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eISBN: 978-3-649-62905-4

© 2018 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Originalcopyright:

THE BLACK STALLION RETURNS © 1945 by Walter Farley

Copyright renewed 1973 by Walter Farley, and Random House, Inc.

Copyright © 2015 Farley Enterprises LLC, all rights reserved worldwide

Aus dem Amerikanischen von Ursula von Wiese

Umschlagillustration: Bente Schlick

Umschlagtypografie: Britta Paus

Lektorat: Sara Mehring

Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig

www.coppenrath.de

Walter Farley

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DER SCHWARZE HENGST KEHRT ZURÜCK

Aus dem Amerikanischen von Ursula von Wiese

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Für Rosemary und alle Kinder,
die sich diese Geschichte gewünscht haben

Inhalt

DER ANSCHLAG

ABU JAKUB BEN ISAAK

BLUTLINIEN

FLUG NACH ARABIEN

DER PHÖNIX

IN HARIBWAN

DIE KARAWANE

DIE WÜSTENSCHIFFE

ALLEIN IN DER WÜSTE

WIEDERSEHEN MIT BLITZ

BLUTSBRÜDER

IBN AL KHALDUN

DIE ABTRÜNNIGEN

GEFANGEN!

DIE VERGELTUNG

DIE EBENE VON ANDULLA

DAS GROSSE RENNEN

ABSCHIED

image DER ANSCHLAG

Das alte Stallgebäude lag in tiefer nächtlicher Finsternis. Ein eisernes Tor quietschte und gleich darauf schlich ein kleiner, untersetzter Mann an der Seitenwand des Stalles entlang. Er bewegte sich mit äußerster Vorsicht; seine fleischige Rechte tastete sich behutsam voran bis zur Tür, an der er innehielt und in seiner rechten Jackentasche etwas suchte, das er zu seinem großen Verdruss nicht fand. Leise fluchend griff er unbeholfen mit seiner rechten Hand in die linke Tasche hinüber, zog erst den dort leer hängenden linken Jackenärmel heraus und danach eine Injektionsspritze. Sein dunkelhäutiges Gesicht verzog sich zu einem hämischen Grinsen. Er ging jetzt auf Zehenspitzen weiter, ohne sich die Mühe zu machen, den leeren Jackenärmel wieder in die Tasche zurückzustopfen.

Lautlos öffnete er die Stalltür und betrat den Raum. Seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen erkannten sofort die beiden Boxen an der anderen Seite. Als er darauf zuging, presste sich sein Daumen griffbereit auf den Kolben der Spritze.

Aus einer der Boxen kam das Geräusch kräftig auf den Boden stampfender Pferdehufe. Dann sah ein edler, kleiner, sehr wild blickender Pferdekopf über die Barriere. Die feinen Nüstern vibrierten und die Ohren stellten sich lauschend nach vorn. Unwillkürlich blieb der Eindringling stehen. Das Pferd schüttelte die lange schwarze Mähne und schlug mit einem seiner gewaltigen Vorderhufe gegen die Lattentür. Ein Brett knackte, als der Mann näher kam. Das Pferd bleckte die Zähne und stieß das schrille, laute Wiehern eines wilden Hengstes aus. Der Eindringling bewegte sich vorwärts. Er musste sich beeilen. Mit kurzen, behutsamen Schritten näherte er sich der niedrigen Tür der Box, für seinen Körperumfang erstaunlich geschwind. Er öffnete die Tür, sprang aber sofort zurück, als der riesige Hengst mit den Vorderhufen nach ihm schlug. Der Mann fasste die Injektionsspritze fester und näherte sich dem Pferd erneut, diesmal mit größerer Vorsicht. Er hielt inne, sein fettes Gesicht zuckte nervös. Der riesige Hengst erhob sich mit aufgerissenem Maul und wütend geblecktem Gebiss auf die Hinterhand. Als er wieder herunterkam, sprang der Mann auf ihn zu, aber ein Vorderhuf des Hengstes traf ihn in den Bauch. Der Mann wurde grau im Gesicht vor Schmerz. Er stolperte rückwärts und versuchte, die Boxentür zu schließen. Aber der Hengst war schon halb durch die Tür und bäumte sich erneut auf, als der Mann zu Boden fiel.

Über ihm wirbelten die Hufe des Pferdes in der Luft. Die Spritze fiel ihm aus der Hand, als die wuchtige Gestalt des Hengstes sich langsam auf ihn heruntersenkte. Blitzschnell rollte er sich zur Seite; dadurch entging er um Haaresbreite den schlagenden Hufen. In verzweifelter Hast rappelte er sich auf und floh aus dem Stall. Draußen hörte er Stimmen, die sich vom Hoftor her näherten. Er wandte sich in die entgegengesetzte Richtung und verschwand im Dunkel der Nacht.

