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Für Pepijn, Jommie, Sophia und Räuber

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Inhalt

Bin ICH WIRKLICH EIN GUTER Mensch?

PIPPA

Meine FAMILIE und beste Freundinnen

HABE ICH MEIN HERZ

WAS ICH BISHER GELERNT HABE ÜBER SCHAM

Wofür ich mich SCHÄME:

LIEBLINGSSPIEL

Jesse

DIE BESTEN ROTEN Lippenstifte

Party

Wolf

Wie VERBRECHER aussehen (meiner Meinung nach)

WIE EIN UMGEKEHRTER PFERDEDIEB

Höfliche BEGRÜSSUNG

RAUBTIER

BEUTETIER

WIE ICH Angst ÜBERWINDE

Gesunde SNACKS

WIE werde ich BERÜHMT?

Etikette

WAS MAN ZUR AUTMUNTERUNG

WAS ich BISHER GELERNT HABE über DAS TRAINIEREN von PFERDEN

mein PERSÖNLICHER STRESS-O-Meter

WARUM ich IN MEIN JOURNAL

Jill

Die verschiedenen TYPEN von Küssern

SCHLUSSFOLGERUNG: EINEN GUTEN KUSS

Darf man sich in den eigenen Stiefbruder verlieben?

DIE FORMEL FÜR Sehnsucht

SCHLUSSFOLGERUNG: SCHÖN & SCHRECKLICH

Bin ich Verliebt?-Checkliste

Life HACKS

Die Verteilung meiner Aufmerksamkeit, wie sie IST

Die Verteilung, meiner Aufmerksamkeit, wie sie SEIN MÜSSTE

Wie ICH mich fühle diese Woche

MEINE LAUNE

EIN Lachen, das SO ansteckend ist, dass es vielleicht wie das OLYMPISCHE FEUER ewig weitergegeben wird …

TACT is THE ability

Die Unterschiede

Die GemeinsamKeiten

WIE hält MAN EINE überzeugende PRÄSENTATION

Ode

Pippa Loewenherz

Ich, PIPPA LOEWENHERZ

Wie MAN SCHLUSS macht … … wenn es NIE eine BEZIEHUNG gab …

VÖLLIGE UNSINNSKOMPLIMENTE

Ich finde dich toller als einen Chihuahua mit SCHLEIFCHEN.

Bin ICH WIRKLICH EIN GUTER Mensch?

1.

Das möchte ich in meinem Journal erforschen. Ich zweifle nämlich ernsthaft daran.

(Warum ich mich das frage, erzähle ich später.)

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2.

WAS MAN ÜBER MICH WISSEN SOLLTE:

image Ich bin ein Mädchen.

image Ich bin 13 Jahre alt.

image Ich habe einen Vater und eine Mutter, die geschieden sind, eine ganze Schwester namens Poppy und einen halben Bruder namens Hugo, eine Stiefmutter namens Tessa, die ich meine biologische Mutter nenne, weil sie fast nur biologische Sachen isst, und einen Stiefvater, den ich Tim nenne, weil er so heißt. Außerdem habe ich zwei beste Freundinnen, Dorris und Phine, die sich nicht kennen, einen Exfreund, der jetzt ein guter Freund ist – und dann habe ich noch eine große Liebe für einen stillen Skater, den ich Wolf nenne (von lone wolf = einsamer Wolf), weil ich seinen Namen nicht weiß. Wolf ist mein imaginärer Freund, denn in Wirklichkeit bin ich Luft für ihn, obwohl ich ihn jetzt schon seit Wochen stalke.

Ich habe sogar ein Foto von ihm gemacht, ohne dass er es bemerkt hat. Genau vor seiner Nase, ein Close-up von seinem Gesicht! Ich war auf dem Skateplatz und hab getan, als würde ich ein Selfie machen. Ich hab den Kopf schräg gelegt, das Handy auf Armlänge Entfernung, und einen extremen Fish Gape gezogen.

Inzwischen stellte ich auf ihn scharf und drückte ab. Er sah mich kurz spöttisch an: wieder so eine Selfie-Trulla. Das war es mir allerdings dicke wert, denn jetzt hab ich ein perfektes Foto von ihm! Mit seinen blonden Haaren und dem scharf geschnittenen Gesicht und diesem ziemlich arroganten Blick. Aber sogar der steht ihm gut. Ich habe mich neben ihn ins Foto geshoppt, einen fetten Sonnenfilter draufgesetzt und muss schon sagen: Wir passen gut zusammen! Finde ich. Ein kleines Detail am Rande: Ich habe leider noch nie ein Wort mit ihm gesprochen. Er ist meine stille Liebe. Still, weil er immer allein ist und also nix sagt, und still, weil ich zu viel Schiss habe, ihn anzusprechen.

