image

www.coppenrath.de

image

www.coppenrath.de

image

www.coppenrath.de

image

www.coppenrath.de

Ebenfalls im
Coppenrath Verlag
als eBook erschienen:


Schnell weiterlesen!

Ein Auszug aus »Blind Walk« von Patricia Schröder

image

Ausgesetzt im Nirgendwo, gefangen in einem teuflischen Spiel, aus dem es kein Entkommen gibt …

Die 17-jährige Lida nimmt zusammen mit anderen Jugendlichen am »Blind Walk« teil:

Sie werden in eine unbekannte Gegend gefahren und in der Wildnis ausgesetzt. Die angespannte Situation in der Gruppe eskaliert, als die Jugendlichen die Leiche von einem der Männer finden, die sie in den Wald gebracht haben. Ohne die Möglichkeit, Hilfe zu holen, irren die Blind Walk-Teilnehmer durch das ihnen unbekannte Gebiet, ständig mit dem unheimlichen Gefühl, beobachtet zu werden.

1.

Manchmal malte ich mir die Dinge so aus, wie sie hätten sein können, wäre das Schicksal nicht dazwischengegrätscht.

Heute war wieder einer von diesen Momenten. An diesem sonnigen Septembertag hätten mich meine Eltern hergefahren. Papa hätte mir mit dem Gepäck geholfen und mir mit auf den Weg gegeben, dass ich mich anständig benehmen sollte. Mama hätte mich fest an sich gedrückt, mich geküsst, obwohl ich schon 16 war, und gesagt, wie sehr sie mich vermissen würde.

Aber das würde nicht passieren, konnte nicht passieren.

Ich stand allein vor dem großen Tor des Rotensand-Gymnasiums, ein Taxi hatte mich aus Saßnitz rübergefahren. Den größten Teil meiner Sachen hatte ich bereits per Post vorgeschickt. Besonders viel besaß ich ohnehin nicht.

Als ich damals in das Heim gezogen war, hatte ich kaum etwas mitgenommen. Nicht, weil ich mich nicht an mein altes Leben erinnern wollte. Nein, die Erinnerungen waren immer da, genauso wie die Bilder aus vergangenen Tagen. Sie waren die Nahrung für meine Was-wäre-wenn-Spiele. Diese waren eigentlich nutzlos, ineffektiv. Dennoch spielte ich sie immer wieder. Es war meine Art, jene, die nicht mehr da waren, am Leben zu halten.

Der Trolley schaukelte hin und her, als ich ihn über den Gehweg zog. Die roten Wände des Internats leuchteten im Schein der Nachmittagssonne.

Früher war es mal ein Gutshaus gewesen, dann war Rotensand als Waisenhaus genutzt worden. Der letzte Gutsherr hatte weder Frau noch Kinder gehabt, und weil es damals »in« gewesen war, wohltätig zu sein, hatte er es gestiftet, um armen Waisen ein Zuhause zu geben. Noch in der DDR-Zeit waren hier Kinder untergebracht gewesen, aber nach der Wende wurde aus Rotensand ein Eliteinternat, das sich nur gut betuchte Familien leisten konnten.

Ich war weder gut betucht noch hatte ich eine Familie. Mein Reichtum hieß Begabtenstipendium. Ich hatte hierher gewollt, weil ich wusste, dass mir mit einem Abschluss in Rotensand die Welt offenstand. Dass das Internat einstmals ein Waisenhaus gewesen war, machte mir den Ort nur noch sympathischer. Ich fand es irgendwie passend, nachdem ich acht Jahre in einem Heim gelebt hatte.

Ich sollte mich im Hauptgebäude beim Rektor melden. Die ersten Schüler waren bereits aus den Sommerferien zurück. Einige standen auf dem Hof zusammen und rauchten. Das war eigentlich nicht erlaubt, sollte ich den Schulbroschüren Glauben schenken. Aber wo kein Kläger, da kein Richter.

Die Tür des mittleren Traktes stand leicht auf. Ein Mann fegte gerade die Treppe, die vom Foyer nach oben führte.

»Entschuldigung?« Ich hob den Koffer über die Schwelle. Der breite Stein war leicht ausgetreten. Tausende Füße mussten im Laufe der Zeit darüber gelaufen sein.

»Hmm?«, murrte der Mann, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.

»Wo finde ich denn das Büro des Rektors?« Ich hatte vergeblich nach einem Lageplan des Gebäudes im Internet gesucht.

»Durchs Foyer und dann rechts in den Gang.«

Zu mehr Auskunft war der Mann nicht bereit.

Ich bedankte mich trotzdem und zog den Trolley durch die Eingangshalle. Ein paar Bilder zierten hier die Wände, alte Schinken, die wohl noch aus Gutsherrenzeiten stammten und den damaligen Hausherrn und seine Angehörigen zeigten.

Wenig später klopfte ich an eine schwere Flügeltür, auf der in goldenen Lettern das Wort Rektorat stand. Die Stimme, die mir antwortete, war dunkel und warm. Ich trat ein.

Mochte das Haus von außen antiquiert wirken, das Büro des Rektors war hochmodern eingerichtet. Der Schreibtisch, an dem er saß, war aus Chrom und Glas.

»Mein Name ist Clara Hansen, ich sollte mich bei Ihnen melden.«

Der Mann, etwa Mitte fünfzig mit grau melierten Haaren und dunklem Anzug, sprang von seinem Stuhl auf.

»Clara, wie schön, dass Sie da sind! Wir haben Sie erst heute Abend erwartet, aber so ist es natürlich auch gut.«

Heute Abend? Haben die wirklich geglaubt, ich komme auf den letzten Drücker an?

»Ich bin Claudius Sontheim, der Rektor dieser schönen Schule.« Der Mann drückte meine Hand und bedeutete mir, auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Prüfend betrachtete er mich, dann zog er einen Hefter hervor. Mein Name stand in dicken Buchstaben auf dem Pappdeckel. Eine Akte? Ich hatte hier tatsächlich so etwas wie eine Akte! Das kannte ich bisher nur aus amerikanischen Fernsehserien. In meiner alten Schule hat der Klassenlehrer lediglich ein Heft über die Verfehlungen seiner Schüler geführt. Alles Weitere stand im Klassenbuch.

»Gut«, sagte Sontheim und öffnete den Ordner. Viel war noch nicht darin. Eine Kopie meiner Zeugnisse lag oben. »Sie kommen aus Potsdam, richtig?«

»Ja.« Die Zugfahrt in dem stickigen Regio war eine Katastrophe gewesen. Ein mitreisender Student hatte gemeint, sich seine Turnschuhe ausziehen zu müssen, und hatte mir seine stinkigen Füße quasi ins Gesicht gehalten.

»Das muss ein ziemlicher Umbruch für Sie sein. Von der Stadt aufs Land.«

Die Schweißfüße verschwanden in den Tiefen meines Gedächtnisses.

»Das macht mir nichts aus«, antwortete ich schnell. »Ich bin auf dem Land groß geworden, habe dort gelebt bis … zu dem Unfall.«

Sontheim guckte betroffen. Ich hätte ihm am liebsten gesagt, dass er das lassen sollte. Ich erwartete kein Mitleid von anderen. Der Unfall lag zu lange zurück und der Rektor hatte meine Eltern nicht gekannt.