Gleich darauf stürzte ein Junge mit einer Taschenlampe auf den Stall zu. Ihm folgte ebenso hastig auf krummen Reiterbeinen ein älterer Mann.

„Hier stimmt was nicht, Henry!“, rief der Junge. „Die Tür steht offen!“

Henry griff nach der Taschenlampe. „Lass mich vorgehen, Alec, du bleibst hier, vorsichtshalber!“

Ungeduldig wartete der Junge, während Henry den Stall betrat. Er machte ein ängstliches Gesicht und kniff sich vor lauter Nervosität in seine sommersprossige Stupsnase. Wenn Blitz nun etwas passiert war! Gleich darauf hörte er den Hengst kurz wiehern und mit den Hufen auf den Stallboden stampfen. Er atmete auf. Vielleicht war doch nichts Schlimmes geschehen! Sein Blick schweifte über den Hof und weiter in das dahinter liegende offene Feld hinaus.

Eben begann es zu dämmern; er konnte schon den hohen weißen Zaun erkennen, der die nördliche Seite des Anwesens begrenzte. Zu sehen war weit und breit niemand. Alec zog den Gürtel, der seine Cordhosen hielt, fester und fuhr sich mit der Hand durch sein wirres Haar. Henry knipste das Licht im Stall an und erschien in der Tür. Er winkte Alec herein. Blitz befand sich in seiner Box, schnaubte zärtlich, als er den Jungen erblickte, und schüttelte seine schwarze Mähne, die wie ein Federbusch erst in die Höhe flog, dann wieder zur Seite fiel.

„Hast du etwas Verdächtiges gefunden, Henry?“

„Blitz war nicht in seiner Box, also muss jemand hier gewesen sein … ein Kampf muss stattgefunden haben, Blitz ist schweißnass.“

Henry strich mit der schwieligen Hand über das glänzende Fell des Pferdes, das unruhig stampfte und sich erst beruhigte, als Alecs Hand sein Maul streichelte.

„Gottlob scheint ihm ja nichts Schlimmes geschehen zu sein, Henry.“

„Hm, na ja …“, sagte Henry zögernd, während er einen schmalen, langen Gegenstand betrachtete, den er, in sein Taschentuch gewickelt, in der Hand hielt.

„Was hast du denn da?“, fragte Alec.

„Eine Injektionsspritze.“

„Eine Spritze?“, fragte Alec ungläubig. „Hast du die hier gefunden?“

„Ja … auf der Erde.“

„Was kann denn das zu bedeuten haben?“ Alec verließ das Pferd, um sich die Spritze genauer anzusehen.

„Sieht ganz so aus“, sagte Henry nachdenklich, „als ob jemand versucht hätte, sie bei Blitz anzuwenden. Sie ist gefüllt.“

„Du meinst …“, Alecs Herz schlug wild. „Henry, bist du sicher, dass es nicht dazu gekommen ist?“

„Die Spritze ist noch voll. Wir werden den Inhalt von der Polizei untersuchen lassen, um herauszubekommen, um was es sich handelt. Vielleicht gibt uns das einen Hinweis.“

Sorgfältig wickelte er die Spritze in sein Taschentuch. „Falls Fingerabdrücke dran sind“, erklärte er.

Alec ging wieder zu Blitz hinüber. Der Hengst senkte freudig den Kopf zu ihm herab. Alec kraulte ihn und fragte: „Aber warum sollte ihm jemand etwas antun wollen?“

Henry zuckte die Achseln. „Ich weiß es so wenig wie du, doch ich habe so meine Vermutungen.“ Er lehnte sich gegen die Tür der Box und fuhr fort: „Sieh mal, der Hengst ist ziemlich wertvoll, seit er im Juni Zyklon und Donnerkeil im Rennen geschlagen hat. Zweifellos ist er das schnellste Pferd weit und breit, das man je auf einer Rennbahn gesehen hat. Also gibt es meiner Meinung nach eine ganze Reihe von Gründen, weshalb ihn jemand stehlen wollte. Blitz könnte dann keine Rennen laufen, aber man könnte ihn in der Zucht verwenden. Dieses Pferd könnte die amerikanische Vollblutzucht erheblich nach vorne bringen.“ „Aber, Henry“, unterbrach ihn Alec, „er ist doch in keinem Zuchtbuch eingetragen! Wir wissen ja gar nicht, wo er herstammt! Da man ihn zu offiziellen Rennen nicht zulässt, weil niemand weiß, wer seine Eltern sind, kann ich nicht verstehen, wie jemand auf den Gedanken kommen könnte, ihn als Deckhengst zu benutzen und ihn zu diesem Zweck zu stehlen.“

