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Ebenfalls im
Coppenrath Verlag
als eBook erschienen:

Jo Franklin lebt in London und schreibt jeden Tag in der Peckham Library – ihr Lieblingsplatz ist der zwischen den Thrillern und den Science-Fiction-Romanen mit einem großartigen Ausblick auf einen kleinen Londoner Imbiss. Sie mag Katzen, Käse und Schokolade und behauptet von sich, dass Sylvia Plath und der Sänger Morrissey sie beim Schreiben beeinflussen – obwohl man das bei ihren humorvollen Kinderbüchern kaum glauben kann.

Der Anton wird 1970 in Hartford/Connecticut (USA) geboren. Mit vier Jahren kommt er nach Köln, wo er seither alles bemalt, was halbwegs stillhält: Zimmerwände, Klassenarbeiten, Autos … Seit 1989 arbeitet er freiberuflich als Illustrator, Designer und Regisseur für verschiedene Fernsehsender, Verlage, Produktionsfirmen und Design-Agenturen. Er trägt ganzjährig kurze Hosen – außer bei wichtigen Präsentationen und Gerichtsverhandlungen.

Es stand 5:5 und wir hatten nur noch zwei Minuten zu spielen. Jetzt ging es um alles oder nichts! Würden wir noch einen Angriff schaffen? Wir nahmen Aufstellung zum Bully im Mittelkreis. Der Schiedsrichter hob die Hand, pfiff und ließ den Puck fallen.

Sofort begann die wilde Jagd um die Scheibe, aus der Vladi als Sieger hervorging und direkt checkte, dass ich mich auf der rechten Seite freigespielt hatte. Ich bekam den Puck vor den Schläger, schoss ihn steil zu Nelly rüber und die trieb ihn weiter in den gegnerischen Strafraum. Vladi und ich zogen links und rechts mit ihr gleich. Dann kämpfte ich mich an die Spitze vor. Nelly passte zu Vladi, der schoss den Puck wieder zu mir. Ich zögerte kurz, wagte einen Blick nach links, wo der Verteidiger der Crocodiles gerade versuchte, an mir vorbeizupreschen. Dann atmete ich tief durch, holte aus und donnerte den Puck mit einem steinharten Direktschuss ins Netz.

Wumms!

Yeah!

Zwei Sekunden später ertönte die Pfeife des Schiedsrichters. Das Spiel war vorbei. Die Young Indians hatten die angeblich so unbesiegbaren Crocodiles geschlagen! Der absolute Hammer!

»Spitze, oberspitze, wie du den Puck versenkt hast!«, jubelte Skipper ununterbrochen und grinste anerkennend.

Skipper ist unser Kapitän. Und der stärkste und schnellste Eishockeystürmer, den es gibt.

»Wie belämmert der Torwart von denen geglotzt hat«, freute sich Tobi.

»Echt ey, der hat ausgesehen wie ’ne Eiskunstläuferin, die auf den Hintern geknallt ist!«, kreischte Vladi so begeistert, dass ihm die Spucke nur so durch die Zahnlücke schoss. Ein paar Spritzer landeten auf meiner Stirn. Aber das war mir egal. Heute war mir einfach alles egal.

»Mannomann«, seufzte ich glücklich und wischte mir mit dem Handrücken die Lamaspucke weg. »Was für ein Spiel!«

Die anderen Young Indians nickten wie wild.

Vladi grinste. »Die Crocodiles sind am Ende regelrecht vom Eis geeiert!«

Nelly lachte rau und verpasste ihm einen Knuff gegen die Schulter. »Na ja, du hast zum Schluss aber auch keine Puste mehr gehabt.«

»Haha …«, ging Vladi gleich an die Decke. »Hauptsache, du hast alles richtig gemacht.«

Nelly legte versöhnlich den Arm um ihn. »Mensch, Junge, reg dich ab. Das sollte doch nur ein Joke sein. Du warst der Hammer. Von wegen unbesiegbar. Denen haben wir es ordentlich gezeigt, oder?!«

Zur Antwort jubelten alle laut los. Vladi und Manuel hüpften Arm in Arm auf der Stelle herum. Skipper klatschte begeistert in die Hände und Sandro stimmte sogar ein kleines Siegeslied an.

