DAS SPIEL

Definitiv der flauschige Webpelzschal. Aber nicht in Aquamarin … eher in Aubergine, vielleicht hell gesprenkelt.

Mit geübten Strichen zeichnete Emma den Schal auf ihr schweres weißes Zeichenpapier. Während ihr Bleistift über die Seite zuckte, schien die Welt um sie herum zu verschwinden. Zumindest für ein, zwei Minuten.

Sie blickte auf und ließ ihren Blick durch die überfüllte U-Bahn schweifen. Person für Person, Outfit für Outfit scannte sie die Menge. Farben, Muster, Materialien, Texturen, Schnitte sprangen ihr ins Auge. Ein strahlendes Türkis vor sattem Kakaobraun. Ein Kragen in demselben giftgrünen Zottellook wie Oskar aus der Tonne. Ein perfekt geschnittener Glockenrock, der an der richtigen Stelle des Oberschenkels leicht enger wurde. Schwarzer Minirock über knallpinkfarbener Strumpfhose. Die Gesichter beachtete Emma gar nicht. Sie spielten für sie keine Rolle. Es ging ihr nur um die Kleidung.

Schon immer.

An neue Namen erinnerte sie sich nur sporadisch, aber sie konnte ohne Ausnahme die Kleidung beschreiben, die jemand bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte – einschließlich der Knöpfe. Ihre Mutter erzählte immer wieder gern, wie Emma als Drei- oder Vierjährige einmal verkündet hatte: »Ich will die Babysitterin mit dem lila Spaghettitop. Und dem Rock, der aussieht wie eine Jeans. Und mit den dreieckigen Absätzen.« Sie liebte Keilabsätze, lange bevor sie sie benennen konnte.

Das Geräusch der zufallenden U-Bahn-Türen holte sie in die Realität zurück. Ihr blieben noch zwei Haltestellen, dann musste sie mit dem Spiel fertig sein. Zahlreiche Menschen drängten in den überfüllten Waggon. Ein Mann in einem scheckig braunen Wintermantel verdrehte entnervt die Augen und klammerte sich an eine Haltestange. Ihr hingegen war das Gedränge nur recht. Je mehr Menschen, desto mehr Outfits, aus denen sie wählen konnte.

Das Ziel des Spiels war denkbar einfach: Wähle eine Vielzahl verschiedener Kleidungsstücke von unterschiedlichen Fahrgästen und stelle sie zu einem atemberaubenden Outfit zusammen. Farben durften komplett verändert werden, Schnitte nur geringfügig. Das Resultat musste ihr so gut gefallen, dass sie es selbst tragen würde – vorausgesetzt, sie wäre zu einem etwas glamouröseren Ort unterwegs als zu ihrer Schule.

Es ging bei dem Spiel um Geschick und Schnelligkeit: Sie musste die Aufgabe bewältigen, bevor die U-Bahn ihre Haltestelle erreichte. Leider hatten die modebewussten Diven dieser Stadt so früh am Morgen noch nicht mal ihren ersten Latte macchiato geschlürft, geschweige denn ihre Stilettoabsätze in die U-Bahn gesetzt, was das Spiel nicht gerade erleichterte.

Lautes Gekicher am anderen Ende des Ganges lenkte ihre Aufmerksamkeit in eine neue Richtung. Drei Mädchen im Collegealter hatten sich dicht um eine der glänzenden Haltestangen geschart und schwatzten in einer Lautstärke, als wären sie mitten auf einer Party. Die größte der drei jungen Frauen trug eine Jacke im Armylook.

Perfekt! Sie musste nur das triste Grün durch ein gepflegtes Stahlblau ersetzen, dann würde die Jacke genial aussehen. Emmas Bleistift arbeitete im Akkordtempo. Beim Zeichnen wählte sie einen figurbetonteren, femininen Schnitt, der nicht so auftrug. Jetzt brauchte sie nur noch ein passendes Unterteil, um ihr halb fertiges Outfit zu vervollständigen.

