eBook-ISBN: 978-3-649-62199-7

© 2015 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

Umschlaggestaltung: Anna Schwarz unter Verwendung

von Illustrationen von Sara Vidal

Redaktion: Valerie Flakowski

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-61759-4

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Band 3: Verrückt nach New York – erscheint im Herbst 2015 (eBook: 978-3-649-66776-6 / Buch: 978-3-649-61788-4)

Band 4: Verrückt nach New York – erscheint im Herbst 2015 (eBook: 978-3-649-66777-3 / Buch: 978-3-649-61776-1)

COPPENRATH

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Freunde gefunden. Und ich dachte, dass es nun keine unlösbaren Probleme mehr geben dürfte. Allerdings hatte ich bislang wenig Erfahrung mit Freundschaften, eigentlich gar keine. Deshalb war mir nicht klar, dass gerade Freunde mit einem vermeintlich kleinen Fehler eine große Katastrophe auslösen können, die die ganze Freundschaft in Gefahr bringen kann.

Eure Maxi

Kapitel 1

Spätestens als ich die Wetterwarnung im Radio hörte, hätte mir klar sein müssen, dass das Ganze in einer Katastrophe enden würde. Aber ich hatte noch nie einen Winter in New York verbracht. Ich lebte erst seit knapp drei Monaten in der Megametropole und bisher hatte sie sich zumeist von ihrer sonnigsten Seite gezeigt. Bis weit in den Dezember hinein reichte sogar mir eine Strickjacke, um auf die Straße zu gehen, obwohl ich schnell fror. Fünf Tage vor Weihnachten stürzte die Temperatur dann über Nacht ab und schlug unsanft zehn Grad unter dem Gefrierpunkt auf, sodass ich in meinem dünnen Mary-Quant-Mäntelchen vor Zähneklappern kaum noch sprechen konnte, sobald ich vor die Tür trat. Doch nicht einmal da kam ich auf die Idee, dass ich ein Problem haben könnte.

Ich packte also am 23. Dezember ordentlich einen Teil meiner Sommerklamotten in meinen Koffer, der es von der Größe ohne Weiteres mit einem Zwergpony aufnehmen konnte. Mit den wenigen Shirts und Röcken war er kaum zur Hälfte gefüllt. Auf dem Rückflug würde das anders aussehen, denn ich wollte ihn mit allen dicken Wintersachen vollstopfen, die ich besaß. Dabei versuchte ich, mich auf Weihnachten zu freuen, auf selbst gebackene Spekulatius und Glühwein, den es in New York nirgendwo zu geben schien, und auf das Wiedersehen mit meiner Omama. Aber so richtig wollte das mit dem Freuen nicht gelingen und dafür gab es drei Gründe:

  1. Ich machte mir Gedanken, weil ich seit Halloween nichts mehr von Alex gehört hatte. Dreimal waren wir uns zufällig über den Weg gelaufen, dabei hätte vermutlich schon ein einziges Treffen gereicht, um mich hoffnungslos in den Jungen mit den Meeraugen zu verlieben. Beim letzten Mal hatte er mir fest versprochen, dass wir uns wiedersehen würden. Aber seither: nichts! Und nun hoffte ich gegen jede Vernunft immer noch darauf, dass er sich melden würde. Was, wenn er ausgerechnet an Weihnachten versuchen würde, mich zu erreichen, während ich 6000 Kilometer entfernt unterm Weihnachtsbaum hockte?
  2. Ich machte mir Gedanken um Pinkstone. Vor zwei Monaten hatte die zuständige Behörde entschieden zu prüfen, ob das alte pinke Haus – mein Zuhause in New York – unter Denkmalschutz gestellt werden sollte. Doch bisher war nichts passiert. Mehrmals hatte ich schon bei der Denkmalkommission nachgefragt, wie weit das Verfahren fortgeschritten war, aber keine Antwort erhalten. Allmählich verließ mich die Hoffnung, dass die Kommission sich für den Erhalt von Pinkstone entscheiden würde, und dann würde der skrupellose Investor Miller das Haus doch noch kaufen und abreißen lassen. Das wäre das Aus für unsere schräge WG – ein Gedanke, den ich umso schlechter ertrug, als meine verrückten Mitbewohner mittlerweile meine Freunde geworden waren. Die ersten echten Freunde, die ich in meinem Leben gefunden hatte.
  3. Und ich machte mir Gedanken um meine geliebte Omama. Bei unserem letzten Telefonat hatte sie komisch geklungen, so, als würde sie mir etwas verheimlichen, und das war gar nicht ihre Art. »Es ist nichts, wirklich nicht«, hatte sie betont und schließlich auf mein Drängen erklärt: »Wir sprechen darüber, wenn du hier bist.« Womit schon mal klar war, dass nicht nichts los sein konnte. Und dieses Nicht-Nichts füllte meine hyperaktive Fantasie seit Tagen mit Horrorvisionen von Wohnungsbrand über Totalinsolvenz bis hin zu tödlichen Krankheiten.

Schluss mit Grübeln, Maxi! Schwungvoll klappte ich meinen Koffer zu. Punkt eins und zwei würden warten müssen, bis ich in einer Woche wieder in New York war. Und für Punkt drei – was auch immer das Problem sein mochte – würde ich eine Lösung finden, sobald ich erst einmal mit meiner Omama darüber gesprochen hatte. Deshalb war es jetzt umso wichtiger, dass ich rechtzeitig zum Flughafen kam, um meinen Flieger nicht zu verpassen. Ich schaltete das kleine pinke Radio aus, das ich nur hatte laufen lassen, um die Stille zu übertönen, die meine bereits zu ihren Familien gefahrenen Mitbewohner in Pinkstone hinterlassen hatten, gerade in dem Moment, als die Nachrichtensprecherin vor einem Jahrhundert-Blizzard warnte, der am Nachmittag New York erreichen sollte.