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Der Selfie-Trick funktioniert übrigens absolut nicht mit alten Leuten (Vätern und Müttern und so). Die denken nämlich immer, du würdest sie fotografieren, während du in 999 von 1.000 Fällen ein Selfie machst. Und das eine Mal, wo du kein Selfie machst, passiert es auch nur aus Versehen. Aber Eltern denken trotzdem ständig, du würdest dein Telefon auf sie richten. Das tut mir immer total leid, wenn sie sich dann gerade hinsetzen, irgendwas mit ihren Haaren machen und nett lachen. Ich kann es kaum mit ansehen. Oder sie ducken sich, verstecken das Gesicht und wedeln abwehrend mit den Händen. „Nein, nein, nicht jetzt”, rufen sie. „Nicht, wenn ich gerade Kartoffeln schäle / Unterhosen falte / die Einkäufe auspacke / am Steuer sitze / entspannt spazieren gehe / im Schlafanzug rumlaufe / Bauchmuskelübungen mache / einen Brief einwerfe / ein Huhn zerlege / mir die Beine rasiere / Joghurt esse / in meinen Ohren rumpule / den Geschirrspüler entkalke / vor dem Fernseher hänge …“

STOPP.

Ich drehe schon wieder durch. Kennst du das? Dass du einfach nicht mehr aufhören kannst?

Neulich hatte ich dasselbe drei Stunden lang mit dem Wort „Popcorn”. Ich sagte „Popcorrrrrrn“ und musste es immer wieder sagen …

3.

ICH MACHE MIR GROSSE SORGEN.

Es ist nämlich so, dass ich eine gespaltene Persönlichkeit habe, weil ich zwei Leben habe: Während der Woche lebe ich auf einem alten Bauernhof mit meiner Mutter und am Wochenende in einem schicken Appartement mit meinem Vater. So sieht’s aus.

Aber damit (leider) nicht genug: Ich frage mich ernsthaft, ob ich ein guter Mensch bin. Letztens zum Beispiel: Mein Vater und ich sehen uns immer gemeinsam die Acht-Uhr-Nachrichten an. Tessa (Bio-Stiefmutter) badet dann Hugo (halber Bruder) und bringt ihn ins Bett, Poppy (ganze Schwester) liegt schon in ihrem Bett und wartet, bis Tessa ihr was vorliest. Papa und ich sitzen auf dem Sofa, ich mit einer Tasse Tee und er mit einem kleinen pechschwarzen Espresso.

Wie immer waren die Nachrichten auch diesmal nicht besonders fröhlich. Wir sahen einen Bericht über Flüchtlinge, denen es richtig schlecht geht. Wirklich schlimme Bilder. Und ich dachte nur an eine Sache: Ich wollte zum Großen Platz, Wolf beim Skaten zuschauen.

Vor meinen Augen erschienen zerstörte Städte und verzweifelte Frauen, Männer und Kinder. Vor meinen Füßen auf dem weichen cremefarbenen Teppich rollten sie in Hi-Res aus dem Flatscreen, die Hände nach mir ausgestreckt. Und ich stand auf, wandte mich ab und log Papa an: „Ich halte das nicht mehr aus, ich geh mal kurz raus.“

Papa schaute mich verständnisvoll an. So sieht er mich gern, als liebes unschuldiges Mädchen, das dem Unrecht in der Welt nicht gewachsen ist. Aber so bin ich überhaupt nicht. Nix unschuldig, nix lieb. Ich bin raffiniert und will hinter den Jungs her. Ich finde es ganz schlimm, was in der Welt passiert, das schon. Wirklich sehr schlimm. Aber es gibt da was, das mich noch viel mehr beschäftigt, und das ist der Wunsch, einen Blick auf meine große Liebe zu erhaschen. DAS IST JA WOHL EINDEUTIG EIN BEWEIS FÜR MEINEN MANGEL AN GEFÜHL!

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4.

Und noch was. DIESE WOCHE WAR UNSER DORF IN AUFRUHR: Ungefähr dreißig Leute blockierten die Tür zum Rathaus, damit der Bürgermeister nicht reinkonnte. Sie demonstrierten gegen das geplante Flüchtlingsheim in einer alten, leer stehenden Turnhalle und riefen Sachen wie „Voll = voll!“

Wenn man das in der Stadt ruft, kann ich das ja noch ein kleines bisschen verstehen. Aber hier haben wir wirklich reichlich Platz. Meine Mutter war wütend und tat, was sie meist tut, wenn sie ihrer Meinung Nachdruck verleihen will: Sie zieht sich aus. Das ist ein seltsames Überbleibsel aus den Sechzigerjahren, die sie zwar selbst nicht mal bewusst erlebt hat, die aber trotzdem irgendwie an ihr kleben geblieben sind.

