Contents

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1

Es ist früh am Abend. Er hat Spätschicht und ruft von der Arbeitsstelle an. Sie soll kommen. Sie will nicht. Sie hasst das. Aber sie weiß, dass sie keine Wahl hat.

„Ich habe mein Pausenbrot vergessen“, sagt er. „Du musst es mir bringen.“

Sie antwortet nicht, und er legt auf, ohne noch mehr zu sagen. Das braucht er auch nicht. Sie wird gehorchen, das wissen sie beide. Einmal hat sie sich geweigert – ein einziges Mal – und das macht sie nie wieder.

Langsam zieht sie sich an. Mehr Kleider, als nötig sind, einerseits um Zeit zu gewinnen, aber auch, weil es ihr das Gefühl gibt, eine Art Schutzschild zu tragen gegen das, was ihr wieder bevorsteht.

„Wo willst du hin?“, fragt ihr kleiner Bruder.

„Nur kurz raus“, sagt sie. „Ich bin gleich wieder da.“

„Ist gut.“

Er lächelt, so als wäre das, was jetzt passiert, die normalste Sache der Welt – und für ihn ist es das ja auch –, und dann mampft er weiter seine Cornflakes und blättert in dem Comic, der neben seiner Schüssel liegt.

Sie bleibt einen Moment stehen und sieht ihn an. Er klang betont gleichgültig, als er Ist gut sagte … Tut er nur so? Weiß er doch etwas? Hat er begriffen, was los ist?

„Du“, sagt sie.

„Mhmm?“ Er blickt von seinem Comic auf, den Mund voll. Er kaut und schmatzt.

„Ja … also dann bis nachher“, sagt sie. „Und iss anständig!“

Er winkt mit dem Löffel und schaut wieder in sein Heft. Sie geht aus der Küche in den Flur und weiter in den Windfang. Es ist, als müsste sie durch mehrere Schleusen hindurch.

Wie in einem Raumschiff oder einem U-Boot oder so, denkt sie. Und jetzt ist sie gleich draußen in der Welt, dort wo es passieren wird, so wie es schon so oft passiert ist, nur dass sie sich heute anders fühlt. Noch schlechter, noch schwächer. Sie fragt sich, ob heute der Tag ist, an dem sie verwelkt und stirbt.

Katie öffnet die Haustür und geht.

2

Es ist früh am Abend. Warm und gemütlich und schön. Alles ist still, sie haben bisher gelesen.

Ihre Mutter sagt: „Du, ich muss gleich los. Ich fahre heute, das hatte ich ja schon gesagt.“

„Gehst du einkaufen?“, fragt Benedicte.

Ihre Mutter lächelt und schüttelt den Kopf.

„Nein, nicht einkaufen.“

Benedicte ist müde nach der Schule und dem Hort und jetzt nach dem Abendessen könnte sie glatt einschlafen. Sie liegt angezogen auf ihrem Bett, oben auf der Bettdecke. Sie dreht den Kopf zu ihrer Mutter, zieht einen Zipfel der Bettdecke bis unters Kinn und gähnt. Die Bettwäsche riecht frisch gewaschen und ist weich, sie fühlt sich gut auf der Haut an.

„Schlaf nicht ein“, sagt ihre Mutter.

„Nein, mach ich nicht.“

„Ich muss gleich los“, sagt ihre Mutter wieder. Sie schaut auf die Uhr. „Ich werde eine Weile weg sein. Ich weiß nicht, wie lange.“

„Mhm.“

Benedicte rollt sich zusammen, schließt die Augen und lächelt schläfrig, während sie ihre Mutter ansieht, die neben dem Bett auf einem Stuhl sitzt und ein aufgeschlagenes Buch in den Händen hält. „5 Freunde machen eine Entdeckung“ heißt es, und sie hat daraus vorgelesen, weil Benedicte noch nicht so gut lesen kann.

Die Mutter legt ein Lesezeichen zwischen die Seiten. Sie steht auf, beugt sich zu Benedicte hinunter und gibt ihr einen Kuss auf die warme Wange. „Nicht einschlafen“, sagt sie wieder. „Sonst kommst du heute Nacht nicht zur Ruhe. Und du kannst nachher nicht Tschüss sagen.“

„Mhmm.“

Die Mutter zögert, bleibt über das Bett gebeugt stehen. „Hab keine Angst“, flüstert sie. Obwohl sie weiß, dass Benedicte nichts begreift und deshalb auch keine Angst hat. Noch nicht.

„Du wirst es gut haben“, flüstert sie. „Immer. Dir wird nichts geschehen, du wirst nur Schönes erleben. Das verspreche ich.“

Sie geht aus dem Zimmer und lehnt die Tür an, dort drinnen soll es nicht zu still werden. Im Flur bleibt sie stehen, hat keine Lust, nach unten zu gehen. Lucas kann jetzt jeden Moment nach Hause kommen.

Wie konnte ich nur? Sie stützt sich an der Wand ab. Zwingt sich, tief und gleichmäßig zu atmen. Sie hofft, dass ihr Herzschlag sich beruhigt, dass ihr Kopf Ruhe gibt.