Als ich die schwere Holztür von Pinkstone hinter mir schloss, begann es zu schneien. Wie schön, dachte ich in einem Anflug von nostalgischer Rührung, weiße Weihnachten – und hoffte auf ähnliches Wetter in Deutschland. Vorsichtig bugsierte ich den Zwergponykoffer die wenigen Stufen vor dem Haus hinunter, die vom ersten Schnee bereits schmierglatt wurden. Wie schön, dachte ich wieder, während ich die bunt flackernden Rentiere vor unserem Nachbarhaus betrachtete, um die nun die weißen Flocken wirbelten.

Wie schön war auch die Bedford Avenue mit ihrer beleuchteten Straßendekoration. Die sonst so belebte Hauptstraße des quirligen Stadtteils Williamsburg lag im stärker werdenden Schneetreiben fast wie ausgestorben da, nur einige wenige New Yorker mit hochgeschlagenen Mantelkrägen und tief gezogenen Strickmützen hetzten in die kleinen Supermärkte, um diese kurz darauf voll beladen mit Dosensuppen und Wasserkanistern wieder zu verlassen. Spätestens bei diesem ungewohnten Anblick der leeren Straße hätte mir klar werden müssen, was auf mich und auf ganz New York zukam. Aber ich hatte ja keine Ahnung.

Mein kurzer Anflug von Weihnachtsnostalgie verflüchtigte sich erst schlagartig, als mir eine eiskalte Windböe waagerecht den Schnee ins Gesicht trieb. Brr! Ich beeilte mich, die rutschigen Stufen zur Subway-Station zu nehmen. Auf dem Bahnsteig drängten sich dick vermummte Gestalten mit mürrischen Gesichtern. Eine blecherne Stimme verkündete über die Lautsprecher, dass der L-Train mit dreißigminütiger Verspätung jetzt einfahren werde.

Der Zug aus Manhattan war bereits überfüllt, trotzdem drängten die Menschen vom Bahnsteig in die silberfarbenen Waggons, als ob es die letzte Möglichkeit wäre, hinaus in die Vororte zu gelangen – was tatsächlich stimmte, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die sonst eher toleranten New Yorker warfen mir einige böse Blicke zu, als ich nicht nur mich, sondern auch meinen Zwergponykoffer in den Mittelgang zu quetschen versuchte. »Stand clear off the closing doors« – Bitte die Türen freihalten – schepperte die übliche Ansage aus den Lautsprechern, doch es brauchte fünf Versuche, bis sich tatsächlich alle Türen schließen ließen und der Zug losrattern konnte.

Dann leerte er sich von Station zu Station, fast niemand stieg mehr zu. Im A-Train, der zum JFK-Flughafen fuhr, saßen außer mir nur noch vier Leute, drei Männer im Business-Outfit mit Rollköfferchen und eine dick vermummte kleine Frau, die ununterbrochen auf Spanisch in ihr Handy quatschte. Gegen die dreckigen Scheiben des Waggons peitschten die Schneeflocken inzwischen in solchen Massen, dass man kaum nach draußen schauen konnte. Ohnehin gab es dort nicht viel zu sehen, denn obwohl es erst früher Nachmittag war, hatte der Himmel sich so stark verdunkelt, dass es mir vorkam, als führe der Zug durch die tiefste Nacht. Langsam stellte sich auch bei mir eine böse Vorahnung ein.

Als uns der A-Train am Endhaltepunkt ausspuckte, war die Außentemperatur um gefühlte zwanzig Grad gefallen. Eiskalter Wind fegte mir den Schnee ins Gesicht, der sich auf meinen Wangen wie winzige Nadelstiche einbrannte. Der Air-Train, der die Station mit dem Flughafenterminal verbindet, war bereits ausgefallen. Mit gesenkten Köpfen warteten meine wenigen Mitfahrer und ich schlotternd eine Viertelstunde auf den Shuttle-Bus.

»Wollt ihr wirklich zum Flughafen?«, begrüßte der Busfahrer uns mit hochgezogenen Augenbrauen, nachdem er eine Horde Menschen abgesetzt hatte, die sich in unseren wartenden Zug Richtung Manhattan drängten. »Sicher?« Wir nickten und hechteten in den geheizten Bus. Was auch immer uns am Terminal erwartete, es konnte nur besser sein als das Ausharren in der Eiseskälte, dachte ich. Doch auch damit lag ich falsch. Am Flughafen herrschte längst das reinste Chaos.

Tausende Passagiere strömten aus dem Flughafengebäude, quetschten sich in die Shuttle-Busse und warfen sich beinahe vor die Taxis, um eines der umlagerten gelben Cabs zu kapern. Durch die entgegenkommenden Massen schlängelte ich mich ins Gebäude, und erst dort wurde mir wirklich klar, was los war. Denn auf der großen digitalen Anzeigentafel, auf der die Abflüge aufgelistet sind, stand ein einziges Wort, immer und immer wieder, in leuchtend roter Schrift: cancelled – gestrichen!

Ein jäher Stich der Enttäuschung durchfuhr mich. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, wie sehr ich mich trotz allem auf Weihnachten daheim bei meiner Omama gefreut hatte. Doch dann blieb mein Blick an der Spalte hängen, in der mein Flug aufgeführt war, und da stand: Abflug planmäßig. Yeah! Die Dame am Abflugschalter lächelte etwas verkrampft, machte mir aber weiter Mut: Ja, der Flieger hebe pünktlich ab.