Die U-Bahn kam erneut zum Stehen und öffnete ihre Türen. Menschen drängten hinaus, neue drängten herein – eine frische Auswahl an potenziellen Modekandidaten. In letzter Sekunde schob sich eine Studentin mit seitlichem Pferdeschwanz herein und entging nur knapp den tödlichen Klauen der zuschnappenden Türen. Sie trug ein bezauberndes Paar kirschroter Lackstiefeletten.

Die müssen echt vintage sein, dachte Emma. Das erkannte sie an der Form – den niedrigen Blockabsätzen und den geraden Zehen – und natürlich an der Qualität. Das Lackleder wirkte absolut echt, nicht wie billiges Plastik. Eine Hose brauchte sie zwar immer noch, aber die Stiefel kamen ihr wie gerufen.

Es blieben nur noch wenige Sekunden. Hastig zeichnete sie die Stiefel unter die Jacke und verband beides mit kräftigen Linien, um eine schlichte schwarze Leggins anzudeuten.

Fertig!

Kritisch betrachtete sie ihre jüngste Kreation. Die breiten Bleistiftlinien bildeten einen wirkungsvollen Kontrast zu dem reinweißen Zeichenpapier. Später würde sie ihre Buntstifte und Pantone-Marker benutzen, um die Farben nachzutragen, die sie sich am Rand notiert hatte. Einige Details würde sie vielleicht noch ändern, um das Outfit abzurunden. Ein längerer Schal oder ein engerer Schnitt. Vielleicht würde sie die Jacke auch zu einem Minikleid verlängern.

Die U-Bahn kam mit einem Ruck zum Stehen. Emma schloss ihr Skizzenbuch, das in amethystfarbenen China-Brokat eingeschlagen war, und steckte es hastig in ihre Tasche.

Das Spiel war vorbei.

Zeit für die Schule.

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Ein Auszug aus »Colours of Africa« von Ellen Alpsten

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Kenia – das ist für Ava eine Explosion von Farben, Musik und Gefühlen. Seit ihrem ersten Praktikumstag bei einer Hilfsorganisation schwankt sie ständig zwischen den Extremen. Tagsüber arbeitet sie bei einer Initiative, die Kindern im Slum von Nairobi Kunst näher bringen will, und abends stürzt sie sich in das pulsierende Nachtleben der kenianischen Hauptstadt. Dabei lernt sie den charmanten James Cecil kennen, der ihr als Sohn eines reichen Großgrundbesitzers eine völlig neue und dekadente Welt eröffnet. Gleichzeitig bemerkt sie aber, dass sie sich auch zu ihrem Teamleiter Mats hingezogen fühlt. Schon bald sitzt Ava zwischen allen Stühlen und muss sich entscheiden, zu wem und wohin sie wirklich gehört.

Träume sind Schäume

Ava griff in die kiloschwere, elfenbeinfarbene Seide ihres Kleides, für die Millionen von Raupen um ihr Leben gesponnen hatten. Der Himmel füllte sich mit Regenbogenfarben, die wie Eiscreme ineinanderliefen. Vanille, Pistazie und Erdbeere tropften auf die Straßen. Ava streckte den Kopf aus dem Fenster und die Zunge raus und kostete davon – hmmm, wie gut! Die Sonne glänzte wie die zur Feier dieses Tages frisch geprägten Münzen. Als Ava vor der großen Kathedrale aus dem von Mäusen gezogenen Kürbis stieg, halfen die fünfzig Pagen und fünfzig Blumenmädchen ihr voran. Ein riesiges Tor schwang vor ihr auf und sie ging den langen Gang inmitten des Kirchenschiffs ganz allein hinunter. Schritt für Schritt, ihrem großartigen Schicksal entgegen. Eine Premiere für eine königliche Braut. Ava kannte ihren Vater nicht und ihre Mutter saß vorn am Altar, der Königin gegenüber. Sie trug einen Hut, so groß wie ein Wagenrad. Ava spürte den Neid der anderen Mütter, die ebenfalls schöne Töchter hatten, wie Nadelstiche auf ihrer Haut. Sie alle wandten ihr die Köpfe zu: fauchende Tiger, spuckende Schlangen, Skorpione, zum Stich bereit.