Warum habe ich es nicht gemerkt? Wie konnte ich nur so dumm sein? Sie geht zur Treppe. Die ist lang und steil. Für einen Moment erscheint ihr ein Sturz verlockend. In den Knien einzuknicken, sich fallen zu lassen, dem Sog nach unten nachzugeben. Aber sie kann nicht. Natürlich nicht!

Vorsichtig geht sie die Stufen hinunter. Sie klammert sich ans Geländer. Ihr graut schrecklich vor dem Moment, in dem sie sein Auto auf den Hof fahren hört.

Ich liebe ihn, denkt sie. Immer noch. Aber wieso, um Himmels willen, habe ich ihm vertraut?

Sie schüttelt sich, schlingt die Arme um den Körper und geht langsam in die Küche. Sie stellt sich ein wenig seitlich ans Fenster, in gutem Abstand, und späht hinaus. So als würde die Wirklichkeit schlimmer – härter und schmerzhafter – werden, wenn sie ihr direkt ins Gesicht sähe.

Dies ist der Tag, an dem sich alles ändert, und sie weiß das. Es ist zu spät, um etwas dagegen zu tun. Nichts wird jemals wieder sein, wie es war.

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1

Nora stand auf dem Schulhof und sah, wie der breite schwarze Leichenwagen abfuhr.

Zwei Polizisten waren am Tor, einer auf jeder Seite, und gaben Handzeichen. Das Auto passte mit knapper Not durch. Es war Millimeterarbeit.

Da fährt Cille, dachte Nora. Sie war nicht traurig, aber bedrückt; es war ein tiefes Gefühl von etwas Großem, Unvermeidlichem. Und sie dachte, dass sie jetzt alle hätten dort sein sollen, alle, die Cille gekannt hatten, die ihr jemals begegnet waren. Sie hätten dort stehen und winken und vielleicht etwas sagen müssen. Sie hätten Abschied von Cille nehmen müssen, die in einem Auto gefangen war, das wegen seiner Breite kaum durchs Tor passte.

Klein-Cille saß aufm Klo,

Klein-Cille war gar nicht froh.

Weil kein Mann in diesem Land

die kleine Cille retten kann …

Aber die Schüler hatten für den Rest des Tages frei bekommen, und die letzten Nachzügler auf dem Schulhof beachteten den Leichenwagen nicht, der in einem so weiten Bogen auf die Straße fuhr, dass er mit der Stoßstange fast ein Auto streifte, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte, und dann verschwand.

Langsam lösten sich die letzten Grüppchen auf. Alle, die still dagestanden und auf seltsame Weise so getan hatten, als wäre überhaupt nichts passiert – wenn ich nichts mache, geht es bestimmt gleich vorbei –, bewegten sich plötzlich wieder, gingen ein paar Schritte, unterhielten sich, und ein Polizist in Uniform stieg in den Streifenwagen, der vor dem Eingang zur Schwimmhalle stand, und schlug laut die Tür zu.

Das Leben rollte an und lief weiter – wie ein Film, der von der Pause in den Play-Modus sprang.

Nora stand da, sah sich um – betrachtete die große graue Schule, den Asphalt, den Maschendrahtzaun – und dachte, dass sie nicht traurig wäre, wenn sie nichts davon je wiedersehen würde.

Bald war das alles sowieso vorbei. Und dann musste mehr kommen. Das Leben konnte nicht so klein und eng sein. Nicht das richtige Leben.

Und Cille …? Ihr Leben? Nora drehte sich wieder zum Tor und zur Straße um, aber der Wagen war längst verschwunden, und sie spürte einen Stich von schlechtem Gewissen, dass sie hier stand und sich selbst bedauerte, während Cille weg war, endgültig weg.

Scheiße, Scheiße das alles.

„Nora?“

Was? Sie drehte den Kopf. Was ist?

„Nora! Hallo!“

Es war ihre Mutter. Sie kam zusammen mit ein paar anderen Polizisten aus der Schwimmhalle. Sie winkte, lächelte aber nicht. Ihr Gesicht war angespannt und blass.

Ihre Kollegen gingen Richtung Tor, aber sie kam auf Nora zu und sagte aus einigen Metern Entfernung: „Du gehst jetzt nach Hause, oder?“

Nora nickte.

„Ich hab wenig Zeit, muss zurück aufs Revier. Ich rufe dich an, sobald ich kann. Aber geh nach Hause, okay?“

Nora nickte wieder.

Ihre Mutter lächelte kurz, winkte noch einmal und steuerte auf ein ziviles Polizeiauto zu. Es war dasselbe, das der Leichenwagen vorhin beinahe gestreift hätte. Kruse stand daneben und wartete auf sie.

2

Nora ging nicht nach Hause, sie ging in den Supermarkt.

Das hatte sie schon vor dem Gespräch mit ihrer Mutter beschlossen, gleich als ihnen gesagt worden war, dass der Unterricht für den Rest des Tages ausfiel. Sie musste zwar nicht dringend einkaufen, aber so hatte sie jedenfalls was zu tun und: Es war ein guter Grund, um nicht mit Vilde und Benedicte nach Hause laufen zu müssen. Nicht dass die beiden gefragt oder auf sie gewartet hätten, aber darum ging es auch gar nicht. Es war eher so, dass sie für sich selbst einen Grund brauchte. Dann musste sie nicht mehr daran denken, wie blöd es geworden war, mit ihnen zusammen zu sein. Stattdessen dachte sie einfach: Ich glaube, ich gehe zum Supermarkt.

