Alles in Ordnung mit dir?«

Tränen schossen mir in die Augen. Mein Vater durchmaß mit zwei Schritten das Wohnzimmer, nahm den Mantel der Ermittlerin vom Kleiderständer und reichte ihn ihr. Ich konnte kaum fassen, was ich sah. Mein Vater und ich hatten gerade kommuniziert. Wir hatten einander tatsächlich verstanden.

»Vielen Dank, dass Sie vorbeigekommen sind, aber ich glaube, meine Tochter braucht jetzt ein bisschen Ruhe. Wenn Sie und die anderen Beamten also nichts dagegen haben, würde ich Sie bitten …« Mein Vater versuchte, Agent Messenger zur Tür zu drängen. Sie rührte sich jedoch nicht von der Stelle.

»Es tut mir leid, Sir, aber das geht nicht«, sagte Messenger und legte den feuchten Mantel über den Arm. »Es ist nicht sicher für Sie alle, hier allein zu sein. Es kann gut sein, dass Krauss mit Ihrer Tochter noch nicht abgeschlossen hat.«

Mein Herz raste. Ich krallte die Hände zusammen, damit dieses Zittern aufhörte. Noch nicht mit mir abgeschlossen? Was in aller Welt sollte das heißen?

»Ihr Haus erhält Personenschutz«, sagte Messenger und drehte sich zu mir, um mir in die Augen zu schauen – sie schien zu wissen, wie dringend ich ein paar beruhigende Signale und Worte gebrauchen konnte. »Ich möchte nicht, dass einer von Ihnen das Haus verlässt, bevor Krauss festgenommen ist und hinter Gittern sitzt. Das bedeutet keine Schule, keine Arbeit, absolut nichts.«

»Was ist mit meinen Seminaren?«, fragte Dad. Seine Arbeit bedeutete ihm alles, zumindest seit Mom gestorben war. »Das Sommersemester hat gerade erst angefangen.«

»Ich bin überzeugt, dass die Universität einen Ersatz finden wird«, sagte Messenger bestimmt.

»Dann muss ich wohl auch meine Bioabschlussprüfung nicht machen«, sagte meine Schwester grinsend.

Mein Vater funkelte sie böse an. »Wir werden dafür sorgen, dass uns deine Schule über alle Hausaufgaben informiert.«

Darcy sank enttäuscht in sich zusammen.

Nur mühsam konnte ich mich auf die beiden konzentrieren. Plötzlich war ich wieder im Wald und rannte um mein Leben, fühlte wieder Nells Atem in meinem Nacken, gleichzeitig gingen mir Messengers Worte einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Nicht sicher. Nicht sicher. Nicht sicher.

»Sie erwischen ihn aber, oder?«, bohrte ich nach, als ich meine Stimme wiederfand. »Ich meine, mit der ganzen Polizei und so, die nach ihm sucht … da kann er doch nicht entkommen.«

»Ich wünschte, es wäre irgendwie anders gekommen, Rory, aber das war tatsächlich genau der Hinweis, der uns gefehlt hat.« Messenger legte mir beruhigend die Hand auf den Arm, ihre dunklen Augen sahen mich eindringlich an. »Mit etwas Glück haben wir ihn morgen früh.«

BALD

»Was soll das heißen, Sie haben ihn immer noch nicht gefunden?«, wollte mein Vater wissen.

»Es tut mir leid. Wir vermuten, dass er sich noch in der Stadt aufhält, aber er ist abgetaucht«, sagte Messenger erschöpft. Ihre schwarzen Hosen rutschten ihr über die schmalen Hüften. »Ich kann Ihnen versichern, dass wir alles tun, was in unserer Macht steht. Es ist bloß noch eine Art Wartespiel.«

Warten. Das war alles, was wir taten. Eine ganze Woche war vergangen, und wieder standen wir im Wohnzimmer versammelt und hörten Messenger zu, die uns immer nur mit irgendwelchen Sprüchen abspeiste. Ich lehnte mich mit dem Kopf gegen die Couch und starrte den Riss an der Decke an, den ich schon die ganze Woche beobachtet hatte. Er war seit letztem Freitag irgendwann länger geworden und arbeitete sich von der Ecke bei der Tür langsam zur Mitte des Raums vor. Neben mir hörte Darcy damit auf, mit ihren silbern lackierten Nägeln auf den Laptop einzuhämmern.