Ich streckte die Arme weit zur Seite aus und legte den Kopf in den Nacken. Kann das Leben herrlich sein, dachte ich.

»He, da hinten kommt die Blassbacke Finn«, trällerte Tobias und versetzte mir einen Schlag in die Rippen.

Ich zuckte erschrocken zusammen. Aber nur, weil ich gerade in Gedanken mit der Nationalmannschaft WM-Gold geholt hatte.

Dann sah auch ich ihn: Finn! Noch vor ein paar Wochen hätte ich mich schon allein bei seinem Anblick aufgeregt. Und natürlich hätte ich mich über den schmalen Jungen mit den dunklen Haaren und dem Käsegesicht lustig gemacht. Aber inzwischen war alles ganz anders, denn …

Halt! Nein! Stopp! So geht das nicht! Bevor ich euch die ganze Geschichte erzähle, sollte ich mich erst einmal vorstellen. Das sagt mein Pa auch immer. Erst die Personalien (was nichts anderes heißt, als sich vorzustellen), dann erzählen. Und der muss es schließlich wissen. Er ist nämlich Kommissar. Kriminaloberkommissar sogar.

Also, ich heiße Rick Michalski, bin elfeinhalb Jahre alt, gehe in die sechste Klasse der Tucholsky-Gesamtschule und bin Eishockeystürmer der Young Indians. Eigentlich heiße ich Richard, aber so nennt mich wirklich keiner. Höchstens die Püttelmeyer. Und Pa, wenn er stinksauer auf mich ist.

Ich wohne mit meinem Pa und seinem besten Freund Wutz in einer hundertprozentigen Männer-WG. Selbst unsere Katze Gismo ist ein Kerl.

Unsere Wohnung ist richtig cool. Wir haben ein riesiges Billardzimmer als Wohnzimmer. Und in unserer Küche steht statt dem üblichen Esszimmertisch ein großer Tresen mit vier Chromhockern. Mein Zimmer ist komplett im Eishockeylook eingerichtet. An der Wand überm Bett hängt ein großes Poster von meinem Lieblingsspieler Mike Modano. Pa hat mir einen Holzrahmen gezimmert, an dem sämtliche Autogrammkarten berühmter Eishockeyspieler klemmen.

Meinen Namen habe ich übrigens von meiner Mutter, weil sie damals den Schauspieler Richard Gere so cool fand. Viel mehr weiß ich von ihr aber nicht. Nur dass sie genauso blonde Haare hatte wie ich. Und dass sich ihr Lachen so krächzend wie meins angehört haben soll. Keine Ahnung, ob das stimmt. Ich kann mich nicht an sie erinnern. Sie ist gestorben. Kurz nach meiner Geburt.

Ein paarmal hat Pa es mit einer neuen Mutter für mich versucht. Aber ich will überhaupt keine neue. Schließlich habe ich schon eine. Und mehr als eine Mutter kann man doch wohl nicht haben, oder?!

Außerdem ist da ja noch Mary, die nur eine Straße weiter wohnt. Sie ist meine Oma und heißt eigentlich Marianne. Aber ich nenne sie Mary, das gefällt ihr besser und mir auch. Und dann wären da außer Pa und Wutz natürlich noch die Young Indians. Zwei von ihnen gehen in meine Klasse. Tobi und Nelly – und bis vor Kurzem auch Chrissy.

Mit Chrissy bin ich richtig dick befreundet. Wir sind sogar Blutsbrüder. Echt wahr! So richtig mit in die Finger schneiden und dann das Blut vermischen.