Kein Streit, kein Rumzicken. Keine Kommentare.

Sie stand am Zeitschriftenregal und sah sich die Taschenbücher an, als ihr Handy klingelte. Es war ihre Mutter. Sie fragte: „Wo bist du?“

Nora hörte, dass ihre Mutter durch einen Korridor lief. Hallende Geräusche mit schwachem Echo und das Absatzklappern der neuen Schuhe, die ihr so gut gefielen.

„Wieso?“, fragte Nora zurück.

„Bist du auf dem Weg nach Hause?“

„Wir haben doch vorhin erst gesprochen.“

„Das war vor einer halben Stunde“, erwiderte ihre Mutter. „Bist du zu Hause? Es hört sich nicht so an.“

„Mama …“

„Du musst vorsichtig sein“, sagte ihre Mutter.

„Ja, ja.“

„Ja! Das musst du!“

„Ich mach mich gleich auf den Weg nach Hause, ich wollte mir nur noch ein paar Bücher ansehen.“

„Gut.“ Ihre Mutter war außer Atem. Nora hörte, wie eine Tür auf- und wieder zuging.

„Wir lassen ihn heute raus“, sagte ihre Mutter.

„Was?“

„Wir entlassen Nick.“

„Nick?“

Nora starrte das Buch an, das sie in der Hand hielt. Die Vorderseite war rot und weiß und die Buchstaben im Titel sahen altmodisch und verschnörkelt aus. Die Geschichte spielte im siebzehnten Jahrhundert, stand auf der Rückseite. Die Illustration auf dem Cover zeigte eine junge Frau in ärmlicher Kleidung mit einem großen, bedrohlichen Mann im Hintergrund.

„Er müsste jeden Moment rauskommen“, sagte ihre Mutter. „Ich dachte, ich sag dir Bescheid, damit du keinen Schock kriegst, falls du ihm begegnest oder so.“

„Aber …“, sagte Nora. Und plötzlich schoss die Wut in ihr hoch: Du kannst doch nicht anrufen und das einfach so verkünden!

„Alles in Ordnung“, sagte ihre Mutter. „Kein Grund zur Aufregung. Er hat nichts getan, er hat mit dem Tod von Trine und Cille nichts zu tun.“

„Aber … aber …“, stotterte Nora.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, fuhr ihre Mutter fort.

„Nicht vor Nick.“

„Ich habe keine Angst!“

„Gut.“

„Es ist nur …“ Nora musste sich am Zeitschriftenregal abstützen. „Hättest du das nicht eher sagen können!“

„Nora, ich wusste es doch auch nicht früher.“

„Aber trotzdem!“

„Bist du jetzt sauer?“, fragte ihre Mutter. „Dass er rauskommt?“

„Nein!“

„Ich dachte …“

„Nein, hab ich gesagt! Ich bin nicht sauer. Hör auf.“

„Ja, ja, ist ja gut.“ Ihre Mutter seufzte. „Du, wir haben es im Moment alle nicht leicht. Versuch, dich ein bisschen …“ Sie unterbrach sich. „Ach, vergiss es.“

„Was denn?“, fragte Nora.

„Nichts. Geh nach Hause. Bleib unter Leuten, die du kennst, geh nirgendwo hin, auf Partys oder so.“

„Partys? Heute ist Mittwoch, ich bin doch nicht …“

„Du weißt, was ich meine. Sei einfach vorsichtig, okay?“

„Ja, ja.“

„Bei mir wird es sicher spät“, sagte ihre Mutter. „Du und dein Bruder, ihr könnt euch eine Pizza holen.“

„Ja, okay.“

„Also tschüss dann“, sagte ihre Mutter.

„Ja“, erwiderte Nora. „Tschüss.“

Sie beendete das Gespräch.

Nick wurde aus dem Gefängnis entlassen … Sie konnte ihn auf der Straße treffen oder morgen in der Schule – falls morgen Schule war und falls er überhaupt kam.

Nora wusste nicht, ob sie sich freuen sollte. Oder doch, sie freute sich, dass er rauskam, klar, aber hatte sie Lust, ihm zu begegnen? Hatte sie Lust, ihn zu sehen, mit ihm zu reden?

Ich liebe Nick! Klar will ich ihn treffen!

Aber nein, so klar war das nicht, oder? Nicht wirklich. Obwohl sie ihn liebte, obwohl er der Einzige war, mit dem sie zusammen sein wollte.

Es war deswegen nicht klar, weil Nora letztes Mal, als sie sich gesehen hatten, mit einem anderen Typen rumgemacht hatte. Und nicht nur rumgemacht, sie hätte beinahe mit ihm geschlafen – beinahe, beinahe, sie war so wahnsinnig kurz davor gewesen!

