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eISBN: 978-3-649-62910-8

© 2018 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

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Inhalt

Fahrrad-Klose

Meine Listen

RICCO

LESYA

Das erste Mal

TANTE LO

Durchsichtig

TANTE SASKIA

MIRKO

VERONIKA SAVELSBERG

FAHRRAD-KLOSE II

Nachwort

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Der Tag, an dem Tante Lo anfing, mit mir zu sprechen, war kein normaler Tag. Es war der letzte Dienstag in den Sommerferien, und es war der Tag, an dem Fahrrad-Klose starb.

Als ich davon erfuhr, versuchte ich natürlich, meinen Schrecken zu verbergen. Denn obwohl ich Lesya seit Wochen geholfen hatte, gedanklich an Kloses Tod zu arbeiten, habe ich natürlich nicht WIRKLICH geglaubt, dass das klappt. Man konnte niemanden mit bloßer Gedankenkraft umbringen. Es war nur ein Spiel, bei dem ich mitmachte, weil ich hoffte und glaubte, dass es Lesya irgendwie guttat.

Beim Frühstück ließ ich mir also nichts anmerken. Ich aß meinen Joghurt und konzentrierte mich darauf, die weichen Kirschen mit der Zunge an meinem Gaumen zu zerdrücken, während mein Herz laut hämmerte. So konnte ich Ma einigermaßen gut zuhören.

Sie erzählte, was sie auf dem Nachhauseweg vom Kindergarten (sie hatte die Zwillinge mal wieder abholen müssen) erfahren hatte: Fahrrad-Klose war vermutlich irgendwann gestern Abend oder in der Nacht in seiner Werkstatt umgefallen und wahrscheinlich auf der Stelle tot gewesen.

Der kleine Simon hatte ihn heute früh gefunden, als er seinen Roller aus der Werkstatt holen wollte, den Fahrrad-Klose für ihn repariert hatte. Simon erzählte seiner Mutter, dass der alte Mann in der Werkstatt ein komisches Kopfkissen hätte und mit offenen Augen schlafen könnte.

Da hat Simons Mutter sofort den Krankenwagen gerufen, denn bestimmt ahnte sie, was passiert war. Schließlich war Fahrrad-Klose schon alt, man konnte damit rechnen, dass er bald mal starb.

Die Sanitäter haben Kloses Kopf von der Schraubzwinge gehoben, auf die er geknallt war, und den Alten dann auf den Boden gelegt. Danach kam ein Arzt, der aber nichts mehr machen konnte, außer Kloses Tod festzustellen. Man legte Fahrrad-Klose in einen Sarg und der Leichenwagen transportierte ihn ab.

Die Zwillinge waren noch klein, sie kamen erst nach den Ferien in die Schule. Sie hatten deshalb noch keine Angst vor dem Tod. Das fängt ja erst an, wenn man älter ist.

Haben wir in Reli gelernt.

Als Ma fertig erzählt hatte, fragte Devid mich nur: »Und wer repariert jetzt unsere Fahrräder?«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich war natürlich nicht ganz bei der Sache. Denn ich musste daran denken, dass ich Lesya gestern Abend aus Kloses Werkstatt hatte kommen sehen. Ausgerechnet gestern Abend. Wo wir dem Alten doch seit Wochen aus dem Weg gegangen waren.

Ich hatte den Müll runtergebracht, als ich sah, wie Lesya die Tür der Werkstatt hinter sich schloss und über die Wiese auf die Türnicher 9 zuging, sich im Gehen noch mal rumdrehte und dann loslief, als hätte sie es plötzlich sehr eilig. Ich rief sie natürlich direkt an, aber sie ging nicht dran. Und später, als die Zwillinge, auf die ich mal wieder aufpassen musste, endlich schliefen, bin ich noch mal zu ihr rüber. Aber sie machte nicht auf. Seitdem fragte ich mich: Was hatte sie bei dem Verräter zu suchen gehabt? Was hatte sie dort gemacht? Ich meine: Was hatte sie dort gemacht?

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Ich stellte den Joghurt auf den Tisch und beschloss, in die Badewanne zu gehen. Das war bei uns in der Wohnung nämlich der einzige Ort, an dem man mal ganz in Ruhe nachdenken konnte.