Im Wartebereich gönnte ich mir einen völlig überteuerten Kaffee und eine noch teurere Tüte Gummibärchen und starrte durch die große Glasfront. Draußen war es stockfinster, der Schnee trieb horizontal gegen die Scheiben, die beleuchteten Flieger an den Terminals verschwammen im Nebel. Mein Handy spielte »Ganz in Weiß« – mein Klingelton für Omama, der bei einer Séance einmal Roy Black erschienen ist und sie tagelang verfolgt hat.

»Maxi! Wage es ja nicht, in dieses Flugzeug zu steigen«, brüllte meine Großmutter mir ins Ohr, als ich den Anruf annahm. So kannte ich sie: immer geradeheraus und der festen Überzeugung, schreien zu müssen, damit ich sie am anderen Ende der Welt, wie sie sich ausdrückte, verstehen konnte.

»Ist ja gut«, versuchte ich, sie zu beruhigen. »Hier läuft alles nach Plan.« Ich machte ständig Pläne, auch wenn ich inzwischen begriffen hatte, dass es in New York häufiger als anderswo nötig war, flexibel zu sein.

»Bist du verrückt? Hast du nicht von dem Schneechaos gehört?« Omama klang kein bisschen beruhigt.

»Doch«, erwiderte ich und betrachtete das undurchdringliche Gestöber vor dem Fenster. »Aber ich bin schon am Flughafen, mein Flug geht planmäßig, morgen sitzen wir zusammen unterm Baum.« Und trinken Glühwein und essen Spekulatius und reden über alles, fügte ich in Gedanken hinzu. »Ich kann dich doch an Weihnachten nicht allein lassen.«

»Ich komme prima allein zurecht«, ereiferte Omama sich, aber es hörte sich komisch an und so, als würde sie mir etwas verheimlichen. Sofort wurde ich hellhörig.

»Was ist eigentlich mit dir los?«, hakte ich nach, in der Hoffnung, sie würde es mir am Telefon erzählen und ich könnte auf dem Flug bereits über eine Lösung nachdenken. Aber wieder wehrte sie ab.

»Nichts. Gar nichts, worüber du dir jetzt Gedanken machen solltest.« Na, das klang ja schon wieder nicht nach nichts. »Sieh lieber zu, dass du zurück nach Hause fährst und dir die Decke über den Kopf ziehst.«

»Vergiss es. Ich komme«, erklärte ich entschieden. Ihr Anruf hatte meine Entschlossenheit nur weiter gefestigt. »Und jetzt muss ich Schluss machen, mein Flug wird gerade aufgerufen.« Damit legte ich einfach auf.

Kurze Zeit später saß ich auf meinem Platz im Flugzeug, und während der Kapitän uns fröhlich begrüßte, zog ich mein Handy noch einmal hervor, um es auszuschalten. Ich hatte sieben neue Nachrichten. Drei waren von Omama, in denen sie mich dringend und in Großbuchstaben aufforderte, gefälligst in New York zu bleiben. Ich löschte sie sofort. Die anderen vier waren von meinen Mitbewohnern.

Pamela: Hast du genug Vorräte im Haus?

Saida: Mach die Fenster richtig zu!

Abby: Du kannst gern eins meiner Bücher ausleihen, wenn dir allein langweilig ist.

Rick: Falls es in Pinkstone Probleme gibt, bei meiner Familie bist du jederzeit willkommen.

Alle vier schienen fest davon überzeugt zu sein, dass ich noch in New York festhing. Ich schickte ihnen allen die gleiche Nachricht: Sitze im Flugzeug. Merry X-Mas. Dann schaltete ich das Telefon aus.

Pah, dachte ich, als ob mich so ein bisschen Schnee daran hindern könnte, an Weihnachten nach Hause zu fliegen!

Im selben Moment dockte das Flugzeug vom Gate ab … nur, um nach zehn Metern wieder stehen zu bleiben. Dann passierte nichts mehr. Eine Stunde lang. Die zunächst geflüsterten Fragen in der Kabine wurden immer lauter. Schließlich eine Durchsage des Piloten: An der Enteisungsanlage gebe es einen Stau, wir seien die fünfte Maschine in der Warteschlange. Die Stimmung in der Kabine beruhigte sich wieder. Eine weitere Stunde später hatten wir uns noch keinen Zentimeter weiterbewegt.

Das Rollfeld lag inzwischen unter einer dichten Schneedecke, die Tragflügel waren von einer Eiskruste bedeckt, an den ovalen Kabinenfenstern bildeten sich weiße Kristalle. Der übergewichtige Anzugträger neben mir, der locker zwei Sitze hätte buchen müssen, drückte entnervt auf den Serviceknopf. Eine bemüht beherrschte Stewardess erschien.

»Wann geht es endlich los?«, rüpelte der Dicke sie an.

»Der Enteisungstruck muss neu betankt werden, dann sind wir an der Reihe«, antwortete sie mit zusammengebissenen Zähnen, das Lächeln bloß noch eine Grimasse. Diese Frage bekam sie garantiert nicht zum ersten Mal gestellt. In der Reihe vor uns begann ein Baby zu schreien und hörte nicht mehr auf.

Ich versuchte, in meinem Buch zu lesen (eine Schmonzette, die ich mir tatsächlich von Abby geliehen hatte, ich brauchte dringend neuen Lesestoff aus dem Buchladen meiner Omama), gab aber schnell auf. Meine ungute Vorahnung kehrte mit neuer Macht zurück. War es möglich, dass dies einer der Pläne war, die nicht aufgingen? Und wie bitte lautete Plan B?