»Moment«, sagte sie, klappte den Computer zu und erhob sich. »Wollen Sie uns damit sagen, dass wir immer noch nicht rauskönnen?«

»Ja, genau das versuche ich gerade, Ihnen zu erklären«, erwiderte Messenger und rieb sich die Stirn.

»Nein. Das kann nicht sein«, blaffte Darcy. »Heute Abend ist Becky Mazrows Abschlussparty. Auf die freue ich mich schon das ganze Jahr. Um nichts in der Welt werde ich mir hier die Kardashians auf dem Computer anschauen, während meine ganze Klasse bei Betty feiert.«

»Darcy«, sagte mein Vater ungeduldig.

»Was?« Sie hob die Schultern. »Sie können mich ja von einem Personenschützer oder so was begleiten lassen«, sagte sie zu Agent Messenger. »Nur wegen der Unfähigheit dieser ganzen Leuten da sitzen wir schließlich wie eine Flüchtlingsfamilie hier fest.«

»Es heißt nicht Unfähigheit«, sagte ich leise.

Darcy überhörte meinen Kommentar.

»Tja, ich glaube nicht, dass Ihre Party für den Staat oberste Priorität hat«, erwiderte Messenger.

»Das kann ja wohl nicht sein! Sie haben gesagt, Sie würden ihn noch ›in der Nacht‹ festnehmen«, rief Darcy und deutete mit den Fingern Anführungszeichen an. »Das war vor einer Woche!«

»Es tut mir leid, aber …«

»Was tut Ihnen leid? Dass Sie Ihren Job nicht auf die Reihe kriegen?«, schoss Darcy zurück.

»Darcy!«, polterte mein Vater.

Sie verstummte und ließ sich, das Kinn trotzig vorgestreckt, auf dem Sofa zurücksinken. Aber sie hatte recht. Es war nicht gerecht, dass wir in unserem Haus festsaßen. Es war absolut unverständlich, warum das gesamte FBI nicht in der Lage war, einen einzelnen Typen festzunehmen. Ich hätte bloß nie den Mut aufgebracht, das auszusprechen.

»Und … nun?«, fragte ich und verschränkte die Arme vor meinem E = mc²-Sweatshirt. »Warten Sie einfach, bis er sich irgendwann zeigt? Oder einen Fehler macht? Sie haben doch behauptet, er wäre genial. Wie groß ist da die Chance, dass er einen Schnitzer macht und erwischt wird?«

Messenger brauchte nicht zu antworten. Ihre resignierte Miene sprach Bände. Ich zog die Knie ans Kinn und schlang die Arme so fest um mich, wie ich konnte. Was, wenn sein Fehler darin bestand, in mein Zimmer einzudringen und mich zu erstechen, bevor irgendjemand etwas dagegen unternehmen konnte? Machte sich irgendjemand mal darüber Gedanken?

»Unglaublich«, sagte mein Dad und warf die Hände hoch. Er ging zum Fenster und blickte auf die beiden Streifenwagen, die untätig am Ende der Auffahrt herumstanden. Sie waren seit dem Tag, an dem ich überfallen worden war, eine bleibende Konstante. Unten am Fenster blinkte in regelmäßigen Abständen ein rotes Licht. Es war Teil einer aufwendigen Alarmanlage, die das FBI im Haus installiert hatte.