„Nun, es könnte schon skrupellose Leute geben, für die das alles kein Hinderungsgrund ist“, meinte Henry. „Aber lass mich zu Ende sprechen: Ob sich nun jemand über den fehlenden Stammbaum hinwegsetzen würde oder nicht – vielleicht wollte man ihn gar nicht stehlen, sondern töten. Wenigstens in diesem Punkt werden wir klar sehen, sobald wir wissen, was in der Spritze ist.“ Sein Blick ging zu der Spritze, dann zurück zu Alec. „Die Frage ist, warum?“

„Hör mal, Henry, warum sollte jemand so grausam sein und …“ Ein lebhaftes Bild erschien plötzlich vor Alecs innerem Auge. Er sah den kleinen arabischen Hafen, in dem das Schiff, das ihn damals von seinem Besuch bei Onkel Ralph in Indien wieder nach Hause bringen sollte, für kurze Zeit vor Anker gegangen war. Dort hatte er den schwarzen Hengst zum ersten Mal gesehen. In der Erinnerung beobachtete er noch einmal zitternd vor Wut vom Deck des alten Frachters „Drake“ aus, wie das herrliche lackschwarze Pferd, das viel zu groß war, um ein reinblütiger Araber zu sein, sich verzweifelt aufbäumte und mit den Hufen schlug. Weißer Schaum troff von seinem Körper. Die Augen hatte man ihm mit einem Tuch verbunden. Zwei Leinen waren an seinem Halfter befestigt, an denen vier Araber versuchten, ihn auf das Schiff zu zerren. Ein dunkelhäutiger Mann mit weißem Turban stand hinter dem Pferd, eine Peitsche in der Hand. Der Hengst wieherte laut auf, als die Peitsche mit voller Wucht auf ihn herabsauste.

Einen solchen Ton hatte Alec bis dahin noch nie gehört; es war das hohe, schrille, fast pfeifende Wiehern eines ungezähmten wilden Hengstes. Er stürzte nun vorwärts, und wenn Alec jemals einen Ausdruck von wütendem Hass bei einem Pferd gesehen hatte, dann hier. Der Hengst keilte aus und traf einen der Männer so schwer, dass er leblos zu Boden sank. Nach längerer Zeit war es dann endlich gelungen, das mächtige Tier in den Stall auf dem Schiffsdeck zu bringen. Alec warf Henry einen Blick zu und vermutete richtig, dass der alte Trainer wusste, woran er gedacht hatte.

„Meinst du, Henry, es könnte der Araber sein, der ihn damals aufs Schiff brachte?“

„Das wäre nicht ausgeschlossen.“

„Aber der Sturm nachher, in dem das Schiff unterging! Er ist doch ertrunken, ich habe ihn doch mit meinen eigenen Augen in den Wellen verschwinden sehen.“

„Und sein Name stand bestimmt nicht auf der Liste der Überlebenden?“

„Nein! Es waren ja nur sehr wenige, wie du weißt.“

„Das Letzte, was du von ihm gesehen hast, war, dass er über Bord fiel, nicht wahr?“

„Er fiel eigentlich nicht, Henry; er sprang vielmehr in ein bereits überfülltes Rettungsboot und verfehlte es. Er trug keine Rettungsweste, und die Wellen gingen so hoch, dass er sofort verschwand. Wenige Minuten später explodierte der Kessel der ‚Drake‘, das Schiff ging unter und ich war auch im Wasser. Ich sah den Rappen und den Strick an seinem Halfter und griff danach. Das Nächste, was ich weiß, war, dass ich mich auf der unbewohnten kleinen Insel wiederfand. Du weißt, was dann folgte.“

„Und nachdem man dich gefunden hatte … während der Heimreise … seitdem hat es keinen Hinweis gegeben, dass der Besitzer des Rappen noch leben könnte?“

„Nein, Henry, keinen! Ein Rettungsboot mit zehn Überlebenden wurde aufgefischt, das ist alles und der Mann war nicht darunter. Ich bin sicher, dass er in so einer stürmischen See nicht überlebt haben kann. Und noch eins: Ich glaube keinen Moment, dass er der richtige Besitzer von Blitz war.“

„Du meinst also, er hat ihn gestohlen?“

„Ja! Er benahm sich jedenfalls so. Nie sprach er mit den Passagieren und er ist so grausam zu dem Pferd gewesen. So hätte er sich nicht verhalten, wenn es seines gewesen wäre.“

„Das ist kein Beweis, Alec! Als ich noch Jockey war, habe ich so einige brutale Pferdebesitzer kennengelernt! Trotzdem magst du recht haben. Blitz ist ein ungewöhnliches Pferd. Ich könnte mir ohne Weiteres vorstellen, dass selbst Leute, die ihn nicht haben laufen sehen, bereit wären, ein nettes Sümmchen für ihn zu bezahlen.“

Henry wollte noch einmal an die Box gehen, da stieß er mit dem Fuß an ein kleines metallenes Ding. Er hob es auf. „Was ist denn das?“, fragte er erstaunt.