Ich drehte den Wasserhahn auf, schloss die Badezimmertür hinter mir ab, ließ den Bademantel auf den Boden fallen und legte mich sofort in die Wanne. Ich verteilte Schaum auf meinem Bauch und sah zu, wie der Wasserspiegel um mich herum langsam stieg.

Fahrrad-Klose

Lesya hatte von Anfang an gefunden, es wäre das Beste, wenn Fahrrad-Klose in seiner Werkstatt abkratzte. Da würde so schnell keiner Verdacht schöpfen, und wenn doch, dann kämen viele als Täter infrage, aber garantiert nicht wir beide. Und außerdem hatte alles mit der Werkstatt begonnen. Mit der Werkstatt und dem Bild, das Lesya aufs Tor hatte malen dürfen.

Es würde gut passen, wenn Fahrrad-Klose genau dort starb. Das fand ich auch.

Die Fahrrad-Werkstatt hatte sich der alte Mann, der immer so freundlich tat und allen half und so was wie der selbst ernannte Hausmeister in der Türnicher Straße war, in seiner Garage eingerichtet. Sie lag auf dem Garagenhof III mitten zwischen den anderen 20 Garagen in der ersten Reihe. Hinter den 21 Garagen in der ersten Reihe gab es auf dem Garagenhof III noch 9 weitere Reihen mit je 21 Garagen, insgesamt also 210 Garagen.

210 Garagen allein auf dem Garagenhof III – für alle 3 Hochhäuser in der Türnicher zusammen kam man da auf 630 Garagen. Und mittendrin also die von Fahrrad-Klose. Die knallte so was von! Sie war nämlich die einzige mit einem Tor, das nicht taubenkackeweiß war, sondern regenbogenbunt. Lesya hatte das Tor anmalen dürfen, was, wie Lesya und ich leider zu spät erkannten, nicht nett war von Fahrrad-Klose, sondern eine Falle.

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Nach ihrer Ankunft, als Lesya zu ihrer Tante Saskia in die Türnicher gezogen war, war sie sehr oft bei Fahrrad-Klose in der Werkstatt gewesen. Sie erzählte ihm vom Höhlenmalen und dass sie in der Deutschen Schule in Kiew, die sie früher besucht hatte, eine Wand der Turnhalle mit dem Schullogo hatte bemalen dürfen und dass das bei ihnen zur Kultur gehören würde, dass man die Häuser mit Blumen anmalte, und er, Fahrrad-Klose, interessierte sich sehr dafür. Er schenkte ihr sogar ein Buch, das er billig in der Stadtteilbücherei gekauft hatte, weil die es nicht mehr haben wollten. Einen richtigen Bildband mit dem Titel »Murals & Wallflowers«, in dem lauter junge Frauen vorgestellt wurden, die Graffiti malten, und zwar auf der ganzen Welt, also nicht nur in der Ukraine. Und er schenkte Lesya auch noch diese besonderen Farben, die ganz schön teuer waren. Schwarze und bunte Tinte, mit der man Leder einfärben konnte und die auf Wänden sehr haltbar war. Deshalb hatte sich Leysa besonders viel Mühe für das Verräterschwein gegeben und mit dem Garagenbild so etwas wie Höhlenmalerei für außen gemacht.

Lesya war so was von happy. Weil sie zum ersten Mal was gemalt hatte, das sie sich selbst ausgedacht hatte und das viele Leute sehen konnten. Nicht nur Schüler einer kleinen Schule. Seitdem sagte sie so Sachen wie: »Später werde ich auch Wallflowers machen. Ich werde berühmt. Ich male die ganze Welt an.«

Das war natürlich alles, bevor wir kapierten, dass Fahrrad-Klose ein feiger Rassist war, der sich einen Scheiß für ukrainische Kultur interessierte und nur Angst davor hatte, dass er Ärger bekäme.