»Ich glaube, ich ertrage das nicht mehr lange. Hoffen wir mal, dass meine Vertretung heute Abend diese Prüfung durchzieht«, brummte er. »Wenn sie die ausfallen lässt, bringt das mein ganzes Benotungssystem durcheinander.«

Darcys Telefon vibrierte und sie stöhnte. »Das ist schon wieder Betty. Sie dreht mir den Hals um, wenn ich nicht zu ihrer Party erscheine.«

»Es reicht jetzt!«, platzte ich heraus und stand auf. Ich hatte plötzlich das Gefühl, keine weitere Sekunde neben ihr sitzen zu können. »Da draußen läuft ein Mörder frei herum, der es auf uns abgesehen hat! Ich fass es nicht, dass du dir wegen einer Party Sorgen machst!« Meinen Vater hätte ich auch gern angeschrien – weil ihm eine dämliche Prüfung so wichtig war –, aber das tat ich natürlich nicht. All meine zornigen Gedanken über meinen Vater blieben immer genau das – Gedanken.

Darcy verdrehte die Augen. »Ich weiß, dass du noch nie auf einer Party warst, Rory«, bemerkte sie sarkastisch. »Aber die machen echt Spaß.« Sie musterte mich von oben bis unten und schob langsam ihr Telefon in die Hosentasche. »Und vielleicht stehst du ja auf Hausarrest.«

»Ich stehe auf Sicherheit«, konterte ich.

»Warum überrascht mich das nicht?«, schoss sie zurück. »Du hockst sowieso den ganzen Tag in der Bude mit deinem kleinen Stethoskop und deinen ganzen Messbechern …«

»Es ist ein Mikroskop«, fauchte ich.

»Auch egal. Es ist jedenfalls kein Wunder, dass du noch nie einen Freund hattest.«

»Darcy!«, fuhr mein Vater sie an. »Das reicht jetzt.«

Darcy warf mir einen giftigen Blick zu.

In meinem Mund breitete sich ein bitterer Geschmack aus. So sehr ich die Sache zwischen Christopher und mir geheim halten wollte, in diesem Moment hätte ich es ihr gern ins Gesicht geschleudert. Und ihr bewiesen, dass sie nicht die Einzige war, die ein Leben hatte, nicht die Einzige, die andere attraktiv fanden, nicht die Einzige, die glücklich sein wollte.

Wie auf Kommando meldete mein Telefon eine neue SMS. Als ich sah, dass sie von Christopher war, huschte ein schwaches Lächeln über mein Gesicht.

Irgendwas Neues?

Chris hatte sich ein paarmal per SMS erkundigt, wie es mir ging. Ein paar von den Crossläufern hatten sich ebenfalls gemeldet. Sie hatten alle dieselben Fragen, Fragen, die sie niemals gestellt hätten, wenn sie nur einen Augenblick nachgedacht hätten. Zum Beispiel: Hattest du Angst? oder: Dachtest du, du müsstest sterben? Und meine absolute Lieblingsfrage: Ist dein ganzes Leben noch mal an dir vorbeigezogen?

Nein. Nein, ist es nicht. Was ich gesehen hatte, waren die Dinge um mich herum gewesen. Die knospenden Blätter an den Bäumen, der bewölkte Himmel, der Schmutz unter meinen Fingernägeln. Das Einzige, was mir durch den Kopf ging, war: Das sind die letzten Dinge, die ich sehen werde. Ich würde im Wald sterben. In demselben Wald, in dem Darcy und ich früher Peter Pan und Fluch der Karibik gespielt hatten. In dem Wald, in dem ich mir den Arm gebrochen hatte, als ich auf einen Baum kletterte, um Darcy und ihrem ersten Freund hinterherzuspionieren. In dem Wald, in den ich mich, wenn Darcys Sticheleien so gnadenlos wurden, dass ich sie nicht mehr ertragen konnte, davongestohlen hatte, um die alten Enzyklopädien meiner Mutter zu lesen.

Ich drückte auf Antworten.