Nach drei Stunden rollten wir zurück zum Gate. Der Kapitän meldete sich mit einer »leider nicht so guten Nachricht«. Der Flug war gestrichen. Doch von Bord durften wir noch nicht. Das Bodenpersonal sei bereits nach Hause gegangen, erst müsse Ersatz herbeigeschafft werden.

Ein zweites Kleinkind war in das Gebrüll eingefallen. Weiter vorn lieferten sich einige Fluggäste heftige Wortgefechte mit einer Stewardess. Die anderen Flugbegleiter teilten das Abendessen aus: Hühnchen oder Nudeln? Ich hätte am liebsten beides genommen und gegen die Kabinenwand gepfeffert. So ein Mist! Plan B, ich brauchte dringend Plan B. Auf meinem Smartphone versuchte ich, Informationen über den Flug zu finden und wenn möglich umzubuchen. Doch auf der Internetseite der Airline fand ich nur den Hinweis, dass mein Flug pünktlich um 17.45 Uhr starten werde. Da war es bereits Viertel nach neun.

Um halb elf gelangte ich schließlich ans Gepäckband und zerrte meinen Zwergponykoffer aus einem Berg anderer Taschen. Entnervt und ermüdet machte ich mich auf den Weg zum Serviceschalter, an dem eine einsame Mitarbeiterin vergeblich versuchte, sich hinter ihrem Computer zu verstecken. Davor: rund hundertfünfzig weitere Gestrandete mit leeren Gesichtern und schlafenden Kindern auf den Gepäckwagen. Um kurz vor Mitternacht musste ich Plan A endgültig abhaken. Es ging kein Flug mehr nach Deutschland, den nächsten freien Platz in einer anderen Maschine gab es erst einen Tag nach Weihnachten. Somit blieb nur Plan B: so schnell wie möglich zurück nach Pinkstone, wenn ich nicht auf dem glänzenden Steinboden des Abflugterminals zwischen Hunderten anderen Passagieren übernachten wollte. Und das wollte ich auf gar keinen Fall.

Also: raus aus dem Flughafengebäude, rein in den Schneesturm. Willkommen in einer Kulisse wie aus einem Endzeitfilm! Schneeberge überall, Dunkelheit nur durchbrochen von flackernden Straßenlaternen. Kein Shuttle-Bus weit und breit. Keine Taxis. Und noch immer schüttete der Himmel eiskalte weiße Flocken in riesigen Mengen über uns aus. Nach einer gefühlten Ewigkeit, meine Finger spürte ich bereits nicht mehr, meine Nase begann gerade abzusterben, kam ein klappriger Kleinbus angeschlingert und stoppte direkt vor mir und einer Gruppe weiterer Wartender, wobei er eine nasse Ladung Schneematsch auf uns spritzte.

»Manhattan?«, fragte der Fahrer mit schwerem Latinoakzent aus dem Beifahrerfenster. Der Vater einer vierköpfigen Familie, ein quengelndes Kleinkind auf dem Arm, nickte begeistert.

»Sollen wir dich mitnehmen?«, fragte er mich fürsorglich, während er Frau und Kinder in das rostige Gefährt manövrierte.

Ja, bitte, dachte ich. Egal wohin. Bloß weg hier. Und immerhin lag Williamsburg auf dem Weg nach Manhattan. Trotzdem fragte ich erst in Richtung des Fahrers: »Wie viel kostet das?«

»150 Dollar«, erklärte er kaum verständlich. Und als sei das nicht unverschämt genug, schob er hinterher: »Für jeden.«

War das zu fassen? Der schlug aus der Not der Leute hier auch noch Profit. So viel war ich nicht bereit zu zahlen. Außerdem hatte ich gar nicht so viel Geld dabei.

»Nein danke«, erklärte ich deshalb in Richtung des Familienvaters, der mir einen besorgten Blick zuwarf. Kaum hatte ich abgelehnt, schob sich ein sonnengebräuntes Pärchen mit Riesenrucksäcken an mir vorbei in den Wagen und knallte mir die Schiebetür vor der Nase zu. Der Kamikazefahrer machte sich schlingernd davon. Und dann tauchte nicht einmal mehr ein illegales Taxi wie dieses auf.

Gequirlter Mist! Was hatte ich mir bloß dabei gedacht, nicht einzusteigen? Jetzt hing ich endgültig fest und würde vermutlich Heiligabend am Flughafen verbringen müssen. Keine verlockende Vorstellung! Überteuerter Kaffee, überteuerte Gummibärchen und harter Steinfußboden statt Glühwein, Spekulatius und erleuchtetem Tannenbaum. Ich musste mir dringend etwas einfallen lassen, wie ich hier wegkam. Ich brauchte jemanden, der ein Auto besaß und (größen)wahnsinnig genug war, damit bei diesem Wetter zum Flughafen zu fahren.

Leider gab es nur einen einzigen Menschen in ganz New York, den ich kannte, auf den diese Beschreibung zutraf: meinen Kollegen Chris. Und leider war Chris der letzte Mensch, den ich um einen Gefallen bitten wollte. Aber wie gesagt: In New York lief längst nicht immer alles nach Plan. Und im Notfall brauchte man halt Plan C. C wie Chris. Seufzend kramte ich mein Handy aus der Tasche.

Kapitel 2

Mein Verhältnis zu meinem Kollegen Chris, oder wegen seiner allwetterfesten Frisur auch Mr Powerlocke genannt, war – um es mal vorsichtig auszudrücken – kompliziert. Gestartet waren wir als Konkurrenten um ein Jahrespraktikum bei dem Lifestyle-Magazin Zeitgeist, was, sehr zu meiner Enttäuschung, Chris abgeräumt hatte. Stattdessen arbeitete ich nun als Teamassistentin in der Redaktion und musste Chris dabei zusehen, wie er eine spannende Story nach der nächsten schreiben durfte, während ich Termine tippte. Immerhin: Mein Blog über unsere Pinkstone-WG war noch immer ein Klick-Magnet, während Chris seinen Blog über die Dreharbeiten für eine Fernsehserie hatte aufgeben müssen, weil kaum jemand ihn noch lesen wollte, nachdem die Pilotfolge komplett gefloppt war.

