image

www.coppenrath.de

image

www.coppenrath.de

image

www.coppenrath.de

image

www.coppenrath.de

Ebenfalls im
Coppenrath Verlag
als eBook erschienen:

Schnell weiterlesen!

Ein Auszug aus »Meerestosen« Patricia Schröder:

image

„Du bist das Schönste … das Wundervollste, was mir das Leben bisher geschenkt hat", flüsterte Gordian, während er mich langsam zu Boden sinken ließ. „Und ich verspreche dir, ich werde es auf ewig in meinem Herzen tragen. Wofür auch immer wir bestimmt sein mögen, ich werde dich nie vergessen." Die Erkenntnis trifft Elodie bis ins Mark: Gordian gehört nicht mehr zu ihr. Gordian – ihr Herzschlag. Ihr Blut. Ihre Seele. Niemals zuvor hat sie sich mit jemandem so tief verbunden gefühlt. Die Verzweiflung über die Ausweglosigkeit ihres Schicksals reißt Elodie schier entzwei. Aber darf sie jetzt aufgeben? Ausgerechnet jetzt, da das Meer mit dem Tod ringt und nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr ist, sondern das aller Nixe und Menschen? Elodie beschließt zu kämpfen – für das Land und das Meer und für alle, die ihr am Herzen liegen … Das große Finale der Meeressaga über die Liebe zwischen einem Menschenmädchen und einem Nix – und der erbarmungslosen Bestimmung, die auf ihnen lastet.

image

Gordian öffnete den Knoten in der Haihaut über meiner Brust und mein Körper schmiegte sich in den noch immer tageswarmen Inselsand. »Du bist so wunderwunderschön«, flüsterte er, während er mich mit seinem zärtlichen Blick umfing und seine Hände mich streichelten, als erforschten sie mein Innerstes.

Ich tauchte ein in seinen Duft und das Türkisgrün seiner Augen und erwiderte den sanften Kuss seiner Lippen. Meine Haut prickelte unter seinen Berührungen und mein Herz schlug im selben Rhythmus wie seines. Liebevoll fuhr ich mit den Fingerspitzen über seinen Nacken und konnte es kaum erwarten, den sanften Druck seiner Hände auf meinen Hüften zu spüren. Es war kein Verlangen, sondern ein Sehnen, so süß wie eine ferne Melodie, und ich war bereit, mich darin zu verlieren. Die Angst, dass wir uns noch einmal verletzen könnten, war wie fortgeblasen, ich wusste einfach, dass das nie wieder passieren würde. Das Meer hatte uns erneut zusammengeführt. Was uns verband, musste stärker sein als das, was uns trennte.

Plötzlich ertönte oberhalb des Felsens der kleinen Vogelinsel ein Geräusch, und noch ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte Gordy mich bereits ins Wasser gezogen.

Was war das?, wisperte ich. Ein Vogel?

Nein, kein Vogel. Panik schwang in seiner Stimme.

Er presste mich an sich und stieß mit peitschenden Flossenschlägen in die Tiefe. Noch immer benommen von unseren Küssen, klammerte ich mich an ihn. Die Kälte und die Dunkelheit des Meeres ließen mich frösteln.

Was dann?, fragte ich. Ein Hainix?

Alles andere ist unwahrscheinlich, gab Gordy zurück.

Hast du ihn gesehen?

Nur seinen Schatten.

Aber du hast eine Vermutung?

Ja, sagte Gordy, während wir nur wenige Zentimeter über den Meeresboden hinwegschossen. Tyler!

Dieser Name war wie ein elektrischer Impuls. Tyler, der Hainix aus Rubys Clique, dessen wahre Identität den Menschen bis heute verborgen war und der die Delfinnixe bis aufs Blut hasste, weil Kyan ihm Lauren genommen hatte.

Fast automatisch setzte sich meine Schwanzflosse in Bewegung. Die unterschiedliche Schlagrichtung unserer Schwänze erzeugte in dieser engen Umarmung aber eine Gegenströmung, sodass wir zunächst sogar an Geschwindigkeit verloren.

Lass mich los!, raunte ich. Einzeln sind wir schneller.

Kommt nicht infrage, zischte Gordy und drückte mich nur umso fester an sich. Halte du einfach deine Flosse ruhig.

Wir waren gerade durch einen Felsenbogen geglitten, als hinter einem Riff zu unserer Rechten ein schwarzer Hainix hervorstieß.

Lass! Mich! Los!, brüllte ich und spannte die Muskeln an.

Doch Gordian hielt mich beharrlich umfasst und schwamm unbeirrt weiter. Ich wagte einen Blick über seine Schulter und sah, dass der Hai nur noch wenige Meter entfernt war.

Plötzlich verlangsamte Gordy abrupt das Tempo. Erschrocken riss ich meinen Kopf herum und bemerkte eine nahezu schwarze Wand, die sich vor uns aus der Dunkelheit auftat. Oh, mein Gott, das konnten doch unmöglich alles Hainixe sein!

Adrenalin schoss in meine Blutbahn, und ich spürte, wie sich alles in mir gegen Gordians Umklammerung sträubte.

Weg hier!, schrie ich, aber Gordy rührte sich nicht. Im Gegensatz zu mir wirkte er nahezu entspannt, und mit dem nächsten hektischen Atemzug begriff ich, warum: Die Wesen, die die schwarze Wand bildeten, waren keine Hainixe, sondern Delfine!

Zielstrebig und in absolut synchronen Bewegungen kamen sie auf uns zu. Ihr Anblick raubte mir den Atem. Es mussten an die hundert Tiere sein. Angeführt von zwei Nixen.

In einer der beiden erkannte ich sofort Gordys jüngere Schwester Idis wieder. Die andere war ein wenig älter und von fragiler, aber wilder Schönheit. Ihr kupferrotes Haar leuchtete selbst in dieser Finsternis und ihre großen aquamarinblauen Augen hielt sie geradezu hypnotisch auf Gordian gerichtet.

Mein Herz klopfte schnell und fest und meine Gedanken überschlugen sich. Wer ist das?, keuchte ich.

Die Gefahr, die von dem schwarzen Hainix ausging, der uns verfolgte, schien noch nicht gebannt zu sein, und die unzähligen Delfine, allen voran die rothaarige Nixe, die neben Idis schwamm und nur Augen für Gordian hatte, brachten mich aus der Fassung.

Gordy, verdammt, wer ist das?

Er antwortete nicht.

Hast du mitbekommen, in welche Richtung der Hai verschwunden ist?

Gordian schüttelte kaum merklich den Kopf. Er lockerte den festen Griff, mit dem er mich umklammert hielt, und gab mich schließlich ganz frei. Nein, sagte er nun laut und deutlich. Allerdings wird er es kaum wagen, uns jetzt noch anzugreifen.

Vielleicht hatte er es gar nicht vor, meldete sich die Rothaarige zu Wort. Sie löste ihren hypnotischen Blick von Gordy und wandte sich mir zu. Immerhin bist du auch ein Hai. Oder sehe ich das falsch?