Nein. Darf das Haus immer noch nicht verlassen.

Dann steckte ich das Telefon wieder in die Bauchtasche meines Sweatshirts.

Darcy warf mir einen scharfen Blick zu. »Wer war das?«

»Niemand«, beeilte ich mich zu sagen und hoffte, dass meine Wangen nicht so heiß aussahen, wie sie sich anfühlten.

Messenger rieb sich die Augen. »Sie haben niemandem von den Sicherheitsvorkehrungen hier erzählt, oder?«

»Nein, natürlich nicht«, sagte ich schnell und mit defensivem Unterton. Ich tat immer, was man mir sagte. Einen schrecklichen Moment lang fragte ich mich, ob Mr Nell mich deshalb ausgewählt hatte. Weil ich so vorhersehbar, so organisiert, so einfach zu verfolgen war.

Messenger wippte auf den Fersen und hielt kapitulierend die Hände in die Höhe. »Schon gut. Ich möchte bloß nicht, dass Ihnen noch einmal etwas passiert, Rory.«

Mein Herz krampfte sich zusammen, bis es wehtat. Es war eine neue Empfindung, etwas, das nach dem Überfall angefangen hatte, und zwar jedes Mal, wenn ich an Steven Nell dachte.

»Wissen Sie, ich verstehe, wie schwer es für Sie ist. Wirklich. Aber Sie müssen noch eine Weile durchhalten. Können Sie mir diesen Gefallen tun?«

Messenger klang ehrlich. Aber sie verstand es nicht. Niemand von ihnen verstand es. Sie verstanden nicht, wie es sich anfühlte, wenn einem ein Mörder auf den Fersen war und durch den Wald jagte. Der einzige Mensch, mit dem ich zusammen sein wollte, der einzige Mensch, bei dem ich mich seit dem Überfall sicher fühlte, war Christopher. Erneut krampfte sich mein Herz schmerzhaft zusammen, und plötzlich hatte ich das Gefühl, dass die Wände auf mich einstürzten und ich keine Luft mehr bekam.

Scheiß drauf. Ich würde ihn anrufen. Darcy würde es nie erfahren. Wenn sie nachfragte, würde ich ihr einfach erzählen, dass ich mich mit meiner Versuchspartnerin ausgetauscht hatte. Danach würde sie mich garantiert in Ruhe lassen.

»Ich geh auf mein Zimmer«, sagte ich und umklammerte schon heimlich das Telefon in meiner Bauchtasche.

Ich drehte mich um und nahm beim Hochlaufen zwei Stufen auf einmal – die bloße Vorstellung, Christophers Stimme zu hören, ließ mein Herz schneller pochen. Die Treppe ins Obergeschoss endete in einem breiten Absatz mit einem Oberlicht. Alle fünf Türen, die in drei Zimmer, ein Arbeitszimmer und ein Bad führten, waren geschlossen. Ich öffnete die erste auf der rechten Seite, die in mein Zimmer führte, und lehnte mich gegen das vertraute Holz. Ich zog das Telefon heraus, doch meine Hände zitterten so sehr, dass es mir herunterfiel. Einen Moment lang ließ ich es auf dem Boden liegen und holte tief Luft. Ich wollte ihn nicht anrufen, wenn ich atemlos und hysterisch klang. Ich brauchte einen Augenblick, um mich zu sammeln.

