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Für Pepijn, Jommie, Sophia und Räuber

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ISBN 978-3-649-62502-5

© 2017 für die deutschsprachige Ausgabe

www.coppenrath.de

Das Printbuch erscheint unter der ISBN 978-3-649-62502-5.

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Inhalt

Alle GUTEN DINGE FANGEN mit P an.

DIE UMGEKEHRTE WAHRHEIT ÜBER DAS Gernhaben UND Sich-Kümmern

DINGE, ÜBER DIE SICH MEINE Eltern STREITEN KÖNNEN

WAS ICH BISHER GELERNT HABE über ZEIT

Mein LEBENSLAUF

Meine Mutter

SELTSAM

WAS ICH BISHER GELERNT HABE über GEFÜHLE

Tessa

Mein Vater

Poppy

Dorris

Unser GEPÄCK

Meine PERSÖNLICHE TOP-TEN-LISTE DER supertollen Sachen

WAS ICH GELERNT HABE ÜBER PILZE

WIE DU EINEN JUNGEN ZUM REDEN BRINGST

Die VERSCHIEDENEN TYPEN von KÜSSERN

Meine ORDENTLICHER-KLEIDERSCHRANK-THEORIE

Phine

Ode AN DAS RINGELSHIRT

POPPY Meine ANZIEHPUPPE

Tim

WARUM EIN eigenes PFERD FÜR EIN 12-jähriges MÄDCHEN EINE großartige IDEE IST

AMEN ZUSAMMEN!

WIE MAN EIN PFERD TRAINIERT (auf natürliche Weise!)

KRIBBELN vs. Jucken

WAS ICH BISHER GELERNT HABE übers MEDITIEREN

Die Autorin

Alle GUTEN DINGE FANGEN mit P an.

1.

Papier, Pinsel, Popcorn und Pferde. Und zufällig auch mein Name: Pippa.

2.

Ich heiße also Pippa. Das kommt von Philippa, was Pferdenärrin bedeutet. Meine Mutter liebt schon ihr Leben lang Pferde und Pippi Langstrumpf liebt sie ebenso.

Ich bin Pippa – doch wer ich wirklich bin, das weiß ich nicht.

3.

Was ich wohl über mich weiß: Ich bin …

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4.

Die Tatsache, dass ich eine gespaltene Persönlichkeit habe, macht es auch nicht gerade leichter herauszufinden, wer ich eigentlich bin. Während der Woche wohne ich nämlich bei meiner Mutter und unseren Pferden auf einem ziemlich heruntergekommenen Bauernhof, irgendwo weit hinter Hintertupfingen auf dem platten Land, wo ständig das WLAN ausfällt.

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Am Wochenende wohne ich dagegen bei meinem Vater in einem schicken Appartement im „Weißweinreservat“ – im teuersten Viertel der Großstadt A. Wochentags sammle ich also frische Pferdeäpfel ein und am Wochenende trinke ich frischen Chai Latte bei Starbucks. Nur so als Beispiel.

5.

Ich bin zwei verschiedene Menschen. Mit verschiedenen Dingen, die ich toll finde. Mit verschiedenen Klamotten. Mit verschiedenen besten Freundinnen. Und sogar mit verschiedenen Lachen! Am Wochenende lache ich öfter und höher, glaube ich. Während der Woche lache ich weniger oft, aber tiefer.

6.

Um bei mir selbst nicht den Überblick zu verlieren, schreibe ich dieses Tagebuch. Oder vielmehr: mein Journal. Es hilft mir, mich in dem gnadenlosen Chaos zurechtzufinden, das meine Eltern aus meinem Leben gemacht haben und in dem ich jetzt meinen eigenen Weg finden muss. Als wäre das so einfach!

Meistens schreibe ich sonntagabends, wenn ich aus der Stadt zurückgekommen bin. Meine Gedanken sind dann noch nicht wieder zu Hause, die kommen erst etwas später an. Sie liegen noch irgendwo rum bei den Grachten in A., wo mein Vater wohnt, oder bei Phine, meiner besten Stadt-Freundin.