Mit seiner Verwandlung hatte aber auch echt niemand rechnen können. Fahrrad-Klose hatte sich ja sogar extra die Erlaubnis bei der Verwaltung für die Garagenmalerei besorgt, weil das eigentlich verboten war und die Verwaltung das Tolle an Höhlenmalereien natürlich nicht kapierte. Fahrrad-Klose hatte der Verwaltung versprechen müssen, das Tor nach spätestens einem Jahr selbst wieder taubenkackeweiß anzustreichen, erst dann durfte Lesya ihr Blätterfahrrad mit dem Vorderrad draufmalen, in dem sich ein Mädchengesicht drehte und um das sich Haare wie Taue wanden.

Das Besondere an diesem Bild waren die Farben.

Die waren einmalig, denn normalerweise malte Lesya ja nur schwarz-weiß. Wegen ihrer Eltern. Und das hatte Fahrrad-Klose, kurz nachdem Lesya das Garagenbild fertiggestellt hatte, auch selbst herausgefunden.

Lesya hatte vielleicht 10 oder 12 Tage nach ihrem Einzug bei Tante Saskia mit dem Garagen-Bild anfangen dürfen. Dann malte sie das ganze Wochenende durch, weil sie dachte, sie würde am Montag mit dem Bus wieder nach Hause fahren. In die Ukraine. Ihr Sprachurlaub war vorbei.

Aber dann ging das nicht, weil Lesyas Eltern doch nicht aus dem Gefängnis raus waren und Tante Saskia meinte, es wäre besser, wenn Lesya noch bliebe. Sie könnte die Sommerferien über auf jeden Fall noch bei ihr wohnen, das Touristenvisum und alles hätte sie ja, das würde sogar noch ganz lange gelten, und sofort fing es an.

Fahrrad-Klose war nett gewesen, solange er dachte, Lesya wäre eine Sprachschülerin, die wieder nach Hause fuhr. Als er mitbekam, dass sie blieb, wurde er fies. Er wollte andauernd mit Tante Saskia sprechen, kreuzte ständig bei Lesya vor der Tür auf, faselte irgendwas davon, dass eine Dreizehnjährige nicht alleine wohnen dürfte, dass er das melden müsste, dass das ja wohl das Letzte wäre, wo denn ihre Eltern wären und so weiter und so fort.

»Ja, im Gefängnis in der Ukraine vielleicht?«, habe ich ihn einmal angeblafft, als er uns wieder nervte.

Aber da hat Lesya mich so angeguckt, dass ich gleich wusste: Besser, Fahrrad-Klose weiß nix.

»Aber die kommen bald wieder raus«, habe ich deshalb schnell hinterhergeschoben, »weil: Die sind berühmte Journalisten und die haben gar nichts gemacht, außer ihre Meinung zu sagen.« Und das stimmte ja auch. Lesya sprach von fast nichts anderem mehr als davon, dass ihre Eltern bald aus dem Gefängnis herauskämen, dass das nur eine Warnung wäre und dass sie dann zurück in die Ukraine fahren würde.

Aber dann bekam Fahrrad-Klose auch noch heraus, dass Lesya in der Wohnung die Wände anmalte.

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Eines Samstagmorgens tauchte er einfach bei ihr vor der Tür auf. Ich war auch da. Er brachte ihr Terpentin, weil sie die Lederfarbe, die er ihr fürs Garagenbild geschenkt hatte, sonst nicht von ihren Händen abbekam. Und er stand im Flur und guckte an ihr vorbei in die Wohnung und sah die schwarz-weißen Höhlenmalereien in Lesyas Zimmer, weil die Tür offen stand, und er fragte, was denn ihre Tante dazu sagen würde und ob Lesya wüsste, dass sie das alles wieder wegmachen müsste, wenn sie auszögen, und er wollte wissen, ob sie dafür etwa auch die schwarze, extra haltbare Lederfarbe genommen hätte. Und als Lesya »Ja, neuerdings schon« sagte, rastete er total aus und fragte, ob sie wüsste, wie teuer das wäre, das wieder abzubekommen, gerade auf den Fensterrahmen und den Türen, und so wäre das natürlich absolut überhaupt nicht gemeint gewesen, dass sie jetzt plötzlich alles anmalen dürfte, nur weil er das mit dem Garagenbild möglich gemacht hätte, und ob das etwa auch zu ihrer Kultur gehören würde und ob ihre Eltern so was auch machen würden und ob sie deshalb im Gefängnis säßen, das wäre ja kriminell, und ob sie eigentlich bescheuert wäre und ob sie den Unterschied zwischen Mein und Dein nicht kennen würde und überhaupt: ob sie denn null Respekt vor anderer Leute Eigentum hätte, weil die Wohnung mit den Wänden und den Fenstern würde ihr doch gar nicht gehören, und er schimpfte mit sich selbst, aber gleichzeitig in Lesyas Richtung, dass man das eben davon hätte, wenn man sich auf Ausländer einlassen würde, und das wäre für ihn das allerletzte Mal gewesen, weil wenn das rauskäme, dann würde die Verwaltung garantiert denken, er hätte sie erst auf die Idee gebracht, und dann müsste er am Ende noch die Renovierungskosten tragen, weil sie ja minderjährig und ihre Tante ja offensichtlich nicht in der Lage wäre, sie anständig zu beaufsichtigen, und er warnte sie, sie solle unbedingt und sofort damit aufhören, sonst.