„Sieht aus wie eine goldene Halskette“, meinte Alec. „Aber was ist das da in der Mitte?“

Henry ging ans Licht, um den Fund genau zu betrachten: „Sieht aus wie ein Medaillon mit einem Vogel drauf“, murmelte er und reichte Alec die Kette. „Wirst du daraus klug?“

Auf dem Medaillon befand sich eine runde Scheibe aus Elfenbein, in die ein großer Vogel geschnitzt war. Seine Flügel waren im Flug weit ausgebreitet. Alec bemerkte einen hakenförmig gebogenen Schnabel und kurze, kräftige Beine mit langen Krallen. Zwei kleine rote Steinchen markierten die Augen.

„Ich glaube, es soll ein Falke sein, Henry! Mein Onkel Ralph in Indien hielt ein Pärchen davon und ich habe auch noch andere gesehen, allerdings waren sie niemals weiß wie dieser. Normalerweise sind sie grau.“

Henry schwieg einige Minuten, dann nahm er die Kette wieder an sich. „Ich glaube nicht, dass sie in Amerika angefertigt worden ist“, sagte er.

„Das glaube ich auch nicht, Henry, es ist eine zu feine Arbeit. Es würde bedeuten …“

„Dass ich recht habe mit meiner Vermutung: Der Kerl, der Blitz damals auf das Schiff bringen ließ, ist noch am Leben und will ihn nun aus irgendeinem Grunde beseitigen!“

„Oder irgendjemand anders aus dem Mittleren Osten.“

„Ja.“ Henry ging zu dem schwarzen Hengst hinüber und legte ihm eine Hand über die Nüstern.

Im Osten, hinter den hohen Bäumen, die das den Hof fortsetzende Feld begrenzten, war inzwischen die Sonne aufgegangen. Alec verließ den Stall, er musste nach Hause. Mit schleppenden Schritten ging er die sandige Auffahrt entlang. Es fiel ihm schwer, Blitz zu verlassen, aber er musste in die Schule, die er nicht versäumen durfte, denn in der nächsten Woche standen die diesjährigen Abschlussprüfungen bevor. Prüfung! Schule! Was interessierte ihn das jetzt! Jemand hatte versucht, Blitz zu töten, sein Pferd! Und wer immer es gewesen sein mochte – er konnte zurückkommen und es noch einmal versuchen!

Henry hatte ihm hoch und heilig versichert, dass er den Hengst nicht eine Minute unbeaufsichtigt lassen würde, bis Alec am Nachmittag zurück war. Gleich auf dem Weg zur Schule wollte Alec auf dem Polizeirevier vorbeischauen und Anzeige erstatten. Bestimmt würde sein Vater dafür sorgen, dass ein Polizist in der Nacht die Scheune bewachte, und Alec hatte vor, selber im Stall bei seinem Pferd zu schlafen. Sie würden die Schlösser am Tor und an der Scheune austauschen. Zum Glück begannen nächste Woche die Sommerferien und dann konnte er für die nächsten drei Monate Tag und Nacht bei seinem Pferd verbringen.

Mit diesen Gedanken erreichte er das Eisentor des Hofes. Das Schloss war in Ordnung, und Alec zweifelte daran, dass jemand über den hohen Zaun mit dem darüber gespannten Stacheldraht geklettert war. Offensichtlich hatte der Eindringling einen Nachschlüssel benutzt. Vielleicht hatte auch Tony, der Gemüsehändler, das Tor aufgelassen, als er mit seinem alten grauen Pferd Napoleon, das die zweite Box im Stall bewohnte und Blitz‘ bester Freund war, zum Markt gefahren war. Es war durchaus möglich, dass der Verbrecher ausgekundschaftet hatte, wann Tony morgens wegfuhr. Auf jeden Fall musste er Tony abends fragen, ob ihm etwas aufgefallen war. Alec verschloss das Tor hinter sich und blickte zu dem Haus seiner Eltern auf der anderen Straßenseite hinüber. Obwohl er wusste, dass es schon spät war und er sich würde beeilen müssen, um pünktlich in der Schule zu sein, weil er ja auch noch vorher zur Polizei wollte, ging er langsam. Irgendein böser Mensch wünschte seinem Pferd den Tod. Warum nur? Aus welchem Grund? Sicherlich, er wusste wenig über die Vergangenheit des Hengstes. Vielleicht lag, wie Henry mutmaßte, dort die Antwort. Irgendwo in Arabien.