»Ihre Eltern wären sicher stolz auf Sie, dass Sie in diesem Sommer an unserer Schule anfangen.«

Ich nickte. Ich wollte nicht über meine Eltern reden. Nicht mit einem Fremden.

»Ich habe mir Ihre Zeugnisse angesehen und bin damit sehr zufrieden. Ich glaube, Sie werden mit unserem hohen Niveau gut zurechtkommen.«

Warum nur hatte ich das Gefühl, dass es da ein Aber gab? Und dann kam es auch schon …

»Aber Ihr außerschulisches Engagement könnte optimiert werden. Wir fördern hier sehr das Networking zwischen den Schülern. Wie Sie vielleicht in unseren Infobroschüren gelesen haben, bieten wir verschiedene Freizeitaktivitäten an. Sport, Schach, Segeln, Golf, Literatur, Kunst … Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie sich einer dieser Arbeitsgemeinschaften anschließen würden. Von den Verbindungen, die Sie hier knüpfen, werden Sie ein Leben lang profitieren.«

Ja, auch das hatte in den Broschüren gestanden, die zusammengenommen einen stattlichen Katalog ergeben hätten. Aber für mich war dieser Fakt zweitrangig gewesen. Ich wollte die beste Ausbildung haben. Ich wollte eines Tages studieren. Diese Schule würde mir helfen, mein Ziel zu erreichen. Punkt.

»Literatur, Schach und Kunst hören sich gut an«, sagte ich, denn Sport, Golf und Segeln waren überhaupt nicht mein Ding. Außerdem bot Rotensand noch Schauspielerei und Mode an. Ich könnte wetten, dass dort der Großteil der Mädchen war. Aber ich konnte mich weder gut verstellen noch hatte ich Lust auf Klamotten. Ich trug ohnehin meist Schwarz und Jeans.

Mit meiner AG-Wahl schien ich jedenfalls den Geschmack des Rektors getroffen zu haben.

»Sehr gut! Ich glaube wirklich, dass Sie sich in Rotensand rasch einleben werden. Und dass wir großes Glück haben, Sie bei uns zu haben.«

Das klang, als müsste er es sagen. Okay, ich wusste schon, dass ich nicht wie die anderen war. Zahlende Mitglieder wurden wahrscheinlich höher geachtet. Doch wenn sie nicht vorhätten, auch ärmeren Schülern die Möglichkeit zu geben, hier zu lernen, würden sie wohl kaum ein Stipendium ausschreiben, oder?

»Melden Sie sich doch bitte im Sekretariat, dort wird man Ihnen alle nötigen Unterlagen und auch Ihren Zimmerschlüssel aushändigen. Sie werden sich das Zimmer mit einer anderen Schülerin teilen. Einzelzimmer gibt es bei uns nicht, die meisten Wohnräume werden zu zweit oder zu dritt bewohnt, um das Sozialverhalten zu fördern.«

Das klang ganz danach, als seien Kinder reicher Eltern von vornherein unsozial. Ich hoffte, dass das nicht zutraf. Ich rang mir ein Lächeln ab, verabschiedete mich von Rektor Sontheim und verließ das Büro.

Die Sekretärin saß am anderen Ende des Ganges. Sie war Mitte dreißig, sah aus wie das Model einer Parfüm- oder Haarfarbenwerbung und lächelte mich so breit an, dass Dr. Best seine helle Freude an ihr gehabt hätte.

»Was kann ich für Sie tun?«

Es kam mir seltsam vor, an allen Ecken gesiezt zu werden. In meiner alten Schule duzten die Lehrer selbst die in der Zwölften.

»Ich bin Clara Hansen. Der Rektor sagte mir, dass ich von Ihnen meine Zimmerschlüssel bekomme.«

»Und nicht nur das!« Die Frau drehte sich schwungvoll auf ihrem Stuhl herum, öffnete eine der Schubladen an ihrem Schreibtisch und begann, sich durch einen scheinbar völlig unsortierten Berg von Schlüsseln zu wühlen. Offenbar war selbst hier in Rotensand nicht alles perfekt organisiert und ordentlich, Eliteschule hin oder her. Doch innerhalb weniger Sekunden hatte sie meinen Schlüssel samt Anhänger gefunden und drückte ihn mir in die Hand. Dann fingerte sie in einer ihrer Ablagen herum und überreichte mir eine Klarsichthülle, die haufenweise Papiere enthielt.

»Das sind Ihre Anmeldeunterlagen, außerdem die Karte für die Bibliothek und den Copyshop. Hier ist ein Fragebogen zu Ihrer Gesundheit, und dieses Formular füllen Sie bitte aus, damit wir im Krankheitsfall jemanden aus der Familie benachrichtigen können.« Sie reichte mir einen Kugelschreiber und wandte sich dann wieder ihrer Computertastatur zu.

Offenbar hatte sie meine Schulakte nicht gelesen, sonst hätte sie gewusst, dass es keine Angehörigen gab, die im Krankheitsfall zu benachrichtigen waren. Onkel und Tanten hatte ich nicht, meine Großeltern waren gestorben, bevor ich richtig hatte laufen können. Es gab nur mich. Mich, um die niemand weinen würde, wenn mir etwas zustieß.

Aber warum sollte ich ihr das umständlich erklären?

»Sie brauchen die Formulare nicht hier auszufüllen«, bemerkte die Sekretärin, als ich die Sache gleich auf ihrem Tresen erledigen wollte. »Nehmen Sie sie ruhig mit auf Ihr Zimmer. Es ist die Nummer sieben im linken Korridor, Erdgeschoss. Den Kugelschreiber können Sie behalten.« Geschenk des Hauses, sagte ihr Blick und damit entließ sie mich aus ihrem Büro.

»Na, Mädchen, hast du alles gefunden?«, fragte der Mann, der immer noch im Flur zugange war.

»Ja, hab ich, vielen Dank.«

Sein kurzes Auflachen konnte ich nicht so richtig deuten.

»Ähm, hab ich was Falsches gesagt?«, fragte ich.

Der Hausmeister legte den Kopf schief. »Nein, eigentlich nicht. Aber mir fällt immer wieder auf, wie höflich hier alle sind. Als wären sie keine sechzehn, sondern schon dreißig.«

Darauf konnte ich nichts erwidern. Was war falsch daran, wenn man höflich war? Die Erwachsenen standen doch drauf. Unser alter Hausmeister hatte sich immer darüber beschwert, was für freche Rotzlöffel wir wären.

»Na ja, es tut mir leid, dass ich weder kiffe noch besoffen in einer Bushaltestelle rumhänge, wie es Gleichaltrige tun. Ich bin halt ein Alien.«

Jetzt lachte der Mann. »Scheinst echt in Ordnung zu sein, Mädchen.«

Damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

2.

Das Wohngebäude, das wie der Rest der Anlage aus dem 18. Jahrhundert stammte, war ähnlich dem Büro des Rektors modern eingerichtet. Auch hier war alles ruhig.

Zimmer Nummer sieben lag genau in der Mitte des linken Korridors. Sechs Türen gingen nach links ab, sechs nach rechts. Dreizehn Zimmer in einem Gang.