Splitterfasernackt teilte sie also vor dem Rathaus Touristenbroschüren aus, die sie aus einem Hotel mitgenommen hatte.

Willkommen in unserer schönen Region!, stand darauf. Sie wedelte mit den Broschüren und rief: „Jeder ist willkommen!“

Keiner nahm eine Broschüre von ihr an. Die Demonstranten wichen immer einen Schritt zurück, sobald sie mit ihrem nackten Arm eine überreichen wollte. Schließlich war die Tür zum Rathaus wieder frei und der Bürgermeister konnte ohne Weiteres hineingehen. Dorris klatschte in die Hände, ihr Freund Kaj schaute mit großen Angstaugen zu – und ich studierte die Würstchen im Schaufenster beim Metzger.

Mama lachte und sagte: „Heutzutage haben die Leute mehr Angst vor Nacktheit als vor Gewalt. Vor ein paar Brüsten schrecken sie zurück, als wären es Bomben.“ Und sie schob ihre Brüste kurz mit beiden Händen hoch.

Kaj hatte einen feuerroten Kopf und starrte auf seine Zehen. Dorris nickte meiner Mutter begeistert zu, und ich merkte, wie mir schlecht wurde.

Die Menge löste sich auf, die Leute stiegen aufs Fahrrad oder gingen weg. Mama rief ihnen noch nach: „Ich schäme mich, in diesem Land zu leben!“

Aber ich schämte mich gerade kaputt für meine Mutter. Für ihren nackten Körper. Ihre weißen Beine, ihr Bäuchlein, das aussieht wie ungebackener Croissantteig, für ihre rosa Brüste, die ein wenig hängen, und dann das Schlimmste: dieses große schwarze lockige Kissen irgendwo unter ihrem Bauch, wo die Beine anfangen.

Dorris findet meine Mutter total cool. Und verrückt, das schon auch, aber sie stehe wenigstens zu ihrer Meinung. Tim, der neue Freund meiner Mutter, rannte sehr lieb mit einer großen dicken Strickjacke herbei, aber Mama schob ihn weg und sagte, vor lauter Aufregung wäre ihr sehr warm.

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dafür, dass ich kein so netter Mensch bin:

MEINE SCHAM FÜR MEINE MUTTER WAR GRÖSSER ALS MEIN MITLEID MIT DEN FLÜCHTLINGEN.

5.

SONNTAGABEND IST NIEMANDSZEIT. Durch den Übergang von der Stadt aufs Land gerate ich immer in eine Art Vakuum. Umgekehrt ist es weniger heftig: Freitagabends fängt voller Erwartung das Wochenende an. Am Sonntagabend hört alles auf.

Gerade bin ich nach einem Wochenende bei unserem Vater nach Hause gekommen. Papa hat uns wie immer an der Tankstelle am Deich abgesetzt, genau in der Mitte zwischen der Stadt und dem Bauernhof. Mama wollte immer noch nicht mit ihm sprechen. Sie findet, er ist ein Heuchler und ein scheinheiliger Kapitalist. Kapitalistisch nennt sie alle, die einen Job haben oder Mehrwertsteuer zahlen. Und scheinheilig nennt sie ihn, weil Papa mich vor einiger Zeit hinter ihrem Rücken gefragt hat, ob ich bei ihm in der Stadt wohnen möchte. Papa wollte eigentlich auch nicht mit Mama sprechen auf dem Parkplatz, er wollte sie höchstens anschnauzen. Er findet, dass sie mich in dem „hinterwäldlerischen Dorf“, in dem wir wohnen, in meiner Entwicklung behindert. Ich machte mich ganz klein, als er ihr das mal wieder an den Kopf warf. Die beiden Meter, die wir vom Auto meiner Mutter zum Auto meines Vaters überbrücken müssen, ähneln einem Minenfeld. Dort kann alles Mögliche passieren; man weiß nie, wer von ihnen explodiert. Diesmal wurde ich von einer herumfliegenden Scherbe getroffen, die zwar nicht für mich bestimmt war, mich aber trotzdem berührte. Offenbar hält Papa mich nämlich auch für hinterwäldlerisch. Mama erwiderte nichts und deshalb war ich einen Moment lang für sie.

