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eISBN: 978-3-649-66867-1

© 2018 Coppenrath Verlag GmbH, & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Autorin: Annette Langen

Umschlag- und Innengestaltung: Carla Nagel

Lektorat: Nicola Dröge

Satz: Helene Hillebrand

www.coppenrath.de

www.annettelangen.de

Annette Langen

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Mit Illustrationen von Carla Nagel

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‚If you don’t like where you are,
Then change it.
You are not a tree.‘

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

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Als ich abhaute, nahm ich nur das Allernötigste mit: mein Surfbrett, das schmale Album, in das ich die wenigen Fotos von Mom und mir eingeklebt hatte, meinen gepunkteten Bikini und … Sydney. Natürlich war ich mit zwölf Jahren schon viel zu alt für mein Kuschelkänguru. Aber ich konnte ihn unmöglich zurücklassen. Sonst hätte ihn garantiert Yolanda, mit der ich mir seit zwei Monaten das Zimmer teilen musste, in ihre pink lackierten Krallen bekommen. Wahrscheinlich würde sie ihre Lidschatten in seinem Kängurubeutel verstecken und dem armen Kerl ein neues Outfit verpassen, mit bescheuerten Schleifen in Rosa oder Lila.

Nix da, das hatte mein Sydney nicht verdient! Ich strich ihm über das linke Ohr, das ganz kahl war, das andere hing am seidenen Faden herunter, und stopfte ihn in meine Umhängetasche. Dann klemmte ich mir mein Surfbrett unter den Arm, öffnete die Tür zum Gang und lauschte. Alles, was ich hörte, war mein Herz, das viel zu laut klopfte. Sonst nichts. Ich atmete auf. Niemand da, so wie du es geplant hast.

Los!, sagte ich mir und schlich auf Zehenspitzen – oder besser: auf den Spitzen meiner ausgelatschten Chucks – den Gang entlang. Kein einziges Geräusch drang aus den verlassenen Zimmern, keine Musik, kein Gekicher, kein Gepiepe von eingehenden WhatsApp-Nachrichten, nichts. Wo sonst das Chaos von zwölf Mädchen herrschte, war es nun unglaublich still. So hatte ich unseren Mädchentrakt noch nie erlebt. Wirst du auch nie wieder, dachte ich triumphierend und das Glück kribbelte in mir wie Brausepulver. Mit dem Internatsleben war ab sofort Schluss! Wenn dich niemand erwischt, schoss es mir durch den Kopf.

Lautlos öffnete ich die Tür zum Treppenhaus, zuerst nur einen Spalt weit. Wieder lauschte ich. Nichts! Von draußen hörte ich das Gezwitscher der Vögel. Viel zu hell fiel das Abendlicht durch die geöffneten hohen Fenster ins Treppenhaus. Es roch nach frisch gemähtem Rasen.

Sonst liebte ich die langen hellen Sommerabende in Deutschland, aber nun – ausgerechnet jetzt hätte ich einen dunklen Winterabend besser gebrauchen können. Doch bis zum nächsten Winter würde ich es im Internat nicht mehr aushalten. Keine einzige Stunde länger konnte ich diese Zicke von Yolanda ertragen!

Es musste einfach klappen! Ich atmete mehrmals tief ein, um mich zu beruhigen, dann huschte ich lautlos die Treppe hinunter, ohne dass mein Surfbrett ans Geländer stieß. Im Erdgeschoss, hinter der Tür zum Schulhof, blieb ich stehen. Jetzt kam das Gefährlichste! Meine Hand zitterte, als ich die Türklinke hinunterdrückte. Ich musste quer über den Schulhof, vorbei an der Hausmeisterwohnung.

Wie eine dicke Spinne in ihrem Netz wachte unser Hausmeister über das Internat. ‚Tarantel‘, so nannten wir ihn heimlich, hatte eine Spezialität: Er tauchte urplötzlich da auf, wo niemand mit ihm rechnete. Wenn man seinen Zigarettenatem roch, war es schon zu spät.