Und Nick hatte sie zusammen gesehen …

Also war gar nichts klar. Nora stand immer noch mit dem Taschenbuch in der Hand da. Sie hatte es so fest an sich gedrückt, dass der Rücken ein bisschen verknickt war. Sie steckte das Mobiltelefon in die Tasche und versuchte mit beiden Händen, das Buch wieder zurechtzubiegen.

Es half ein bisschen, aber nicht viel. Sie steckte das Buch zurück ins Regal. Es stand schief. Sie nahm die anderen Bücher heraus und stellte das beschädigte ganz nach hinten. Dann drehte sie sich mit geröteten Wangen um.

3

Pass doch auf!

Nora wäre fast mit einem Mädchen zusammengestoßen, das gerade am Zeitschriftenregal vorbeiging. Nora sah sie nur von hinten. Langes blondes Haar, das zwischen den Schulterblättern herabfiel, schräg gelegter Kopf und das Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt. Eine Stimme, die ihr bekannt vorkam.

„Ja. Natürlich. Ja. Das weiß ich.“

Die Blonde blieb am Süßwarenregal stehen. Sie sprach immer noch ins Telefon, leise und von Nora abgewandt. Aber sie nahm keine Süßigkeiten, sie stand nur da, weil sie telefonierte.

Nora hörte geflüsterte Satzfetzen: „Wir haben keine Probleme. Kriegen wir hin. Wir müssen warten, bis … ja, … sag Bescheid, wenn …“

Noch fiel ihr zu der Stimme und zu dem blonden Haar kein Gesicht ein. Irgendwas war komisch, irgendwas stimmte nicht, irgendwas, das ihr Gehirn blockierte, bis es streikte.

Nora drehte sich wieder zu dem Zeitschriftenregal um und spürte einen Anflug von schlechtem Gewissen, als sie das verbogene Taschenbuch hinter den anderen hervorlugen sah. Sie drückte ein bisschen dagegen, in der Hoffnung, dass es sich besserte, aber es half nicht.

Moment. Plötzlich begriff sie. Oder wenigstens glaubte sie das, obwohl es nicht passte, es war immer noch verkehrt.

War das nicht …?

Nora schielte zu der Blonden, die ihr weiterhin den Rücken zudrehte und aufgeregt in ihr Handy sprach. An ihrer Körpersprache konnte man ablesen, dass es offenbar ein wichtiges Gespräch war.

Vorsichtig ging Nora ein paar Schritte näher heran. Die Blonde fuhr sich mit der freien Hand durchs Haar und für eine Sekunde konnte Nora deutlich ihr Profil erkennen.

Und sie war es tatsächlich. Charlene. Das amerikanische Au-pair-Mädchen bei Vildes Familie.

Noras erster Impuls war, ihren Namen zu rufen und ihr zu winken – denn Charlene war immer nett und freundlich zu ihr gewesen –, aber mit halb erhobenem Arm und offenem Mund hielt sie inne.

Langsam, aber sicher wurde ihr einiges klar.

Es war so offensichtlich, aber irgendwie wollte es ihr nicht in den Kopf.

Charlene, dachte sie. Aber sie … Sie ist aus Texas und spricht fast kein Norwegisch. Ihr Akzent ist so breit, dass die Leute sich darüber schieflachen. Das kann nicht sein …

Aber es war so. Es war Charlene, die dort stand und in ihr Handy flüsterte. Und zwar in fließendem Norwegisch …

4

Als Benedicte von der Schule kam, war ihre Mutter zu Hause. Sie war eine Weile weg gewesen, und es war kein Geheimnis, dass sie einen Entzug gemacht hatte. Und sie sagte, es gehe ihr jetzt besser. Nicht gut, aber besser.

„In ein paar Wochen muss ich wieder hin, für länger, Beratung und Therapie und so was. Aber es war schon mal ein guter Anfang, bis jetzt. Ich nehme nichts mehr, gar nichts.“

Sie gingen in die Küche. Ihre Mutter machte Tee. Benedicte setzte sich an den Küchentisch. Wie merkwürdig, sich zu Mama in die Küche zu setzen, um mit ihr zusammen zu sein. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das zuletzt getan hatten. Es musste eine Ewigkeit her sein.

Sie fragte sich, was ihr Vater wohl sagen würde. Er hatte ihre Mutter schließlich mit den Tabletten versorgt. Wahrscheinlich würde es ihm nicht gefallen, dass sie die Pillen nun nicht mehr nehmen wollte. Es hatte ihnen sicher gut in den Kram gepasst, dass sie ständig unter Drogen gestanden hatte. Ihm und seiner Geliebten.

Benedicte wusste nicht, was die beiden trieben, aber sie war sich immer sicherer, dass er etwas Verbotenes tat, das geheim gehalten werden musste.

Etwas, wofür er vielleicht einen Mord begangen hatte. Sie dachte an die Pillen, die in seinem Büro herumlagen, und an das blutige Hemd, das sie ganz unten in ihrem Kleiderschrank versteckt hielt. Vielleicht war das der Beweis, dass ihr Vater Doktor Wolff getötet hatte.