Überhaupt kann man mit Chrissy lauter coole Sachen machen. Er ist nämlich der verrückteste Junge, den ich kenne. Und wild ist er. Und vorlaut. Und unerzogen. Und manchmal richtig frech. Das hat jedenfalls unsere Klassenlehrerin Frau Püttelmeyer immer zu ihm gesagt. Einmal hat sie sogar mitten im Unterricht geschimpft, er wäre schwer erziehbar.

Schwer erziehbar. Wie sich das anhört. Als ob sie über Marys französische Bulldogge Helena redet, die das Stöckchen mal wieder nicht holen will.

Aber Frau Püttelmeyer regt sich sowieso über alles auf. Sie findet es auch voll blöd, dass ich in einer Männer-WG wohne – so ganz ohne Mutter. Das hat sie jedenfalls mal zu Pa gesagt. Natürlich nicht blöd. Frau Püttelmeyer sagt niemals blöd.

Mann, hat der sich aufgeregt, als er Wutz und mir später davon erzählt hat. Sein Gesicht und Hals waren von roten Flecken übersät. Das passiert immer, wenn er sich über etwas ärgert – oder wenn er obernervös ist.

Wie in den letzten Osterferien, als er mir unbedingt diese komische Martina vorstellen wollte. Rechtsanwältin war die. Und angeblich rein zufällig in dem Hotel, in dem wir wohnten.

Ich habe Pa natürlich sofort durchschaut. Zumal sein halber Körper von leuchtend roten Flecken übersät war. Der sah original aus wie nach ’ner unglücklichen Begegnung mit ’ner Feuerqualle.

Echt. Lügen kann mein Pa schon mal gar nicht.

Martina fand ich auf der Stelle bescheuert. Und zwar so richtig. Die hat mit mir geredet, als ob ich ein Baby wäre. Magst du eine Kugel Eis? Wollen wir nachher zusammen ein bisschen Ball spielen? Gehst du gerne in die Schule? Hilfe! Die hat gelabert und gelabert und gelabert.

Ich habe der natürlich nicht geantwortet. Mit so einer quatsche ich doch nicht! Die hatte Fingernägel wie Minischaufeln. Und gestunken hat die wie schleimiges Otternasenpüree. Voll übel.

Pa meinte, das sei kein Gestank, sondern ein teures Parfüm. Na ja, das hätte sie mal besser direkt ins Klo gekippt.

Wie gut, dass die Stinkbombe schnell wieder das Interesse an Pa verloren hat. Angeblich hatte sie keine Lust, sich länger mit so einem unerzogenen Bengel wie mir herumzuärgern. Prima – das beruhte auf Gegenseitigkeit!

Jedenfalls hatte Pa voll die roten Flecken am Hals, als er Wutz und mir von dem Gespräch mit Frau Püttelmeyer erzählte. Aber Wutz hat nur breit gegrinst und gemeint, die wäre bestimmt neidisch, weil mit ihr garantiert keiner in eine WG ziehen würde. Und damit hat er hundertprozentig recht. Mit der hält es niemand freiwillig aus.

Wutz ist übrigens auch bei der Polizei. Bei einer supergeheimen Spezialeinheit. Da geht es so geheim zu, dass er kein Sterbenswörtchen davon erzählen darf.

Er ist nämlich ein echter Undercoveragent. Aber das darf natürlich niemand wissen. Und deshalb erzähle ich auch niemandem davon.

Zumindest normalerweise nicht. Bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen.

Okay, ihr habt mich durchschaut: Alle meine Freunde wissen davon.

Aber ist ja auch egal. Mein Leben in der Männer-WG ist auf jeden Fall einfach nur genial (obwohl Pa vor einigen Monaten Die-10-WG-Gebote von innen an die Klotür und von außen an den Kühlschrank gepinnt hat). Und es gab eigentlich auch keinen Grund, dass sich daran etwas ändern sollte. Keinen. Absolut keinen!