Der Schlüssel glitt ins Schloss und die Tür schnappte auf. Der frische Geruch nach Lavendelputzmittel strömte mir entgegen. Seit Beginn der Ferien war anscheinend niemand hier gewesen.

Ferien. Bisher hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht, aber jetzt sprang mich der Gedanke förmlich an. Was würde ich in den Ferien machen? Würde ich zurück ins Heim gehen?

Oder bestand die Möglichkeit hierzubleiben? Rügen war wunderschön, es war keine Strafe, den Urlaub im Wohnheim zu verbringen – doch deckte mein Stipendium das auch ab?

Ich würde genügend Zeit haben, dies herauszufinden.

In der Ecke neben dem Bett fand ich die Kiste mit meinen Sachen. Sie war vom Transport ein wenig zerknautscht, aber da sich darin nichts Zerbrechliches befand, war ich sicher, dass alles in Ordnung war.

Ich leerte meine Reisetasche und verteilte meine Kleidung auf dem Bett. Schwarz, schwärzer, am schwärzesten. Hier und da der Aufdruck einer Band oder ein witziger Spruch. Dazu ein Haufen Jeans.

Im Heim wurde ich hin und wieder gefragt, ob ich Schwarz trug, weil ich noch immer nicht über den Tod meiner Eltern hinweg sei.

Die richtige Antwort lautete: Ich trug Schwarz, weil ich mich daran gewöhnt hatte. Mit Schwarz lag man nie falsch, es betonte nicht unpassend, es machte keinen grünen Teint. Es wurde nicht so schnell schmutzig und außerdem lenkte es nicht von der Persönlichkeit ab. Das war es, was die Leute sehen sollten. Mich, wie ich war, und nicht mich in einem Versteck von Klamotten.

Ich war sicher, dass es eine Weile brauchen würde, bis meine Mitschüler in Rotensand meinen Geschmack akzeptierten. Aber das war sicher nur eine Frage der Zeit.

Da ich noch die Formulare auszufüllen hatte, setzte ich mich aufs Bett. Doch anstatt mich auf die Papiere zu konzentrieren, ließ ich meinen Blick über das Gelände schweifen. Von hier aus konnte ich gut die drei Flügel sehen. Da waren das Hauptgebäude, der Schultrakt und der ungenutzte westliche Gebäudekomplex. Äußerlich unterschieden sie sich kaum, doch an den Fenstern erkannte ich, welcher der Flügel war, der nicht zu Schulzwecken genutzt wurde.

Die Fenster des Westtraktes, in dem, wie in einer der Broschüren stand, immer noch deutliche Spuren des früheren Waisenheimes zu finden waren, zogen meinen Blick magisch an. Wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel stand, schienen die Scheiben zu leuchten. Ich betrachtete sie eine Weile und fragte mich, was sich wohl dahinter verbarg.

Es hätte mich nicht gewundert, wenn Gerüchte über einen Hausgeist kursierten.

Nicht dass ich an Geister glaubte. Aber ich hatte schon von Orten gelesen, die so vollgesogen waren von den Geschichten und Schicksalen der Menschen, dass auch das schönste Wetter keine fröhliche Stimmung in die Räume zaubern konnte.

In diesem Moment wurde die Zimmertür schwungvoll aufgestoßen. Das Mädchen, das lachend in den Raum gestürmt kam, erstarrte augenblicklich, als sie mich sah. Sie hatte langes Haar, dunkelbraun wie Schokokuchen, das ihr etwas wirr über die Schultern floss, sie trug eine knallenge Jeans und ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Rolling Stones forever«. Solche Shirts waren bei uns in Potsdam schon lange out, hier auf Rügen tickten die Uhren anscheinend anders.

»Hi!«, grüßte ich. Brownie erwiderte nichts. War sie überrascht, eine Zimmergenossin zu haben?

»Ich … ich bin Clara«, startete ich einen weiteren Versuch. »Clara Hansen. Ich bin heute angekommen.«

Diese Worte brachen nicht das Eis, aber sie brachten meine zukünftige Mitbewohnerin dazu, sich wieder zu bewegen. Mit einer lässigen Handbewegung warf sie ihre Tasche auf das freie Bett.

»Wo ist Camilla?«

»Keine Ahnung.«

Das Zusammenleben mit Miss Unbekannt würde interessant werden. Musste man so arrogant und abschätzig gucken, wenn man in einem Eliteinternat lebte?

»Ich bin Susanne. Susanne Bruns.«

Na endlich! »Freut mich!« Ich streckte ihr meine Hand entgegen.

»Dann bist du die Neue, ja?«

Die Unbekannte scannte mich. Was sie sah? Keine Markenklamotten, kaum Make-up. Ich kam aus Potsdam, ja, aber das bedeutete nicht, dass wir dort rumliefen wie Clowns. Blondes Haar, offen, halblang. Brille. Keine von den hippen Nerdbrillen, die trugen nur welche, die eben hip sein wollten. Meine Brille war kaum sichtbar. Ich habe sie von dem Augenblick an gehasst, als der Augenarzt sie mir verschrieben hatte.

»Ja, ich bin die Neue.«

Meine Mitbewohnerin starrte mich an, als hieße »Neue« so viel wie »ansteckende Krankheit« oder »Ausschlag«.

»Na ja, dann werd ich mal wieder«, sagte sie. Damit war das Gespräch beendet, bevor es richtig angefangen hatte.

Ich nickte und sah Susanne nach, als sie energisch die Tür hinter sich zuzog.

3.

Bis zum Abend füllte sich das Internat. Die älteren Schüler, die bereits Auto fahren durften, stellten ihre Fahrzeuge auf dem Parkplatz außerhalb des Hofes ab. Ziemlich dicke Karren waren dabei.

Aber man hatte mich ja gewarnt. Auf das Rotensand-Gymnasium ging die Elite. Und die fuhr mit 18 bereits BMW, oder besser noch Porsche, und trug nicht einfach nur Markenklamotten, sondern Sachen vom Designer.

Als mich das Betrachten des Parkplatzes langweilte, schlenderte ich, die Hände vergraben in die Taschen meiner No-Name-Jeans, über das Gelände.

Meiner Zimmergenossin war ich bisher noch nicht wieder über den Weg gelaufen, dafür aber einigen anderen Mädchen. Auf mein »Hallo« hatten sie mich nur blöd angestarrt. Mir war immer geraten worden, kommunikativ zu sein, aber bei denen hatte ich das Gefühl, dass meine Bemühungen fehl am Platz waren. Das Label »Neu« schien dick auf meiner Stirn zu stehen, und an Neues konnte man sich hier, wo einen Wasserspeier in Drachenform von den Dächern anstarrten, wohl nur schlecht gewöhnen.

Als ich in mein Zimmer zurückkehrte, fiel mir sofort auf, dass mein Bett unordentlicher aussah, als ich es verlassen hatte. Hatte sich jemand darauf gefläzt? Misstrauisch trat ich näher. Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit. Natürlich hätte ich es auch ignorieren können, doch wie von selbst wanderte meine Hand zu der Bettdecke und zog sie zurück.