Ich spähte durch den Türspalt. Der Schulhof war menschenleer. Allein bei dem Gedanken, dass der Hausmeister mich erwischen könnte, wurden meine Hände so feucht, dass ich mein Surfbrett abstellen und sie an meiner Jeans abwischen musste.

Beruhig dich, Skye, befahl ich mir. Eine bessere Gelegenheit als jetzt gibt es gar nicht. Alle Lehrer, die Direktorin, jeder Schüler und die Eltern sind in der Aula. Niemand bemerkt dich. Du schaffst das! Bald ziehst du bei Paps ein. Es wird vielleicht ein bisschen eng, aber es wird schon gehen. Hauptsache, du bist bei Paps.

Paps war alles, was ich noch an Familie hatte. Doch Paps war weit weg. Immer. – Fast immer. Abends sah ich ihn auf dem Monitor, wenn wir über Facetime miteinander sprachen. Meist legte ich mein iPad extra so neben mich, dass es aussah, als wäre Paps ganz nah bei mir. So konnte ich ihn wenigstens hören und sehen. Aber – und das war echt schlimm! – er konnte mich nie in den Arm nehmen, wenn ich es brauchte.

Plötzlich knallte irgendwo über mir eine Tür zu. Ich erstarrte. Ob das der Hausmeister war? Mein Herz schlug so laut, dass ich meinen Puls bis in die Ohren hörte. Ich sah mich um, im Treppenhaus gab es nichts, wo ich mich verstecken konnte. Was sollte ich tun? Schnell über den Schulhof rennen?

Nein, das würde ich so beladen, wie ich war, nicht unbemerkt schaffen. Ich stöhnte auf. Ausgerechnet jetzt! Gegenüber von mir, auf der anderen Seite des Schulhofs, vielleicht zwanzig Meter entfernt, öffnete sich in diesem Moment die Tür der Aula. Eine Mutter mit elegant aufgesteckten Haaren und einer dicken Goldkette um den Hals trat hinaus und sprach in ihr Smartphone. Auch das noch! Du sitzt in der Falle! Ich wirbelte herum – aber im Treppenhaus hinter mir war niemand zu sehen.

Mist! Wie lange wollte diese Mutter denn noch telefonieren? Nervös biss ich auf meine Unterlippe, während sie in ihren High Heels im Kreis umherstolzierte und dabei laut in ihr Handy sprach.

Ob meine Mom auch unsere Theateraufführung verlassen hätte, um zu telefonieren? Wäre sie ganz lässig, in Flipflops und einem Strandkleid, zur Aufführung gekommen? Bestimmt!, dachte ich, denn so sah sie auf fast allen Fotos aus, die ich von ihr hatte. Aber … die Trauer schwappte über mich wie eine Monsterwelle. Was hatte ich eigentlich sonst noch von meiner Mutter? Ich schluckte – fast nichts … Es tat so weh. Ich wusste so wenig von meiner Mom, die starb, als ich gerade vier Jahre alt war. Wer war sie? Paps hat mir erzählt, sie sei die beste Pilotin aller Zeiten gewesen und hätte auch so ein süßes Grübchen gehabt wie ich, wenn sie lachte, und das hätte sie ganz oft getan. Ich fuhr mir mit dem Finger über die linke Wange. Das Grübchen hast du zumindest von ihr geerbt. Den Rest wirst du rausfinden, wenn du erst einmal bei Paps wohnst. Ich atmete noch mal tief ein, fasste wieder an die Türklinke … als sich plötzlich von hinten eine Hand auf meinen Oberarm legte. Mein Herz blieb vor Schreck stehen, ich wollte schreien, aber nur ein leises Krächzen kam aus meinem Mund.

„Pssst“, flüsterte eine vertraute Stimme. „Ruhig, ganz ruhig!“ So sprach nur einer.