Ihre Stimme klang kräftig und so klar und schneidend wie Kristall. Der feindselige Unterton darin war nicht zu überhören.

Kirby, das ist Elodie, erwiderte Gordian mit einem Anflug von Ungeduld. Sie wird uns nicht …

Ich weiß, wer sie ist!, fuhr die Rothaarige ihn an. Ihre hellblauen Augen funkelten vor Zorn. Ich verstehe nur nicht, weshalb du sie mitgebracht hast!

Das werde ich dir erklären, entgegnete Gordy überraschend sanft. Später, wenn wir in Sicherheit sind und ein wenig Zeit für uns haben. Er bewegte sich auf Kirby zu und berührte sie sachte am Arm, woraufhin sie ihm ein hinreißendes Lächeln schenkte.

Ich spürte eine feine Wut in mir aufsteigen und ballte die Fäuste, sagte jedoch nichts, sondern ließ meinen Blick über die Delfine gleiten, die mich aus gebührendem Abstand musterten.

Keine Angst, sie werden dir nichts tun, raunte Idis mir zu, die sich zu mir gesellt hatte. Sie beschützen uns.

Freiwillig?, fragte ich erstaunt, nachdem ich noch einen Augenblick lang Gordy und Kirby hinterhergeschaut hatte, die nun Seite an Seite langsam vorausschwammen.

Unter ihrer eng anliegenden Delfinhülle zuckte Idis mit den schmalen, nahezu schneeweißen Schultern. Na ja, nicht ganz. Kirby und ich haben gelernt, sie zu führen.

Dann seid ihr also Freundinnen?, fragte ich. Kirby und du …

Sozusagen, antwortete Gordys Schwester zögernd. Kirby ist ein paar Jahre älter als ich. Eigentlich ist sie eher Gordys Freundin.

Diese Erklärung raubte mir für einen Moment den Atem. Es war noch nicht einmal eine Viertelstunde her, dass Gordy und ich eng umschlungen im warmen Ufersand der Vogelinsel gelegen hatten. Hätte der schwarze Hainix uns nicht gestört … ach verdammt, ich mochte gar nicht darüber nachdenken!

Er hat mir gar nichts von ihr erzählt, murmelte ich.

Idis lachte. Das wundert mich nicht!

Das Lachen erstarb und ich bemerkte ihren erschrockenen Blick.

So habe ich das nicht gemeint, versteh mich bitte nicht falsch, fügte sie hastig hinzu. Unsere Familien sind eng miteinander befreundet. Gordy und Kirby kennen sich schon seit ihrer Geburt. Bevor mein Bruder sich Kyans Allianz anschloss, waren die beiden unzertrennlich. Sie sind allerdings nie richtig zusammen gewesen.

Aber dann hätte er mir doch von ihr erzählen können, erwiderte ich.

Idis schwieg.

Vielleicht hatte sie Angst, etwas Falsches zu sagen, und zog es vor, Gordy die Antwort auf diese Frage zu überlassen. Vielleicht erforderte aber auch das Dirigieren der Delfine ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Die Tiere schwammen nun einen weiten Bogen und schlossen sich hinter uns wieder zu einer undurchdringlichen Wand zusammen. Das weiße Mondlicht, das von oben durch die Meeresoberfläche sickerte, tauchte ihre Körper in einen sanften silbrigen Schimmer – was die Szene fast ein wenig gespenstisch wirken ließ.

Haben sie keine Angst vor dem Hai?

Idis schüttelte den Kopf. Sie vertrauen uns. Und vor einem einzelnen fremdartigen Nix fürchten sie sich ohnehin nicht.

Aber ihr? … Kirby und du … Ihr fürchtet euch vor ihm, hab ich recht?

Wieder antwortete sie nicht und ich richtete meinen Blick leise seufzend nach vorn auf Gordian und die rothaarige Delfinnixe. Sie schwammen so nah nebeneinanderher, dass kaum ein Wassertropfen zwischen sie passte. Ihre Flossen bewegten sich absolut synchron, und sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie kaum etwas um sich herum wahrnahmen. Gordy schien mich vollkommen vergessen zu haben.

image

Bis zur Morgendämmerung blieben die Delfine dicht hinter uns, erst dann ließen sie sich zurückfallen, und als sich die ersten Sonnenstrahlen ins Meer hinuntertasteten, schwammen sie langsam zur Oberfläche, taten einen Atemzug und zischten anschließend in alle Himmelsrichtungen davon.

Auch Idis und Kirby glitten zum Luftholen nach oben und endlich wandte Gordian sich wieder mir zu.

Meine Eltern erwarten uns bei den Ilhas Desertas im Südosten von Madeira, erklärte er mir.

Dann wissen Oceane und Cullum also, dass Liam, Pine und Niklas …?

Nein. Gordy legte seine Hände auf meine Schultern und strich mit den Fingerspitzen meinen Nacken hinauf. Sie wissen es nicht. Sein türkisgrüner Blick senkte sich in meine Augen. Und ebenso wenig wissen sie, wer du in Wahrheit bist.

Ich schluckte. Aber Idis hat sich nicht das Geringste anmerken lassen, wandte ich ein. Sie ist kein bisschen überrascht gewesen, mich so zu sehen.

Das werden meine Eltern und die anderen auch nicht sein.

Ich musterte ihn stirnrunzelnd und versuchte einmal mehr, in seinen Gedanken zu lesen, doch er hielt sie vor mir verschlossen. Seine Miene war unergründlich.

Zumindest werden sie es nicht zeigen, meinte er schließlich und küsste mich auf die Stirn. Und was Idis betrifft: Sie mag dich und wollte vermeiden, dass du dich bei meiner Familie und unseren Freunden womöglich nicht willkommen fühlst. Der Druck seiner Finger in meinem Nacken wurde intensiver. Glaub mir, sie freuen sich, dich endlich kennenzulernen.

So wie Kirby?

Ich wollte das nicht sagen, schon gar nicht in diesem Ton. Es rutschte mir einfach über die Lippen und ich verfluchte mich dafür.

Gordians Blick verdunkelte sich. Sie wird sich an dich gewöhnen. Es ist nicht ganz leicht für sie zu verstehen, dass ich … mich so sehr verändert habe.

Warum hast du mir nie von ihr erzählt?

Gordy antwortete nicht gleich. Offenbar war es nicht einfach für ihn, die richtigen Worte zu finden.

Nehmen wir an, Cyril hätte nichts gegen mich, begann er nach einer Weile. Und du könntest ganz normal mit ihm befreundet sein. Wie würdest du mir deine Gefühle für ihn erklären?

Ich sah ihn verwundert an. Ich müsste es gar nicht, stimmt’s? Du verstehst es viel besser, als es bisher den Anschein hatte!

Gordy zog mich in seine Arme und küsste mich.

Und du bist gar nicht eifersüchtig?, fragte ich.

Er strich mit seiner Nasenspitze über meinen Nasenrücken. Hätte ich denn einen Grund?

Natürlich nicht!

Na, siehst du. Lächelnd drückte er mich an sich und ich schmiegte mich zögernd in seinen Arm.