Als Ava ihren Bräutigam so blond und stattlich in seiner roten Gala-Uniform am Altar stehen sah, ging ihr Atem doch etwas rascher. Wie lange hatte sie auf diesen Augenblick gewartet? Ewig. Nun war er da.

Der Erzbischof lächelte ihr ermutigend zu, als sie nebeneinander vor ihm niederknieten. Blut tropfte dabei von seinen Eckzähnen, spitz wie die von Graf Dracula.

»Ja, ich will …« Der Prinz und Ava murmelten ihren Treueschwur, der im Aufbrausen der Orgel ertrank: School’s out, for ever!, tönte die Musik über den Jubel und das Geschrei der Menge hinweg. Ava schloss kurz wie geblendet die Augen, so grell waren die Blitzlichter, doch dann fasste sie sich: Sie trat auf den Laufsteg, der sich nun vor ihr ausbreitete, und sie riss sich das Brautkleid herunter. RATSCH, hallte es durch das Kirchenschiff. Und dann lief sie los, einfach so, Hüften wackelnd, Blick geradeaus, in einem winzigen Kleid aus goldenen Pailletten, mitten in das Feuer der Kameras hinein.

School’s out, forever! Die Musik heulte wie ein Sturm. Der Rhythmus kam Ava-Top-Model gerade ganz gelegen. Sie war cool. Sie war großartig. Sie überragte alle anderen Mädchen um zehn Meter. Sie wurden kleiner und kleiner, so, als liefe Ava auf Stelzen. Verwirrt wandte sie den Blick wieder nach vorn. Wohin lief sie? Karten vermischten sich in ihrem Kopf. Mailand, New York, Paris, London wurden zu einem bunten Wirbel. Das Kaleidoskop der Städte wartete am anderen Ende des Laufstegs auf sie, wie ein Strudel, der sie ansog. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, ihre Stelzen staksten wie von selbst darauf zu.

Ava kam dem sich drehenden Wust aus Farben und Städten näher und näher und sah plötzlich, dass sie auf ein mit Klingen besetztes Rad zusteuerte. Alles in ihr wehrte sich, aber: nicht schreien, nicht nach rechts und links schauen. Immer geradeaus!

»Move it, Baby!«, riefen die Fotografen.

Nein, Ava fühlte sich vor Angst erstarrt, als der Wirbel sie ergriff, ihre Stelzen zermalmt wurden und die Musik dröhnend ihre Ohren füllte: »School’s out, forever!«, gellte es aus den Lautsprechern …

Alle, nur ich nicht!

Ava schreckte auf. BIEB, Bieb, machte ihr Laptop, der aufgeklappt neben ihrem Bett auf dem Boden stand. Sie musste noch einmal eingeschlafen sein – schon zum dritten Mal an diesem Tag. BIEB, Bieb. Jemand rief sie über Skype an! Endlich tat sich mal was.

Ava blinzelte in den warmen August-Sonnenschein. Es war der erste sonnige Tag nach wochenlangem Regen, doch die gelbe Sau am Himmel konnte ganz schön nerven! Beinahe fünf Uhr nachmittags, verriet ihr ein Blick auf den altmodischen Wecker, der auf ihrem Nachttisch stand. BIEB, Bieb!

Jajajajaja … JA! Ava streckte sich nach dem Computer, zog ihn zu sich und sah auf den Bildschirm. Camille ruft an, sagte die Skype-Anzeige.

Avas Herz machte einen kleinen Sprung. Sie hatte schon lange nichts mehr von ihrer Freundin Camille aus Paris gehört. Hatte sie ebenfalls ihr Abitur bestanden? Klar hatte sie das! Camille war immer eine Musterschülerin gewesen. Aber eben dennoch cool. Sie hatte stets das gemacht, was sie wirklich wollte – gegen alle Widerstände. Ava drückte auf Antworten und dann schnell auf die Kamera-Taste, obwohl sie aussah wie ein Schwein: Haare ungekämmt, Pickel am Kinn, Zähne nicht geputzt. Machte nichts. Das musste eine Freundschaft aushalten.