image ABU JAKUB BEN ISAAK

Am späten Nachmittag desselben Tages beeilte Alec sich, von der Schule nach Hause zu kommen. Er hatte die letzte Unterrichtsstunde geschwänzt und konnte es kaum erwarten, von Henry zu erfahren, ob die Polizei schon etwas herausgefunden hatte. Enthielt die Injektionsspritze tatsächlich Gift? Hatte man Fingerabdrücke gefunden und gaben diese Aufschluss über die Person des Verbrechers? Der Polizeiinspektor hatte seinem Bericht aufmerksam zugehört und sogleich einen Streifenwagen zum Tatort geschickt. Als Alec sich seinem Elternhaus näherte, sah er eine große schwarze Limousine davor parken. Dahinter stand ein Polizeiauto. Er fing an zu rennen, denn er sah die kleine, rundliche Gestalt seiner Mutter in der Haustür stehen.

„Was ist los?“, rief er. „Die Polizei ist ja noch hier.“

Die Stimme seiner Mutter klang ruhig, doch ihr Gesicht wirkte müde. „Die Polizisten kamen vor einer Weile zurück“, antwortete sie, „und brachten einen Herrn mit, der behauptet, Blitz sei sein Eigentum.“ Sanft fügte sie hinzu: „Am besten gehst du gleich selbst hinüber zum Stall!“

Alec wandte sich um und rannte zum Tor. Hundert Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Auch das noch, nach allem, was sich in der Nacht ereignet hatte! Vielleicht war dies der Mann, der Blitz hatte töten wollen, und nachdem ihm das missglückt war, versuchte er auf diese Weise, ihn zu bekommen! Alec ging langsamer, als er sich der Stalltür näherte.

Henry sprach drinnen mit einem hochgewachsenen älteren Herrn. Zwei Polizisten standen hinter ihnen. Henry war der Erste, der Alecs schneeweißes Gesicht entdeckte.

„Alec“, sagte er, „dies ist Herr Abu …“ Er hielt inne und sah den Fremden fragend an.

„Abu Jakub ben Isaak“, ergänzte dieser.

Von Blitz, der in seiner Box stand, glitten Alecs Augen zu dem Fremden, dessen faltige Haut die Farbe von altem Mahagoniholz hatte. Er war schlank und hochgewachsen und hatte funkelnde schwarze Augen. Sein spitz geschnittener schwarzer Vollbart bewegte sich, wenn er sprach. Sein Haar war stahlgrau. Alec fand es schwer, sein Alter zu schätzen. Er trug einen tadellosen braunen Anzug und eine bestickte Weste.

„Mr Abu ben Isaak ist der Besitzer von Blitz, Alec“, sagte Henry gepresst.

Alecs Kehle war wie zugeschnürt. Er schluckte krampfhaft. Dann übermannte ihn der Zorn.

„Henry!“, rief er. „Da kann ja jeder kommen und das behaupten! Wo ist der Beweis? Und dann die Ereignisse gestern Nacht: die Injektionsspritze … die goldene Kette …“ Sein Blick suchte die Polizisten und kehrte dann zu Henry zurück.

„Enthielt die Spritze Gift? Hat man Fingerabdrücke gefunden? Ist es nicht sehr sonderbar, dass dieser Mann gerade heute auftaucht, nach all dem?“

Alle schwiegen zunächst, nachdem Alec geendet hatte, dann antwortete ihm Henry: „Ja, Alec, es ist in der Tat seltsam und kaum zu glauben, dass alles so zusammentrifft.“ Nach einer Pause fuhr er fort: „Die Polizei hat festgestellt, dass die Spritze tatsächlich ein tödlich wirkendes Gift enthielt. Fingerabdrücke wurden nicht gefunden. Mr Abu ben Isaak hat sich bei der Polizei legitimiert und Papiere vorgelegt, die beweisen, dass ihm Blitz tatsächlich gehört.“

„Ich möchte die Papiere sehen“, unterbrach ihn Alec und sah den Fremden an. Dieser händigte sie ihm aus. Alec las sie aufmerksam durch und fragte dann die Polizisten, ob ihnen Glauben zu schenken sei.