Anfangs hatte ich den Eindruck gehabt, dass Chris sich für mich interessierte, dann hatte er mich links liegen gelassen, doch seit einigen Wochen gab er sich mir gegenüber wieder als Charmebolzen. Schon mehrfach hatte er mich um ein Date gebeten, aber bisher hatte ich rigoros abgelehnt. Wenn ich ehrlich war, lag das weniger an meinem gesunden Menschenverstand, sondern war purer Selbstschutz. Denn leider gehörte Chris genau zur falschen Sorte Typen, auf die ich mit Vorliebe hereinfiel: zielstrebig, selbstbewusst und ungeheuer charmant, wenn er wollte.

Und außerdem gab es ja auch noch Alex. Zumindest in meinem Kopf, aus dem ich ihn einfach nicht vertreiben konnte, obwohl er sich nie mehr bei mir gemeldet hatte. Seufz!

Chris hingegen war real, so real, dass er tatsächlich eine knappe Stunde, nachdem ich ihn angerufen hatte, am Flughafen JFK vorfuhr. Sein schnittiger Nobelflitzer, den ihm sein stinkreicher Daddy als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk vor die Tür gestellt hatte, sah schon nicht mehr besonders neu aus, sondern war über und über mit Schneematsch bespritzt. Und auch Chris wirkte reichlich ramponiert, als er ausstieg, um meinen Zwergponykoffer in dem winzigen Kofferraum zu verstauen.

»Bist du aus dem Bett gefallen?«, fragte ich schuldbewusst. Offenbar hatte ich ihn geweckt oder bei etwas anderem Wichtigen im Bett gestört und die Fahrt zum Flughafen schien ihn ebenfalls mitgenommen zu haben. Seine Powerlocke hing ziemlich schief, sein stets glatt gebügeltes Hemd war knittrig und seine Augen schimmerten müde. Insgesamt wirkte er richtig sympathisch.

»Dafür schuldest du mir mindestens drei Dates, nicht bloß eins«, knurrte er und ließ sich neben mir auf den Fahrersitz fallen. Matt strich er sich durch die Haare. »Was für eine Hölle. Bete, dass wir heil zurückkommen.« Und damit startete er den Motor.

Trotz allem, was ich bereits erlebt hatte, dachte ich noch, Chris würde übertreiben. Er neigte zu Übertreibungen. Doch schon wenige Meter, nachdem der Wagen auf den Expressway abgebogen war, wurde mir klar, was er meinte. Undurchdringlich wie die Flammen des Fegefeuers stob der Schnee über die Fahrbahn, wirbelte in immer neuen Böen hoch und schlug uns frontal gegen die Scheibe.

Das Auto schlingerte und schlitterte über die vereiste Schnellstraße. Links und rechts türmten sich Schneeberge, dazwischen winkten hilflose Fahrer, deren Fahrzeuge liegen geblieben waren. Beim zehnten Unfall, an dem wir vorbeikamen, hörte ich auf zu zählen. Hin- und hergerissen zwischen panischer Angst und dem Wunsch, die Kontrolle nicht zu verlieren, schloss ich die Augen und riss sie wieder auf. Ich hatte nie ernsthaft gebetet, jetzt schickte ich Stoßgebete in den schwarzen Himmel.

Als Chris das Auto um drei Uhr nachts am Eingang zum Petticoat Place zum Stehen brachte, zitterte ich trotz der Sitzheizung am ganzen Körper.

»Oh, shit«, entfuhr es mir.

»Das kannst du laut sagen«, bestätigte Chris erschöpft. Von seiner sonst so glatten Fassade war nicht das kleinste bisschen übrig. Sein Blondschopf war völlig verwuschelt, so oft war er sich mit der Hand nervös hindurchgefahren. Jetzt ließ er die Stirn aufs Lenkrad sinken. Ich fragte mich, warum er mich abgeholt hatte. War er wirklich so größenwahnsinnig und von sich selbst überzeugt? Wollte er jemandem etwas beweisen – mir oder sich selbst? Oder hatte er einfach ebenso wie ich den Blizzard vollkommen unterschätzt und wollte sich mit diesem Gefallen bloß ein Date mit mir erschleichen? Ich wusste es nicht, aber ich sah ihn plötzlich mit neuen Augen. Chris würde sein Date bekommen. Meinetwegen auch drei. Gern sogar.

»Danke«, sagte ich in seine Richtung, aber Chris reagierte nicht. Mit noch immer zitternden Fingern öffnete ich die Beifahrertür und hievte meinen Koffer aus dem Wagen. Ich warf einen letzten Blick ins Auto – Chris verharrte in der gleichen Stellung – und ging durch den schmalen Fußweg zwischen einem Appartementhaus und der hohen Mauer einer Industriebrache hindurch zum Petticoat Place, wo sich neben vier kleinen Reihenhäusern aus Backstein unser pink gestrichenes Zuhause befand.

Nach dieser Odyssee durch Schnee und Eis freute ich mich nur noch auf drei Dinge: einen großen Becher heiße Schokolade mit Gummibärchen, ein paar Seiten aus der geliehenen Schmonzette und mein Bett. Doch ein weiteres Mal hatte ich meinen Plan ohne den Blizzard gemacht.