Und ich?, fragte ich leise. Hätte ich einen?

Elodie, flüsterte er an meinem Ohr. Ich kenne Kirby seit meiner Kindheit. Damals haben wir jede freie Minute miteinander verbracht. Sie ist eine sehr, sehr gute Freundin und sie ist mir wichtig. Verstehst du das?

Ja, das tat ich. Ich verstand es, und dennoch wünschte ich mir im Augenblick nichts sehnlicher, als dass sie nicht existierte.

Würdest du sie mit deinem Leben verteidigen?

Gordy löste sich von mir und sah mich eindringlich an.

Würdest du Cyril …?

Ich ließ ihn nicht ausreden, denn die Antwort darauf war glasklar. Nein.

Ein Anflug von Überraschung spiegelte sich in seinen Augen.

Nicht?

Cyril braucht meine Unterstützung nicht, erwiderte ich. Er kann sehr gut auf sich selbst aufpassen.

Außerdem wollte ich nicht an ihn denken. Weder an ihn noch an einen der anderen Hainixe.

Kirby ist eine kluge, äußerst talentierte Delfinnixe, sagte Gordy. Und auch sie weiß sich ganz sicher zu verteidigen. Trotzdem würde ich nicht zögern, ihr zu helfen, wenn sie in Gefahr wäre. Das Gleiche gilt für Idis, meine Eltern, ihre Freunde … und deine Freunde. Ganz zu schweigen von dir.

Die Hitze schoss mir in die Wangen und ich hätte mich vor Scham am liebsten in Meerschaum aufgelöst. Dieses Gespräch war dumm und unnötig. Und trotzdem. Eines musste ich unbedingt noch wissen. Hast du dich oft mit ihr gepaart?

Gordy legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und seufzte tief. Was willst du denn jetzt hören?

Die Wahrheit.

Meine Stimme zitterte und mein Herz schlug hart gegen mein Brustbein. Die Erinnerung an Gordys Geständnis, dass männliche Delfinnixe sich den Mädchen ihrer Art gegenüber nicht anders verhielten als ihre tierischen Verwandten, brachte den Schmerz, den ich damals empfunden hatte, überdeutlich zurück. Ich wusste, dass die Nixe den Geschlechtsakt nahezu emotionslos vollzogen, aber die Vorstellung, dass es ihm mit Kirby vielleicht doch zu Herzen gegangen sein könnte, war kaum zu ertragen.

Kein einziges Mal, sagte Gordy.

Was? Ich starrte ihn an und hätte nicht sagen können, ob tausendmal weniger schlimm für mich gewesen wäre als dieses bedeutungsschwere kein einziges Mal.

Hör zu, sagte Gordy, während seine Hände behutsam meine Arme hinaufwanderten. Ich muss nicht in deinen Kopf schauen, um zu wissen, was du jetzt denkst. Und du hast recht. Kirby hat mir immer mehr bedeutet als die anderen Nixen. Darum habe ich sie nicht angerührt. Außerdem habe ich versucht, sie vor Kyan, Liam, Zak, Niklas, Pine und fremden Allianzen zu schützen. Aber das tat ich nicht, weil ich sie für mich allein wollte. Sein Blick wurde flehend. Bitte, Elodie, das musst du mir glauben. Das Gleiche habe ich auch für Idis getan.

Ich sah den mittlerweile so vertrauten Ausdruck von Verzweiflung in Gordians Augen, der sich immer dann zeigte, wenn er befürchtete, mir etwas nicht nachvollziehbar erklären zu können. Ein Gefühl der Rührung überkam mich.

Es tut mir leid, flüsterte ich. Ich bin ein blödes Huhn.

Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Wenn du ein Huhn wärst, wärst du längst ertrunken, und das wäre wirklich jammerschade. Seine Hände umfassten zärtlich meinen Nacken und seine Daumen strichen sanft über meine Wangen. Vergiss Kirby, sagte er ernst. Denk einfach nicht mehr über sie nach. Okay?

Nicht okay, erwiderte ich ebenso ernst. Wenn sie dir so wichtig ist, werde ich …

Schsch. Gordy schloss seine Arme um mich und verbarg sein Gesicht in meiner Halsbeuge. Versprich jetzt lieber nichts, was du am Ende womöglich doch nicht halten kannst.

Ich versuchte mich aus seiner Umarmung zu lösen, damit ich ihm in die Augen sehen konnte, aber Gordian hielt mich so fest umschlungen, dass ich mich kaum rühren konnte.

Mir ist klar, dass ich einen Fehler gemacht habe, wisperte er. Ich hätte dir längst von Kirby erzählen müssen. Irgendwie habe ich wohl die Gelegenheit verpasst.

Schon gut, sagte ich leise und vergrub meine Hände in seinen blonden Locken. Ich wollte ihn küssen, doch nun musterte er mich so eindringlich, dass mir angst und bange wurde. Resigniert ließ ich die Hände sinken und wartete mit pochendem Herzen auf seine nächste Reaktion.

Ich denke, es gibt eine Lösung für dieses Problem, sagte er. Und ich hoffe sehr, dass ich meinen Fehler wiedergutmachen kann.

Entschlossen ergriff er meine Hand, drehte sich um und zog mich eilig in Richtung Meeresoberfläche, wo Kirby und Idis bereits ungeduldig auf uns warteten.

Solch zeitraubendes Liebesgeplänkel können wir uns nicht leisten, fauchte Kirby Gordy an. Aber ich gehe mal davon aus, das ist dir selber klar.

Du hast Elodie nicht gerade freundlich empfangen, erwiderte er. Das hat sie verunsichert.

Oh, das tut mir leid. Kirby bedachte mich mit einem spöttischen Blick. Dabei liegt es doch auf der Hand, dass ein Hai bei uns nicht gerade willkommen ist.

Gordy legte seinen Arm eng um meine Schulter. Elodie ist nicht unser Feind. Das weißt du ebenso gut wie ich.

Um Kirbys Mundwinkel zuckte es. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen und ihre zuvor aquamarinblaue Iris nahm den Ton von dunklem Lapislazuli an. Gut möglich, dass du dich eines Tages entscheiden musst, zischte sie. Vielleicht sogar schon bald.

Das habe ich längst, Kirby, sagte Gordy mit fester Stimme.

image

Wir brauchten einen ganzen Tag, um die Küsten Spaniens und Portugals zu umschwimmen, und noch bevor wir die Ilhas Desertas erreichten, ging die Sonne zum zweiten Mal unter, und schon bald schien die schmale weiße Sichel des zunehmenden Mondes wieder durch die Wellen der Meeresoberfläche zu uns herab.

Kirby und Idis jagten nebenbei. Sie fingen Sprotten und Heringe mit dem Maul ihrer Delfinhülle ein, und ich konnte beobachten, wie sie die Fische beinahe zärtlich durch ihre menschlichen Finger gleiten ließen, bevor sie ihnen mit einer gezielten, ruckartigen Handbewegung das Genick brachen. Einmal ließ Kirby sogar einen Hering wieder frei, nachdem sie ihn ausgiebig gestreichelt hatte.

