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Sami

Wer flennt, fliegt raus!

»Mein Name ist Samuel Keedenburg. Und das Gelände hier gehört meinem Vater!«

Mit diesen Worten habe ich mich vor einigen Wochen den anderen Super Jumpern vorgestellt. Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass sie sich so nennen, und ehrlich gesagt, es war mir auch kolossal egal!

Ich wollte nur für einen Augenblick der viel zu kleinen Wohnung entkommen, in die ich gerade erst mit meiner Mutter eingezogen war. Whooaaa! Raus aus meinem paradiesischen Luxusleben – mitten hinein ins schäbige Hochhausdasein.

Meinem Vater, dem reichen Herrn Bauunternehmer, hatte ich das zu verdanken.

In der Wohnung nebenan wohnt Tarik mit seiner türkischen Großfamilie. Ein etwas muffliger Typ, der böse unter der Fuchtel seiner großen Schwester steht. Aus mir unerklärlichen Gründen zwang sie ihn, mich mit zu seinem Bandentreffen zu nehmen.

Also schlappte ich mit ihm zum Stadtrand, wo er sich mit seinen Freunden zum Biken in der stillgelegten Tonkuhle verabredet hatte.

Ausgerechnet im Hexenkessel, dachte ich. Ausgerechnet auf dem Grund und Boden meines ätzenden Vaters, der meine Mutter und mich wegen seiner dummen Sekretärin einfach so vor die Tür gesetzt hatte. Arschkrampe!

Ich hatte null Bock auf die Eierköpfe und ihre lächerlichen Bikes. Aber plötzlich war ich mittendrin, voll dabei. Donnerte mit ihnen durch den störrischen Hexenkessel, lieferte mir die tollkühnsten Rennen und dann war ich plötzlich einer von ihnen – ein Super Jumper. Und das fand ich kolossal genial!

Ich bin Sami, der Schlangenbeschwörer, und das ist meine Story!

Kapitel 1

Wie die fette
Made im Speck

»Dieser Scheißregen macht mich noch total irre!«, knurrt Tarik, während er sich auf meinem Sofa herumfläzt.

»Kannst du bitte mal die Schuhe von der Lehne nehmen?!«, maule ich ihn an. »Das Teil war echt teuer.«

»Mach dir doch nicht gleich wieder ins Hemd. Ist doch nur ein dummes Sofa …«

Tarik will es einfach nicht kapieren. Ich hänge an dem Ding. Schließlich ist es eines der wenigen Erinnerungsstücke an mein altes Leben. In der Villa. Mit meinem Vater.

Meine Mutter sagt zwar immer, ich soll nach vorn schauen und dem Vergangenen nicht länger nachtrauern, aber verdammt noch mal, in dieser muffigen Bude fällt mir das echt schwer.

»Ich verstehe sowieso nicht, warum du ständig rumflennst, dass es hier zu eng ist und so. Sami, Alter, du bist hier drinnen der alleinige Herrscher.« Tarik richtet sich halb auf dem Sofa auf und streckt mit einer theatralischen Geste beide Arme aus. »Das alles ist deins!«

»Echt toll«, erkläre ich ironisch.

Tarik springt auf und ist mit zwei Schritten am Fenster. Viel mehr Schritte kann man in diesem Rattenloch ja auch nicht machen.

»Ich teile mir das gleiche Zimmer bei uns drüben mit meinen zwei kleinen Brüdern, wie du weißt. Das ist Am-Arsch-Sein, Kumpel. Dein Gejammer geht mir total auf den Keks.«

Wie auf Kommando geht die Tür auf und meine Mutter kommt mit einem Tablett voller Kekse und zwei Gläsern Orangensaft ins Zimmer spaziert.

»Hab ich gerade was von Keksen gehört?«, lächelt sie sanft. Ihre dunklen Augen funkeln. Das lange schwarze Haar hat sie zu einem strengen Zopf zusammengefasst. Das lässt ihr Gesicht noch schmaler aussehen, finde ich.

»Jep«, grinst Tarik breit. »Her damit!«

Ich schlage ihm auf die Finger, bevor er sich den Teller vom Tablett krallen kann. »Hey, benimm dich mal, du Alien!«

Was ich noch weniger ertragen kann als diese enge Bude, sind schlechte Manieren. Ganz besonders meiner Mutter gegenüber.

»Aua!«, motzt Tarik mich an. »Warum schlägst du mich?«

»Weil du dich nicht vernünftig aufführen kannst«, wiederhole ich mich.