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„Liang“, keuchte ich und drehte mich zu meinem besten Freund um. Wie immer trug er ein weißes Hemd und eine dunkle Hose, die er mindestens im 365er-Pack gekauft haben musste. Anders gekleidet hatte ich ihn noch nie gesehen, egal ob draußen Eiseskälte oder brüllende Hitze herrschte.

„Geht’s noch?“, zischte ich. „Wieso pirschst du dich so an? Willst du mich umbringen, oder was? Mir ist vor Schreck fast das Herz stehen geblieben. Ich dachte, Tarantel hätte mich erwischt!“ Wie immer, wenn ich richtig nervös war, plapperte ich ohne Pause.

Liang schüttelte den Kopf. „Tarantel musste plötzlich in den Keller, weil …“, mein Freund unterdrückte ein Grinsen, „auf einmal Seifenblasen aus der Klimaanlage kamen.“

„S E I F E N B L A S E N?“ Es gab nicht viel, was mich mehr überrascht hätte. Gummibärchen vielleicht.

Liang nickte kurz und warf einen raschen Blick auf seine Armbanduhr, deren Ziffernblatt die Ortszeiten von New York, Sankt Peter-Ording und Hongkong zeigte. Sankt Peter-Ording fiel etwas aus dem Rahmen, aber dort lag unser Internat. „Tarantel sollte damit mindestens zehn Minuten zu tun haben.“

Liang überließ nichts dem Zufall. Da war er völlig anders als ich. Er durchdachte jede Situation zuerst ganz genau, plante jeden einzelnen Schritt und alles klappte perfekt – meistens mithilfe irgendwelcher Technik.

„Was hast du getan?“, flüsterte ich.

„Die Klimaanlage umprogrammiert auf Schaumparty“, gestand er, so als sei es das Einfachste der Welt. Das Gesicht meines besten Freundes verriet keine Gefühle, aber seine Stimme klang traurig, als er leise hinzufügte: „Das sollte ausreichen, damit du genug Zeit hast, um unbemerkt über den Schulhof zu verschwinden.“

Ich schnappte nach Luft: „Woher weißt du, dass ich … dass ich …“ Ich brachte das Wort ‚abhauen‘ nicht über die Lippen, denn es bedeutete auch, dass ich den einzigen Freund, den ich hier hatte, verlassen musste.

„Euer Streit nach dem Mittagessen war wirklich nicht zu überhören. Dass du danach nicht mehr hierbleibst, war mir klar.“ Liang blickte mich mit dunklen Augen durch seine Brillengläser an. „Rein zufällig habe ich auch gesehen, wie Yolandas Herzteppich aus eurem Fenster geflogen ist, gefolgt von …“

Ich fiel ihm ins Wort, denn jetzt musste ich unbedingt etwas klarstellen: „Dieser bescheuerte Teppich lag mindestens fünf Zentimeter weit in meiner Zimmerhälfte“, erklärte ich zu meiner Verteidigung, während mir meine Tat von heute Nachmittag inzwischen ziemlich unangenehm war.

„Das habe ich mir schon gedacht“, stimmte Liang mir zu. „Der Teppich lag in deiner Hälfte, genauso wie der rosa Pantoffel und die – ähm … und der Bmmm … von Yolanda.“ Liangs Wangen röteten sich leicht. Mädchenunterhosen und BHs waren ihm so peinlich, dass er sie lieber nicht aussprach. Ihre ach-so-süße Unterwäsche konnte Yolanda sich jetzt aus dem Kirschbaum vor unserem Zimmer pflücken, dachte ich mit einer gewissen Zufriedenheit.