Verdammt, das konnte doch nicht wahr sein! Erschrocken schlug ich mir die Hand vor den Mund. Mein Magen krampfte sich zusammen. Wer zum Teufel dachte sich so was Krankes aus? Reflexartig schossen Tränen in meine Augen.

Ich war aus dem Heim einiges gewohnt, aber auf die Idee, jemandem einen toten Vogel aufs Kissen zu legen, war dort niemand gekommen.

Ich kannte mich nicht sonderlich mit Vogelarten aus, war mir jedoch sicher, dass es sich um einen Spatz handelte. Seine Augen waren halb geschlossen, sein Kopf hing schlaff zur Seite, die Beinchen hatte er angezogen. Sein Gefieder war struppig. Etwas, das verdächtig nach Blut aussah, war in den Stoff gesickert und dort eingetrocknet.

Ich musste würgen. Schnell schloss ich die Augen, denn ich spürte, wie sich bereits Spucke in meinem Mund sammelte. Tief atmete ich ein und aus und versuchte, mich zu konzentrieren. Jetzt bloß nicht kotzen! Krieg dich wieder ein, du schaffst das!

Allmählich zog sich die Übelkeit zurück. Die praktische Seite meines Verstandes meldete sich.

Der Vogel. Du musst ihn rausbringen. Er kann nicht in deinem Bett bleiben. Und wenn du das Schwein findest, das ihn reingelegt hat, trittst du ihm in den Arsch.

Die letzten Reste Übelkeit wurden vom Zorn vertrieben, der in mir aufstieg. Wie konnte jemand so grausam sein, ein Tier zu töten und dann auf mein Kopfkissen zu legen?

Meine Augen brannten, als ich sie wieder öffnete. Aber nicht mehr von den Tränen. Der Anblick des Vogels traf mich immer noch hart, aber jetzt konnte ich endlich handeln.

Natürlich hätte ich zum Rektor laufen können, aber ich wusste, dass das ein Test war. Da ich keine Schachtel hatte, die ich als Sarg für das Tier hätte benutzen können, holte ich Taschentücher und hob es darin vom Kissen. Die Federn waren bereits an dem Kopfkissen angeklebt. Ich schüttelte mich vor Ekel.

Wenig später trug ich den Vogel nach draußen, um ihn in den Rosenrabatten zu vergraben.

»Was machst du da?«

Ich zuckte zusammen, als der Hausmeister plötzlich neben mich trat. Ertappt sah ich ihn an. Ich konnte den toten Spatz nicht mehr verstecken, ich hatte ihn bereits auf das Beet gelegt.

»Ich … habe ihn gefunden«, entgegnete ich. »Ich wollte ihn begraben.«

Der Hausmeister sah mich verwundert an, dann schüttelte er den Kopf. »Diese Gören! Das sieht ihnen ähnlich.«

»Ich weiß … nicht«, stammelte ich.

»Und du willst ihn wirklich begraben?«, fragte er zweifelnd. Ich ahnte, was hinter seiner gefurchten Stirn vor sich ging. Wahrscheinlich hielt er mich für ein Sensibelchen. Er würde den Vogel vielleicht auf den Kompost werfen.

Ich nickte nur. Der Spatz hatte es nicht verdient, zu Dünger zu werden.

»Dann warte mal, ich hol ’ne Schaufel.« Der Hausmeister seufzte und stapfte davon.

Ich blickte auf den toten Vogel. Und mit einem Mal waren all die Bilder wieder da.

Es war ein ganz normaler Nachmittag gewesen, an dem wir in die Stadt fahren wollten, Mama, Papa und ich. Ich hatte mein blaues Lieblingskleid angezogen, und Papa hatte versprochen, dass wir Eis essen gehen würden.

Ich hörte Mamas Lachen und Papas Schimpfen, als die Katze der Nachbarin wieder mal in unser Haus gehuscht kam. »Wir sollten uns tatsächlich einen Hund zulegen«, meinte Papa, »dann sind wir das Katzenproblem los.« Und dann fragte er mich: »Was meinst du dazu, Clärchen?«

Das war sein Spitzname für mich. Clärchen. Damals war ich auch noch ein Clärchen mit Zöpfen und Sommersprossen auf der Nase.

Natürlich wollte ich einen Hund haben, aber ich wusste, dass ich keinen kriegen würde. Mama und Papa waren beruflich immer sehr viel unterwegs gewesen und ich im Wechsel bei einem von ihnen.

An diesem Nachmittag aber redeten wir von Hunderassen und über die Möglichkeit, als Familie wieder mehr zusammen zu sein, mit einem Hund, der die Katze vom Haus fernhielt.

Tja, vielleicht waren wir an diesem Tag einfach zu fröhlich und mein Vater zu sehr bei seiner Vorstellung von einer glücklichen Familie.

Der Crash kam unvermittelt. Ich erinnerte mich nur noch an das übermächtig große Cockpit eines Lastwagens. Es gab einen gewaltigen Knall – und dann war da nichts mehr.

Geweckt wurde ich erst von dem leisen Piepen der Monitore, die meine Lebensfunktionen überwachten. Ich realisierte im ersten Moment gar nicht, dass ich im Krankenhaus war. Ich glaubte tatsächlich, zu Hause zu sein, dass wir in die Stadt fahren wollten, um Eis zu essen.

Vom Arzt erfuhr ich, dass dieser Morgen bereits zwei Wochen zurücklag. Dass es einen Unfall gegeben hatte und ich schwer verletzt worden war.

»Wo sind Mama und Papa?«, fragte ich, denn wenn wir einen Unfall gehabt hatten, waren sie vielleicht auch verletzt. Vielleicht lagen sie jetzt auch im Krankenhaus! Vor Sorge fing mein Magen an zu kneifen.

Der Arzt strich mir lächelnd übers Haar. »Alles wird gut«, sagte er und drehte am Rädchen des Tropfs, der über einen langen Schlauch mit einer Nadel in meiner Hand verbunden war. »Schlaf noch ein wenig, damit du bald wieder gesund wirst.«

Wenig später versank die Welt im Nebel und meine Sorgen verblassten.

Als ich wieder zu mir kam, tauchte ein Mann im schwarzen Anzug bei mir auf, begleitet von einer Frau in einem schlecht sitzenden Kostüm, die eine Perlenkette trug.

»Nur ein paar Minuten«, wisperte eine Männerstimme, dann traten sie an mein Bett.

»Ich bin Pastor Thalheim«, stellte er sich vor. »Und das ist Frau Lüden vom Jugendamt.«

Jugendamt? Davon hatte ich damals noch nie gehört.

»Was ist los?«, fragte ich, während mich eine ungute Ahnung überkam. »Wo sind meine Eltern?«

Es wird alles gut, hallte die Stimme des Arztes in mir nach. Ich entdeckte ihn ein wenig abseits, er stand neben dem Fenster, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und eine nachdenkliche Miene aufgesetzt.

Der Pastor sah mich ernst an, und dieser Blick sagte mir, dass mein Leben von nun an nicht mehr dasselbe sein würde.