„Wir haben selbstverständlich an höherer Stelle Nachforschungen angestellt“, war die Antwort, „die Papiere sind in Ordnung.“

Abu ben Isaaks Gesicht war ernst und würdig, als er Alec erklärte: „Ich bin zur Polizei gegangen, um mich zu legitimieren; das war selbstverständlich nötig, bevor ich mein Pferd zurückfordern konnte. Du musst nämlich wissen, dass es mir seinerzeit gestohlen worden ist. Erst als mich in meiner Heimat – in Arabien – Berichte erreichten von einem großen schwarzen Hengst, der Donnerkeil und Zyklon geschlagen hatte, stieg in mir die Vermutung auf, dass der Rappe mein Pferd Scheitan sein könnte. Daraufhin ging ich zum amerikanischen Konsulat, wo ich erfuhr, dass du und der Hengst den Untergang der ‚Drake‘ überlebt hatten. Dann sah ich Bilder des Pferdes in den Zeitungen; es handelte sich tatsächlich um meinen Scheitan.“

„Wenn alles, was Sie sagen, auf Wahrheit beruht“, sagte Alec, während er dem Araber forschend in die Augen sah, „wie erklären Sie dann den Anschlag auf das Pferd in der letzten Nacht?“

Da Abu nicht gleich antwortete, ergriff Henry das Wort: „Wir vermuten, dass der Verbrecher, der Ihnen das Pferd gestohlen hat, noch am Leben sein könnte. Würde er irgendeinen Grund haben, den Hengst zu beseitigen? Hier ist die Injektionsspritze, die er benutzen wollte.“

Das Gesicht des Arabers war unbewegt wie Stein. Er nahm Henry die Injektionsspritze aus der Hand und betrachtete sie, sagte aber kein Wort.

Alec beobachtete ihn scharf. „Außerdem hat der Attentäter noch eine goldene Kette verloren“, warf er ein. „Zeige die dem Herrn doch einmal, Henry!“

Henry folgte der Aufforderung, doch in dem Gesicht des Arabers zuckte kein Muskel, als er die Kette ansah, ohne sie zu ergreifen. Trotzdem hatte Alec den Eindruck, dass der große Vogel mit den ausgebreiteten Schwingen für Abu ben Isaak etwas bedeutete, denn als er jetzt sprach, klang seine vorher freundliche Stimme kalt und hart: „Ich kenne sie nicht.“ Alec fiel auf, dass er die Kette nicht in die Hand genommen hatte, um sie genauer zu betrachten, wie er es mit der Spritze getan hatte. Seine ganze Haltung bestärkte Alecs Gefühl, dass es da vieles gab, was der Fremde für sich behalten wollte. „Ich werde in einer Stunde zurückkehren, um Scheitan abzuholen“, sagte Abu ben Isaak kurz, nickte den Polizisten zu und verließ mit ihnen den Stall.

Alec und Henry sagten kein Wort und sahen sich nicht an. Schweigend gingen sie an die Box. Blitz blickte sie an, seine Augen waren weit und glänzend. Er schien diesen Mr Abu tatsächlich zu kennen, denn er hatte sich nicht im Geringsten aufgeregt, wie er es sonst stets tat, wenn Fremde in den Stall kamen.

Alec fuhr ihm mit der Hand durch die herrliche dicke Mähne. „Mein Junge, was sollen wir denn bloß machen?“, sagte er verzweifelt und fuhr, als er Henrys betrübtem Blick begegnete, fort: „Was meinst du, ob er uns Blitz verkaufen würde?“

„Nein, Alec, er scheint größten Wert auf seinen Besitz zu legen. Aber selbst, wenn er sich umstimmen ließe, würde er einen enormen Preis verlangen. Woher sollten wir denn das Geld nehmen?“

„Ich würde es schon irgendwie auftreiben!“ Alec sagte es trotzig und verstummte dann, während der Hengst seinen Kopf an ihm rieb. „Henry, ich hab‘s! Vielleicht würden uns Mr Volence und Mr Hurst helfen, die Besitzer von Donnerkeil und Zyklon! Sie sind reich, sie könnten uns das Geld leihen!“

„Na ja, ganz ausgeschlossen scheint mir das nicht, denn sie sind ja beide sehr an ihm interessiert! Ich gebe dir recht, man könnte es wenigstens versuchen, falls Mr Abu verkaufen will.“