„Aber das ist doch nicht alles, oder?“ Liang blickte mich scheinbar unbeteiligt an. „Du haust doch nicht aus dem Internat ab, weil ein Teppich in Herzform und der Du-weißtschon von Yolanda auf deiner Zimmerseite lagen?“

Ich schnappte nach Luft. „Soll ich dir sagen, was die blöde Zicke behauptet hat?“ Sofort kochte die Wut wieder hoch wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. „Sie meinte, dass ich Paps ganz egal bin, deshalb würde er auch nicht zu unserem Theaterstück kommen.“ Wie von selbst wurde meine Stimme schrill, so sehr regte mich diese gemeine Unterstellung noch im Nachhinein auf. „Dabei hat mein Paps einfach furchtbar viel zu tun.“

„Ssssshhh“, machte Liang und legte seinen Finger auf die Lippen. Er warf einen Blick in das verlassene Treppenhaus, wo nun einige glitzernde Seifenblasen die Kellertreppe hinaufschwebten, sonst blieb es zum Glück tarantelfrei. Unser Hausmeister hatte anscheinend im Keller alle Hände voll zu tun.

„Also gut, es ist auch wegen Jona aus der 6b“, wisperte ich. Sein Vater hatte letzten Monat einen Herzinfarkt gehabt. Ganz plötzlich, beim Tennisspielen, war er umgekippt und lag seitdem im Koma. „Die Ärzte wissen nicht, ob sein Vater jemals wieder wach wird. Weiß ich, ob Paps so etwas nicht auch mal passiert? Deshalb will ich ihn nicht nur auf Face-time sehen, sondern richtig. Jeden Tag und nicht nur in den Ferien!“

„Verstehe“, mein Freund nickte ernst. Er sprach nie darüber, aber ihm fiel es auch schwer, dass er an den meisten Wochenenden nur seinen Vater sah. Denn der saß mit seinem Firmenbüro in Hamburg, während Liangs Mutter und Oma die Geschäfte in Hongkong führten. Trotzdem bestanden seine Eltern darauf, dass Liang das Nordsee-Internat besuchte. Ihr einziger Sohn sollte später einmal perfekt deutsch sprechen und die Firma seiner Eltern übernehmen, in der Blumentöpfe produziert wurden. Blumentöpfe! Dabei wollte mein Freund etwas ganz anderes: programmieren.

„Skye, das ist für dich!“ Ohne mich anzusehen, drückte Liang mir etwas Rotes in die Hand. Es war federleicht. Unter einem runden geflochtenen Ornament baumelten lauter lange rote Fäden hinab. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

„Oh, wie schön“, murmelte ich und strich über das seidige Garn.

Liang nickte kurz. „Er bringt Glück und ist aus einem einzigen Faden geknotet. Nimm den Glücksknoten mit, ja?“

„Und ob!“ Glück konnte ich gebrauchen! Seitdem Yolanda vor zwei Monaten ins Internat gezogen war, fand meine allerbeste Freundin Amelie alles endsüß, was die Zicke machte oder sagte. Und ich? Ich war bei ihr abgeschrieben. Zum Surfen hatte meine ABF nun auch keine Zeit mehr, weil sie viel lieber mit Yolanda Make-up ausprobierte. Und als ob das nicht schon schlimm genug war, trugen die beiden seit gestern ein und dasselbe Freundschaftstattoo zum Aufkleben an derselben Stelle am Oberarm. Für mich war keins übrig gewesen. Vielen Dank auch! Damit war die Sache klar: Ich war Amelie egal.

Aber Liang war ich nicht egal, das wusste ich. Und er mir auch nicht. Vorsichtig schob ich den Glücksknoten in meine Hosentasche. Ganz passte er nicht hinein, die roten Fäden schauten heraus. „Du bleibst mein bester Freund, Liang, auch wenn ich weg bin, ist fest versprochen.“

Liang nickte und beugte sich rasch zu seiner Laptoptasche hinunter, die er neben sich abgestellt hatte, wie ich erst in diesem Moment bemerkte. Umständlich holte er mein iPad heraus. Mein iPad? Hatte ich tatsächlich vergessen, es einzustecken?