»Es tut mir leid«, begann er mit brüchiger Stimme. »Aber deine Eltern …«

In diesem Augenblick kam es mir vor, als wäre ich nicht ich. Das Mädchen, das in diesem Krankenhausbett saß und erfuhr, dass an dem Tag, als es mit seinen Eltern bummeln und Eis essen gehen wollte, an dem Tag, als es davon träumte, wieder mehr Zeit mit seinen Eltern zu verbringen, sein Vater und seine Mutter in den Trümmern ihres Wagens gestorben waren, konnte unmöglich ich sein. So was passierte nur in irgendwelchen Filmen.

»Sie lügen!«, schrie ich so laut, dass mein Trommelfell vibrierte. »Meine Eltern leben, sie sind nicht tot!«

Sofort schrillten die Instrumente über mir auf. Ich riss mir die Kabel von der Brust und wollte mir auch die Kanüle aus der Hand ziehen, um loszulaufen und meine Eltern zu suchen. Damit ich ihnen beweisen konnte, dass sie unrecht hatten.

Dann war auch schon der Arzt bei mir. »Ruhig, Kleine«, redete er auf mich ein und ich fokussierte meinen Zorn auf ihn. Ich boxte ihn gegen die Brust und versuchte, ihn zu treten.

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass jemand zur Tür hereinkam, eine Schwester, der der Arzt irgendwas zurief, das ich nicht verstand. Wenig später spürte ich einen Stich in meinem Arm. Eine Weile noch hielt mich der Arzt, dann schwand die Kraft aus meinen Gliedmaßen.

Benommen blickte ich zur Seite. Mein Gesicht war nass von Tränen. Der Pastor presste die Lippen zusammen. Die Frau starrte mich erschrocken an.

Plötzlich wurde ich wieder müde und alles um mich herum verschwand hinter einer dichten Nebelwand: der Arzt, der mich angelogen hatte, der Pastor, die Frau vom Jugendamt und die Schwester. Ja, sogar das Piepen der Monitore über mir entfernte sich, bis alles still wurde.

Als ich aus dem Nebel wieder heraustrat, hatte sich nichts verändert. Noch einmal teilte mir der Arzt mit, dass meine Eltern gestorben seien und dass sich ab sofort das Jugendamt um mich kümmern würde. Dass ich überlebt hatte, sei ein Wunder, fügte er hinzu. Ein Wunder, für das wir dankbar sein sollten. Doch wen meinte er mit »wir«? Es war niemand anders übrig als ich.

In diesem Augenblick empfand ich keine Dankbarkeit, sondern tiefe Verzweiflung darüber, dass mir die beiden wichtigsten Menschen genommen worden waren, die ich je besessen hatte. Es wäre besser gewesen, wenn ich bei dem Unfall selbst ums Leben gekommen wäre.

Mama hatte immer gemeint, dass gute Menschen in den Himmel kämen. Da für mich kein Zweifel daran bestand, dass meine Eltern gut gewesen waren, war ich sicher, dass sie im Himmel auf mich warten würden. Ich könnte bei ihnen sein. Nein, ich müsste bei ihnen sein.

Aber ich war noch immer hier. Und während ich mein Gesicht weinend ins Kissen drückte, überkam mich große Hoffnungslosigkeit.

4.

»Wo soll das Loch hin?«, fragte der Hausmeister und stach den Spaten in den Boden.

Ich schreckte aus meinen Gedanken.

»Hier«, sagte ich und deutete auf die Stelle vor mir. Zwischen den Rosen und unter einer dicken Schicht Rindenmulch war der Spatz sicher. Und wer weiß, vielleicht war im Himmel auch Platz für ihn.

»Es gibt da so eine Geschichte«, sagte der Hausmeister, als er die Schaufel Erde beiseitehob. »Vom Spatzenmädchen.«

»Spatzenmädchen?« Wahrscheinlich war das eine regionale Sage oder so was.

»Na ja, in der Zeit, als das Internat noch ein Waisenhaus war, Ende des 18. Jahrhunderts, soll es hier mal ein Mädchen gegeben haben, das glaubte, mit Spatzen reden zu können. Jeder hat sie für verrückt gehalten. Doch sie kümmerte das nicht. Sie redete weiter mit den Spatzen und komischerweise scharten sich die Vögel auch immer um sie. Ansonsten war sie sehr still, was die anderen Kinder dazu verleitete, ihr Streiche zu spielen. Und ein bisschen beneideten sie sie wohl auch um den kleinen Vogel, den sie in einem Käfig hielt.«

»Sie hatte einen …« Vogel, den hatte sie wohl wirklich, wenn sie glaubte, mit Spatzen sprechen zu können.

»Einen zahmen Spatzen. Sie hatte ihn in einem kleinen Drahtkäfig bei sich, obwohl das unnötig war, denn das Tier war so zahm, dass es auf ihrer Schulter saß. Na ja, und eines Tages war der Vogel dann weg. Sie suchte ihn überall, rief ihn, pfiff nach ihm, aber er blieb verschwunden. Bis er eines Tages wieder auftauchte – mit umgedrehtem Hals in ihrem Bett.«

Ich schüttelte mich unwillkürlich. Daher hatten meine Mitschüler also diese kranke Idee! Derjenige, der mir das Tier untergeschoben hatte, sollte sich besser vorsehen.

»Sie weinte sehr um ihn, und als wäre das nicht schon schlimm genug, begannen ihre Mitschüler, sie bis aufs Blut zu quälen. Schließlich wusste sie keinen anderen Ausweg, als ihrem kleinen Vogel in den Tod zu folgen. Sie kletterte auf den Turm«, er zeigte auf die Spitze des Uhrenturms, der zwischen den Bäumen emporragte, »schloss die Augen und stürzte sich runter.«

»Und die Leute, die sie gequält haben?«

»Waren natürlich schockiert. Sie beteuerten, dass alles nur Spaß gewesen wäre. So, wie es immer ist, nicht wahr?«

»Sehr aufschlussreich.« Ich blickte auf das Vogelgrab, das unter dem Rindenmulch verschwunden war. »Und was für Geschichten kursieren hier noch in Rotensand?« Ich blickte dem Mann direkt ins Gesicht. Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund.

»Du bist kein Spatzenmädchen, wie ich sehe«, sagte er dann.

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Du bist kein stilles Mädchen. Wenn das die anderen von dir denken, schneiden die sich aber gewaltig, nicht wahr?«

Ich sagte darauf nichts, war aber fest entschlossen, den Elitegören zu zeigen, dass der Hausmeister mit seiner Einschätzung richtig lag.

»Den kleinen Drahtkäfig bewahren sie übrigens im Westflügel auf. Der steht leer. Dort haben sich viele Sachen aus der früheren Zeit angesammelt, der Rektor hat es sich in den Kopf gesetzt, dort ein Museum einzurichten. Aber bisher ist nichts aus diesem Plan geworden. Zum Glück, sonst müsste ich die Gören auch noch davon abhalten, dort was kaputt zu machen.«

Seine Abneigung den Internatsschülern gegenüber schien tief zu sitzen. Da konnte ich ja von Glück reden, dass er mich anscheinend nicht zu den »Gören« dazuzählte.

»Vielleicht schau ich ihn mir mal an, den Käfig.«

Der Mann nickte, nahm dann seine Schaufel und drehte sich um.