Es fiel mir erst nicht auf. Nicht, dass die Rentiere nicht mehr blinkten. Nicht, dass in keinem der Nachbarfenster die erleuchteten Weihnachtsbäume zu sehen waren. Nicht, dass nirgendwo Licht brannte. Es war ja immerhin mitten in der Nacht, vermutlich schliefen alle. Das erste Haus in der Reihe stand ohnehin leer, denn meine frühere Kollegin und Nachbarin Angel war mit Mann und Baby (das den bescheuerten Namen River trug) zu ihren Eltern in die Rockaways gezogen. Nein, ich wunderte mich nicht über die dunklen Fenster, denn ich war viel zu müde, um mir noch irgendwelche Gedanken zu machen.

Erst als ich die Haustür von Pinkstone aufschloss und versuchte, die Deckenlampe im Flur anzuknipsen, schwante mir, dass ich ein weiteres Problem hatte. Durch die stockdunkle Diele tastete ich mich zur Küche vor, wobei ich natürlich mit dem Knie gegen das antike Telefontischchen stieß. Aber auch in der Küche betätigte ich den Lichtschalter vergeblich. Selbst der sonst so aufdringlich brummende XXL-Kühlschrank war verstummt. Gequirlter Mist! Das bedeutete wohl: Stromausfall. Außerdem war es kalt im Haus, bitterkalt. Ein Griff an den Heizkörper bestätigte meinen Verdacht: Auch die Heizung war ausgefallen.

Hektisch wühlte ich in den Küchenschubladen, bis ich auf die dicke Kerze stieß, die Pamela dort für den Notfall verwahrte. Was für ein Glück, dass meine Mitbewohnerin so viel praktischer veranlagt war als ich. Ich ließ ein Streichholz aufflammen und setzte mich dann im flackernden Kerzenschein, der so gar nichts von weihnachtlicher Romantik hatte, an den großen Küchentisch. Den Kopf in die Hände gestützt, wurde mir meine Situation in ihrem vollen Ausmaß bewusst.

Kein heißer Kakao. Kein beruhigendes Schmökern in Abbys Schmonzette. Mir blieb nur mein Bett. Schon um nicht zu erfrieren. Vermutlich sollte ich mir die Decken aus allen Betten meiner Mitbewohner zusammensuchen, vielleicht konnte ich mich damit gegen die Kälte schützen. Was für Aussichten: Weihnachten, ganz allein, in einem großen, leeren, dunklen, kalten Haus … Ich fühlte mich von aller Welt verlassen. Das war ja nicht zum Aushalten.

Nein, wirklich nicht.

Ganz und gar nicht!

Ich sprang auf und rannte zur Haustür. Auf der spiegelglatten Eingangstreppe glitt ich aus und rutschte die Stufen auf meinem Po hinunter. Autsch, verflucht! Trotz des Schmerzes rappelte ich mich schnell wieder hoch und hetzte über den dunklen Petticoat Place, den schmalen Fußweg entlang, auf die Straße, plötzlich von Panik ergriffen, Chris könnte bereits nach Hause gefahren sein. Doch zu meiner Erleichterung stand der Sportflitzer noch an derselben Stelle wie zuvor, und Chris lehnte mit dem Kopf gegen das Lenkrad, als sei er eingeschlafen. Was er tatsächlich war. Kräftig klopfte ich mit der Faust gegen die Scheibe, bis er endlich verschlafen den Kopf hob und mich im ersten Moment musterte, als würde er mich nicht erkennen.

»Du kannst hierbleiben«, bot ich atemlos an, kaum hatte er die Scheibe heruntergelassen. »Es ist genug Platz im Haus, wirklich. Meine Mitbewohner sind alle weg. Und bei dem Wetter willst du doch nicht mehr rüber nach Manhattan fahren, jetzt, wo du so müde bist. Oder?« Ich hörte selbst, wie flehend ich klang, und es war mir peinlich, aber nicht so peinlich, dass ich nicht noch ein »Bitte« nachgeschoben hätte. Ich wollte um keinen Preis allein sein in dem dunklen, kalten, leeren Haus. Vermutlich hätte ich sogar Jack the Ripper hereingebeten, wenn er gerade vorbeigekommen wäre, da war Chris doch die bessere Alternative!

»Okay, okay. Ich dachte mir schon, dass du fragen würdest, Baby.« Er grinste überlegen. Da war er ja wieder, der Chris, den ich kannte. Aber zusammen mit der Wuschelfrisur sah das Grinsen eigentlich ganz niedlich aus. Und wie gesagt: Verglichen mit Jack the Ripper war Chris sicher die ungefährlichere Gesellschaft.

In der Abstellkammer fand ich eine Flasche Wein, die wir zusammen mit der Kerze hoch in mein Zimmer nahmen. Dann sammelte ich wie geplant das Bettzeug aus den Zimmern meiner Mitbewohner. Und schließlich krochen Chris und ich gemeinsam unter einen großen Stapel Decken in meinem Bett, beschwipst vom Wein, durchgefroren, und ich für meinen Teil unendlich erleichtert, nicht allein zu sein.

Er nahm mich in den Arm, »um mich zu wärmen«, wie er betonte, doch dann krochen seine Hände plötzlich ohne weitere Erklärung unter mein Shirt. Mein Kopf war vom Alkohol vermutlich ein wenig verlangsamt, und als ich schließlich registrierte, was Chris tat, kam es mir fast logisch vor. Ich meine, immerhin hatte ich ihn gebeten, bei mir zu übernachten, und ich hatte den Wein aus der Vorratskammer angeschleppt, und ich hatte gesagt, es gebe nicht genügend Decken, um in zwei Betten zu schlafen. Natürlich ging er davon aus, dass zwischen uns etwas laufen würde. Und wenn ich ehrlich war, war es mir nicht unrecht.