Was sollte sie damit machen? Sollte sie ihrer Mutter davon erzählen? Ach übrigens, Mama: Ich glaube, dass Papa jemanden umgebracht hat. Er ist ein ungezogener Schlingel. Was der alles anstellt!

„Woran denkst du?“, fragte ihre Mutter und stellte eine große rote Tasse vor Benedicte auf den Tisch. Ihre eigene war grün.

„Ach nichts.“

„Doch“, sagte ihre Mutter. „Komm, sag einfach, was du meinst, Benedicte.“

„Was ich meine?“

„Ich verstehe ja, dass … ja, dass es schrecklich für dich gewesen ist, das alles.“

„Ah.“ Benedicte nickte. Vorsichtig fragte sie: „Was meinst du mit ‚das alles‘?“

„Du musst mich nicht mit Samthandschuhen anfassen, Benedicte. Sag einfach gerade heraus, was du denkst, das ist völlig okay. Ich weiß, dass ich eine schlechte Mutter gewesen bin. Dass ich dir vieles kaputt gemacht habe.“

„Nein, Mama, so war das nicht …“

„Doch, ich war eine schlechte Mutter, das war ich. Aber das ist jetzt vorbei, ich habe mich geändert. Ab jetzt wird alles anders.“

Benedicte sagte nichts. Sie blies in ihren Teebecher.

„Und falls dein Vater …“, begann ihre Mutter. „Ach, ich weiß auch nicht.“ Sie zuckte hilflos die Schultern. „Er wird bestimmt auch froh sein.“ Aber ihre Stimme war dünn und leise und sie klang alles andere als überzeugt.

„Ja“, sagte Benedicte.

„Ja“, flüsterte ihre Mutter.

Benedicte nippte an ihrem Tee.

„Schmeckt er dir?“, fragte ihre Mutter.

„Ja.“

„Gut.“

„Ja“, sagte Benedicte.

Sie trank noch zwei, drei Schlucke, dann setzte sie den Becher ab. Sie erinnerte sich, dass sie schon einmal so eine Situation erlebt hatte – an diesem Tisch, in dieser Küche, sogar auf demselben Stuhl –, aber damals mit einem Becher Kakao, und eine fremde Frau hatte auf der anderen Seite des Tisches gesessen. Die Unsicherheit war dieselbe gewesen. So ein Gefühl, dass vielleicht doch nicht alles gut wird.

Benedicte hielt die Augen gesenkt, sie wusste, wenn sie aufsah, würde sie dem brennenden Blick ihrer Mutter begegnen. Und sie konnte spüren, was dieser Blick bedeutete, es lag in der Luft, es strahlte von ihrer Mutter aus: Verzeih mir, bleib bei mir, hilf mir.

Das war zu viel. Benedicte schob den Stuhl zurück, um aufzustehen. Sie hob den Becher ein letztes Mal, trank noch zwei Schluck Tee, schnell und ohne ihn richtig zu schmecken, dann stellte sie den Becher mit einem winzig kleinen Knall auf die Tischplatte und sagte: „Ich muss Hausaufgaben machen.“

„Oh“, sagte ihre Mutter.

Ein Mädchen ist in meiner Schule ermordet worden, dachte Benedicte. Sie haben sie im Schwimmbecken gefunden. Aber sie sagte es nicht. Wieso hätte sie es ihr erzählen sollen?

Ihre Mutter konnte nichts daran ändern. Es würde sie nur belasten. Außerdem erfuhr sie es sowieso bald. Aus den Radio- oder Fernsehnachrichten oder von Lucas. Bis dahin brauchte sie sich keine Gedanken darüber zu machen.

„Danke für den Tee.“ Benedicte erhob sich. „Der war gut.“

„Findest du?“

„Ja.“ Benedicte lächelte.

Ihre Mutter nickte mit brennenden Augen.

Benedicte ging an ihr vorbei, ohne sie zu berühren. Es wäre gut gewesen, die Hand auszustrecken und ihr auf die Schulter zu klopfen oder ihr übers Haar zu streichen, aber Benedicte wusste nicht, wie das gehen sollte, ohne dass es herablassend wirkte, so wie Erwachsene es bei einem Kind machten. Schh, denk nicht mehr dran, Liebes. Alles wird gut, du wirst sehen.

„Benedicte?“

Sie blieb in der Tür zum Flur stehen und drehte sich um. „Ja?“

„Ich weiß, dass es nicht so einfach ist“, sagte ihre Mutter. „Mir ist klar, dass wir nicht … ja, Freundinnen sein können. Aber vielleicht später. Wenn du weißt, dass ich keine Tabletten mehr nehme. Wenn du weißt, dass du mir vertrauen kannst. Vielleicht können wir dann öfter miteinander reden, vielleicht wird es dann leichter. Was meinst du?“

„Mhm.“ Benedicte nickte.

„Ja“, sagte ihre Mutter. Ihre Wangen, die immer – wenigstens solange Benedicte sich erinnern konnte – kreidebleich gewesen waren, glühten jetzt rot.

„Dann machen wir es so“, sagte ihre Mutter. „Das läuft sich bestimmt zurecht.“

„Ja“, sagte Benedicte.

„Ja“, sagte ihre Mutter.