»Vielen Dank!«, rief ich ihm hinterher. Ich blickte noch mal zu den Rosen. Ich hatte welche auf das Grab meiner Eltern gelegt, kurz bevor ich nach Rotensand gefahren war. Das nächste Mal würde ich ihnen wohl erst wieder in den Herbstferien Blumen bringen können.

Als ich in mein Zimmer zurückkehrte, saß Susanne an ihrem Schreibtisch. Vor ihr lag ein Buch, und da sie nicht reagierte, nahm ich an, dass sie nicht gestört werden wollte.

Hatte sie mir den Spatz ins Bett geschmuggelt?

Ich war mir nicht sicher, ob ich sie darauf ansprechen sollte. Natürlich würde sie alles abstreiten. Beweise für ihre Täterschaft hatte ich ja nicht. Also beschloss ich, cool zu bleiben. Ich ging zum Bett, zog kurzerhand den Bezug vom Kissen und warf ihn in die Wäschetonne. Ich hatte eigenes Bettzeug mit, das mir ohnehin viel besser gefiel.

Susanne schien mein Tun gar nicht zu bemerken. Als ich fertig war, strich ich Kissen und Bettdecke glatt und setzte mich darauf.

»Und, hast du Camilla gefunden?«, durchbrach ich die Stille.

»Nein«, murmelte meine Zimmergenossin. Mehr nicht.

Verzweifelt suchte ich nach einem Thema, über das ich mit ihr reden konnte. Aber mir wollte nichts einfallen. Ich war furchtbar schlecht in Small Talk. Außerdem zerrte die Wut noch an mir. Ich konnte sie unmöglich fragen: »He, hast du mir die Spatzenleiche ins Bett gesteckt?« Vielleicht wartete sie ja darauf.

Ich wollte ihr diesen Gefallen nicht tun. Stattdessen sortierte ich meine Schulbücher.

Dabei fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, welche Stunden morgen anstanden. In den Unterlagen, die ich mir im Sekretariat abgeholt hatte, fand ich keinen Stundenplan.

Ich blickte zu Susanne.

»Ähm …«, begann ich, in der Hoffnung, dass sie sich umdrehen würde, aber sie rührte sich nicht. »Ich will dich überhaupt nicht stören, aber kannst du mir sagen, wo ich den Stundenplan finde?«

»Im Schulgebäude«, antwortete sie einsilbig.

Ja, natürlich, wo sonst!

»Ich … ähm, sag mal, kann es sein, dass Camilla vorher mit dir zusammengewohnt hat?«

Susanne hielt kurz in ihrem Schreiben inne. Treffer!

»Tut mir leid, dass sie mich hier reingesteckt haben«, sagte ich schnell. »Ich hatte keinen Einfluss darauf.«

»Weiß ich«, maulte Susanne, dann machte sie weiter.

Okay, mir war schon klar, dass sie sich lieber mit ihrer Freundin ein Zimmer teilen wollte. Doch was konnte ich dafür?

Da es keinen Sinn hatte, weiter Small Talk mit Susanne zu führen, beschloss ich, zum Hauptgebäude zu gehen. Ein paar Jungs lungerten in den Ecken rum und nahmen keine Notiz von mir. Auf dem Gehweg zum Hauptgebäude kamen mir ein paar jüngere Schüler mit ihren Trolleys entgegen. Sie waren zwar auch die Neuen hier, aber Neue, die eine eigene Klasse bildeten.

Ein bisschen beneidete ich sie darum – und ich bereute es, mich nicht schon früher für Rotensand beworben zu haben.

Im Hauptgebäude fand ich tatsächlich die Stundenpläne – und bekam einen Schock, als ich sah, dass an einer Tafel sogenannte »Leistungsgruppen« aufgeführt waren. Unabhängig von der Klassenstufe wurden die Notendurchschnitte der Schüler bekannt gegeben. Bedeutete das etwa, dass es hier einen Aushang gab, wer wie stand?

Offenbar ja, und die Leistungsgruppe eins – die mit einem Durchschnitt von 1,0 – war ganz oben. Und das Schlimmste war, dass die Namen mit veröffentlicht wurden … Schlechter als 2,5 war keine der Leistungsgruppen, wahrscheinlich waren das in Rotensand schon die Obernullen. Wenn das meine früheren Mitschüler sehen könnten, wären sie entsetzt.

Vielleicht sollte ich mich noch ein wenig mehr mit den Leistungsgruppen auseinandersetzen. Immerhin war es möglich, dass danach die Tische in der Mensa aufgeteilt waren …

Doch auch ohne solche Klassifizierungen war es bestimmt hart, sich in eine gute Leistungsgruppe hochzuarbeiten. Man hatte mich bereits gewarnt, dass ich in der ersten Zeit vielleicht um eine Zensur abrutschen würde.

Mit dem Stundenplan in der Tasche kehrte ich in mein Zimmer zurück. Susanne lag auf dem Bett, mit dicken Kopfhörern auf den Ohren. Was sie wohl für Musik mochte? Rap, R’n’B oder Rock? Ich lauschte, konnte aber nichts hören.

Als sie anfing, französische Wörter aufzusagen, wusste ich, dass sie sich irgendeine Sprach-CD reinzog. Sie lernte, obwohl sie noch nicht einmal wusste, welches Thema morgen drankam.

Ich ließ mich auf mein Bett sinken, wo mich diesmal keine unangenehme Überraschung erwartete, schnappte meine Tasche und stöpselte mir Musik in die Ohren. Die Texte von Snow Patrol kannte ich auswendig, beschloss aber, nicht mitzusingen, sondern ließ mich von den Bässen mitreißen.

5.

Er liebte den Abend, die Zeit, in der alles ruhig wurde und Dunkelheit die Welt einhüllte, das Hässliche in ihr tilgte. Dann setzte er sich auf den breiten Stein, holte seine Zigarettenschachtel heraus und rauchte eine. Das tat er auch heute. Nur wollte sich diesmal nicht die gewohnte Ruhe in ihm einstellen. Unaufhörlich musste er daran denken, ob sie sein Zeichen wohl verstanden hatten.

Dunkel erhoben sich die alten Mauern vor ihm. Das Internat war ziemlich gut gesichert, aber er kannte viele Schleichwege. Wie alles, was damals geschehen war, waren auch sie ihm gut im Gedächtnis geblieben. Manchmal schlich er sich auf das Gelände, einfach so, um zu sehen, ob er es noch konnte. Inzwischen sah er dies als Übung für den Ernstfall an. Der Gedanke, jederzeit auf das Grundstück gelangen zu können, um dort ein Mädchen zu töten, gefiel ihm immer besser. Natürlich war das gefährlich. Nicht zu vergleichen mit dem, was er im Wald getan hatte. Dort war es ein glücklicher Zufall gewesen, der ihm in die Hand gespielt hatte.

Schon bald würden sie wissen, was geschehen war. Wahrscheinlich hatten sie die Nachricht bereits erhalten. Und alles andere würde folgen.

Aber das war ja Sinn der Sache. Er wollte, dass sie es wussten. Und er wollte, dass die Schuldigen von diesem Augenblick an in Angst lebten. Natürlich würden sie wachsamer sein, aber trotzdem zu spät erkennen, in welch aussichtsloser Lage sie sich befanden.