Bevor er das Sonst näher erklärt hatte, machte er schon weiter. Und dann hielt er Lesya seinen alten Zeigefinger unter die Nase und sagte: »Das muss ich melden.«

Wir machten schnell die Tür zu und schauten uns ängstlich an. Wir wussten nicht, was er damit meinte. Wem wollte er das melden? Und was überhaupt? Dass Lesya die Wände anmalte oder dass sie angeblich alleine wohnte?

Als wir hörten, wie Fahrrad-Klose noch einmal zurückkam, hielten wir uns die Hände vor den Mund, als müssten wir sonst schreien. Fahrrad-Klose rief durch die Tür: »Du bist erst dreizehn. Du bist völlig überfordert! Du gehörst nach Hause! Sag deiner Tante, dass ich sie MORGEN sprechen will.«

Aber das ging nicht.

Morgen wäre Tante Saskia garantiert wieder nicht da. Tante Saskia musste sehr viel arbeiten, damit Lesya und sie über die Runden kamen. Sie war Krankenschwester, aber sie arbeitete nicht im Krankenhaus, sondern in einer anderen Stadt bei einem Anwalt, einem Herrn Flessenkemper, der keine Frau, aber eine alte Mutter hatte, die nicht mehr aufstehen konnte und viel Hilfe brauchte.

Tante Saskia kümmerte sich bei denen um alles. Ums Kochen und Einkaufen und Waschen und Putzen und um die alte Mutter im Bett. Und dafür bezahlte der Anwalt ihr die Wohnung in der Türnicher und alles.

Oft blieb sie auch über Nacht bei dem Anwalt, weil die so viel zu besprechen hatten, denn dieser Anwalt kümmerte sich von Deutschland aus darum, dass Lesyas Eltern freikamen. Da gab es extra Vereine, an die man sich wenden konnte, wenn irgendwas in der Welt ungerecht lief.

Tante Saskia kam also nur ganz selten, um Lesya Geld zu bringen.

Aber das konnten wir Fahrrad-Klose natürlich nicht sagen. Nicht nach diesem Ausraster.

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Er war typisch Rassist. Die wurden fies, wenn die Leute nicht machten, was sie wollten, und beschimpften sie dann als Ausländer mit schlechten Manieren oder so. Dabei malte Lesya die Wohnung nicht an, weil sie eine Ausländerin war, sondern weil sie eine Künstlerin war. Eine ausländische Künstlerin, okay, aber was spielte das denn für eine Rolle?!

Das blickte Fahrrad-Klose natürlich nicht. Er rannte zur Hausverwaltung und verpetzte Lesya. Wir merkten das daran, dass sie einen Brief nach dem anderen bekam. Besser gesagt: Tante Saskia. In den Briefen stand immer dasselbe: Tante Saskia sollte zu einem bestimmten Termin zu Hause sein, damit die Hausverwaltung sich das anschauen kommen könnte, was Fahrrad-Klose gemeldet hatte. Aber Tante Saskia war ja nie da. Sie musste arbeiten. Und immer wenn die Verwaltung kam, machte Lesya nicht auf.