Ein Versehen, meinte Gordy lächelnd. Offenbar hat er nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht, dass er noch nicht so weit ist.

Tja, dann werde ich wohl verhungern müssen, gab ich halb bewundernd, halb frustriert zurück.

Wirst du nicht, erwiderte Gordian entschieden. Damit es nicht zu Missverständnissen kommt, werde ich für dich sorgen. Er zwinkerte mir zu. Zumindest vorläufig.

Und das tat er. Keine Ahnung, wie er es hinbekam, aber er tötete haargenau so viele Fische für mich, wie ich brauchte, um mich satt und stark zu fühlen.

Dennoch wurde ich mit jedem Kilometer, den wir uns von meiner Heimat entfernten, schwermütiger, und mit einem Mal überfiel mich eine tiefe Sehnsucht nach Mam. Ich hätte niemals einfach aus Lübeck verschwinden dürfen, ohne ihr eine Nachricht zu hinterlassen. Ganz sicher hatte sie inzwischen Tante Grace alarmiert und die hatte wahrscheinlich längst Ruby aufgeschreckt.

Die Vorstellung, dass all diese Menschen sich nun schrecklich um mich sorgten, quälte mich. Am liebsten hätte ich auf der Stelle kehrtgemacht, aber dann hätte ich Gordian zurücklassen müssen, und das brachte ich noch weniger übers Herz.

Wie weit ist es noch?, fragte ich.

Gordy berührte sanft meinen Arm. Bist du erschöpft?

Nein. Es ist nur … Ich stockte, aber ich brauchte gar nicht weiterzusprechen, denn er hatte meinen Kummer längst erspürt.

Du sehnst dich nach deiner Familie und nach Guernsey zurück, stimmt’s?

Ich nickte. Ilhas Desertas … Das klingt nicht so, als ob diese Inseln bewohnt wären, tastete ich mich vor.

Gordian musterte mich forschend. Nein. Warum?

Ich möchte meine Mutter anrufen. Sie weiß doch überhaupt nicht, warum ich so plötzlich von zu Hause verschwunden bin, und ich will auf keinen Fall, dass sie sich um mich ängstigt.

Du hast recht, das wäre nicht gut. Niemand sollte dich vermissen. Jetzt wirkte auch er bedrückt. Die Hauptinsel ist nur ein paar Kilometer entfernt. Wir könnten die Jagd in den Morgenstunden nutzen und auf Madeira an Land gehen. Ich verspreche dir: Wir werden einen Weg finden.

Okay. Ich schob meine Hand in seine und drückte sie leicht.

Kirby und Idis waren ein ganzes Stück vorausgeschwommen, nur an der Strömung, die ihre Flossenschläge verursachten, war auszumachen, wo sie sich befanden. Mir war das sehr recht, es tat gut, mit Gordy allein zu sein und seine Nähe zu genießen. Alles fühlte sich richtig an, wenn wir für uns waren – wenn kein anderer den verbindenden Strom unserer Gedanken durchbrach. Und dennoch: Obwohl oder vielleicht gerade weil die letzten Wochen und Tage, die ich mit meiner Mutter verbracht hatte, eine emotionale Berg- und Talfahrt gewesen waren, vermisste ich sie so sehr, dass mir das Herz schmerzte.

Und was ist mit deinem Vater? Hast du dich inzwischen von ihm verabschiedet?

Gordians Frage berührte die wundeste Stelle meiner Seele.

Er fehlt mir am meisten, Gordy, er fehlt mir so sehr.

Die Erkenntnis platzte völlig ungebremst in mich hinein und der Schmerz traf mich mit seiner ganzen Wucht. Doch anders als bisher hielt ich ihm stand. Mehr noch, ich sehnte mich geradezu danach, all die Trauer über Pas Unfalltod und die Qual, den dieser unermessliche Verlust für mich bedeutete, endlich zuzulassen.

Es ist das Meer. Gordian schlang den Arm um meinen Rücken und schob seine Hand unter meine Achsel. Es gibt dir Kraft und es trägt dich … und deinen Schmerz.

Ich sah ihn an und begriff, wie tief er tatsächlich in mich hineinschauen konnte – und wie gut er mich verstand.

Gordy, murmelte ich. Du bist …

Was?

… einfach unglaublich.

Er lachte leise. Und ich dachte schon, du wolltest mir wieder einmal vorwerfen, dass ich mich als Gedankenspion betätige.

Tja, gab ich grinsend zurück, so gesehen hast du natürlich recht …

Das Scherzen tat gut. Denn es ließ mich für einen Moment vergessen, dass wir alles andere als heiter oder gar glücklich waren. Schreckliche Ereignisse lagen hinter und schwere, unberechenbare Zeiten vor uns. Noch während ich in Gordians lachende Augen sah, wurde mir genau das schmerzlich bewusst. Ich hatte diesen Gedanken genauso verdrängt wie meine Angst, ohne den Beistand meines Vaters nicht weiterleben zu können – und nicht erkannt, dass ich genau das mittlerweile sogar sehr gut konnte.

Du weißt doch, so bist du eben … ziemlich schizo … hätte meine gute alte Freundin Sina aus Lübeck jetzt wahrscheinlich gesagt, und im Grunde erwartete ich, genau in diesem Moment einen solchen Kommentar von ihr zu empfangen. Aber so sehr ich auch in mich hineinlauschte, Sina schwieg beharrlich. – Als hätte man sie einfach aus meinen Gedanken, meiner Seele, meinem Leben herausgeschnitten.

Mit einem Mal fühlte ich mich verlassen, entwurzelt und auf eine merkwürdige Weise schwerelos. Nichts und niemand gab mir mehr eine Richtung. Aber gleichzeitig empfand ich auch Geborgenheit, so etwas wie die Überzeugung, dass ich, ganz egal, was geschah, niemals ins Bodenlose stürzen würde.

Es ist das Meer, wiederholte Gordy und musterte mich noch immer lächelnd. Wasser hat eine größere Dichte als Luft. Es trägt dich auf eine sehr spezielle Weise.

Du hast mich hineingezogen, wisperte ich und umschloss sein Gesicht zärtlich mit den Händen. Und bist meinetwegen an Land gekommen und zum Plonx geworden.

Dann hat das Meer es wohl so gewollt, flüsterte Gordy. Es hat dafür gesorgt, dass du mir folgst und ich dir.

Ich dachte an Cecily Windoms schreckliche Prophezeiung und an die vielen Toten. An Lauren, Bethany und auch an Elliot, Liam, Niklas und Pine, die qualvoll gestorben waren.

Der Schmerz explodierte in meinem Herzen und weitete sich zu einem quälenden Brennen in meinem Brustkorb aus. Vielleicht war es nicht angemessen, von Schuld zu sprechen, aber daran, dass Gordian und ich der Auslöser für all diese schrecklichen Ereignisse waren, gab es für mich nicht mehr den geringsten Zweifel.