Er drückte seine Zigarette unter dem Schuh aus, dann näherte er sich der Hecke. Durch diese schlüpfte er ohne große Anstrengung und umrundete das große, leere Gebäude, das wahrscheinlich nie einen richtigen Zweck bekommen würde. Schließlich war er am Ziel. Es herrschte tiefste Dunkelheit. Er blieb stehen, wurde eins mit der Finsternis und blickte hoch zu einem der hell erleuchteten Fenster.

Sie glaubten, dass sie sicher waren. Heute waren sie es auch noch. Bevor sein erstes Kunstwerk nicht entdeckt worden war, würde er kein zweites beginnen. Aber er wusste schon, wen er sich dafür aussuchen würde. Bald.

6.

Nach der Nummer mit dem toten Spatz im Bett freute ich mich natürlich ganz besonders auf den ersten Schultag. In meinem Magen schien eine beißende Flüssigkeit zu wabern und meine Hände waren eiskalt. Im Heim hatte ich gelernt, cool zu bleiben, wenn es brenzlig wurde. Doch trotz des Pokerface, das ich aufgesetzt hatte, war ich ziemlich angespannt.

Gleichzeitig war ich mir sicher, dass ich den Schuldigen erkennen würde, wenn ich ihn sah. Wer etwas angestellt hatte und glaubte, nicht entdeckt werden zu können, fühlte sich sicher. Aber Sicherheit gab es in diesem Fall nicht.

Ich betrat den Klassenraum mit hoch erhobenem Kopf und warf meine Tasche auf einen freien Platz in der Mitte. Die Coolen saßen hinten, die Loser vorn – wahrscheinlich war das auch in Rotensand so, Segelunterricht hin und Schauspielgruppe her.

Natürlich richteten sich alle Augen sofort auf mich.

Ich legte meinen Block und ein paar Stifte auf den Tisch und stellte meine Tasche neben den Stuhl.

Fast kam ich mir vor wie bei meinem ersten Tag im Heim. Dort war ich auch die Neue gewesen, alle anderen hatten sich schon länger gekannt. Und das ließen sie mich in der ersten Zeit auch spüren. Darauf, dass ich meine Eltern verloren hatte, hatte niemand Rücksicht genommen – sie alle hatten ihre Eltern verloren. Ob bei einem Unfall, durch Krankheit, Alkohol oder die Fürsorge.

In Rotensand war ich sogar auf zweierlei Arten ein Freak. Ich war neu und hatte keine Eltern mehr. Ging es noch schrecklicher? Zumal ich wusste, dass viele glaubten, Waisen seien von vornherein asozial.

Jemand kicherte unterdrückt. Ich wandte mich nicht um, aber aus den Augenwinkeln sah ich, dass eines der Mädchen auf mich zeigte und die Arme zu Flügeln formte.

Okay, also sie wusste schon mal von dem Spatz. Hatte sie ihn gefunden und in mein Bett gesteckt? Hatte sich meine Zimmergenossin darüber beschwert, dass ich den Platz ihrer Freundin eingenommen hatte?

»He, Melanie, hast du heute Abend Zeit?«, rief ihr da ein Junge zu und strich ihr kurz durch die rote Wuschelmähne. Jetzt schaute ich mir meine neue Klassenkameradin genauer an. Sie war schlank und ihre graugrünen Augen waren ziemlich stark geschminkt. Sie trug goldene Kreolen in den Ohren, als wollte sie in die Disco, ein grünes Wasserfalltop und Skinny-Jeans.

»Ach, verzieh dich, Joseph!« Melanie rollte genervt mit den Augen und die anderen Mädchen kicherten. Der Junge lachte darauf nur und warf seinen Rucksack auf den Tisch.

In dem Moment betrat ein anderer Junge den Klassenraum. Sein Haar war dunkelbraun, fast schwarz, dasselbe galt für seine Augen. Wäre seine Haut etwas brauner gewesen, hätte er leicht für einen Italiener durchgehen können, doch mit seinem hellen Teint wirkte er eher wie dieser Vampirdarsteller aus einer der Serien, die sich die Mädchen im Heim immer angesehen hatten. Er war ziemlich groß, trug eine etwas ausgeleierte Jeans und ein enges olivgrünes T-Shirt. Er hatte keine Tasche dabei und steuerte auf ein Mädchen zu, das etwas abseits von den anderen saß, und sprach mit ihr. Es entging mir nicht, dass sich die Clique um Melanie ihm sofort zuwandte.

Kein Wunder, so wie er aussah!

Aber er konzentrierte sich nur auf das Mädchen und machte dann wieder kehrt. Kurz bevor er den Raum verließ, blieb er noch einmal stehen und schaute mich direkt an. Ich war so überrascht, dass ich gar nicht schnell genug wegschauen konnte. Er lächelte mich breit an und zwinkerte mir zu, dann verschwand er aus dem Raum. Erst jetzt merkte ich, dass ich zurückgelächelt hatte. Gleichzeitig spürte ich die Blicke meiner Klassenkameraden wie Nadelstiche im Rücken und drehte mich um. Melanie musterte mich. Sie sah aus, als hätte sie Zahnschmerzen.

War sie scharf auf den Unbekannten? Irgendetwas sagte mir, dass sie für ihn heute Abend Zeit gehabt hätte.

Ich ignorierte sie und setzte mich auf meinen Platz.

In dem Moment rief eine Frauenstimme: »Guten Morgen, Herrschaften!« Eine Wolke aus Parfüm und Seife wehte an mir vorbei.

Unsere Lehrerin, laut Stundenplan Frau Mertens, war schätzungsweise Ende dreißig und ziemlich attraktiv. Sie hatte dickes braunes Haar, trug eine fließende, blau gemusterte Carmenbluse und Jeans. An ihrem Finger glänzte ein schmaler goldener Ehering. Eine nette Person, dachte ich im ersten Moment. Ein paar Augenblicke später änderte ich meine Meinung.

Sie teilte den anderen mit, dass ich eine neue Schülerin wäre. Sie ließ mich aufstehen und ich musste mich vorstellen. Ich hasste solche Runden, hasste es, blöd angeglotzt zu werden. Hatte das schon gefühlte tausend Mal erlebt in meiner alten Schule. Obwohl ich dort alles andere als gern hingegangen war, sehnte ich mich auf einmal an das städtische Gymnasium zurück. Dort war ich keine »Neue« gewesen, sondern eine, die man in Ruhe gelassen, ignoriert hatte.

Ich stellte mich also vor, erzählte, dass ich aus Potsdam kam und mich für Bücher interessierte. Dass ich mir wünschte, irgendwann mal Rechtsmedizinerin zu werden, um mitzuhelfen, Verbrechen aufzuklären, ließ ich außen vor. Ohnehin kam ich mir schon wie ein Freak vor. Mein Notendurchschnitt von 1,2 beeindruckte hier niemanden, aber angesichts der Leistungsgruppen erwähnte ich es mal. Tja, und das war dann schon alles.

Frau Mertens bedeutete mir mit einem Nicken, mich wieder zu setzen, und ich war ihr dankbar, dass sie nicht darauf zu sprechen kam, dass ich Rotensand aufgrund eines Stipendiums besuchte. Obwohl man mir das bestimmt ansah und sich wahrscheinlich alle darüber wunderten, dass ich meine Eltern nicht erwähnt hatte.