»Oui, Camille?«, sagte sie.

»Ava, super, dass du da bist! Regnet es bei euch?«

Ava warf einen Blick aus dem Fenster, in den strahlend blauen Himmel. Affenhitze herrschte, zum ersten Mal seit Wochen. »Ausnahmsweise nicht, wieso?«

»Na, weil du mitten am Tag so zu erreichen bist. Solltest du nicht zum Baden am See sein?«

»Hm. Vielleicht. Wir waren gestern Nacht noch lange aus«, – eine glatte Lüge, denn sie hatte bis in die frühen Morgenstunden DVDs auf ihrem Computer geschaut –, »und mir tun vom Tanzen alle Muskeln weh. Ich werde halt alt.«

»Ava!«, lachte Camille, und Ava fiel auf, wie gut ihre Freundin aussah. Sie trug ein kleines weißes Hängekleid und hatte sich die dunkelblonden Haare zu losen Zöpfen um den Kopf geschlungen, was ganz süß aussah.

»Aber warum bist du denn zu Hause vor dem Computer, Camille? Solltest du nicht auf dem Land bei deinen Großeltern sein?« In Paris waren immer alle auf dem Land, à la campagne, sobald nur ein Wochenende oder eben die großen Ferien nahten.

»Sollte ich. Aber ich wollte hier sein, wenn der Brief kommt.«

Ava schwante Übles. Nein, nicht auch noch Camille! Verräterin. Sie vertrieb den Gedanken und lächelte tapfer in die Kamera ihres Laptops.

»Welcher Brief denn?« Ihre Stimme klang rau. Sie versuchte zu schlucken und bereitete ihr Gesicht auf einen Ausdruck freudiger Anteilnahme vor, obwohl sie am liebsten Galle gespuckt hätte. Das ging nicht speziell gegen Camille, sondern einfach gegen alle und alles.

Camille presste ein Papier gegen die Kamera ihres Computers, sodass alles sich in einen weißen Nebel hüllte, und kreischte plötzlich los: »Ich hab’s geschafft!! Ich bin angenommen! Ich werde Medizin studieren! Aaaaah!«

Ava fiel kameradschaftlich in ihr Kreischen mit ein. Alles andere wäre grenzwertig asozial und unverzeihlich gewesen.

»Félicitations, Camille!«, sagte sie und es klang echt. Fand Ava zumindest. Ganz herzlichen Glückwunsch. Die Worte schmeckten sauer wie Sodbrennen.

Camille zog den Brief von der Kamera weg, sprang auf und drehte eine Pirouette. Dann ließ sie sich wieder lachend auf ihren Platz plumpsen. »Dir wollte ich es als Erste sagen. Und jetzt kann ich Koffer packen und zu meinen Großeltern aufs Land fahren. Das Leben geht los, Ava, ist das nicht fantastisch?!«

»Ja, ganz fantastisch«, knurrte Ava.

»Was machst du denn jetzt?«

»Wie bitte …?« Ava klickte mehrere Male auf den Kamerabutton auf ihrem Bildschirm. Ein. Aus. Ein. Aus.

Camille zwinkerte irritiert. »Was du denn jetzt machst? Außer die Nacht durchfeiern, meine ich …«

Ava klickt noch ein paar Mal herum. Das Bild verzerrte sich und kriegte sich nicht wieder ein. »Camille, die Verbindung wird so schlecht … ich kann dich kaum hören.«

»Ich kann dich super hören. Als ob du hier neben mir in Montparnasse in einem Café säßest …«

»Camille? Hallo, Camille …?« Ava drückte nun diskret auf den »Auflegen«-Knopf.