Seitdem hatten wir Angst. Dass die Verwaltung irgendwann die Polizei schickte. Dass Lesya dann zurückgebracht würde in die Ukraine, wo Krieg war und ihre Eltern im Gefängnis saßen. Ab da gingen wir Fahrrad-Klose natürlich aus dem Weg. Wenn wir ihn sahen, versteckten wir uns. Wenn das Tor seiner Garage aufstand, gingen wir einen Umweg. Wir machten uns unsichtbar.

»Ich weiß gar nicht, was der hat. Ich komm doch klar«, hatte Lesya immer gesagt und dabei manchmal sogar mit einem Geldschein gewedelt. »Flessenkemper bezahlt für Tante Saskia die Miete und Tante Saskia legt mir alle 2 Wochen 50 Euro auf den Tisch.«

Damals wusste ich noch nicht, dass das gelogen war. Und deshalb fand ich auch: Lesya kam klar. Wir kamen klar. Und ich dachte: Wenn sie zurück in die Ukraine müsste, wo im Osten Krieg herrschte, da kämen wir nicht mehr klar. Für Lesya wäre das total schlimm und ich hätte keine beste Freundin mehr. Wir mussten also irgendwas tun.

Deshalb versuchten wir, Fahrrad-Klose verschwinden zu lassen. In Gedanken. Wir stellten uns vor, dass er stirbt. Ja. Und wir wünschten es uns. So wie unter der Dusche, wo man sich ja alles Mögliche vorstellen und wünschen kann und wo man immer viel stärker ist als im normalen Leben. Und viel entschlossener. Und viel schlagfertiger. Und alles.

Leider konnten Lesya und ich aus unseren Wohnungen nicht auf den Garagenhof III gucken. Lesya wohnte in der Türnicher 9, ich in der 8 und Fahrrad-Klose in der Türnicher 10. Dazwischen gab es die Wäschewiese und drum herum Gehwegplatten. Keine Chance zu sehen, was sich auf Garagenhof III abspielte. Weil wir aber auch so wussten, dass Fahrrad-Klose die Fahrräder abends ab 8 Uhr reparierte, habe ich von 8 bis 9 und Lesya von 9 bis 10 Uhr daran gedacht. Jeden Abend eine Stunde, 6 Wochen lang, immer schön abwechselnd.

Für das Denken an Fahrrad-Kloses Tod gab es ein Rezept. Lesya hatte es im Internet gefunden, als wir im Selbstlernzentrum an die Computer durften. Das Rezept hieß »So lassen Sie ihn richtig los«, und es enthielt die Anleitung, die wir seitdem befolgten.

Man musste sich flach ausgestreckt aufs Bett oder auf den Boden legen, die Handflächen nach oben zeigen lassen und die Augen zumachen. Dann regelmäßig durch die Nase ein- und wieder ausatmen und dabei immer bis 4 zählen. Wenn man das so lange gemacht hatte, bis man ziemlich ruhig geworden war, stellte man sich zuerst das Gesicht des Menschen vor, den man loslassen wollte, und zwar so lange, bis man das Gefühl hatte, ihn richtig vor sich zu haben. Danach war das Herz des Menschen dran, den man loslassen wollte. Das sollte man sich auch so lange vorstellen, bis man es »förmlich greifen konnte«. Jetzt, und das war schwierig, musste man die Gedanken an das Gesicht und an das Herz bündeln. Im Rezept stand: »Zu einem hellen, heißen Strahl«.

Ich brauchte jedes Mal ziemlich lange, bis ich das mit dem Strahl hinbekam. Sobald ich nach Gesicht und Herz an den Strahl denken sollte, dachte ich an 1000 andere Sachen. Wie funkelnde Sterne gingen die in meinem Gehirn auf und lenkten mich von dem Strahl ab, bevor er überhaupt da war.

Aber wenn ich es dann irgendwann doch geschafft hatte, dann spürte ich, genau wie es im Rezept beschrieben war, den Strahl hinter meiner Stirn brennen und von innen gegen den Punkt mitten zwischen den Augen drücken – so sehr, dass es sogar juckte und ich mich immer sehr anstrengen musste, um nicht hinzufassen. Stattdessen versuchte ich, tief einzuatmen und den Strahl mit der nächsten Ausatmung ins Herz des Menschen, den ich loslassen wollte, also: ins Herz von Fahrrad-Klose zu schießen.