Die Minuten vergingen. Henry schlenderte ziellos im Stall umher und ordnete Zügel und Sättel, die ohnehin geordnet waren. Zum Schluss ging er zur Tür und setzte sich auf die Schwelle. Am besten ließ er Alec mit seinem Pferd allein, denn ihm blieb nicht viel Zeit. Henry zog sein Taschenmesser aus der Tasche und begann, an einem Stück Holz herumzuschnitzen. Sonderbar, wie lieb man so ein Pferd gewinnen konnte! Für ihn war das freilich nichts Neues. Da war damals Dynamo gewesen, der zähe kleine Braune, der mit ihm davongelaufen war bei seinem ersten Arbeitsgalopp. Er, Henry, war noch ein Lehrling gewesen, ein junges Bürschchen, wie jetzt Alec. Vielleicht wäre er von seinem strengen Lehrherrn hinausgeworfen worden, wenn Dynamo nicht die schnellste Viertelmeile gelaufen wäre, die man auf der Empire-Bahn jemals gesehen hatte. Ja, das waren alles gute Erinnerungen! Es gab noch einige andere famose Pferde in seinen jungen Jahren. Chang beispielsweise, der die Sprinter wie die Steher ausstach, Me Too, der so geduldig und still wie ein Pony am Start zu stehen pflegte, gelassen auf den Beginn des Rennens wartend, während alle anderen vor Ungeduld platzten; trotzdem war er niemals geschlagen worden. Und Flamme und Krieger – alles prächtige Rennpferde, die er niemals vergessen würde. Dann – viele Jahre später, nachdem er sich längst zur Ruhe gesetzt und seine Frau alles, was in ihrer Macht stand, getan hatte, um ihn die Rennbahn vergessen zu lassen – waren Blitz und Alec gekommen. Der schwarze Hengst war das beste Pferd, das er jemals geritten und trainiert hatte. Er hatte es gleich in der Nacht gewusst, als er ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Er musste lachen, wenn er sich daran erinnerte, wie Alec, der Junge von gegenüber, seine Frau gebeten hatte, ihm zu erlauben, sein Pferd in ihrem Stall unterzustellen. „Sein Pferd“ – wahrscheinlich hatte sie sich darunter irgendeine alte Mähre mit Senkrücken wie Napoleon vorgestellt! Sonderbarerweise hatte sie nie aufbegehrt, nachdem sie die Wahrheit herausgefunden hatte. Wer weiß, überlegte Henry, vielleicht verstand sie mehr von Pferden, als sie zugab.

Er hatte von dem Untergang der „Drake“ vor der spanischen Küste seinerzeit gelesen und erfahren, dass Alec als Passagier an Bord gewesen war, auf der Rückreise vom Besuch seines Onkels in Indien. Henry hatte Alec bis dahin nicht sonderlich beachtet; hin und wieder hatte er ihn zur Schule gehen oder am Nachmittag heimkehren sehen, das war alles. Ein magerer, stiller Junge, der auf jeden den Eindruck eines Stubenhockers machte. Als die Nachricht durch die Zeitungen lief, dass es bei dem Schiffsuntergang so gut wie keine Überlebenden gegeben hatte, hatte er Alecs Eltern einen Kondolenzbesuch abgestattet. Sie waren sehr niedergeschlagen gewesen, hatten aber trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ihr Sohn noch lebte. „Er ist ein zäher Kerl“, hatte Mr Ramsay gesagt.

Fünf Monate später war Alec Ramsay dann tatsächlich zurückgekehrt. Und nicht allein! Mit ihm kam der Rapphengst, ungezähmt, nicht zugeritten! Ja, und für jeden unzugänglich, außer für Alec. Zwischen ihm und Blitz, wie er ihn genannt hatte, war eine so innige Freundschaft entstanden, wie sie Henry noch nie zwischen einem Menschen und einem Pferd beobachtet hatte. Der Rappe war außergewöhnlich wild, ein „Killer“, ein Mörder, wenn er gereizt wurde, daran gab es bis heute keinen Zweifel. Henry lächelte, wenn er an die Monate zurückdachte, in denen sie den Hengst an Zaumzeug und Sattel gewöhnt hatten. Danach kamen dann die heimlichen Trainingsrunden in der Nacht auf der Rennbahn. Zuletzt das große Rennen … Noch lange Zeit würden alle für den Rennsport Begeisterten sich daran erinnern und darüber sprechen, wie Blitz die Hengste Donnerkeil und Zyklon, die schnellsten Pferde in ganz Amerika, geschlagen hatte. Vielleicht würde man niemals wieder ein solches Wunderpferd wie diesen Rappen zu sehen bekommen! Noch würden sie ihn selber jemals wiedersehen …

Henry schaute auf seine Uhr. Fast eine Stunde, seit Mr Abu ben Isaak sie verlassen hatte. Auf der Straße dröhnte ein Motor … da war wohl schon der Transportwagen? Ja, in der Ferne sah er ihn kommen. Er klappte sein Messer zu, erhob sich und ging mit schweren Schritten in den Stall: „Sie kommen, Alec.“

Der Junge stand mit dem Rücken zu ihm und hatte sein Gesicht an den Hals des Pferdes gepresst. „Er hat mir das Leben gerettet“, sagte er und wollte noch etwas hinzufügen, aber seine Stimme brach und seine Schultern zuckten – er weinte.