Als ich die Augen schloss, überkamen mich sofort Erinnerungen an unseren ersten – und einzigen – Kuss. Es war damals passiert, als ich ihm noch Nachhilfe gab, nicht seiner kleinen Schwester. Wir hatten am Schreibtisch in seinem Zimmer gesessen. Weil er darauf bestanden hatte, saß ich auf dem gepolsterten Schreibtischstuhl und er auf dem harten Küchenstuhl, den er die Treppe hochgeschleppt hatte. Da der Küchenstuhl ungefähr fünf Zentimeter niedriger war als meiner, befanden sich unsere Gesichter auf etwa gleicher Höhe. Ich war schon seit Wochen in ihn verknallt, aber er war seit einer Ewigkeit Darcys Freund, und ich hatte mich bis dahin immer ziemlich gut im Griff gehabt und das Periodensystem heruntergebetet oder die Präsidenten aufgezählt, wenn ich in Versuchung war, ihn anzustarren. Doch an diesem Abend konnte ich aus irgendeinem Grund den Blick nicht abwenden und sah ihn ständig an. Er hatte sich die Haare schneiden lassen und zum ersten Mal bemerkte ich die grünen Sprenkel in seinen braunen Augen. Es war kaum zu glauben, dass jemand, der so gut aussah, auf meine Schule ging, und plötzlich war ich eifersüchtig, weil Darcy ihn küssen durfte. Spüren durfte, wie es war, in seinen Armen zu liegen. Genießen durfte, dass er sie ansah, als wäre sie das einzige Mädchen auf Erden.

An jenem Abend kapierte Christopher plötzlich das Prinzip von Differenzialrechnungen, sprang auf und machte einen Freudensprung, als hätte er gerade einen Home-Run erzielt, und drehte meinen Stuhl im Kreis. Ich lachte und schloss benommen die Augen, wovon mir allerdings nur noch schwindliger wurde. Als er mich anhielt, öffnete ich die Augen wieder und sah nur noch sein Gesicht, als er seinen Mund auf meinen presste.

In dem Moment, als er mich berührte, schien sich etwas in mir zu lösen. Etwas, von dem ich nicht einmal geahnt hatte, dass es da war. Trotzdem stieß ich ihn zurück.

»Was tust du da?«, fragte ich streng.

»Ich hab mit Darcy Schluss gemacht«, platzte er atemlos heraus.

Plötzlich schien alles kopfzustehen. »Was? Wann?«

»Heute morgen. Hast du es nicht gehört?«

Ich verdrehte die Augen. Es sah ihm mal wieder ähnlich, davon auszugehen, dass jede Einzelheit seines Lebens innerhalb einer Nanosekunde jedes Ohr in der Schule erreichte.

»Nein. Sie … Ich habe sie nicht mal gesehen«, sagte ich.

»Naja, ich hab Schluss mit ihr gemacht, weil ich es nicht mehr ertragen konnte«, sagte Christopher und ging vor meinem Stuhl in die Hocke, wie er es als Catcher beim Baseball immer tat. »Die letzten paar Wochen, jedes Mal, wenn du hier warst …« Er redete nicht weiter und berührte meine Finger. »Rory, immer wenn du hier bist, kann ich nur daran denken.«

Er beugte sich vor und küsste mich noch einmal. Ich legte meine Arme um seinen Hals, und er drückte mich an sich und zog mich hoch, bis wir beide standen. Ich konnte nicht glauben, was da gerade passierte. Christopher mochte mich auch. Er hatte meinetwegen mit Darcy Schluss gemacht. Ich hatte es mir so lange gewünscht, und unfassbarerweise stellte sich heraus, dass er es auch gewollt hatte.

Christopher küsste mich wild und gierig und ich erwiderte seine Küsse. Er schmeckte nach Oreos und verströmte einen Duft nach Duschgel. Als wir auf sein Bett zutaumelten, war ich so aufgeregt und verblüfft und geschmeichelt und glücklich. Doch dann sah ich Darcys Gesicht vor mir und schreckte zurück.

»Wir dürfen das nicht tun«, sagte ich und holte schwer atmend Luft.

»Wegen Darcy?«, fragte er und griff nach meinem Handgelenk. Er umschloss es fest mit den Fingern. Im Vergleich zu seiner großen Hand wirkte mein Gelenk so schmal. Er schüttelte den Kopf. »Sie kommt darüber hinweg. Wir werden einfach …«

Ich kehrte ihm den Rücken zu und ließ die Beine über die Bettkante baumeln.