„Skye, guck mal“, fing er an und musste schlucken. „Ich habe eine Paps-App für dich programmiert. Sie ist eigentlich noch in der Testphase, aber …“ Er zuckte unsicher die Schultern. „Ich denke, du brauchst sie schon jetzt.“ Seine schmalen Finger tippten auf ein Foto-Icon meines Vaters, worauf sich eine Weltkarte öffnete. „Siehst du, das bist du …“ Liang deutete auf ein blinkendes Surfbrett an der plattdeutschen Nordseeküste. Dann zeigte er auf einen blauen Punkt, der über dem Mittelmeer schwebte. „… und da ist dein Paps im Anflug.“

„Hammer, Liang, du bist ein Genie!“, rief ich vor Begeisterung viel zu laut und schlug mir die Hand vor den Mund. Wieder schauten wir besorgt zur Kellertreppe, doch der Hausmeister ließ sich nicht blicken. Wir atmeten auf.

„Ach was, das war ganz einfach“, winkte Liang bescheiden ab, aber seine Augen strahlten. „Warte, Skye, das Beste kommt noch.“ Er zeigte auf ein Feld, auf dem ‚Flugziel‘ stand. „Damit fragst du das aktuelle Flugziel deines Vaters direkt aus dem Cockpit ab“, verriet Liang und in seiner Stimme schwang Stolz mit. „Ich dachte, das ist für dich ganz praktisch.“ Zufrieden hielt er mir mein iPad hin.

Ich starrte ihn sprachlos an. Das war meine Rettung! NIEMAND wusste, wohin mein Vater unterwegs war. Denn Paps änderte seine Termine immer sehr kurzfristig. Sogar seine Sekretärinnen hatten es längst aufgegeben zu erfahren, wo in aller Welt er steckte.

„Aber woher kriegst du denn diese Daten?“, fragte ich mehr als verwundert.

Liangs Wangen röteten sich. Verlegen schaute er auf seine Schuhspitzen, wie immer, wenn er etwas nicht sagen wollte. Musste er auch nicht, ich ahnte es auch so. Mein Freund hatte einige Passwörter gehackt, um Zugang zu Paps’ Bordcomputer zu bekommen, so viel stand fest. Aber das war mir nur recht! Denn endlich wusste ich, wo genau mein Vater steckte. Aber wo würde er als Nächstes landen?

Ich sah auf die Weltkarte. Der kleine blaue Punkt befand sich kurz vor der spanischen Küste. Mein Vater hatte die angesagtesten Kaugummisorten erfunden und mehrere seiner Fabriken lagen in Europa. Eine in Spanien, eine in Frankreich und – mein Herz schlug schneller – eine ganz in der Nähe, in … Ich tippte auf ‚Zielflughafen‘ und sogleich erschien dort: ‚Hamburg, Landung voraussichtlich 20:30 Uhr‘.

Vor Glück hätte ich abheben können. Besser konnte es gar nicht kommen! Für eine Zugkarte nach Hamburg reichte sogar mein Taschengeld. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht laut zu jubeln. In einer Stunde würde ich mit dem Zug in Hamburg sein. Und Paps würde wenig später dort landen!

„Tausend Dank, Liang, das ist genial, einfach supergenial“, flüsterte ich und drückte meinem Freund einen Kuss auf die Wange. Doch Liang reagierte nicht. Unbeweglich wie eine Statue stand er vor mir. Sein dunkler Pony fiel ihm in die Augen und ich roch den leichten Duft von seinem Kamille-Shampoo. Und sein Gesicht glühte, bis der Arme aussah wie Himbeerjoghurt.

Ich schämte mich schrecklich. Warum hatte ich nur nicht daran gedacht, dass Liang so schüchtern war? Wenn schon Mädchenunterhosen und BHs ein Albtraum für ihn waren, dann musste ein Kuss ein echter Schocker sein. Ich beugte mich vor. Atmete er überhaupt noch? Ich hielt meine Finger unter seine Nase, ohne einen Hauch zu spüren.