Benedicte ging in den Flur und die Treppe hinauf nach oben. Sie spürte eine Schwere im Körper, ein drückendes Gewicht, überwältigend und groß und hart, das sie von innen ausfüllte.

5

Nora versteckte sich hinter einem Bonbonregal und hoffte, Charlene würde aufhören zu telefonieren und weggehen. Aber es dauerte. Eine Ewigkeit, so kam es Nora vor.

Sie schaffte es nicht, sich normal zu verhalten. Sie stand da und kramte zwischen den Sachen im Regal. Eine alte Dame ging vorbei und Nora duckte sich unter ihren Blicken. Sie denkt, ich will klauen.

Sie steckte die Hände in die Jackentaschen – und zog sie rasch wieder heraus, als ihr bewusst wurde, dass es leicht so aussehen konnte, als würde sie Schokolade einstecken. Am liebsten hätte sie ihre Taschen ausgestülpt und gerufen: Schaut her, die sind leer! Ich habe nichts genommen!

Und sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie dastand und sich beschämt und dumm fühlte, obwohl sie doch gar nichts Falsches gemacht hatte.

Mit Charlene dagegen stimmte wirklich etwas nicht! Charlene hatte immer gesagt, sie könne nur Englisch, aber jetzt sprach sie Norwegisch, als hätte sie nie was anderes getan!

Ich muss mich für nichts schämen, dachte Nora und merkte, wie sie bis über beide Ohren rot anlief, als ihr klar wurde, dass sie damit eigentlich viel mehr meinte als gerade diese Situation.

Es ging um die Fummelei mit dem fremden Typen, es ging um ihre Freundinnen, die sich von ihr entfernten, und es ging um ihr Spiegelbild, das ewig gleiche, das nie so war, wie sie es sich wünschte.

Ihr könnt mich alle mal. Sie warf den Kopf in den Nacken und trat hinter dem Regal hervor. Und wäre fast zum zweiten Mal mit Charlene zusammengestoßen. Die hatte sich umgedreht und war weiter in den Laden hineingegangen, ohne dass Nora es gemerkt hatte.

„Oh“, entfuhr es Nora. „Ha-hallo.“

Charlene sah sie an, immer noch mit dem Handy am Ohr, und sagte mhm. Dann zwinkerte sie ihr zu und lächelte, während sie wieder mhm machte.

Kalt, dachte Nora. Eiskalt!

Charlene hatte die Situation blitzschnell erfasst und sich weder Nora noch ihrem Gesprächspartner am Telefon gegenüber verraten. Sie ging einfach weiter in den Laden hinein, ohne sich umzudrehen.

Nora schlenderte auf die Kasse zu, überlegte es sich dann aber anders. Sie ging wieder zum Zeitschriftenregal und zog das Taschenbuch heraus, das sie verknickt hatte. Sie bezahlte es und verließ den Laden.

Vor dem Supermarkt blieb sie einen Moment stehen.

Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Was war eigentlich gerade passiert? Au-pair Charlene aus Texas hatte fließend Norwegisch gesprochen … Und zwar nicht so ein Norwegisch, wie man es spricht, wenn man als Ausländer seit zwei oder drei Jahren in Norwegen lebt, sondern ein total fließendes, perfektes Norwegisch. So, wie Nora selbst sprach. Keine Spur von einem Akzent!

Aber was bedeutete das? Spielte es eine Rolle? Hatte das was zu sagen?

Nora merkte, dass sie schon wieder an dem Buch herumdrückte. Sie steckte es in die Jackentasche. Es passte gerade so rein.

Sie machte sich auf den Heimweg. Ob sie Vilde anrufen und fragen sollte: Sag mal, kann Charlene jetzt doch Norwegisch, oder was? Nein, das war blöd. Sie hatte keine Lust, mit Vilde zu reden. Und außerdem hatte Vilde nie erwähnt, dass Charlene wie eine waschechte Norwegerin sprach.

Sie hat keine Ahnung, dachte Nora. Ich meine, das hat Charlene doch nicht in einem Sprachkurs gelernt. Sie ist erst seit ein paar Monaten hier! Keiner lernt eine fremde Sprache so perfekt in so kurzer Zeit! Sie hat gelogen, garantiert.

Aber sollte sie Vilde das nicht erzählen? Dass sie eine Person im Haus hatten, die allen etwas vormachte? Mit der vielleicht irgendwas nicht stimmte? Vielleicht war Charlene gar nicht die, für die sie sich ausgab?

Und wenn es doch nur ein Missverständnis ist?

Nora merkte, wie es ihr kalt über den Rücken lief.

Vielleicht bilde ich mir das ja bloß ein, vielleicht hat irgendwer gesagt, dass sie doch Norwegisch spricht? Vielleicht verrenne ich mich da in was?

Nora schüttelte den Kopf, im Moment wollte sie sich damit nicht beschäftigen. Obwohl sie tief im Herzen davon überzeugt war: Mit Charlene stimmte was nicht. Irgendwas war im Gange, da braute sich was zusammen … Aber was konnte das bloß sein?

6

Es klopfte an der Zimmertür.