Das musste ihre Freundschaft schon mal ertragen. Der Bildschirm wurde dunkel und still. Endlich. Ava ließ sich auf ihr zerknautschtes und nicht mehr ganz frisches Kissen fallen. Sie schnupperte daran und verzog angewidert das Gesicht. An den letzten Abenden war sie vor dem Einschlafen immer zu faul gewesen, sich abzuschminken – und das rächte sich jetzt! Seitdem sie 18 geworden war, hatte sich ihre Mutter schlicht geweigert, weiterhin auch nur einen Finger in Avas Zimmer krummzumachen und hatte sogar der Putzfrau verboten, es zu betreten.

Ava schloss die Augen. Als sie sie nach ein, zwei Atemzügen wieder öffnete, war die Lage um sie herum unverändert deprimierend. Neben ihrem Bett lag aufgeschlagen ein buntes Klatschblatt, aus dem ihr eine bezaubernde Kate Middleton entgegenstrahlte – von Waity Katie zur Prinzessin, verdammt nochmal, hatte die ein Glück! Auf der anderen Seite kommentierte Heidi Klum in drei Spalten Herbstmode von den Laufstegen der Welt. Die Models auf den Fotos waren klapperdürre Freaks, die auch in einem Müllsack gut aussähen.

Ava ließ den Blick weiter durch den Raum schweifen. Unter einem vor einigen Wochen angefangenen Roman lugte ihr Strickzeug hervor. Eine Masche rechts, drei fallen lassen, zwei links, irgendwie so oder eben andersherum. Das wollige, löchrige Ding, das dabei herausgekommen war, hatte nichts mit der Abbildung gemein, die ihr eine Klassenkameradin zugesteckt hatte. »Du solltest mal sehen, wie glücklich es macht, etwas zu erschaffen!«, hatte die Kuh dabei geflötet. Weiter hinten im Zimmer lagen Berge von schmutzigen Kleidern, Kopfhörer, Stiefel, zerknüllte McDonalds-Tüten, hochhackige Schuhe. Ein unangenehmer Geruch stieg ihr in die Nase. Das musste die Maske sein, die sie sich vor zwei Tagen aus Avocadomus und Mandelöl angerührt hatte. Sie griff nach der Schale auf ihrem Nachttisch und warf einen vorsichtigen Blick hinein. Beurgh. Das sah mittlerweile aus wie Hundekacke. Und groß geholfen hatte es auch nichts. Der Pickel auf ihrer Nasenspitze war noch immer leuchtend rot, und um ihn herum juckte es, als bekäme er gerade Kinder und Kindeskinder.

Ava schob die Schale schnell von sich, drehte sich zur Wand und krümmte sich wie ein Fötus zusammen.

Alles war so grässlich. Sie hatte Abitur gemacht. »School’s out, forever«, hatte die Schulband ins Mikrofon geheult und Ava hatte mit den anderen aus ihrer Stufe bis morgens gefeiert – sogar mit den Leuten, mit denen sie während der restlichen Schulzeit quasi gar nichts zu tun gehabt hatte. Alles schien möglich, sie waren endlich frei!

Dann, am nächsten Morgen, dem ersten Tag dieser Freiheit, hatte sich ein Loch aufgetan und sie verschluckt, einfach so. Es fühlte sich an wie ein langer Schlund, dessen Inneres mit fünf Reihen von Zähnen, so spitz wie Dornen, besetzt war. Der Schlund führte zu einem von vier Mägen, der sie knackte und bis in alle Ewigkeit wiederkäuen würde. Es war wie in Dantes Inferno.

Ava wälzte sich auf die andere Seite und stieß einen langen Seufzer aus. Da klingelte ihr Handy.

Mogens, sagte die Anzeige, und sein Bild erschien: lächelnd, freundlich und frisch. Mogens war mal ihr Freund, mal war er nicht ihr Freund, aber immer auf Armeslänge Abstand. Meistens nicht ihr Freund, sondern eben nur ein Freund.

»Ja?«, knurrte Ava. Bei Mogens konnte sie sich fast alles erlauben, was schon mal ganz schlecht war. Wenn er ihr sagen würde, dass sie sich zusammenreißen solle, würde es sicher viel besser zwischen ihnen laufen.