Sobald der Strahl sein Ziel getroffen hatte, musste ich wieder von vorn anfangen, mich konzentrieren, atmen, den nächsten Strahl bündeln und abfeuern. Und dann wieder von vorn und immer so weiter, eine ganze Stunde lang.

»Loslassen ist nur ein anderes Wort für umbringen oder töten«, hatte Lesya erklärt.

Ich fand das einleuchtend und sowieso das ganze Rezept eine gute Idee. Trotzdem verteidigte Lesya den Plan, als ob ich was dagegen gesagt hätte oder an irgendwas zweifeln würde. Jedenfalls guckte sie so. Denn Lesya sprach zu der Zeit nicht viel. Wegen dem Akzent, den sie hat, dachte ich. Sie verteidigte den Plan also mit ihren Augen und mit ihrem ganzen Körper, indem sie die Schultern ganz hoch zu den Ohren zog und die Augen aufriss und die Handflächen nach oben drehte und Iss so dazu nickte.

Und ich sprach aus, was ich in ihren Augen las. »Du meinst: Iss so?! Das Opfer würde sowieso sterben?!«

Lesya iss so nickte.

»Weil: Fahrrad-Klose ist schon uralt?!«

Lesya iss so nickte.

»Und bestimmt hat er auch was am Herzen, so mies, wie der ist?! Mit dem Rezept geht’s nur schneller?!«

Lesya iss so nickte.

Und ich kam mir vor wie ein verdammtes Genie. Also setzte ich noch einen drauf: »Loslassen ist also Sterbehilfe.«

Das gefiel Lesya sehr gut. Sie schlang die Arme um meinen Hals, küsste mich mitten auf den Mund und sagte: »Moya doroga.« Das war Ukrainisch und hieß »Mein Schatz«.

Das machten wir immer so: auf den Mund küssen und »Moya doroga« sagen.

Immer, seitdem ich das erste Mal bei Lesya übernachtet hatte und wir die Matratzen, die im Wohnzimmer eigentlich die Rückenlehnen vom Sofa waren, auf den Boden gelegt hatten, damit wir nebeneinanderliegen und zusammen aus der Balkontür den Mond anstarren konnten. Es war zufälligerweise Vollmond gewesen, und als Lesya das sah, holte sie zwei kleine Gläser, in die sie Wodka schüttete, und meinte, bei Vollmond muss man feiern. Ich trank meinen ersten Wodka und Lesya küsste mich mitten auf den Mund und sagte: »Moya doroga.«

Die anderen Mädels aus der Sechsten küssten sich ja links und rechts auf die Wangen, wir küssten uns auf den Mund. Vor allen anderen und stolz. Auch daran merkte man, dass wir älter waren als Evy, Arzu, Jasmina und Ruby und alle anderen.

Wir gehörten nicht zu denen.

Wir gehörten nicht in die 6 c.

Das hatte ich von Anfang an gewusst, als ich nach der Sechsten im Gymnasium noch mal in die Sechste auf die Gesamtschule musste, weil ich auf dem Gymnasium plötzlich so schlecht geworden war, dass Frau Körber am Ende der 6 alles gemacht hatte, um mir den Platz an der Gesamtschule zu besorgen.

Alleine irgendwo nicht dazuzugehören ist Scheiße, weil man denkt, es stimmt irgendwas nicht mit einem. Man fühlt sich wie ein Puzzleteil, das aus Versehen in den falschen Karton geräumt wurde und das schon ganz staubig ist, weil einen irgendwann niemand mehr rausnimmt aus dem Karton, um auch nur auszuprobieren, ob man irgendwo dranpasst. Man hat eine gepunktete Rückseite, während alle anderen Streifen haben.

Und irgendwann hat es auch der Letzte kapiert, dass man aus einem anderen Karton ist.

Zusammen mit Lesya irgendwo nicht dazuzugehören war genau das Gegenteil von schlimm. Man war auf einmal die Hälfte von einem Ganzen, das wie selbstverständlich zusammengehört, und die anderen waren immer noch dieselben blöden Puzzleteile, die andauernd hektisch rumprobieren mussten, an welcher Stelle sie denn wohl ins Bild passten. Mit Lesya waren die Punkte auf dem Rücken was Besonderes. Ich fühlte mich richtig, zum ersten Mal seit langer Zeit: richtig.