Benedicte saß auf dem Bett und starrte Löcher in die Luft. Sie zwinkerte. Ihre Augen waren feucht, sie fuhr sich mit dem Ärmel ihres Pullovers übers Gesicht. Dann griff sie nach einer Zeitschrift, die auf dem Boden lag, und tat, als würde sie darin lesen.

„Ja?“

„Ich bin’s nur.“ Ihre Mutter steckte den Kopf zur Tür herein. „Ich dachte“, sagte sie, „das mit deinem Vater und mir. Das ist irgendwie …“

„Ja?“, wiederholte Benedicte.

„Ich kann verstehen, dass es ein bisschen komisch wirkt.“

„Ein bisschen komisch?“ Benedicte legte die Zeitschrift neben sich aufs Bett.

„Du weißt sicher“, sagte ihre Mutter. „Ich meine, du verstehst, dass … du hast sicher gemerkt, dass zwischen uns nicht alles gut läuft, nicht immer.“

„Er füllt dich mit Stoff ab“, sagte Benedicte.

„Nein!“ Ihre Mutter hob eine Hand ans Gesicht. „Großer Gott, Benedicte, sag so was nicht.“

„Stimmt doch.“

„Nein. So kannst du das nicht sagen …“

„Wie denn? Wie soll ich es dann sagen?“

„So einfach ist das nicht“, erwiderte ihre Mutter.

„Was glaubst du denn, wie es für mich ist? Glaubst du, für mich ist das leicht!?“ Benedicte merkte, wie sie wütend wurde. Es kam wie eine Welle in ihr hoch, plötzlich war sie von Kopf bis Fuß glühend heiß und in ihrer Brust hämmerte es.

„Ich bin nur gekommen, weil ich …“ Ihre Mutter verstummte. Sie hob die Arme, mit den Handflächen nach oben, als läge etwas darin, was sie Benedicte anbieten wollte.

„Was!“, rief Benedicte.

„Ich kann es nicht erklären“, flüsterte ihre Mutter. „Nicht jetzt. Aber ich arbeite daran. Ich verspreche dir, Benedicte, ich bin nicht mehr so. Ich werde etwas tun.“

„Trennst du dich von ihm?“

Nach der Sache mit Wolff und dem blutigen Hemd hatte Benedicte begonnen, ihn in Gedanken immer öfter Lucas zu nennen – anstatt Papa –, und jetzt sagte sie es auch. „Lässt du dich von Lucas scheiden?“

„Nein, ich weiß nicht.“ Ihre Mutter schlang die Arme um den Körper. „Scheidung? Darüber habe ich nicht nachgedacht.“

Tu es, dachte Benedicte. Sag mir, dass du es tust, dass du ihn nicht mehr liebst, dass du – dass wir – hier ausziehen, dann kann ich dir von dem Hemd und allem erzählen. Aber du musst es sagen!

„Wenn du wirklich was ändern willst, musst du dich scheiden lassen!“

Ihre Mutter sah sie von der Tür her an. Sie lächelte matt und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Wenn es doch nur so einfach wäre, Benedicte. Wenn es nur so einfach wäre.“

„Was meinst du damit?“ Benedicte wäre am liebsten zu ihr gegangen und hätte sie geschüttelt. Wach auf. Rede so, dass ich es verstehe!

„Nichts.“ Ihre Mutter drehte sich um und wollte gehen.

„Mama!“

„Ich kümmere mich morgen darum“, sagte ihre Mutter und zog die Tür hinter sich zu.

7

Shit!, dachte Charlene. Da war diese stille, zurückhaltende Freundin von Vilde – Nora. Sie wären fast zusammengestoßen.

Nora stotterte: „Oh. Ha-hallo.“ Charlene schloss die Augen und lächelte schnell.

Am Telefon sagte Lucas: „Wir können nicht mehr viel länger stillhalten, das ist klar.“

„Mhm“, machte Charlene.

„Wir müssen das Warenlager bald mal zu Geld machen. Unsere Lieferanten werden langsam ungeduldig.“

„Mhm“, machte Charlene wieder.

Sie ging eilig weiter in den Laden hinein, weg von Nora und dem etwas zu belebten Bereich rund um die Kassen.

„Diese Morde machen uns das Geschäft kaputt“, sagte Lucas. „Hier wimmelt es von Bullen. Keine Chance, irgendwas zu verkaufen. Aber wir können auch nicht ewig in der Versenkung bleiben. Ich habe Leute, die ich bezahlen muss! Ich kriege diese verdammten Pillen ja auch nicht umsonst!“

Charlene antwortete nicht. Sie fühlte sich plötzlich paranoid. Wie bescheuert von ihr, mitten im Laden Norwegisch zu reden! Aber daran war Lucas schuld. Er wurde langsam ungeduldig und hektisch und rief immer häufiger an, und er hasste es, wenn sie Englisch mit ihm sprach. Er führte sich auf wie ein verzogener Dreijähriger.

„Jetzt sag doch was, verdammt noch mal“, fauchte er.

„Was soll ich denn sagen“, flüsterte sie.

„Hast du was gehört?“, fragte er.