»Aber …«

Meine Mutter lässt ihn nicht ausreden. »Nun streitet bitte nicht. Und schon gar nicht meinetwegen.«

Entschlossen stellt sie das Tablett auf den Zwergentisch vor meinem Sofa und zwinkert mir aufmunternd zu. »Lasst es euch schmecken.«

Dann ist sie auch schon wieder an der Tür.

Während Tarik, der ungehobelte Alien, sich gleich zwei Kekse auf einmal in den Mund stopft, frage ich sie: »Gehst du noch mal weg?«

Ihr eben noch so fröhliches Gesicht verdunkelt sich. »Ich bin bald wieder zurück, Sami.«

»Von wo?«

Versteht mich nicht falsch, es ist nicht so, dass ich ein Muttersöhnchen bin oder mich gar allein in der Wohnung fürchte, aber ich habe da so eine dunkle Vorahnung. Und die schmeckt mir absolut nicht.

»Seid ihr eigentlich mit dem Wiederaufbau von eurem Clubhaus weitergekommen?«, versucht meine Mutter, vom Thema abzulenken. Ein sehr schwacher Versuch wohlgemerkt.

Tarik fällt natürlich prompt darauf rein. »Das ist ja gerade das Megaproblem. Wir wollen ja. Und wie! Aber dieser pissige Regen hört nicht auf«, erklärt er mit vollem Mund. Ich sag ja, Tarik ist ein guter Kumpel, aber sein Benehmen ist mehr als unterirdisch.

»Mama, und wohin gehst du nun?« So leicht lasse ich mich nicht abspeisen. Außerdem ist das Chill House ein ganz brenzliges Thema. Wenn ich nur daran denke, hab ich gleich wieder die Hasskappe auf.

Meine Mutter seufzt tief. »Na gut, du gibst ja sonst sowieso keine Ruhe. Ich habe den Job drüben im Seniorenstift bekommen.«

»Nicht dein Ernst!«

Sie nickt, ohne mich dabei anzusehen. »Es geht nun mal nicht anders, Sami. Die Stunden vormittags im Supermarkt reichen nicht … Aber, Schatz, ich möchte das jetzt wirklich nicht mit dir diskutieren. Außerdem muss ich mich beeilen. Am ersten Tag zu spät zu kommen, macht keinen guten Eindruck.«

Sie verlässt mein Zimmer, und bevor ich es richtig schnalle, fällt die Wohnungstür mit einem Klacken ins Schloss.

»Kolossale Scheiße!«, fluche ich und trete gefrustet gegen das Sofa.

»Ey«, ruft Tarik, »nicht gegen das teure Ding!«

Wenn das lustig sein soll, kann ich leider kein bisschen darüber lachen. Mir ist eher danach, noch mal zuzutreten. Besser noch in den Verräter-Hintern meines Vaters.

Tarik scheint es mir anzusehen, denn er kratzt sich verlegen am Hinterkopf. »War wohl nicht so gut«, murmelt er.

Ich nicke. Und würde schrecklich gern laut losbrüllen. Aber dazu bin ich irgendwie zu gut erzogen.

»Ey, Sami, schrei es doch einfach mal raus.« Tarik scheint heute wohl Gedanken lesen zu können. Er klopft mir aufmunternd auf den Rücken. »Los, mach das Fenster auf und lass deinen Frust so richtig abgehen. Das tut voll gut. Ich spreche da aus Erfahrung.«

»Ich weiß nicht«, brumme ich noch, während Tarik bereits das Fenster aufreißt.

Was soll’s?, denke ich. Hier im neunten Stock hört mich eh keiner. Höchstens der da oben im Himmel – wenn es den überhaupt gibt.

Früher hab ich das geglaubt. Aber inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Ich meine, warum lässt er es zu, dass meine Mutter sich so kaputtschuften muss? Frühmorgens Zeitungen austragen, danach in den Supermarkt und jetzt auch noch abends zum Putzen ins Altenheim. Während mein Vater wie die fette Made im Speck mit seiner beschränkten Kathinka in unserem Haus lebt und uns keinen Cent zahlt, weil er angeblich pleite ist.

»Uuuuuaaaah! Verdammte Arschkrampe! Aaaaaargh!«, rufe ich und lehne mich dabei weit übers Fensterbrett hinaus.

»Ja«, feuert Tarik mich an und drängt sich neben mich. »Mach weiter so. Aaaaarrrrgh!«

Ich sehe Tarik von der Seite an, bemerke seine Halsschlagader, die mächtig dick angeschwollen ist. Er brüllt viel lieber aus dem Fenster als ich, stelle ich fest. Darum lasse ich ihm jetzt auch den Vortritt.

Ganz ehrlich, so richtig was gebracht hat es mir sowieso nicht.