Doch dann kam der Tag, an dem mir die knallblöde Püttelmeyer meinen Aufsatz über Vorbilder zurückgab.

Ich war mir ganz sicher, dass ich mindestens eine Zwei dafür bekommen würde. Doch als ich mein Heft aufschlug, stand dort in dunkelroter Schrift eine dreimal unterstrichene Fünf. Und direkt daneben: Thema verfehlt!>

Hallo! Geht’s noch? Ich hatte einen astreinen Aufsatz über Wutz geschrieben.

»Das kann doch gar nicht sein«, regte ich mich laut auf.

»Was kann nicht sein?«, zwitscherte Frau Püttelmeyer quer durchs Klassenzimmer.

»Das ist doch niemals ’ne Fünf.«

Frau Püttelmeyer spitzte ihre knallroten Lippen.

»Stimmt, Richard. Wenn ich es mir recht überlege, dann ist es sogar eine Fünf minus.«

»Aber … aber … das ist unmöglich.«

»Hm …«, murmelte sie und tat so, als würde sie angestrengt nachdenken. »Vielleicht sollte ich eine neue Note für dich einführen?«

»Hä?«, machte ich. Na ja, ich geb’s zu, das klang nicht gerade cool.

Ein paar Kinder kicherten, aber Chrissy neben mir ballte die Hand zur Faust.

»Genau!«, rief Frau Püttelmeyer. »Das sollte ich tun! Weil du in meinem Unterricht so viel geschlafen hast.«

»Nehmen Sie es nicht persönlich. Ich schlafe immer ein, wenn mir langweilig ist.«

Auweia, das war mir einfach so rausgerutscht.

Frau Püttelmeyer schnappte empört nach Luft.

Das Kichern im Klassenzimmer wurde lauter und Chrissy zischte mir zu: »Lass dir von der alten Ziege bloß nichts gefallen!«

»Richard Michalski«, stieß Frau Püttelmeyer ärgerlich hervor. »Dafür bekommst du eine Vier plus!«

»Echt?«, fragte ich verdattert. Aber ein Blick in ihre Augen genügte, und mir war klar, dass mich alles andere als eine bessere Schulnote erwartete.

»Viermal nachsitzen und eine Woche Tafeldienst«, sagte sie auch prompt.

Mir klappte die Kinnlade runter.

»Die hat sie doch nicht mehr alle!«, flüsterte Chrissy neben mir.

Ich holte tief Luft. »Das dürfen Sie gar nicht!«

»Wetten?!«, fauchte Frau Püttelmeyer. Ihre blauen Augen funkelten wie Eiszapfen.

Am liebsten wäre ich dieser ungerechten Gurke an den Hals gesprungen. Aber das ging nicht, weil Chrissy seine Finger in meinen Oberschenkel krallte.

»Gut«, säuselte Frau Püttelmeyer nun wieder zuckersüß. »Wenn das geklärt ist, möchte ich jetzt mit dem Unterricht fortfahren.«

Sie ließ den Blick langsam über die Sitzreihen schweifen. Keiner sagte etwas. Die meisten trauten sich nicht einmal mehr zu atmen.

Als ihre Augen für einen kurzen Moment an mir hängen blieben, bohrten sich Chrissys Finger noch ein bisschen tiefer in meinen Oberschenkel. Ich biss mir fest auf die Unterlippe, obwohl ich viel lieber in Frau Püttelmeyers Hand gebissen hätte.

Dann drehte sie sich endlich um und ging zur Tafel.

»Schlammschleimige Matschkuh«, stieß Chrissy hervor. Und das sah ich ganz genauso.

Am Ende der Stunde drückte mir die Matschkuh noch einen Brief für Pa in die Hand. »Den bringst du bitte morgen wieder mit – unterschrieben!«

Meine Oma Mary sagt immer, wenn jemand so richtig blöd zu ihr ist, dann wird sie ganz besonders freundlich. Darüber ärgert derjenige sich dann viel mehr.