„Ja, ich weiß, Alec …“ Henry stockte, der Transportwagen war jetzt am Hoftor angekommen und würde gleich vor dem Stall halten. Der Alte trat zu dem Jungen und legte den Arm tröstend um ihn. Der Hengst warf den Kopf auf und entblößte die Zähne.

„Sieh mal, mein Junge, ich könnte dir viel erzählen über Pferde, die ich geliebt und verloren habe zu meiner Zeit, aber es würde zu nichts führen. Ich glaube, dass es keine größere Liebe gibt als die deine zu Blitz, ausgenommen die seine zu dir! Ich will dir nicht sagen, du sollst ihn vergessen, denn das kannst du nicht. Aber es nützt nichts zu weinen. Du bist ein tapferer Bursche, sonst wärst du heute nicht hier, sondern wärst damals ertrunken. Also reiß dich zusammen, und lass uns überlegen, was wir tun können, wir beide.“

Alec fuhr sich mit der Hand über die Augen, dann drehte er sich zu Henry herum.

„Du hast recht“, murmelte er.

„Wir stehen wie vor einer ganz hohen Mauer, Alec“, fuhr Henry fort. „Nach Recht und Gesetz gehört Blitz diesem Mr Abu. Sollte er bereit sein, ihn zu verkaufen, werden wir Himmel und Hölle in Bewegung setzen, uns das Geld zu beschaffen. Wenn er indessen nicht dazu bereit ist, sind wir machtlos, und Gott allein weiß, was wir dann tun könnten. Ich werde mit ihm sprechen und will versuchen, ihm zu erklären, welche Verbundenheit zwischen dir und dem Pferd besteht. Ich hoffe, dass er es verstehen wird. Doch dürfen wir uns nichts vormachen, wir wissen, dass er um die halbe Welt gefahren ist, um sein Pferd wiederzubekommen. Das tut niemand, dem nicht ungeheuer viel daran liegt und der nicht ganz schwerwiegende Gründe hat. Er sieht eigentlich sehr sympathisch aus, finde ich, und ganz und gar nicht, als ob er unvernünftig wäre, daher hoffe ich, dass er mir zuhören und mich verstehen wird.“

„Und du glaubst nicht, Henry, dass er mit dem, was in der vergangenen Nacht hier vorgefallen ist, etwas zu tun hat?“

„Nein. Abu ben Isaak will sein Pferd lebendig wiederhaben. Es ist jemand anders, der seinen Tod will. Wer das ist, weiß ich nicht; mag sein, dass er es weiß, obwohl er sagte, dass er das Medaillon nicht kennt.“

„Ich glaube doch, Henry, dass er es kennt; allerdings ist das nur ein Gefühl. Beweise habe ich nicht.“ Der Transportwagen stand jetzt vor dem Tor. Henry und Alec gingen hin. Mr Abu und ein Polizist kamen ihnen entgegen.

„Ich werde mit ihm sprechen, warte du hier“, sagte Henry.

Der Hengst wieherte und Alec wandte sich ihm rasch zu. Etwa zehn Minuten später betrat der Araber den Stall, gefolgt von Henry, in dessen Gesicht das Gegenteil dessen zu lesen stand, was Alec sich wünschte.

„Er will Blitz um keinen Preis verkaufen …“, sagte Henry niedergeschlagen.

„Auf keinen Fall, Sir? Auch nicht für eine hohe Summe?“

Der Araber sah den Jungen an, er schien sehr freundlich und in Alec stieg Hoffnung auf. „Mr Henry Dailey hat mir erzählt, wie viel mein Pferd dir bedeutet. Jedoch, mein Sohn – arabische Pferde sind nicht verkäuflich, unsere Pferde sind ein Teil von uns selbst! Zu Hause haben wir unsere Familien, aber in der Wüste sind die Pferde unsere einzigen Freunde und ein Mann verkauft niemals seinen Freund!“ Er machte eine Pause und zog seine Brieftasche heraus. „Ich möchte dir zurückgeben, was du dem Pferd Gutes getan hast! Bitte, nimm das.“

„Nein, danke, Sir!“, sagte Alec ruhig und fest. „Für das, was ich einem Freund getan habe, lasse ich mich nicht bezahlen.“

Abu ben Isaak sah erst Alec, dann Henry an. Sie wussten beide, dass es unmöglich sein würde, den Jungen von seiner Entscheidung abzubringen.