„Gehört? Was denn?“

„Von der Polizei, von den Morden. Irgendwas.“

„Nein, nichts.“

„Worüber reden die Mädchen? Du wirst doch wohl irgendwas mitkriegen! Du bist doch dicht dran!“

„Schon, aber die wissen auch nichts. Keiner weiß was.“

„Scheiße.“ Lucas schwieg einen Moment, dann sagte er: „Leute, die kleine Mädchen umbringen, sollte man kastrieren.“

„Mhm“, machte Charlene.

„Und das sage ich nicht nur, weil es uns eine Menge Geld kostet. Ich habe eine Tochter, verdammt noch mal. Es hätte ebenso gut Benedicte treffen können.“

„Du“, sagte Charlene. „Ich muss jetzt gehen.“

„Ja, ja.“ Er seufzte. Ihm fiel nichts mehr ein. Er hatte genug geschimpft und geflucht.

„Falls du was hörst“, sagte er, „was der Polizei helfen könnte, den Typen zu finden, der die Mädchen umgebracht hat, dann rufst du sie an, die Polizei, meine ich. Aber anonym, hörst du? Es wäre nicht klug, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.“

„Ja, klar“, erwiderte sie.

Und sie dachte: Warum sagst du nur „der die Mädchen umgebracht hat“, Lucas? Warum erwähnst du nicht auch Wolff? „Der die Mädchen und Wolff umgebracht hat“?

Sie glaubte zu wissen, warum, aber sie wollte lieber nicht daran denken. Sie hatte gehört, wie schlimm Wolffs Leiche ausgesehen hatte. Dass er totgetreten und -geschlagen worden war. Lucas’ Temperament … Sie hatte es oft genug selbst erlebt, um zu wissen, wie brutal er sein konnte. Lucas war eine Eisenfaust im Seidenhandschuh: außen glatt und schön, innen hart und lebensgefährlich.

Charlene sah die Hand einer altertümlichen Ritterrüstung vor sich – stumpfe, harte Finger, hässliches, blankes Metall mit scharfen Kanten.

Sie schüttelte sich. Lucas sagte etwas, aber sie achtete nicht darauf. „Ich muss jetzt gehen“, sagte sie und drückte ihn weg.

Bestimmt brachte ihn das auf hundertachtzig – dass sie zuerst aufgelegt hatte, obwohl sie zwei Mal gesagt hatte, dass sie gehen musste –, aber sie hatte jetzt keine Lust, darüber nachzudenken.

Als er anrief, hatte sie den Einkaufszettel in die Tasche ihrer Jeans gestopft; nun zog sie ihn hervor, schaute darauf und ging wie ferngesteuert durch den Laden und packte die Sachen ein, die sie brauchte. Sie dachte an die stille, zurückhaltende, aber eigentlich ganz hübsche Nora. Ob sie was mitgekriegt hatte? Es reichte ja, dass sie ein paar norwegische Worte aufgeschnappt hatte, es brauchten ja gar keine kompletten Sätze zu sein. Einige Worte in fließendem Norwegisch waren genug.

Charlene dachte über das Problem nach und kam zu dem Ergebnis, dass es sich lösen ließ. Alles ließ sich lösen, Hauptsache, man behielt die Ruhe und den Überblick. Sie stand in der Schlange an der Kasse. Jetzt war sie an der Reihe. Sie bezahlte, packte die Sachen in zwei Plastiktüten und lief nach draußen.

Am Fahrrad tauchten Katie und Eira auf. Drinnen waren sie vorsichtig, sie konnten nicht riskieren, dass jemand sie zusammen sah, aber draußen – so wie hier, wo viele Leute waren und ein ziemliches Durcheinander herrschte – gingen sie und ihre Unterhaltung in der Menge unter. Die Leute hatten sowieso nur Augen für Charlene mit ihrer tollen Figur und den langen blonden Haaren, viel mehr bemerkten sie nicht.

Man hätte das Schaufenster, neben dem sie stand, einschlagen können, und doch hätten die Leute – jedenfalls die Männer – kaum den Blick von ihrem Busen und ihrem Hintern und ihren Hüften abgewandt. Männer starrten sie aus Lust an, Frauen aus Neugier und mit widerwilliger Bewunderung.

Wenn die Frauen darüber nachdachten, schlug das Gefühl oft in Neid und unterschwellige Wut um: Was glaubt die eigentlich, wer sie ist?!

„Sie hat dich im Laden gesehen“, sagte Eira.

„Nicht jetzt.“ Charlene – die eigentlich Jacqueline hieß – warf den Kopf zurück.

„Sie hat dich gehört.“

„Das ist nicht gesagt.“

„Und wenn doch? Was dann?“ Eira war aggressiv, sie ging immer gleich zum Angriff über. „Wir müssen was wegen Nora unternehmen.“

„Wir unternehmen nichts“, sagte Katie. „Gar nichts.“

Eira grinste. „Klappe. Hat dich einer gefragt?“

Katie antwortete nicht.

„Wir wissen nicht, ob sie was gehört hat“, sagte Charlene. „Jetzt beruhigt euch, wir müssen nachdenken.“

„Scheiß drauf “, sagte Eira. „Überlass sie mir.“