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Er war zum ersten Mal in Rio und genoss diese Stadt in vollen Zügen. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt, schlenderte der Schiedsrichter durch den Stadtteil Centro, der auf einer Landzunge nördlich des berühmten Zuckerhuts lag. Die Straßen waren voll von fröhlichen Menschen, von denen viele Fußballtrikots ihrer Lieblingsmannschaften trugen. In den Botecos, den kleinen Bars, herrschte Hochbetrieb. Kellner wuselten herum und servierten eiskalte Getränke und kleine Snacks. Musik war zu hören, mal Salsa, mal Samba, dann Funkmusik, aber auch eine bekannte Fußballhymne. Rio war im WM-Rausch – wie das ganze Land mit seinen 192 Millionen Einwohnern. Vor einer Woche hatte das große Turnier begonnen, momentan fanden noch die Vorrundenspiele statt.

Der Unparteiische ließ sich durch die kleinen Gassen treiben und mehr und mehr einfangen von der einzigartigen Atmosphäre.

Und so bemerkte er nicht, dass er seit einigen Minuten verfolgt wurde. Ein junger Mann hatte sich an seine Fersen geheftet. Er trug Jeans, Sneakers, ein kurzärmliges weißes Hemd und eine coole Sonnenbrille. Vom Hemd verborgen wurde ein Revolver, der halb unter dem Hosengürtel steckte. Der Typ mit den vielen Tattoos auf den Armen beschleunigte seine Schritte und kam bis auf etwa zwanzig Meter an seine Zielperson heran. Er wartete auf eine günstige Gelegenheit.

Der Schiedsrichter kam jetzt an Rios bekanntestem Kunstmuseum vorbei, dem Museu Nacional des Belas Artes. Doch bei diesem herrlichen Wetter verspürte er wenig Lust, Gemälde anzuschauen. Sein Ziel war der berühmte Platz des 15. November mit seinen vielen alten Häusern, Läden und Kirchen. Er warf einen Blick auf den kleinen Stadtplan, den er vorsichtshalber mitgenommen hatte, und ging weiter geradeaus.

Noch nie zuvor war er von der FIFA zu einer Weltmeisterschaft eingeteilt worden. Das allein war schon eine große Ehre und eine wahre Freude für ihn. Doch der Schiri hatte es auch kaum erwarten können, Brasilien zu besichtigen, auch wenn er dafür nicht allzu viel Zeit haben würde. Dieses Land hatte ihn schon immer fasziniert. Während der WM wollte er sich neben Rio unter anderem auch São Paulo anschauen. Dort war das Eröffnungsspiel angepfiffen worden, in Rio würde das Finale stattfinden.

Links von ihm tauchte jetzt eine Metro-Station namens „Carioca“ auf, dahinter erhob sich eine hübsche Kirche auf einem Hügel. Es musste sich um die Igreja Santo Antônio handeln, entnahm der Schiedsrichter dem Plan. Einer spontanen Laune folgend, betrat er Rios zweitältestes Kloster, einen eher schlichten Bau aus weißem Stein. Innen war es angenehm kühl. Eine ganz in Schwarz gekleidete Frau betete gerade eine Statue des heiligen Antonius an.

Der Unparteiische spazierte leise den Mittelgang entlang nach vorn zum Altar.

Da ging hinter ihm die Tür erneut auf und für einen kurzen Moment ergoss sich Sonnenlicht in das Gotteshaus.

Der Schiedsrichter drehte sich um und sah einen Mann, dessen Arme tätowiert waren und der seine Sonnenbrille nicht absetzte, was er in einer Kirche unpassend fand.

Er schaute sich das Kloster kurz an und wollte es wieder verlassen. Als er dem Ausgang zustrebte, fiel ihm auf, dass der andere Besucher verschwunden war.

Ohne sich etwas dabei zu denken, trat der Unparteiische wieder ins Sonnenlicht hinaus.

Dann ging alles ganz schnell.

Er wurde grob gepackt und hinter einen Lieferwagen gezerrt. Verzweifelt wollte der Schiedsrichter um Hilfe schreien, doch in diesem Moment legte sich eine Hand um seinen Mund wie ein Schraubstock.

„Ganz ruhig, es passiert dir nichts, wenn du kein Theater machst“, sagte der Tätowierte. „Verstanden?“

Der Unparteiische nickte. Da nahm der Angreifer die Hand weg.

„Was wollen Sie? Geld?“, keuchte der Schiri.

„Mich mit dir unterhalten, mehr nicht.“

Ungläubig schüttelte der Unparteiische seinen Kopf. Er blickte sich hektisch um. Konnte ihm jemand helfen?

Nein, es war niemand zu sehen! Der Lieferwagen stand dicht an der Klosterwand und schirmte den Täter und sein Opfer vor neugierigen Blicken ab.

„Vergiss es“, sagte der junge Typ und zog seine Waffe. „Es gibt kein Entkommen und du wirst jetzt die Lauscher spitzen.“

Der Schiedsrichter nickte erneut. Was sollte er auch anderes tun? Jeder Fluchtversuch war sinnlos. Er hatte zu zittern begonnen.

„Angst? Du hast Angst?“, fragte der Mann mit der Pistole und lachte kurz auf. „Das ist sehr gut! Und jetzt hör mal zu: Du wirst doch sicherlich eine Reihe von Spielen bei der WM pfeifen, richtig?“

„Ja…“

„Du könntest dir eine Menge hinzuverdienen, wenn du so pfeifst, wie wir es gerne hätten…“

„Sie wollen mich zwingen, die Spiele zu manipulieren? Wollen Sie mich bestechen?“, stieß der Schiri hervor.

Der Täter verzog das Gesicht, als habe er Zahnschmerzen. „Zwingen, bestechen – was für hässliche Worte. Sagen wir es mal so: Wir würden gerne etwas Ergebniskosmetik betreiben. Ein kleiner Pfiff zur rechten Zeit, ein Elfer…“

„Vergessen Sie’s!“

Da bohrte sich der Lauf der Waffe in seinen Bauch. „Du scheinst etwas vergessen zu haben. Nämlich, dass ich ein gutes Argument habe. Kaliber neun Millimeter, wenn du es genau wissen willst.“

Der Unparteiische war bleich geworden. Da knarrte das Portal hinter ihm. Augenblicklich verschwand die Waffe. Der Schiri spähte über die Schulter. Die ganz in Schwarz gekleidete Frau verließ gerade die Kirche.

„Guten Tag!“, rief der Schiedsrichter ihr zu. „Können Sie mir vielleicht sagen, wie ich zum Platz des 15. November komme?“

„Natürlich“, erwiderte die Dame. „Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen den Weg.“

Nun wagte es der Schiri, den Mann mit der Waffe einfach stehen zu lassen. Über sein Gesicht rann der Schweiß. Er fürchtete, dass der Täter abdrücken würde, doch dann müsste der Gangster auch die völlig unbeteiligte alte Dame als Zeugin beseitigen. Außerdem: Ein toter Schiedsrichter würde dem Tätowierten, der offenbar ein WM-Spiel mit der Hilfe eines scheinbar Unparteiischen manipulieren wollte, nichts nützen.

„Mist!“, zischte der Täter, als sich der Schiri entfernte. Mit zusammengekniffenen Lippen blickte er seinem Opfer und der Frau in Schwarz hinterher. Dann zog er sein Handy hervor und wählte eine Nummer. Er würde dafür sorgen, dass dieser Schiedsrichter nicht weit kam…