Seine Hände streichelten sehr zielstrebig über meinen Rücken, meine Taille und meinen Bauch. Er wusste, was er tat, ganz klar. Und ich war froh, dass er es tat, denn es gab mir wenigstens für diesen Augenblick das Gefühl, nicht allein zu sein, sondern berührt und begehrt zu werden.

»Baby«, raunte er an meinem Hals. »Das ist gut, Baby.« Dabei tat ich gar nichts – und Kosenamen konnte ich grundsätzlich nicht leiden, aber ich beschloss, mich nicht darüber zu beschweren. Chris küsste mich auf den Mund. Er war ein durchaus passabler Küsser, seine Küsse waren nicht zu hart, aber auch nicht zu schlabbrig.

Und während ich mit Chris rumknutschte, dachte ich höchstens ein- oder zweimal an Alex mit den Meeraugen und dem Minzeduft, der mich nur ein einziges Mal geküsst hatte und dessen Kuss ich trotzdem seither nicht vergessen konnte. Besser den Spatz in der Hand als den Adler auf der Tanne, wie meine Omama so passend zu sagen pflegt. (Gelegentlich hat sie einen sehr kreativen Umgang mit ihren geliebten Sprichwörtern.) Ich begriff ohnehin nicht, warum Alex mir einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte, obwohl er so offensichtlich kein Interesse an mir hatte. Da war es sicher gut, mit Chris mal auf andere Gedanken zu kommen!

Als ich am späten Vormittag aufwachte und mich aus dem Deckenberg wühlte, war das Erste, was ich registrierte, dass die Heizung immer noch nicht funktionierte. In meinem Zimmer war es so kalt wie in einem Gefrierschrank. Eilig zog ich mir mehrere Schichten meiner Sommerklamotten über. Danach knipste ich probeweise meine Nachttischlampe mit dem Plüschschirm an, der wie alles im Raum pink war. Immer noch kein Strom! Erst dann fiel mir auf, dass Chris nicht mehr in meinem Bett lag. Auf dem Nachttisch entdeckte ich einen Zettel, den Chris mit meinem Handy beschwert hatte: Bin über Weihnachten bei meinen Eltern, melde mich danach. Merry X-Mas. C.

Beinah hatte ich ein schlechtes Gewissen, als mich eine kleine Welle der Erleichterung erfasste. Im fahlen Licht des Tages erschien mir meine nächtliche Panikattacke angesichts des leeren Hauses ebenso überflüssig wie die heftige Knutscherei mit Chris – zu mehr war es glücklicherweise am Ende nicht gekommen, weil mein Verstand über den Wein gesiegt und ich Chris rechtzeitig ausgebremst hatte. Als er mir das Shirt über den Kopf hatte ziehen wollen, hatte ich ihm erklärt, dass es dafür zu kalt sei und ich schlafen wolle. Und zu meiner Überraschung hatte er nicht lange protestiert, sondern sich auf die Seite gerollt und war innerhalb von Sekunden eingepennt. Er musste wirklich k. o. gewesen sein.

Ich hatte erst mit einem einzigen Jungen geschlafen: Jens, dem emotionalen Analphabeten, der einer der drei guten Gründe gewesen war, nach New York zu gehen – also weit weg von ihm –, an den ich aber inzwischen kaum noch dachte. Und ich dachte auch nicht daran, so schnell mit einem anderen Typen Sex zu haben, nein, ich war sogar fest entschlossen, damit zu warten, bis mir der eine über den Weg lief, der es wert war. Und ob das Chris sein würde, dessen war ich mir keineswegs sicher. Blieb nur die Frage, was Chris sich nach der vergangenen Nacht erhoffte … Aber die Antwort darauf konnte getrost bis nach Weihnachten warten.

Sie musste warten, denn ich hatte drängendere Sorgen. Erst einmal musste ich irgendwie die Weihnachtstage überstehen. Allein. Eine Vorstellung, die mir nicht besonders behagte, wie ich mir eingestehen musste. Stell dich nicht an, rief ich mich zur Ordnung. Normalerweise kam ich doch auch prima allein zurecht. Ich war sogar stolz darauf, alles aus eigener Kraft zu schaffen. Ich brauchte nur einen Plan.

Als Erstes checkte ich die Vorräte. Da meine Mitbewohner alle nach Hause gefahren waren, hatte sich vorher niemand darum gekümmert einzukaufen. Warum auch? Kerzen fand ich ebenfalls keine mehr. Ich musste also zum Mini-Supermarkt an der übernächsten Ecke laufen und mich mit dem Notwendigsten eindecken.

Um nicht zu erfrieren, lieh ich mir den einzigen Mantel, den ich in Pinkstone auftreiben konnte. Es war ein schwarzes sackartiges Ungetüm von meiner Mitbewohnerin Saida, die Modelmaße hatte und damit mehr als einen Kopf größer war als ich. Da ich normalerweise sehr viel Wert auf meine Klamotten lege, kostete es mich einige Überwindung, das Teil anzuziehen. Der Sack reichte mir fast bis zu den Füßen, er war definitiv nicht schön, aber immerhin schön warm.

Im Supermarkt dudelte »Last Christmas« in Endlosschleife. Während ich die Regale durchforstete, die nach den Hamsterkäufen der unwettererfahrenen New Yorker wie geplündert wirkten, musste ich mir den Uralthit von Wham viermal anhören. Und Mr Wang, der chinesische Ladenbesitzer sang ekstatisch mit. Immerhin funktionierten bei Mr Wang Strom und Heizung, und kurz überlegte ich, ob ich ihn bitten sollte, die Weihnachtstage zwischen Kühltheke und Gemüseauslage verbringen zu dürfen. Aber Wham hielten mich davon ab. Als ich schließlich mit drei vollen Tüten den Laden verließ, wünschte Mr Wang mir »Melly Chlistmas« und winkte mir übereifrig hinterher wie eine dieser goldenen Glückskatzen.