Ich musste nichts sagen, Gordys Blick sprach Bände. Natürlich hatte er meine Gedanken gelesen und natürlich sah er die Dinge genauso wie ich.

Was geschehen ist, können wir nicht rückgängig machen, sagte er, während er mich fest in seine Arme schloss. Aber wir müssen alles tun, um den drohenden Krieg zwischen Delfinen, Haien … und Menschen zu verhindern.

Ja, das war unsere Aufgabe.

Ich spürte den kräftigen Druck von Gordians Händen auf meinem Rücken und die Zuversicht und Entschlossenheit, die darin lag.

Meine Eifersucht auf Kirby erschien mir plötzlich unglaublich kindisch. Verzeih mir, flüsterte ich und erwiderte Gordys innige Umarmung, so fest ich konnte.

Er küsste mich auf die Wange und durchflutete mich mit seiner Wärme. Hör auf damit, sagte er leise. Ich habe dir nichts zu verzeihen.

Er drückte mich noch ein letztes Mal, und als wir uns schließlich voneinander lösten, um Idis und Kirby zu folgen, verdunkelte sich über uns das Meer.

Patricia Schröder

Meerestosen (Band 3)

Jugendbuch

ISBN (eBook) 978-3-649-61604-7

ISBN (Buch) 978-3-649-60321-4

www.coppenrath.de

Dienstag, 14. Januar, Stadtklinikum Süd

Es ist kurz nach elf, als er die Innere betritt. Visite. Der Flur ist wie ausgestorben, das Schwesternzimmer ebenfalls. Niemand wird ihn stören. Zielstrebig öffnet er die dritte Schublade von unten, nimmt den Schlüssel an sich und schließt den Medikamentenschrank auf.

Im selben Moment vibriert das Handy in seiner Kitteltasche. Verdammt! Dass die nicht mal fünf Minuten ohne ihn zurechtkommen!

Mit fahrigen Fingern zieht er es hervor, wirft einen Blick aufs Display, schüttelt den Kopf, zögert und drückt schließlich die Verbindungstaste. »Ja, bitte ...?« Er stutzt. »Was, du? Herrgott noch mal, hab ich dir nicht gesagt, dass du mich während meiner Dienstzeiten nicht mehr anrufen sollst?«

Mit der anderen Hand schiebt er die Medikamentenschachteln hin und her.

»Nein, es geht Rebecca nicht gut und es wird ihr auch nicht ... Wie bitte, was hast du? ... Ein Unfall? Und wo? ... Aha, aha ...«

Er findet, was er sucht, nimmt drei Ampullen heraus, stellt die alte Ordnung wieder her und schließt den Schrank.

»Also gut, ich veranlasse das. Ausnahmsweise.« Seine Stimme wird eindringlicher. »Aber beim nächsten Mal alarmierst du bitte den Notarzt. Hast du mich verstanden? Und zwar unverzüglich! Sonst sehe ich nämlich keine Chance mehr für Rebecca ...« Er schüttelt den Kopf. »Nein, nicht die geringste. Auch mir sind Grenzen gesetzt. Selbst du, der sich im Grunde alles leisten könnte ... Herrgott noch mal, du bist doch lange genug an diesem Klinikum gewesen, um zu wissen ...« Er bricht ab, lauscht. Legt den Kopf in den Nacken. Schließt die Augen. Stöhnt. »Nein, verdammt noch mal, es gibt keinen anderen Weg! ... Gut ... ja, ja, ja ... Ja, versprochen. Unter der Voraussetzung, dass du mich da raushältst. Sollte mein Name nämlich mit diesen ... ähm, Unfällen in Verbindung gebracht werden, wird niemand Rebecca helfen können. Hast du das kapiert? Ab sofort existiere ich nicht mehr für dich.«

Seine letzten Worte sind nur noch ein Zischen.

Er kappt die Verbindung, lässt das Handy zu Boden fallen und tritt zweimal kräftig mit der Kante seines Absatzes darauf.

Donnerstag, 7. August, Glockenstraße 76

»Lida, du bringst mich noch in Teufels Küche.«

Aufgebracht läuft Jesper in seinem kleinen Flur auf und ab. Er bleibt stehen und schaut mich an. Ich lächele und er sieht wieder weg. Läuft weiter. Gestikuliert mit fliegenden Händen.

Ich mag es, wenn er so ist. Wenn seine dunklen Augen noch dunkler werden und sein Kieferknochen markant hervortritt.

Jesper ist zwanzig und ich bin siebzehn. Wir kennen uns seit einem halben Jahr. Meine Mutter weiß nichts von dieser Beziehung. Ich glaube, sie denkt noch immer, ich hätte mit Jungs nichts am Hut.

»Keiner von denen ist unter achtzehn«, sagt Jesper. »Und eine Woche ohne einander werden wir ja wohl überstehen.«

»Darum geht es doch gar nicht«, erwidere ich.

Er hält inne und mustert mich mit hochgezogenen Brauen. »Sondern?«

Jesper hat nicht nur wunderschöne Augen, sondern vor allem wunderschöne Brauen. Dicht und dunkel und leicht geschwungen.

Optisch sind wir das genaue Gegenteil voneinander. Jesper braunäugig und dunkelhaarig, ich blond und blauäugig. Aber ich finde, dass meine helle Haut und sein olivfarbener Teint ganz toll zusammenpassen.

»Sondern?«, wiederholt Jesper nachdrücklich.

»Nicht nur du hast Lust auf diesen Event, sondern ich auch«, gebe ich zurück. »Und ohne dich kann ich da nicht hin.«

Ich lehne ihm gegenüber im Türrahmen. Wir sehen uns an, und wie immer, wenn wir uns so ansehen, bekommen wir Lust aufeinander.

»Küss mich«, sage ich leise.

»Nein, Lida, wir müssen reden.«

»Du willst reden«, sage ich. »Ich will mit dir schlafen. Und zwar jetzt.«

Jespers Kiefermuskeln entspannen sich und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. »Hör zu, Lida ... Die Geschichte ist nicht ganz ungefährlich. Ich müsste die Verantwortung für dich übernehmen.«

»Ja, das müsstest du ...«, sage ich ebenfalls lächelnd. »Ob du willst oder nicht.«

Wir machen einen Schritt aufeinander zu. Ich ziehe mir mein T-Shirt über den Kopf und zehn Sekunden später liegen wir im Zimmer nebenan auf dem Teppich.

Ich mag es, wenn Jesper sich aufregt, noch mehr aber mag ich es, wenn er mich küsst. Seine Zunge ist warm und sanft und seine Küsse sind tief und voller Zärtlichkeit.

»Du musst hierbleiben, Lida«, flüstert er, als wir selig erschöpft auseinanderrollen. »Bitte.«

Es ist ein Bitte, das wehtut, aber ich lasse mir nichts anmerken. Es muss einen Grund geben, warum er mich nicht dabeihaben will, einen, der nichts mit meinem Alter zu tun hat. Das Argument, von wegen das Ganze sei gefährlich, halte ich jedenfalls für vorgeschoben. Okay, dieser Event ist ein Abenteuer mit einem gewissen Nervenkitzel, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Jesper weiß, dass ich nicht zimperlich bin. Besagte Verantwortung müsste er – wenn überhaupt – also nur formell tragen.