Das finde ich am schwierigsten am Geschieden-Sein meiner Eltern: das Weggehen und wieder nach Hause kommen. Und auch umgekehrt. Zwei Mal die Woche, immer wieder. Schreiben und Zeichnen beruhigt mich dann immer ein bisschen. In meinem Journal hab ich meine eigene Welt.

Mein SCHREIB-& Zeichen-Ritual

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7. WAS MAN ÜBER MICH WISSEN SOLLTE:

image Ich bin 12.

image Ich will immer gern alles verstehen.

image Ich habe zwei Leben, eins bei meinem Vater und eins bei meiner Mutter.

image Ich habe zwei beste Freundinnen: Dorris auf dem Land und Phine in der Stadt.

image Ich fühle mich bei Pferden immer wohl.

image Ich kann nicht ohne mein Journal, das nehme ich überallhin mit.

image Ich hasse Brot. Wahrscheinlich habe ich einfach nicht genug Spucke, um das runterzukriegen.

image Ich nehme nicht gern Abschied. Schwierig, wenn man das zwei Mal pro Woche tun muss!

image Ich habe noch nie jemanden geküsst (mit Zunge).

WAS MAN NICHT ÜBER MICH ZU WISSEN BRAUCHT:

image Schule fällt mir leicht. (Der Unterricht, meine ich – alles davor, dazwischen oder danach fällt mir umso schwerer.)

image Mein zweiter Zeh ist länger als mein großer Zeh. (Wie heißt der zweite Zeh eigentlich? Zeigezeh?)

image Ich bin gegen nichts allergisch, ich esse alles – Gluten und Nüsse und Milch. Wenn es sein muss, auch alles durcheinander. Und Bienen dürfen mich ruhig stechen.

image Ich lese immer noch gern Donald Duck.

image Ich habe noch nie jemanden geküsst (mit Zunge).

SCHLECHTE ANGEWOHNHEIT: Ich rieche an allem!

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8.

Meine Schwester, die ich wirklich unheimlich gernhabe, heißt Poppy. Sie ist fast sieben und extrem süß. Immer schon gewesen. Sie riecht total gut. Nachts krieche ich oft zu ihr ins Bett und dann schnüffle ich an ihrem Nacken. Wie ich es auch bei Pferden mache. Pferde riechen nämlich auch gut.

Poppy riecht ganz leicht nach Poppy, und sie findet es nicht schlimm, wenn ich an ihr schnüffle.

Eine Weile bin ich zu so einer Frau gegangen, um mit ihr über die Scheidung unserer Eltern zu sprechen. Sie hieß Elsbeth und war Psychologin. Meine Mutter meinte, das könnte mir helfen. Rausgeworfenes Geld, fand mein Vater. Ich wollte gern an Elsbeths Nacken riechen, aber es wäre seltsam gewesen, wenn ich darum gebeten hätte, also habe ich es lieber gelassen. Wahrscheinlich hätten sie mich sonst jahrelang eingesperrt. Stattdessen habe ich mich vorbildlich benommen und gesagt, ich würde sowohl meinen Vater als auch meine Mutter verstehen.

Aber genau das ist das Problem: Ich verstehe meinen Vater und ich verstehe meine Mutter. Bei meinem Vater in der Stadt bin ich darum sogar jemand anders als bei meiner Mutter auf dem Land. So gut verstehe ich sie. Ich kann mich durch ihre Augen sehen – und dann weiß ich, was sie von mir erwarten.

9.

Es ist nicht so einfach, meine Eltern gernzuhaben. Mein Vater ist ein bisschen bockig und oft schlecht gelaunt, und alles muss genau so laufen, wie er es will. Meine Mutter ist nachgiebiger, aber das liegt vor allem daran, dass sie eigentlich nie ganz da ist. Ihre Aufmerksamkeit ist immer woanders. Selbst wenn sie einen anschaut, scheint ihr Blick ständig zurück in ihren eigenen Kopf zu wandern.