»Melly Chlistmas« – na, toll! Ich fühlte mich alles andere als weihnachtlich, während ich mich gegen den eiskalten Wind stemmte, der vom East River durch die Straßen heraufpfiff. An den Häuserfronten kletterten Plastikweihnachtsmänner hinauf, in den Fenstern blinkten bunte Sterne, dahinter leuchteten die Weihnachtsbäume. Diejenigen, die dort lebten, hatten Strom. Bei ihnen war es warm. Und garantiert waren sie alle mit Vorbereitungen für das Fest beschäftigt. Und ich? Hatte nichts von alledem. Keinen Baum. Keinen Glühwein, keine Spekulatius und niemanden, der mit mir Weihnachtslieder sang. Ich fühlte mich plötzlich wie ein enttäuschtes kleines Kind, dem einen Tag vor dem Fest gesagt wird, dass Weihnachten dieses Jahr leider ausfällt. Meine Güte, Maxi, reiß dich zusammen, schimpfte ich halblaut vor mich hin. Ich wollte mich so nicht fühlen. Ich wollte stark sein. Ich wollte alles im Griff haben. Aber es half nichts.

In Pinkstone war es so still, dass ich irgendwann selbst anfing, »Last Christmas« zu summen, nur um die Leere zu füllen. Die Stunden schlichen dahin. Und dann, kurz bevor die Dunkelheit wieder durch die Fenster kriechen, den Schein meiner Kerze schlucken und mich auf meiner Betteninsel unter dem Deckenberg umschließen konnte, klopfte jemand an die Haustür. Zaghaft erst, sodass ich es kaum hörte, dann noch einmal kräftiger.

Chris, dachte ich, er ist zurückgekommen. Ich plumpste fast aus dem Bett vor Erleichterung, dass er wieder da war, obwohl ich wenige Stunden zuvor noch froh gewesen war, ihn los zu sein. Aber es war nicht Chris, der vor dem Haus stand. Es war auch keiner meiner Mitbewohner, nicht Mr Wang und auch nicht Jack the Ripper. Es war die Person, mit der ich am allerwenigsten gerechnet hatte. Und während ich jeden anderen herzlich willkommen geheißen hätte, hätte ich dieser Frau am liebsten die Tür vor der markanten Nase zugeschlagen.

Kapitel 3

Sie trug die weißblond gefärbten Haare raspelkurz, einen flauschigen grünen Ohrenschützer auf dem Kopf und im linken Nasenflügel einen glänzenden Stecker. Vermutlich hatte sie sich den in Indien stechen lassen oder wo sie sich sonst in den vergangenen sechs Jahren herumgetrieben hatte. Als ich sie das letzte Mal gesehen hatte, waren ihre Haare noch lang und schwarz und sie war in einen bunten Kaftan gehüllt. Sie war so klein wie ich und noch genauso zierlich, wie ich sie in Erinnerung hatte. In ihrem dicken Parka versank sie beinahe. Aber egal, wie sie aussah, allein ihr Anblick reichte aus, um mich völlig durcheinanderzubringen. Und das durfte ich nicht zulassen.

»Was willst du hier, Sandy?«, fragte ich meine Mutter betont gelassen, um meinen inneren Aufruhr zu verbergen.

»Hi, Maxi.« Sandy strahlte mich breit an. »Darf ich reinkommen?«

»Warum?«, fragte ich abweisend. Am liebsten hätte ich Nein geschrien.

»Weil ich gerne mit dir reden würde«, erklärte sie. Ablehnend verschränkte ich die Arme vor der Brust. »Und außerdem ist es hier draußen scheißkalt.« Sie lachte ein Lachen, das nach Sonnenschein und Sommerwind klang, verstummte aber abrupt wieder, als sie meine verschlossene Miene registrierte. Oh Mist, dieses Lachen. Es fuhr mir ohne Umwege direkt ins Herz und hinterließ dort eine nagende Leere, als es verklang. Ich schüttelte abwesend den Kopf, um das Gefühl zu vertreiben. Auf keinen Fall durfte ich zulassen, dass sie das mit mir machte. Meine Mutter sollte mir nie wieder wehtun können.

»Maxi, come on, das ist doch alles ewig her … «, versuchte Sandy, mich zu erweichen.

Pah. Wie recht sie hatte. Und genau das war das Problem. Es war auf den Tag genau sechs Jahre her, dass meine Mutter mich im Stich gelassen hatte. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass sie gegangen war, aber das schmerzhafteste. Weil ich wirklich geglaubt hatte, dass sie bleiben würde. Mehr als ein halbes Jahr hatte sie es damals bei uns ausgehalten, bei mir und Omama – also ihrer eigenen Mutter –, bei der ich aufwuchs, weil Sandy ständig unterwegs war, um irgendwelchen Männern hinterherzureisen, in einem indischen Ashram zu leben, einem israelischen Kibbuz oder einer Surfersiedlung auf Ibiza.

Deine Mutter hat ein Weltreise-Gen, hatte meine Omama mir erklärt, wenn ich sie als Kind gefragt hatte, wo Sandy war. Aber spätestens nach dem Heiligabend vor sechs Jahren hatte ich kapiert, dass es eher ein Flucht-Gen war, das Sandy immer wieder hinaus in die weite Welt trieb und weg von … mir.