»Hey, gut, dass ich dich erreiche. Wo bist du denn unterwegs?«

»Ich bin auf der Post und gebe gerade zehn Anträge für ein Stipendium in Harvard ab«, sagte Ava mit bitterer Ironie.

»Oh … Musst du noch lange anstehen?«

Ava biss sich auf die Lippen. Hinter Mogens hörte sie Hupen, Stimmen, Lachen. Sie seufzte. Eigentlich war Mogens echt clever – aber manchmal kapierte er einfach nichts. »Ich mache nur Spaß, Mogens. Ich bin daheim und liege noch im Bett. Und du?«

Sie hörte seine kurze erstaunte Pause, aber seine Stimme klang neutral, als er sagte: »Ich bin in München. Hab eine Wohnung gefunden. Mein Vater kennt da jemanden, der jemanden kennt … Ein Zimmer, Küche, Bad in der Türkenstraße. Da muss ich aus dem Bett nur in den Hörsaal fallen.«

Mogens hatte mit seinem Einser-Abitur sofort einen Studienplatz in Jura bekommen, noch dazu in München. Avas Abschluss dagegen bewegte sich in der Drei-Komma-noch-was-Zone, die man am besten totschwieg. Sie hatte sich für all ihre Wunschfächer nur Absagen eingehandelt – von Kulturmanagement bis Modedesign, von London bis Wien. Obwohl, halt, aus London hatte sie nichts gehört, was ihr noch schlimmer und beleidigender als eine Absage erschien. Bei anderen Schulen hatte sie den Abgabetermin für die Mappe verpasst, wofür sie leider die Schuld auf niemand anderen schieben konnte. Es war einfach zu frustrierend.

»Klasse, Mogens«, würgte sie hervor. »Da hast du ja Schwein gehabt.«

»Ich muss auflegen, Ava. Da kommt mein Alter mit dem Vermieter. Wir müssen unterschreiben. Wollen wir heute Abend was unternehmen?«

»Gern. Hol mich ab. So um neun, okay?«

Bis dahin konnte sie ihren Pickel mit Make-up besiegen und ihren inneren Schweinehund an die Kette legen. Was ihn für gewöhnlich nur noch bissiger und schärfer machte. Sie legte auf und im selben Moment klopfte es an ihre Zimmertür. Ehe Ava »Herein« sagen konnte, stand ihre Mutter schon an ihrem Bett. Das ging hier ja zu wie im Taubenschlag, dachte Ava und blinzelte zu ihrer Mutter hoch, die gerade die Arme in die Hüften stemmte.

»Ava! Du liegst ja immer noch im Bett. Was soll denn das werden, wenn es fertig ist? Ein Lie-in zum Protest gegen den Hunger in der Welt?«

Ava streckte und reckte sich, ehe sie gewaltig gähnte. Nach all den Jahren wusste sie genau, wie sie ihre Mutter auf die Palme bringen konnte.

»Nein. Das ist moderne Kunst. Ein Statement, wie lange man es ohne jeglichen Komfort im Bett aushalten kann.«

»Soso. Ohne jeglichen Komfort. Nur mit Laptop und iPhone auf einer einsamen Insel gestrandet, was?«

»Hmpf«, grunzte Ava nur.

Ihre Mutter seufzte. »Ich in deinem Alter…«, begann sie, doch Ava legte sich die Hände auf die Ohren und schüttelte flehend den Kopf.

Ja, ja, JA! In ihrem Alter hatte ihre Mutter das Abitur an der Abendschule nachgemacht, während sie tagsüber als Friseuse im Salon von Avas Großvater gearbeitet hatte. Der Säugling Ava hatte meist schon geschlafen, wenn ihre Mutter noch gesessen und gebüffelt hatte. Heute war sie Architektin und hatte in ihrem Büro auf der feinen Augsburger Maximilianstraße an die zehn andere Architekten unter sich.