»Es gibt leider keinen Ausweg«, sage ich.

Jesper stützt sich auf und angelt nach der Zigarettenschachtel, die auf dem Beistelltisch liegt.

»Wie meinst du das?«

»Ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich mit Marlen und ein paar Mädels aus meiner alten Klasse zelten gehe, und Marlen hat ihren Eltern das Gleiche erzählt.«

Jesper pfriemelt mit den Lippen eine Zigarette aus der Packung und zündet sie an. »Aha, und?«, erwidert er und bläst den Rauch zur Zimmerdecke.

»In Wahrheit zeltet Marlen natürlich mit Leo«, sage ich, während ich mit den Fingern sein Schlüsselbein nachzeichne. »Und ich mit dir.«

»Nein, Lida.«

»Warum nicht?«

»Das habe ich dir doch eben erklärt.«

»Ich hab’s aber nicht verstanden.«

Jesper seufzt und zieht an seiner Zigarette.

Ich mag es nicht, wenn er raucht, aber ich nehme es hin. Für mich überwiegt das Besondere an Jesper. Außerdem hat schließlich jeder so seine Eigenarten. Meine ist, dass ich eine hartnäckige Nervensäge bin. Sagt Jesper. Marlen findet, dass ich mich gut durchsetzen kann. Und darum beneidet sie mich.

»Ich mag dich sehr, Lida«, sagt Jesper jetzt. Er beugt sich über mich und streicht mir eine meiner störrischen Locken aus der Stirn. »Aber diese eine Woche hätte ich gern für mich. Wieso verstehst du das nicht?«

»Wahrscheinlich, weil ich noch nicht volljährig bin«, entgegne ich. »Bei unter Achtzehnjährigen ist das Gehirn nämlich noch nicht vollständig ausgebildet.«

»Ich glaube, das ist es ohnehin erst ab fünfundzwanzig.«

»Klar, Doc«, sage ich und küsse ihn weich auf den Mund.

Jesper studiert Medizin. Im Herbst beginnt für ihn das dritte Semester. Später will er Internist oder Chirurg werden. Na, mal sehen, bisher hat er nämlich nur an Leichen herumgeschnippelt.

Jesper drückt die Zigarette aus und küsst mich zurück.

»Du schmeckst widerlich«, sage ich.

»Hmhm«, macht er, lässt seine Lippen über meine Wange wandern, saugt an meinem Ohrläppchen und meinem Hals, küsst meine Brüste und meinen Bauch und alles andere, sodass ich innerhalb von Sekunden von den Haarwurzeln bis zu den Zehennägeln in Flammen stehe.

»Und wer hat jetzt gewonnen?«, frage ich hinterher.

»Du«, sagt Jesper leise an meinem Ohr. »Wie immer.«

Samstag, 16. August, Besucherparkplatz am Rippetalstaudamm

Es regnet in Strömen. Der Boden ist matschig und in den Fahrspuren haben sich tiefe Pfützen gebildet.

»Willst du immer noch mit?«, fragt Jesper grinsend.

»Idiot«, sage ich und knuffe ihn in den Bauch.

Wir tragen Wanderschuhe und wasserdichte Outdoorklamotten. Unsere Rucksäcke enthalten neben dem Erlaubten nur das absolut Notwendige und auch sie sind durch eine spezielle Transporthülle vor Nässe geschützt.

»Die Nacht heute wird bestimmt ungemütlich«, prophezeit Jesper.

Ein Regentropfen perlt von seinem Kapuzenschirm herab und landet auf seiner Nasenspitze. Ich küsse ihn weg und sage: »Du weißt doch gar nicht, wohin sie uns bringen.« Jesper und ich sind die Ersten am Treffpunkt. Vielleicht werden die anderen aber auch woanders aufgesammelt. »Wenn wir zum Beispiel in Richtung Franken fahren, haben wir Glück. Die Wetterstation in Weiden hat einen sonnigen Tag angekündigt. Und eine sternenklare Nacht«, füge ich vielsagend hinzu.

»Weiden liegt in der Oberpfalz«, erwidert Jesper.

»Das ist doch das Gleiche.«

»Ist es nicht.«

»Okay. Und worin besteht der Unterschied?«

»Das musst du die Leute fragen, die dort leben«, sagt Jesper.

»Du meinst, mit denen ist es so ähnlich wie zwischen Kölnern und Düsseldorfern ... oder zwischen Schalke und Borussia?«

»Mhm.« Jesper nickt. »Oder Bayern München und dem Nürnberger FC.«

»Ach, der ist doch keine Gefahr für die«, sage ich lachend.

Jesper lacht ebenfalls.

Das Lustige ist, dass wir beide eigentlich keine Fußballfans sind und trotzdem über alles genau Bescheid wissen.

»Aber du bist eine Gefahr für mich«, sagt Jesper leise.

»Was?« Irritiert sehe ich ihn an. Ich bin nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden habe.

Er macht einen Schritt von mir weg. Seine Brauen schieben sich über der Nasenwurzel zusammen und seine Lippen werden schmal. Sein Gesichtsausdruck ist finster, beinahe beängstigend.

»Jetzt hör schon auf mit dem Scheiß«, sage ich und gehe wieder auf ihn zu.

Jesper kreuzt die Arme vor der Brust und wendet sich ab.

»Ich meine das ganz ernst, Lida. Du kennst mich doch überhaupt nicht richtig.«

»Jesper«, sage ich, »wir sind seit einem halben Jahr zusammen, und abgesehen davon, dass du rauchst, ist mir bisher noch nichts Gruseliges an dir aufgefallen.«

»Du triffst mich dreimal in der Woche.«

»Ja ... und?«

»Was ist mit den übrigen vier Tagen? Und den unzähligen Stunden, in denen wir uns nicht sehen?«

»Was soll denn da sein?«, entgegne ich und versuche es mit einem Scherz. »Vielleicht gehst du heimlich auf Schalke, feuerst Bengalos ab und prügelst dich mit dem Feind.«

»Ja, klar.« Jesper schüttelt den Kopf. Dann richtet er ruckartig seinen Blick auf mich und sagt ziemlich harsch: »Ich möchte nicht, dass du dich wie eine Klette an mich hängst, okay?«

Ich bin so baff, dass mir der Atem stockt, und einen Moment lang weiß ich nicht, wie ich reagieren soll. Keine Ahnung, was plötzlich mit Jesper los ist, so habe ich ihn jedenfalls noch nie erlebt. Eines aber ist mir klar: Wenn ich ihm hier und jetzt eine Szene mache, schickt er mich vielleicht tatsächlich wieder nach Hause.

»Ich bin nicht der Feind«, sage ich sanft. »Okay?«

Wieder schüttelt er den Kopf, diesmal wesentlich ungeduldiger. »Versprichst du es mir?«

»Wenn du mir erklärst, was genau du darunter verstehst«, erwidere ich zögernd.