„Los, einatmen, Liang!“, rief ich. „Einatmen!“ Plötzlich hörte ich schwere Schritte die Kellertreppe hinaufstampfen. Das konnte nur einer sein: unser Hausmeister.

„Ich muss los“, wisperte ich hastig und gab Liang – ganz in Gedanken – einen zweiten Kuss auf die Wange. „Wir facetimen“, fügte ich noch hinzu, während ich blitzschnell mein iPad in die Umhängetasche schob. Dann lief ich, mein Surfbrett unter dem Arm, quer über den Schulhof und hielt erst an, als ich in dem Zug nach Hamburg stand. Nun konnte mich nichts mehr aufhalten. Ja, das dachte ich wirklich.

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In Hamburg schubste die schwere Glastür mein Surfbrett und mich in das hell erleuchtete Flughafengebäude. Viel später als gedacht! Die Uhr über dem Abfertigungsschalter sprang auf 21:52 Uhr. Mein T-Shirt klebte an meinem Rücken. Meine Haare hatten sich irgendwie unter dem Gurt meiner Umhängetasche verklemmt, und es ziepte, wenn ich den Kopf nur ein bisschen bewegte.

Jetzt wollte ich nur eins: zu Paps, nach Hause! Aber – mein Herz schlug dumpf – ob Paps überhaupt noch da war? Wieder ziepte es, als ich durch die große Glasscheibe aufs Rollfeld des Hamburger Flughafens blickte. Da war er!

Nun ja, nicht Paps, aber zumindest sein Jet stand auf der Parkposition. Unter Tausenden hätte ich seinen Flieger sofort erkannt. Als einziger Jet hatte er einen nachtblauen Heckflügel, darauf hob sich das australische Wappen mit Känguru und Emu auf verschnörkelten Ranken ab. Besonders das Känguru passte so gut zu Paps, fand ich. Er war auch irgendwie immer auf dem Sprung.

Am liebsten wäre ich sofort über das Rollfeld zu ihm und in mein neues Zuhause gelaufen, es war echt nicht weit. Höchstens fünfhundert Meter! Doch das hätte gegen die Flughafenbestimmungen verstoßen. (Ich weiß das so genau, weil ich es schon mal ausprobiert habe.) Also wartete ich brav in der Abfertigungshalle, bis mich ein Chauffeur in einem vornehmen schwarzen Auto abholte und genau vor der Gangway absetzte.

Mit meinem Surfbrett unter dem Arm lief ich die Stufen hinauf und öffnete die Tür. Es roch so schön nach zu Hause, ein bisschen von Paps’ Rasierwasser lag in der Luft. Aber leider war Paps nicht da, das sah ich sofort. Eines seiner hellblauen Hemden ohne Kragen lag achtlos auf dem Fußboden. Bestimmt hatte er es eilig gehabt, zu einem Geschäftsessen zu kommen. Auf dem Boden entdeckte ich ein großes Blatt Papier, auf das er mit einem dicken roten Folienmarker geschrieben hatte: Call me!!! Oje! Offensichtlich hatte die Internatsleitung inzwischen bemerkt, dass ich abgehauen war, und meinen Vater kontaktiert.

Ich zog mein iPad aus der Umhängetasche, um Paps über Facetime anzurufen. Mist, einundzwanzig entgangene Anrufe! Ich wollte gerade auf den Rückruf-Button drücken, als mein Handy klingelte. Es war – verwundert blickte ich auf das Display. – Nein, das konnte doch nicht sein? – Es war Yolanda! Was hatte mir diese Zicke noch zu sagen?

Sofort drückte ich auf ‚Gespräch annehmen‘.

„Hiii, Skye“, rief Yolanda freundlich, aber sie sah mich vom Display aus an, als könne sie keine Sekunde länger warten, um mir eins auszuwischen.