Erst fand ich das mit dem auf den Mund Küssen natürlich seltsam, weil das noch nie einer bei mir gemacht hatte. Selbst Ma küsste mich nicht auf den Mund. Und ich hab auch nur mitgespielt, weil Lesya meinte, das machten bei ihr zu Hause alle Mädchen. Also war das eine ukrainische Sitte, und die Sitten von anderen soll man ja gut finden oder zumindest nicht von Anfang an scheiße, nur weil sie anders sind.

Und dann haben wir das immer gemacht. Schon am nächsten Tag, als ich nach Hause bin, haben wir uns zum Abschied auf den Mund geküsst. Oder besser gesagt, Lesya hat mich auf den Mund geküsst. Sie legte ihre Hände auf meine Schultern, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste mich auf den Mund.

Als ich auf den Aufzug wartete, habe ich mir über die Lippen geleckt, und das schmeckte dann nicht nach Wodka, sondern nach Kascha mit Butter und Milch, obwohl ich ja gar nicht gefrühstückt hatte. Moya doroga.

Irgendwann küssten wir uns auch so gegenseitig auf den Mund, zwischendurch, wenn was besonders gut war oder so. So wie jetzt. Jetzt war das neue Wort gut: Sterbehilfe. Das war wirklich ein ziemlich guter Ausdruck für das, was wir gemacht hatten.

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Denn wahrscheinlich wollte Fahrrad-Klose sowieso sterben und fand sein Leben nicht mehr lebenswert, weil er ein Verräter war. Warum stand er sonst jeden Abend im kettenölverschmierten Overall in seiner Werkstatt herum und reparierte die Räder, die ihm die Bewohner der Türnicher brachten? Und auch sonst alles: Wasserkocher, Dosenöffner, Lampen. Und zwar umsonst. Er nahm kein Geld dafür, obwohl er es bestimmt brauchen konnte!

Es gab nur eine Erklärung: Er wünschte sich, er könnte damit etwas gutmachen, damit er doch noch in den Himmel käme oder so! Denn dass er da hinwollte, stand fest. An einer Wand in seiner Werkstatt hing ein Kreuz mit Jesus dran und an einer anderen ein großes Poster, auf dem ein halb nackter Mann mit Tuch um die Hüften auf einer Wolke saß. Drüber stand: »Das Beste wartet im Himmel.«

Vielleicht dachte Fahrrad-Klose, Rassist sein und Leute verraten wäre kein Problem für eine Zukunft im Himmel, wenn er nur ordentlich Zeugs reparierte. Vielleicht dachte er, das wäre so was wie Beichte oder Buße.

Das hatten wir auch in Reli gelernt, dass das bei den Katholischen so funktionierte. Sie konnten egal welchen Mist machen, Leute belügen und bestehlen und gegen die ganzen Gebote verstoßen, die es gibt, und dann sagen, dass es ihnen leidtut. Dann büßen sie irgendwie und dann wird ihnen von Gott verziehen.

Ganz praktisch, fand ich, allerdings nur für Idioten. So was kann man doch nicht ernsthaft glauben!

Wer weiß, wen Fahrrad-Klose in seinem Leben schon alles verraten hatte, weil er das glaubte.

Die alte Frau Heisterkamp zum Beispiel würde bestimmt gerne noch hier leben. Sie würde wahrscheinlich überhaupt noch gerne leben. Aber Fahrrad-Klose hatte sie der Verwaltung gemeldet, weil sie den Müll nicht mehr runtergebracht, sondern in Tüten auf den Balkon geworfen hat. Na und? Ist doch ihre Sache!

Ricco, der Idiot, fand das natürlich richtig, was Fahrrad-Klose machte. Er meinte, ohne Leute wie Klose würde aus der Türnicher ein Getto, wo die Leute ihren Müll vom Balkon runterwerfen würden. Als ob die alte Frau Heisterkamp den Müll runtergeworfen hätte. Sie hat ihn auf den Balkon gestellt, weil sie nicht mehr so oft rausging. Aber Ricco meinte, es wäre gut, dass Fahrrad-Klose aufpasste, dass hier nicht jeder machte, was er wollte. Und dass es dafür schließlich die Hausordnung gäbe.