Also lächelte ich Frau Püttelmeyer oberfreundlich an und sagte sehr höflich: »Danke für den Brief, Frau Püttelmeyer. Ich werde ihn gerne meinem Vater geben.« Dann deutete ich eine kleine Verbeugung an, so wie ich es schon ein paarmal bei Wutz gesehen hatte, und verließ das Klassenzimmer. Den erhobenen Mittelfinger hinter meinem Rücken hatte sie ja nicht gesehen!

Auf dem Nachhauseweg rannte mir Finn, die Oberstreberbacke der Tucholsky-Gesamtschule, fast in den Vorderreifen meines Fahrrads. Ich konnte gerade noch quietschend in die Bremsen gehen.

»Bist du nicht mehr ganz dicht?!«, schrie ich ihn an.

Finn ließ sich davon kein bisschen beeindrucken. Er sah nicht einmal auf. Ganz im Gegenteil: Völlig ungerührt starrte er weiter in sein bescheuertes Buch.

»Hey, ich rede mit dir!«, rief ich empört.

Er zuckte kurz mit den Schultern und nuschelte zerstreut: »Ähm, Entschuldigung. Aber gerade passt es mir nicht.« Und schon schluffte er weiter, die Nase noch immer zwischen den Buchseiten.

Was bildete sich diese Streberblassbacke eigentlich ein? Nur weil seine Mutter Lehrerin an unserer Schule ist, hält der sich gleich für was Besseres, oder was?! Oh, wie dieser Typ mich nervte.

Wütend starrte ich ihm einen Moment hinterher. Dann schwang ich mich wieder auf mein Rad und trat ordentlich in die Pedale.

Zu Hause erwartete mich der nächste Knaller des Tages. Pa hatte mein Bett neu bezogen.

Benjamin Blümchen strahlte mich dämlich an. Neben ihm stand Otto mit einem ebenso breiten Grinsen im Gesicht.

Schlagartig stellten sich mir die Nackenhaare auf. Wann kapierte mein Vater endlich, dass ich nicht mehr fünf Jahre alt war? Keine Ahnung, wie oft ich diese peinliche Babybettwäsche nun schon in die Altkleidertüte gestopft hatte. Ganz zu schweigen von meinem Bob-der-Baumeister- T-Shirt oder dem Mickey-Maus-Schlafanzug. Doch mein Vater holte immer wieder alles heraus und legte es in meinen Schrank zurück.

»Die Klamotten passen dir doch noch«, sagte er dann jedes Mal.

Na und!? Was kann ich denn dafür, dass er meine Sachen immer drei Nummern größer kauft, damit ich sie bloß schön lange tragen kann?! Verdammt, ich bin schon fast erwachsen. Wenigstens ein bisschen. Aber das will mein Pa einfach nicht schnallen.

Zu allem Überfluss kam Gismo nun auch noch in mein Zimmer geschlichen und verseuchte die Luft innerhalb von Sekunden mit einem seiner tödlichen Katzenfürze.

»Boah, Gismo, du Stinkbombe«, stöhnte ich und stürmte zum Fenster, um es weit aufzureißen.

Gismo maunzte beleidigt und zog ab.

Typisch, erst die Bude vollmockern und dann auch noch stinkig sein.

Fluchend zog ich die oberpeinliche Bettwäsche ab und ging damit in die Küche. Ich kramte genervt in unserer Ramschschublade herum. Dann hatte ich sie endlich gefunden: die Zackenschere, die ich von Mary zum sechsten Geburtstag bekommen hatte.

Sie war eigentlich dafür gedacht, wilde Muster in Papier zu schneiden. Aber mit Stoff würde das bestimmt auch klappen. Entschlossen setzte ich an und schnitt ein paarmal an unterschiedlichen Stellen in den Bettbezug hinein.