„Was willst du?“ Mit falschen Freundlichkeiten würde ich mich erst gar nicht aufhalten.

„Also, Skye, dass du es nur weißt, deine ‚Aktion‘ heute …“ Yolanda schrieb auf so eine alberne Art mit beiden Zeigefingern zwei Anführungszeichen in die Luft. „Also, deine ‚Aktion‘ heute wird nicht ohne Folgen bleiben.“ Kurzes Schweigen ihrerseits, dazu bedeutungsvoller Lila-Lidschatten-Augenaufschlag. Wie ich diese Yolanda-Show hasste!

Dann blickte sie mir tief in die Augen und fügte bedauernd hinzu: „Tja, wirklich dumm gelaufen, wirklich. Dafür fliegst du garantiert aus dem Internat.“ Um ihren Mund breitete sich ein gehässiges Grinsen aus. „Jetzt heißt es wohl: bye-bye, Skye.“

Wenn sie mich damit schocken wollte, hatte sie sich geirrt. Mächtig geirrt. „Tja, Yolanda, gar nicht dumm gelaufen. Denn von nun an werde ich ständig fliegen …“ Yolanda sah mich fragend an, aber ich lächelte nur überlegen. So leicht würde ich es ihr nicht machen. Sie würde bitten und betteln müssen, wenn sie mehr von meinen Plänen erfahren wollte. Und wirklich – es funktionierte! Sie rutschte vor dem Monitor unruhig hin und her.

Inzwischen war es ganz dunkel geworden. Ich ging mit dem iPad zum Schaltbord gleich hinter dem Cockpit, legte ein paar schmale Schalter um und die kleinen Deckenstrahler tauchten die Kabine in ein warmes Licht. In mir wurde auch alles warm. Ich war zu Hause! Yolanda konnte mir so was von egal sein. Ihr albernes Getue, ihr rosa Herzteppich, selbst dass sie mir Amelie weggenommen hatte, das alles war jetzt nicht mehr wichtig.

Mein Leben mit Paps würde super werden. Nie mehr musste ich ihn vermissen, denn von nun an würde ich immer bei ihm sein. Ich hatte mir alles schon genau überlegt. Jeden Morgen würden wir zusammen frühstücken. Während Paps den Tisch deckte, würde ich im Flughafen Brötchen oder frisches Brot holen und vielleicht noch ein paar andere Dinge einkaufen, die wir so brauchten. Es war ziemlich praktisch, dass es in den Flughäfen alle möglichen Läden gab. Sogar Apotheken!

Ich war so mit meinen Plänen beschäftigt, dass ich Yolanda auf dem iPad vergessen hatte. Doch jetzt platzte sie vor Neugier: „Nun sag schon, was hast du vor?“

„Dass du es nur weißt“, sagte ich knapp, „ich komme nicht mehr ins Internat zurück, weil ich ab sofort bei meinem Vater wohne. In seinem Firmenjet!“

„Na klar, im Jet.“ Yolanda sah mich an, als ob ich ihr erzählt hätte, ich würde bei Schneewittchen und den sieben Zwergen einziehen. Um ihre Mundwinkel zuckte es, wie immer wenn sie sich über mich lustig machte. Aber das würde sie heute NICHT. Das würde sie NIE MEHR. Dafür würde ich sorgen. Ein für alle Mal!

Ich hatte Paps zwar fest versprochen, anderen nie zu verraten oder zu zeigen, wie wir wohnten, aber jetzt ging es nicht anders. Die blöde Zicke sollte mit eigenen Augen sehen, dass ich ein richtiges Zuhause hatte.

„Yolanda, du kannst dir das natürlich nicht vorstellen, aber ich zeig’s dir.“ Ich drehte das iPad von mir weg, sodass sie die gesamte Kabine sah, mit den sieben großen ovalen Fenstern auf jeder Seite des Gangs. Dann schaute ich sie wieder an. „Noch Fragen?“