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Aber als wir losfuhren, fing sie an, mich zu triezen: „Und, hast du am Wochenende schön viel Kultur einatmen können? Kannst du jetzt endlich wieder mitreden?“

Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, was Kultur ist. Ich glaube, es ist ein Sammelbegriff für Theater und Konzerte und Museen. Ich hab allerdings das ganze Wochenende lang bloß mit Phine vor sämtlichen Bildschirmen abgehangen. Bildschirme fallen nicht unter Kultur..

Und ich habe Wolf einatmen können. Er brauste auf dem Skateboard so knapp an mir vorbei, dass ich wirklich versucht habe, ihn zu inhalieren. Er roch frisch, nach draußen. Vielleicht lag das daran, dass wir ja auch draußen waren.

Ich reagierte nicht auf Mama. Es war sowieso keine echte Frage. Poppy schiebt sich in Momenten wie diesen den Daumen in den Mund, obwohl sie eigentlich schon seit Jahren nicht mehr am Daumen lutscht, und saugt sich quasi selbst ein.

Tim, mein neuer „Stiefvater“, hatte Endivieneintopf mit Speck und Frikadellen gemacht. Poppy sprang auf seinen Schoß.

Mama sagte zu mir: „Oder isst du jetzt nur noch Sushi?“

Ich hatte Lust, laut loszuheulen. Ich riss mich zusammen, aber eine Träne schaffte es doch. Mama hatte es wohl gesehen, denn sie nahm mich plötzlich in die Arme.

„Ach, Schmetterling, es tut mir leid! Ich bin wütend auf deinen Vater und reagiere es an dir ab, das ist gemein von mir.“

Für sie war die Sache damit gegessen. Ich hatte trotzdem Lust, meinen Teller gegen die Wand zu werfen, aber das machte ich natürlich nicht, weil:

imageich gut erzogen bin,

imagees Max treffen könnte, unser größtes Pferd; um die Essenszeit herum steckt er immer den Kopf durch die Luke, und Kartoffeln sind nicht gut für ihn,

imageich Hunger hatte.

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Pferde dürfen keine Kartoffeln fressen und auch keinen Kohl. Endivien dürfen sie zwar, aber die esse ich SELBST. Sorry, Max!

Der Eintopf war total lecker, aber das konnte ich nicht sagen, weil es dann so aussehen könnte …

image als wäre ich für den Bauernhof, also gegen meinen Vater,

image als würde ich schleimen.

Ich werde noch verrückt von mir selbst!

6.

ICH UND MEINE GROSSE KLAPPE! Ich habe mich selbst etwas sagen hören, was ich niemals wahr machen kann …

Gestern Abend lag ich im Bett und dachte noch ein wenig nach. Ich hörte Poppy herumwühlen. Offenbar konnte sie auch nicht schlafen. Poppy klopfte an die Luke zwischen unseren Zimmern und unseren Betten. Von beiden Seiten kann man sie auf- und zuschieben. Ich schob also die Luke auf und Poppy fragte leise: „Wollen wir ein wenig schwatzen?“

Drinnen war es stickig, darum schlug ich vor rauszugehen. Wir legten uns auf das Riesentrampolin draußen auf der Wiese. Unter uns Poppys Bettdecke und auf uns meine. Kleine Fledermäuse flogen geschäftig hin und her. Über uns spannte sich der unendliche schwarze Himmel, übersät mit funkelnden Sternen. Das Schöne an Sternen ist, finde ich, dass es so aussieht, als hätte sie jemand ganz beiläufig über den Himmel gestreut. Wie ein umgefallener Topf voller Glitzerzeug. Wären sie ordentlich aufgereiht, sähe es aus wie eine öde Tapete, langweilig und vorhersehbar. Dann wäre man nicht so lange von ihnen gefesselt.

Wir spielten unser Lieblingsspiel, bei dem wir einander abwechselnd nach unseren Lieblingsdingen fragen.

„Was ist deine Lieblingsfarbe?“, fing Poppy an.

„Heute ist es Hellblau. Und deine?“

„Lila. Jetzt du.“

„Was ist deine Lieblingsfrucht?“

„Mango. Und deine?“, fragte Poppy.

„Himbeere. Was ist dein Lieblingstag?“

Lieblingsfrucht

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Himbeere

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Poppy sagte, ihr Lieblingstag wäre ein Tag, an dem sie nicht geschieden ist. An dem alle ohne Streit zusammensitzen, Mama und Papa, Tim, Tessa und Hugo und Poppy und ich natürlich auch.

Lieblingsgebäck

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Zimtschnecke

Lieblingszeitschrift

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auf dem Bauernhof

Die Eiskönigin – völlig unverfroren