Jesper ist mein erster richtiger Freund. Ich kann also nicht auf die gesammelte Erfahrung mehrerer Beziehungen zurückblicken, was bei ihm sehr wohl der Fall ist. Jesper hatte vor mir schon zwei längere Geschichten. Die letzte ist vor knapp anderthalb Jahren zu Ende gegangen. Er hat nicht viel über das Mädchen erzählt; ich weiß nur, dass sie sich von ihm getrennt hat und dass er ziemlich daran zu knabbern hatte. – Was für ihn spricht, finde ich. Zwischen ihr und mir gab es monatelang nur Flirts. Sagt Jesper. Ich sage One-Night-Stands. Aber das stört mich nicht. Im Gegenteil. Seine Erfahrung und seine Zärtlichkeit haben mir das erste Mal wirklich leicht gemacht. Ich liebe Jesper und ich mag den Sex mit ihm. Bin ich deswegen schon eine Klette?

»Wir sind das einzige Pärchen«, sagt er.

»Woher willst du das wissen?«

»Ich habe uns angemeldet ... schon vergessen?«

Natürlich nicht! Das Ganze lief über das Internet.

»Ich habe angegeben, dass du meine Cousine bist.«

Was? »Wieso?«

»Ich hatte den Eindruck, dass die es nicht gerne sehen, wenn Teilnehmer liiert sind.«

»So ’n Quatsch!« Ich tippe mir an die Stirn. »Mit welcher Begründung?«

Jesper zuckt mit den Schultern. »Wahrscheinlich wegen der Homogenität. Pärchen bringen nur Unruhe in eine Gruppe, in der jeder auf jeden angewiesen ist.«

»Pärchen können auch stabilisierend wirken«, halte ich dagegen.

Jesper nickt. »Ja, wenn sie selber keine Probleme haben.«

»Haben wir nicht«, sage ich.

Wieder dieser ernste, finstere Blick. »Bist du sicher?«

Tja, bis gerade eben war ich es noch.

Ich schaue zur Seite und beiße mir auf die Unterlippe. Wenn ich weiter insistiere, würde es wahrscheinlich nicht einmal eine Minute dauern, und wir hätten unseren ersten handfesten Streit.

Darauf habe ich keine Lust. Nicht ausgerechnet hier und jetzt und erst recht nicht so kurz vor einer Unternehmung, bei der Jesper mich eigentlich gar nicht dabeihaben will.

Ich drehe mich von ihm weg und sehe die Landstraße hinunter, die nach etwa dreihundert Metern in einer Kurve hinter einem Wald verschwindet. Rechts davon ziehen sich Getreidefelder und Pferdekoppeln einen Hang empor und dahinter hellt sich der Himmel auf.

D

Der dunkelblaue VW-Multivan nähert sich aus der anderen Richtung. Langsam und auf der linken Seite blinkend rollt er heran, lässt einen Pkw passieren, biegt in die Parkplatzzufahrt ein und stoppt.

»Sind sie das?«, frage ich.

Jesper antwortet nicht, sondern geht geradewegs auf den Bus zu. Die Beifahrertür wird geöffnet, ein circa vierzigjähriger athletischer Typ mit kurz gehaltenem Vollbart springt heraus und läuft ihm entgegen. Die beiden wechseln ein paar Worte, die ich auf die Entfernung nicht verstehen kann, dann wenden sie sich mir zu.

»Na, komm schon!«, ruft Jesper.

Plötzlich ist mir doch ein wenig mulmig zumute. Die Leute im Bus könnten Freaks sein, und dann diese merkwürdige Äußerung von Jesper eben, ich wäre eine Gefahr für ihn ... Ach, verdammt, wenn ich jetzt einen Rückzieher mache, werde ich mir das wahrscheinlich nie verzeihen. Entschlossen wische ich mein Unbehagen beiseite, straffe die Schultern und setze mich mit festen Schritten in Bewegung.

»Das ist Lida Donelly«, sagt Jesper. »Meine Cousine.«

Der Typ mit dem Vollbart nickt. Er hat schmale dunkle Augen und eine ungewöhnlich breite Unterlippe. Aus seinem Jackenkragen quillt ein dunkler Brustpelz hervor und auch seine Hände sind ungewöhnlich stark behaart.

»Wie alt bist du?« Seine Stimme klingt seltsam metallisch und passt überhaupt nicht zu ihm. Irgendwie so, als ob er einen künstlichen Kehlkopf hätte.

»Siebzehn«, sage ich.

»Also minderjährig.« Der Typ kneift die Augen zusammen und mustert mich forschend. »Dann brauchst du eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten.«

»Kein Problem«, sagt Jesper. »Ich übernehme die Verantwortung für sie. Das habe ich doch bereits bei der Anmeldung angegeben.«

»Hm.« Der Typ kräuselt seine breite Unterlippe. »Du bist zwanzig, richtig?«

»Jap.«

»Und das Mädchen ist wirklich deine Cousine?«, bohrt er weiter.

»Klar doch«, sagt Jesper. »Ihre Eltern sind beruflich im Ausland unterwegs. Deshalb wohnt sie zurzeit bei mir.«

Ich habe Mühe, mir meine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Woher dieser plötzliche Sinneswandel? Beziehungsstress hin oder her, aber dieses Verhalten kann ich Jesper unmöglich durchgehen lassen. Sobald sich die Gelegenheit ergibt, werde ich mit ihm darüber reden müssen.

»Also gut«, sagt der Typ. »Mit euch ist die Gruppe vollzählig.«

»Wie viele sind wir denn überhaupt?«, erkundigt sich Jesper.

»Das erfahrt ihr am Ausgangspunkt«, entgegnet der Typ.

»Okay ... Und wie ist dein Name?«, fragt Jesper weiter.

»Der tut nichts zur Sache.«

»Mag sein. Ich wüsste ihn trotzdem gern.«

Der Typ brummt etwas Unverständliches. Schließlich sagt er: »Stucke.«

»Und der Vorname?«

»Stucke sollte genügen. Ich bin sowieso nur Begleiter. Alles, was für den Blind Walk relevant ist, bekommt ihr ...«

Jesper macht eine resignierte Geste. »Schon kapiert ... am Ausgangspunkt.«

Stucke grinst, richtig sympathisch macht ihn das jedoch nicht.

Ein merkwürdiger Typ, denke ich. Äußerst merkwürdig sogar. Erneut keimen Zweifel in mir auf, ob das alles hier wirklich mit rechten Dingen zugeht. Aussehen und Verhalten der Begleiter könnten allerdings auch zum Programm gehören, schließlich ist dieser Event so ziemlich das Gegenteil von einer Kaffeefahrt.

»Apropos blind«, sagt Stucke jetzt, zieht zwei schwarze Augenmasken aus seiner Jackentasche und lässt sie vor Jespers Gesicht hin und her pendeln. Mir fällt sofort die große goldene Angeberuhr an seinem Handgelenk ins Auge. »Würdest du das bitte deiner kleinen Cousine auf die Nase binden?«

Stucke lacht über seinen eigenen Witz.