Energisch zog ihre Mutter nun Ava die Hände vom Gesicht weg. »Ava. Steh bitte auf. Meine Freundin Eva kommt doch heute Abend. Sie dreht in München und fährt extra zu uns.«

»Sie dreht?« Ava riss die Augen auf. »Woran? Am Rad?«

»Das machst nur du, habe ich den Eindruck«, schnaubte ihre Mutter. »Mein Gott, deine Ohren sind wirklich auf Durchzug geschaltet, was? Ich habe dir schon zehnmal gesagt, dass Eva heute vorbeischaut. Du kennst sie doch von ihrem Besuch vor ein paar Jahren.«

»Hm. Kann schon sein …«, murmelte Ava. Natürlich erinnerte sie sich genau an Eva. Das wollte sie nur nicht zugeben. Eva Born – Mamas erfolgreiche Schauspieler-Freundin aus München. Die beiden hatten sich während des Studiums kennengelernt und inzwischen flimmerte Eva ständig mit irgendeiner Serie oder TV-Adaption eines englischen Bestsellers über den Bildschirm. Noch so ein glänzender Erfolg – einfach ätzend!

Avas Mutter redete weiter: »Egal. Sie kommt zum Grillen und ich habe sie seit fast drei Jahren nicht mehr gesehen. Bitte steh jetzt auf und sei einigermaßen präsentabel, ja?«

»Ich gehe heute Abend aber aus. Mit Mogens«, sagte Ava trotzig.

»Kann Mogens nicht zu uns kommen? Dann kann er sich auch um den Grill kümmern.«

Ha! Ihre Mutter mochte noch so harmlos lächeln, sie wusste genau, wie sie ihren Willen bekam, das musste Ava ihr lassen. Nichts verführte einen Mann mehr als die Aussicht, mit Feuer spielen zu können. Mit richtigem Feuer. Dann ging der Neandertaler in ihm durch.

»Okay«, seufzte Ava. Kämpfen war sinnlos.

»Also, bitte, steh auf und geh duschen. Du stinkst! Danach kannst du mir helfen, die Salate vorzubereiten. Ich versuche mich an einem neuen Rezept.«

»Komme gleich«, knurrte Ava und zog sich die Bettdecke wieder über den Kopf. Wie gut das Dunkel und die Stille taten. Die Energie und die Tatkraft ihrer Mutter fühlten sich an wie ein feindliches Magnetfeld. Doch ihre Mutter riss Ava die Bettdecke weg.

»JETZT, Ava. Und wenn ich jetzt sage, dann meine ich auch jetzt, okay? Oder ich sperre dir das Internet.«

Das zog. Ava sprang auf, bedachte ihre Mutter noch mit einem giftigen Blick, stapfte ins Badezimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Dann schnupperte sie vorsichtig an ihrer Achselhöhle. Sie stank wirklich. Kraftlos stützte sie sich auf das Waschbecken und studierte ihr deprimierendes Spiegelbild.

Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?, hatten sämtliche alten Tanten sie früher gefragt. Ava hatte sich dann wie ein Insekt unter dem Mikroskop gefühlt, das von einem riesengroßen Tanten-Auge inspiziert wurde, dessen Wimpern wie Spinnenbeine von zu viel Mascara verklebt waren. Sie hatte sich dann die tollsten Antworten ausgedacht: Abenteurerin. Astronautin. Königin. Filmstar. Forscherin. Sahne- Schlägerin. Meist hatte sie dafür nur ein müdes Lächeln geerntet. Ach ja, Kind, in deinem Alter hat man noch Träume, sagte dann meist der mitleidige Ausdruck der verklumpt-verklebten Tanten-Augen hinter dem Mikroskop.

Aber jetzt, umgeben von Abitur-Überfliegern, Self-made-Mutter-Architektinnen und international bekannten Schauspielerinnen, wurde sie bald nur noch eines:

Nämlich verrückt.

Ellen Alpsten

Colours of Africa

Jugendbuch

ISBN 978-3-649-62024-2 (eBook)

ISBN 978-3-649-61703-7 (Buch)

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