So, das sollte reichen. Zufrieden breitete ich den Bezug auf dem Küchenboden aus.

Benjamin Blümchen hatte nun ein geniales Zackenmuster in Pullover und Hose, Otto leider keinen vollständigen Kopf mehr und halbierte Beine. Später, wenn Pa den Bezug entdeckte, würde ich einfach behaupten, dass Gismos scharfe Katzenkrallen dafür verantwortlich seien. Das hatte er vor Kurzem ja auch mit Pas Sportshirt gemacht.

Schnell nahm ich mir noch den Kissenbezug vor und stopfte anschließend beides in den Altkleidersack, der in der Abstellkammer auf dem Boden stand. Dann durchsuchte ich unseren Wäscheschrank nach einer guten Alternative.

Schließlich entschied ich mich für Wutz’ coole schwarzweiß gestreifte Seidenbettwäsche. Ich konnte ihn ja später immer noch um Erlaubnis fragen. Aber so wie ich Wutz kannte, hatte er sicher nichts dagegen.

Ziemlich zufrieden mit meinem Werk flitzte ich ins Badezimmer. Eigentlich musste ich nämlich schon seit der dritten Stunde dringend pinkeln. Aber die Ekelklos in der Schule gingen gar nicht. Jetzt war es WIRKLICH, WIRKLICH dringend.

Ich klappte den Klodeckel hoch und stellte mich breitbeinig hin.

Lurchpforte auf, Wasser marsch!, dachte ich, als plötzlich etwas aus der Badewanne hinter mir murmelte: »Ob Groß oder Klein, sitzen muss sein!«

Ich erschrak dermaßen, dass ich laut aufschrie und mir fast den Lurch im Reißverschluss eingeklemmt hätte.

In der Wanne lag Wutz und schaute mich missmutig an. Knisternder Badeschaum hüllte ihn bis zur Kinnspitze ein.

»Wie lautet Nummer fünf der 10-WG-Gebote?«

»Sorry, … ich … ähm … wir pinkeln nicht im Stehen«, stammelte ich und klappte hastig die Klobrille runter. »Was machst du denn hier? Ich dachte, du bist bei der Arbeit«, versuchte ich schnell, das Thema zu wechseln.

Wutz antwortete mit einer Gegenfrage und setzte noch einen missbilligenden Zungenschnalzer obendrauf. »Du weißt schon, dass ich diese Woche Klodienst habe?«

Verdammt!

»Ach so«, sagte ich gedehnt und kratzte mich am Kinn.

»Was hast du eigentlich in der Abstellkammer herumgekramt?«, wollte Wutz von mir wissen.

Mist! Klar hatte er das gehört. Schließlich lag der Raum direkt neben dem Badezimmer.

Ich hatte inzwischen meine Zweifel, dass Wutz damit einverstanden war, dass ich seine Lieblingsbettwäsche nahm. Nicht nach meinem Beinahe-Regelverstoß und bei seiner miesen Laune!

»Hundescheiße«, krächzte ich deshalb.

Wutz rutschte ein wenig hin und her, sodass der Schaum gefährlich über den Wannenrand schwappte.

»Hundescheiße? War Helena etwa in der Wohnung und hat in die Abstellkammer gemacht? Das ist ja ’ne Sauerei!«, regte er sich auf.

Ich winkte ab. »Nein, nein. Ich bin draußen in Hundescheiße getreten und habe in der Abstellkammer nach ’nem Schwamm gesucht.«

»Bestimmt war der Haufen von Helena.«

Wenn es um Marys französische Bulldogge geht, dann versteht Wutz echt keinen Spaß. Er kann sie auf den Tod nicht ausstehen. Angeblich hat sie Gismo ein Stück vom rechten Ohr abgebissen. Mary sagt aber, dass Wutz spinnt. Gismo sei schon so geboren worden. Und in Wirklichkeit habe Wutz nur Angst vor Hunden. Was er natürlich niemals zugeben würde.