»Sie ist meine Schwester und sie ist in dich verliebt«, sagte ich. »Ich kann nicht …«

»Aber, Rory.« Er setzte sich hinter mich. »Ich bin nicht in sie verliebt.«

»Chris …«

»Rory«, sagte er aufgekratzt. Er rutschte vor mich, damit ich sein Gesicht sehen konnte. »Ich habe ungefähr zwei Monate lang versucht, dich nicht zu küssen. Jedes Mal wenn du herkommst, bin ich so aufgeregt, als wäre es eine Verabredung oder so was. Es ist erbärmlich, aber ich freue mich tatsächlich auf die Mathenachhilfe. Ich ertrage es nicht mehr. Und ja, es ist blöd, dass du die Schwester des Mädchens bist, mit dem ich die letzten zwei Jahre zusammen war, aber so ist es nun mal.« Er schob mir eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ich möchte mit dir zusammen sein, nicht mit ihr.«

So etwas Nettes hatte noch nie jemand zu mir gesagt. Jemand hatte mich erwählt. Ich unscheinbares, zu kluges, unbeholfenes Ding wurde der beliebten, bildschönen, witzigen Darcy vorgezogen. Aber Darcy war über beide Ohren in Christopher verknallt. Bei jeder SMS von ihm kriegte sie sich kaum noch ein. Sie trug seine Mannschaftjacke, selbst wenn die Heizung im Haus auf Hochtouren lief.

Ich wies ihn also zurück, stand auf und ging. Trotzdem kam er am nächsten Tag, als Darcy beim Cheerleader-Training war, und fragte mich, ob ich mit ihm zu einer Schulparty gehen würde. Aber obwohl ich nichts lieber getan hätte, lehnte ich erneut ab. Denn Darcy hatte die ganze Nacht in ihrem Zimmer geheult. Ich konnte ihr das nicht antun.

Das rhythmische Ticken des bunten Weckers, den mir meine Mutter zum zehnten Geburtstag geschenkt hatte, holte mich in die Gegenwart zurück. Mein Atem ging gleichmäßiger und ich fühlte mich ein wenig ruhiger. Vielleicht hatte ich damals nicht mit Christopher ausgehen können, aber ich konnte ihm zumindest sagen, was ich jetzt fühlte. Vor allem, nachdem sich Darcy so gemein aufgeführt hatte. Immerhin war die Erfahrung mit Steven Nell eine schreckliche Erinnerung daran, wie kurz das Leben war.

Als ich die Augen öffnete, nahm ich langsam mein Zimmer wahr. Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen. Ein Bild von meiner Mutter und mir an der Ziellinie meines ersten Wettlaufs flimmerte als Bildschirmschoner über meinen Laptop. Meine blaue Yogamatte, auf der ich meine Bauchübungen gemacht hatte, war noch auf dem Boden ausgebreitet, und in der Mitte lag mein heruntergefallenes Telefon. Unter dem weißen Bettüberzug schaute ein Laufschuh heraus. Ich stutzte. Ich hätte schwören können, dass ich mein Bett an diesem Morgen nicht gemacht hatte – seit dem Überfall hatte ich Albträume, und es fühlte sich sinnlos an, die Laken glatt zu ziehen, wenn ich sie sowieso jede Nacht zerwühlte. Nun waren die Ecken akkurat festgesteckt, die Kissen ordentlich aufgeschüttelt. Und auf dem Patchworkbettüberwurf lag eine einzelne rote Rose.

Einen Moment lang überlegte ich, ob Chris sie mir hingelegt hatte. Unter den dornigen Stiel der Rose hatte jemand eine kleine Grußkarte geschoben. Es schnürte mir die Kehle zu. Auf der Karte standen in allzu vertrauten Großbuchstaben und dreimal unterstrichen fünf unheilvolle Worte:

WIR WERDEN ZUSAMMEN SEIN. BALD.