Das muss man sich mal vorstellen. Ausgerechnet Ricco hat das gesagt!

Als Frau Heisterkamp abgeholt wurde, hat sie ganz schlimm geweint und Fahrrad-Klose angebrüllt. Ist doch klar. Wer will schon in einem Altenheim wohnen und dann noch in dem überm Rewe mit nur Beton drum herum. Oder in sonst einem Heim. Niemand! Auch Frau Heisterkamp nicht. Sie ist 3 Tage, nachdem sie ins Heim überm Rewe gebracht worden war, gestorben. Nur wegen Fahrrad-Klose, dem Verräterschwein. Und weil er das dann wahrscheinlich auch kapiert und sich wieder Sorgen gemacht hat, ob er jetzt noch in seinen katholischen Himmel kommt, da hat er dem Sohn von Frau Heisterkamp – der sich vorher null um seine Mutter gekümmert hat, der Idiot –, geholfen, die Wohnung von Frau Heisterkamp auszuräumen. Umsonst.

Wir fanden, so konnte man das nicht machen. Jedenfalls nicht mit uns. Oder mit Lesya. Man konnte kein Rassist und Verräter sein und das durch irgendwelche Gefallen, die man den Leuten tat, wieder wettmachen. Oder umgekehrt. Erst nett sein und einem einen Gefallen tun, wie zum Beispiel das Garagentor anmalen lassen und Farbe schenken, und dann ein Schwein sein.

Bevor ich Lesya kennenlernte, habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, wieso Fahrrad-Klose das mit dem Helfen machte. Ich habe das einfach so hingenommen, weil Ma und alle anderen Fahrrad-Klose immer den guten Geist von der Türnicher genannt haben.

Ich war daran gewöhnt, dass ich ihm mein Fahrrad bringen konnte, wenn es platt war, oder meine Inliner, wenn die klemmten, weil ich mit ihnen durch den Sandkasten gelaufen war.

Seitdem wir in der Türnicher wohnten, also seit über 5 Jahren, war das einfach immer so gewesen.

Aber durch Lesya wurden mir die Augen geöffnet. Der wahre Grund fürs Helfen war sein schlechtes Gewissen. Sein schlechtes Gewissen wegen dem ewigen Verrat.

Meine Listen

Noch hatte niemand an die Tür geklopft, weil er ins Badezimmer wollte. Ich tauchte mit dem Kopf kurz unter, dann schäumte ich mir die Haare ein.

Ich hatte immer gern über den Tod von Fahrrad-Klose nachgedacht. Dann wäre Ruhe, nahm ich an. Und wir müssten nicht andauernd Angst davor haben, dass die Polizei käme, weil Lesya so gut wie alleine wohnte und die Wände anmalte, und deshalb wieder in die Ukraine geschickt würde.

Aber ich dachte nicht nur über Fahrrad-Kloses Tod nach. Ich dachte über alles Mögliche gerne nach. Auch über komplizierte Sachen und Probleme, von denen man ein unordentliches Gehirn bekam, weil die Gedanken durcheinanderflogen. Dann machte ich Listen. So behielt ich in meinem Gehirn den Überblick. Auf die Listen schrieb ich alles, worüber ich nachdachte. Alles und am liebsten von 1 bis 10.

Das war gar nicht so einfach. Oft waren meine Listen löchrig oder zu kurz oder auch zu lang. Aber oft waren sie ziemlich genial und gingen genau von 1 bis 10. Also genau wie die 10 Gebote, die auch nichts anderes als eine Liste waren. Eine Liste von vor 2000 Jahren, mit den 10 wichtigsten Sachen, die man damals beachten musste, damit man keinen Stress mit sich oder anderen bekam.

Liste mit 10 Geboten von vor 2000 Jahren (abgeschrieben aus dem Relibuch)

1. Gebot

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

2. Gebot

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.

3. Gebot

Du sollst den Feiertag heiligen.

4. Gebot

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

5. Gebot

Du sollst nicht töten.

6. Gebot

Du sollst nicht ehebrechen.

7. Gebot

Du sollst nicht stehlen.

8. Gebot

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

9. Gebot

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

10. Gebot

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.