Jetzt klingelt es auch schon Sturm. Bestimmt ein genervter Nachbar. Dabei ist es in diesem Haus nie still. Immer brüllt irgendeiner mit irgendjemandem herum. Oder ein Hund kläfft oder ein Baby schreit. Oder die Lautstärke vom Fernseher ist mega-aufgedreht.

Vorsichtig schleiche ich zur Tür und zögere einen Moment.

»Nun mach schon auf! Ich weiß ganz genau, dass du hinter der Tür stehst.«

Boah … Buddy!

Schwungvoll öffne ich und bekomme sofort Buddys schwere Pranke auf die Schulter gelegt.

»Hi, Sami.« Er grinst wie ein Breitmaulfrosch. »Was ist das denn für ’n Lärm bei euch?«

Bevor ich antworten oder ihn gar hineinbitten kann, hat er sich bereits an mir vorbei in den engen Flur gezwängt.

»Sind die anderen schon da?«

»Ähm … nein …«, stammele ich perplex. Wie selbstverständlich stolziert Buddy in unser winziges Wohnzimmer.

Ich eiere ihm nach.

»Nö, da ist keiner«, stellt er fest und steuert die Küche an.

Dort knallt er eine weiße Bäckertüte auf den schäbigen Küchentresen. »Soll ich Kakao dazu machen? Hab ich alles mitgebracht. Außer Milch. Aber ihr habt bestimmt welche da, oder?«

»Buddy, sag mal«, ich ziehe ziemlich überrumpelt die Augenbrauen zusammen, »du kannst doch nicht einfach so durch unsere Wohnung marschieren!«

Buddy glotzt mich erstaunt an.

»Oh, das wusste ich nicht«, erklärt er kleinlaut.

»Wie, das wusstest du nicht?« Spinne ich oder spinnt er?

Tarik brüllt sich unterdessen noch immer die Seele aus dem Leib. Meine Güte, seine Stimmbänder müssen doch längst glühen!

»Tarik«, rufe ich rüber in mein Zimmer, »jetzt ist es langsam mal gut!«

Schlagartig ist es still in der Wohnung. Aber nur kurz. Dann klingelt es erneut an der Haustür.

Im Treppenhaus stehen Luc, Nico und Justus und grinsen um die Wette.

Justus deutet eine halbe Umarmung an, Luc klopft mir lässig auf die Schulter und Nico zwinkert mir zu. Dann sind sie auch schon an mir vorbei. Der Flur kommt mir jetzt noch enger und dunkler vor, als er sowieso schon ist.

»Was-was-was«, stottere ich mir einen ab, »was wollt ihr denn alle hier?«

Luc runzelt die Stirn. »Hallo? Hast du etwa vergessen, dass wir uns für heute um fünf bei dir verabredet haben?«

Ich nicke. Weil’s die Wahrheit ist.

»Buddy sorgt fürs Essen und dann setzen wir uns zusammen und planen das neue Chill House.«

»Du hast doch gesagt, dass du vielleicht ein bisschen Material von deinem Vater besorgen kannst«, fügt Justus hinzu.

Ja, kolossale Schitte, das habe ich gesagt. Jetzt fällt es mir wieder ein. So war es. In einem bekloppten Anflug von IchkannPapajamalfragen.

Das ist natürlich voll in die Hose gegangen. Er hat es nicht mal für nötig gehalten, mit mir zu sprechen. Seine dumme Else von Sekretärin und neue Freundin hat mir am Telefon nur von ihm ausrichten lassen, dass er leider, leider gerade keine Zeit für mich hätte.

Verlogene Arschkrampe!

»Hey, Sami, alles okay bei dir?« Nico legt mir die Hand auf den Unterarm. »Du bist mit einem Mal weiß wie ’ne frisch gestrichene Wand.«

Ich sehe sie an. Wie durch einen Schleier hindurch. Einen nach dem anderen – Luc, Justus, Buddy, Nico und Tarik – und denke: Ein großer Berg Scheiße ist in Ordnung, aber ganz bestimmt nicht mein Leben!

»Alles gut.« Ich nicke und schaffe es sogar, den Mund zu einem Grinsen zu verziehen. »Ich hab nur so miese Laune, weil wir wegen des Sauwetters nicht durch den Hexenkessel donnern können.«

Luc streicht sich eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wer sagt das?«

»Was?« Ich stehe auf dem Schlauch.

»Dass wir das nicht können. Hallo?! Wir sind die Super Jumper und lassen uns von nichts abhalten. Wie lautet unser Motto?«

Buddys Faust schnellt dynamisch in die Luft, während die anderen im Chor rufen: »Wir sind die Super Jumper und unser Motto lautet: Flieg weit!«

Damit ist die Sache beschlossen.