In der Mittagspause lief ich den anderen hinterher in die Mensa, wo es wohl das größte Angebot an Hauptgerichten und Nachtischen gab, das ich je gesehen hatte. Die Schlangen waren enorm, und ich landete ganz hinten, weil ich mir erst einmal eine von diesen Plastik-Essenskarten besorgen musste, mit denen man hier die Mahlzeiten bezahlte.

Schließlich fand ich im Speisesaal, der zum Glück nicht nach Leistungsgruppen geordnet war, einen freien Tisch am Fenster, von dem aus ich über den ganzen Hof blicken konnte. Ein paar der Kastanienbäume, die wohl schon mehr als hundert Jahre auf dem Buckel hatten, bekamen erste gelbe Flecken. Die Ahornbäume hielten sich noch ganz gut, doch wenn es erst einmal Oktober war, würde es goldene Blätter regnen. Ich liebte den Herbst einfach, er passte zu meinem Innern, der Schwermut, die mich irgendwie ständig begleitete, obwohl ich glaubte, ein positiver Mensch zu sein.

»He, Heimkind!«, tönte es, als ich gerade beim Nachtisch angekommen war. »Ich wusste ja gar nicht, dass unsere Schule solche wie dich aufnimmt.«

Ich legte meine Gabel beiseite und drehte mich um. Melanie stand im Kreise ihrer Freundinnen hinter mir. Ihre rote Lockenmähne wirkte ein wenig zerzaust, ihre Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt und ihr Mund war herablassend verzogen. Sie und ihre Freundinnen wirkten auf mich ein bisschen wie Häftlinge im Knast, die mit dem Neuankömmling Streit anfangen wollten.

Woher zum Teufel wusste sie, dass ich ein Heimkind war? Gab es irgendwo auch einen Aushang mit den Lebensgeschichten der Schüler?

»Wie nett, freut mich auch, dich kennenzulernen, Melanie!«, entgegnete ich.

Damit rang ich ihr für einen Moment Bewunderung ab. Wahrscheinlich fragte sie sich, woher ich ihren Namen kannte. Auf die Idee, dass ich meine Ohren zum Hören benutzte, kam sie wohl nicht.

»Wer bezahlt denn eigentlich die Schule für dich?«, ätzte sie. »Hast du einen Brief bekommen, in dem stand, dass du eine Hexe und auserwählt bist?«

Auch wenn Melanie etwas anderes beabsichtigt hatte, ich musste lachen. Schon allein wegen ihrer roten Haare sah sie eher aus wie eine Hexe als ich.

»Sag bloß, du liest noch Harry Potter! Bei welchem Band bist du denn? Und wahrscheinlich stehst du total auf Hermione Granger.«

Eines der anderen Mädchen kicherte unfreiwillig los. Die Ähnlichkeit ihrer Freundin mit der Romanfigur musste auch ihr aufgefallen sein. Melanies Augen blitzten.

»Hier haben wir das Sagen, kapiert?«, schnarrte sie. »Du passt dich uns besser an, sonst machen wir dir das Leben so richtig zur Hölle.«

»Du guckst wohl zu viel fern, oder?« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Warum führst du dich eigentlich so auf? Du kennst mich überhaupt nicht, und ich wüsste auch nicht, dass ich dir irgendwas getan hätte. Also, was ist los?«

»Uns passt dein Gesicht nicht.«

»Dann schau weg.«

»Du gehörst einfach nicht zu uns!«

»Sagt wer?« Allmählich wurde ich wirklich sauer.

Melanies Augen wurden wieder schmal. »Geh uns einfach aus dem Weg«, zischte sie und stapfte davon.

»Dann kommt doch einfach nicht zu mir!«, rief ich ihr hinterher und schüttelte den Kopf. Offenbar hatte der Hausmeister mit seiner Meinung über sie recht.

7.

Nach dem Unterricht setzte ich mich mit Jane Austen auf eine Parkbank und ließ mich von ihr nach Kloster Northanger Abbey entführen. Die anderen mochten ihren außerschulischen Aktivitäten nachgehen, ich hatte als Neue Schonfrist und konnte mir heute noch einen freien Nachmittag gönnen, bevor es nächste Woche richtig losging und ich mich für eine der Arbeitsgruppen entscheiden musste.

Sollte ich vielleicht dem Leseclub beitreten, wie ich es dem Rektor gesagt hatte? Das war wohl die beste Idee, auch wenn ich meine Bücher lieber allein las und sie mir nicht von anderen zerreden ließ. Und Sport? Nee, das war das Fach, das mir den Notendurchschnitt verdarb. Vielleicht konnte ich es mit Segeln versuchen. Manchmal träumte ich davon, weit draußen auf dem Meer zu sein. Zum Glück musste ich nicht gleich eine Entscheidung treffen. Ich hatte noch das ganze Wochenende Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Und das Wochenende versprach, interessant zu werden. Ein sogenanntes Internatswochenende stand an – mit einer Begrüßungsfeier für die neuen Schüler und Abendessen im großen Saal des Hauptgebäudes. Dem Saal, in dem wir irgendwann auch mal unsere Abschlusszeugnisse erhalten würden.

Ein lauter Schrei ließ mich hochschrecken. Im nächsten Augenblick hörte ich ein verzweifeltes Weinen. Was war passiert? Ich klappte mein Buch zu und folgte dem Geräusch. Lange brauchte ich nicht zu suchen.

Susanne, meine Zimmergenossin, hockte auf einer Bank im vorderen Bereich des Parks. Andere Mädchen umringten sie, unter anderem meine neue Busenfreundin Melanie. Ihre Begleiterinnen standen etwas abseits. Auf dem Boden lag Susannes Handy.

»Was ist passiert?«, fragte ich meine Mitbewohnerin und kam nicht umhin, die Reaktionen der anderen zu prüfen. Die meisten schienen sich zu fragen, wer ich war.

Melanie warf mir einen giftigen Blick zu, der nur zu deutlich »Verpiss dich!« sagte. Ihr dicker Kajal war verwischt, sie sah jetzt ein wenig aus wie dieser Typ aus »The Crow«. Auch sie konnte also weinen.

Ich blieb stehen. Sollte sie doch etwas zu mir sagen, wenn ihr meine Anwesenheit nicht passte.

»Das geht dich nichts an«, meinte ich irgendwen brummen zu hören, doch das Mädchen, das Susanne tröstete, schaute mich an. Sie hatte hellgrüne Augen, schwarze Haare und ein Gesicht wie ein Topmodel.

»Ich teile mir mit Susanne ein Zimmer«, erklärte ich. Nicht dass ich glaubte, dass das für irgendjemanden von Bedeutung wäre. Aber immerhin war ich Susannes Zimmergenossin. Und ich wollte wissen, was passiert war.

»Camilla ist tot«, erklärte das Mädchen mit den grünen Augen. »Sie war Susannes Freundin.«

»Und auch unsere«, fügte Melanie trotzig hinzu, als käme es in diesem Augenblick darauf an, mich daran zu erinnern, dass ich keine von ihnen war. »Du kennst sie nicht.«

»Aber … wie ist das passiert? Hatte sie einen Unfall?«