»Was, jetzt schon?«, fragt Jesper verwundert.

»Wann sonst?«, erwidert Stucke. »Wenn wir im Wagen sind, kann ich nicht mehr kontrollieren, ob die Dinger auch richtig sitzen.«

»Findest du das nicht ein bisschen übertrieben?«, gibt Jesper zurück. »Wir würden uns doch nur selbst den Spaß verderben, wenn wir versuchten, die Strecke zu verfolgen.«

»Entweder ihr akzeptiert die Regeln oder ihr vergesst das Ganze«, brummt Stucke. »Keiner zwingt euch mitzufahren.«

Jesper zögert, und einen winzigen Moment lang wünsche ich mir tatsächlich, dass er sich dazu durchringt hierzubleiben, auch wenn dann die hundertachtzig Euro futsch wären, die wir jeder für dieses kleine Abenteuer hinlegen mussten. Aber Jesper wäre nicht Jesper, wenn er sich von ein paar dummen Sprüchen ins Bockshorn jagen ließe.

»Natürlich fahren wir mit«, sagt er, schnappt sich eine der beiden Augenmasken und legt sie mir um.

Es ist anders als Blindekuhspielen. Vollkommen anders. Damals brauchte ich nur den Kopf ein wenig in den Nacken zu legen und schon konnte ich unter dem Tuch hervorlinsen und die Beine und Füße meiner Mitspieler erkennen. Jetzt ist es so, als würde ich gegen eine schwarze Wand gucken, auf die das Flimmern meiner Netzhaut projiziert wird. Ich spüre Jespers Finger an meinem Hinterkopf und kurz darauf einen flüchtigen Luftzug in meinem Gesicht, dann fühle ich mich plötzlich losgelöst aus meiner Umgebung und empfinde nicht einmal mehr den Boden unter meinen Füßen als Sicherheit, sodass ich beinahe froh bin, als ich Stuckes harsche metallische Stimme wieder vernehme.

»Alles klar«, sagt er und umfasst meinen Oberarm. »Wir gehen jetzt zum Wagen rüber. Das sind ungefähr zwanzig Schritte.«

Er zieht mich mit sich, und ich stolpere, vollauf damit beschäftigt, nicht umzuknicken, neben ihm her.

»Stopp!«, ruft Stucke. Er wartet, bis ich mich ausbalanciert habe, und packt mich dann unter den Achseln. »So, und jetzt einsteigen. Die Sitzbank befindet sich gleich links von dir.«

Ich hebe den rechten Fuß an.

»Gut so«, sagt Stucke. »Kopf einziehen!«

Das muss er mir nicht sagen, es passiert ganz automatisch, und kaum habe ich meinen Fuß aufgesetzt, drückt er mich auch schon schwungvoll nach oben. Reflexartig strecke ich meine linke Hand aus, ertaste raues Polster und lasse mich darauffallen.

»Durchrutschen!«

Ich mache, was Stucke sagt, und rücke auf der Bank weiter, bis ich gegen einen anderen Körper stoße.

»Oh, hallo ... sorry«, stammele ich. »Ich bin Lida.«

»Es wird hier nicht gequatscht, klar?«, blafft Stucke mich an.

Ich zucke zusammen.

Neben mir ertönt ein Poltern und einen Atemzug später sinkt jemand an meine Seite. Kurz darauf fällt die Wagentür zu.

Ich greife nach rechts und ertaste den Stoff von Jespers Outdoorjacke. Er legt die Hand auf meine und ich verflechte meine Finger mit seinen.

Sie sind rau und fremd.

Erschrocken ziehe ich meine Hand weg.

»Jesper?«, keuche ich, aber niemand antwortet.

Panik schießt in mir hoch. Ich will mir die Augenmaske herunterreißen, doch die rauen Hände halten mich davon ab. Jemand schnallt mich an.

»Ganz ruhig, Mädchen«, sagt Stucke neben mir.

»Wo ist er?«, brülle ich los. »Wo ist Jesper?« Meine Stimme hallt schrill von den Blechwänden des Wagens wider.

Stucke lacht.

»Krieg dich mal wieder ein! Wie willst du denn die Woche da draußen überstehen, wenn du jetzt schon die Nerven verlierst!«

Der Motor springt an und der Kleinbus setzt sich in Bewegung. Ich höre das Knirschen des Schotters unter den Reifen, der Fahrer beschleunigt und ich werde in den Sitz gedrückt. Es geht in dieselbe Richtung zurück, aus der der Van gekommen ist.

Ich ziehe die Schultern ein und versuche, mich so klein wie möglich zu machen, denn ich mag weder Stucke noch den Fremden links von mir berühren.

D

Zunächst fahren wir eine ganze Weile in gleichförmiger Geschwindigkeit geradeaus. Ein einziges Mal nur bremst der Fahrer den Bus ab, lenkt ihn nach links und gibt dann sofort wieder Gas. Der Typ rechts hinter mir räuspert sich in regelmäßigen Abständen, ansonsten vernehme ich nur Atemgeräusche.

Die Luft im Wagen ist warm und feucht. Es riecht nach Imprägnierspray und Erde, dominiert von einer ziemlich ekligen Mischung aus Rasierwasser und Schweiß. Ich atme möglichst flach, damit sich dieses unangenehme Aroma nicht in meiner Nase festsetzen kann.

Ich schwitze und meine Ohren fangen an zu jucken, doch ich wage es nicht, den Reißverschluss meiner Jacke zu öffnen, und verfluche Jesper dafür, dass er mir die Kapuze nicht vom Kopf gezogen hat, bevor er mir die Augenmaske umband.

Nach einer gefühlten Ewigkeit verringert der Fahrer das Tempo. Plötzlich geht es nur noch stockend voran. Ein lautes Hupen unmittelbar neben mir lässt mich zusammenschrecken. Jemand außerhalb des Busses schreit etwas. Weitere gedämpfte Stimmen ertönen. Eine Ortschaft, durchzuckt es mich, und wieder einmal bin ich kurz davor, mir die Augenmaske zu entfernen. Der Anblick anderer Menschen würde mich beruhigen, vor allem aber könnte ich mich davon überzeugen, dass Jesper auch wirklich eingestiegen ist. Doch ich will nicht, dass Stucke mich noch einmal anfasst. Oder mich einfach an der nächsten Ecke raussetzt. Also reiße ich mich zusammen und bete, dass wir bald am Ziel sind.

Vom ständigen Stoppen und wieder Anfahren wird mir übel, aber nachdem wir zweimal rechts abgebogen sind, gibt der Fahrer Gas, und es geht endlich wieder zügig weiter.

Das laute gleichförmige Motorengeräusch lullt mich ein. Gähnend schließe ich unter der Binde die Augen und versuche, nicht mehr darüber nachzudenken, was ich mache, wenn sich herausstellt, dass Jesper auf dem Parkplatz am Rippetalstaudamm zurückgeblieben ist und ich mutterseelenallein mit einer Horde Psychos in der Pampa gelandet bin.