Trotzdem sind sie meine Eltern. Alle beide gleich viel. Sie sind geschieden, aber ich will mich nicht zwischen ihnen entscheiden. Darum habe ich mir jetzt einfach einen neuen Nachnamen zugelegt. Mein Vater heißt Olivier Herzberg und meine Mutter Katja van Loewen. Ich habe ihre Namen in der Mitte zerteilt, von beiden die Hälfte genommen und nenne mich jetzt: Pippa Loewenherz. Ich glaube, das ist ein schöner Anfang für die Suche nach mir selbst.

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10.

Meine Mutter kann besser mit Tieren umgehen als mit Menschen. Das sagt sie selbst. Sie ist Künstlerin – aber das darf man nicht Beruf nennen, wenn man kaum was damit verdient (sagt mein Vater). Und sie arbeitet mit Pferden – aber das darf man nicht Arbeit nennen, solange sie Spaß daran hat (sagt meine Mutter).

Mein Vater mag lieber Zahlen als Wörter. Zahlen sind klar. Er ist Zahnarzt und fährt einen dicken Landrover Discovery – was natürlich kompletter Unsinn ist, wenn man in der Stadt wohnt (sagt meine Mutter).

11.

Mein Vater hat wieder geheiratet. Tessa ist meine Stiefmutter, aber weil sie nur bio isst, nenne ich sie zum Spaß meine biologische Mutter. Niemand findet das witzig – sie nicht, mein Vater nicht und meine Mutter auch nicht. Nur meine kleine liebe Schwester findet es lustig, weil sie all meine Witze lustig findet. Sie bewundert mich. Und weil sie mich bewundert, liebe ich sie so … nein, das ist nicht ganz wahr. Das gehört zu den Sachen, die ich zum Beispiel herausfinden muss.

LIEBE ICH MEINE SCHWESTER, WEIL SIE

image meine Schwester ist und es sich gehört, seine Schwester zu lieben?

image mich bewundert und es mir darum leichtfällt, sie zu lieben?

image als Einzige immer bei mir ist? Wir sind sowohl in der Woche als auch am Wochenende zusammen. Wir werden nie getrennt.

image oder weil einfach alle sie lieben? Das ist nämlich wirklich so!

12.

Hugo, das neue Baby von meinem Vater und Tessa, ist mein Halbbruder.

Er ist fast ein Jahr alt und meist total niedlich. Wenn man ihn sich so anschaut, ist da nichts Halbes an ihm. Natürlich ist er klein, aber das kommt daher, weil er ein Baby ist. Und als Baby ist er ganz.

Komplett mit allem, was dazugehört.

Trotzdem ist er kein ganzer kleiner Bruder. Das liegt nicht an ihm. Das liegt auch nicht daran, dass ich ihn nur am Wochenende sehe.

Das liegt vor allem an Tessa, die ihn mir immer schnell aus den Armen nimmt, wenn ich ihn gerade hin und her wiege.

Wenn ich ihn gerade fürchterlich zum Lachen bringe, sagt sie, er müsse jetzt baden.

Und sie bringt ihn wieder in sein Bettchen, wenn ich ihn morgens zu mir geholt habe, weil er geweint hatte – obwohl er danach ganz zufrieden neben mir gelegen hat.

Vielleicht wird er ja irgendwann mein ganzer kleiner Bruder, wenn ich ihn ganz gern haben darf.

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DIE UMGEKEHRTE WAHRHEIT ÜBER DAS Gernhaben UND Sich-Kümmern

Ich dachte immer, es wäre so: Man hat zum Beispiel Pflanzen gern – darum kümmert man sich um sie. Klingt logisch:

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Aber jetzt habe ich entdeckt, dass das Umgekehrte mindestens genauso wahr ist und vielleicht sogar noch wahrer: Man fängt an, etwas oder jemanden gernzuhaben, wenn man sich darum kümmert!

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andere Beispiele:

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13. NOCH MEHR BEISPIELE FÜR DIE UMGEKEHRTE WAHRHEIT:

Ich finde mein Zimmer blöd, wenn es dort unordentlich ist. Habe ich mich aber endlich dazu durchgerungen aufzuräumen, weil:

a) ich mich langweile (kommt selten vor),

b) ich einen plötzlichen Anfall von Hyperaktivität bekomme,

c) mir eine Strafe droht (bei meinem Vater),

d) ich einen ekligen Geruch wahrnehme (bei meiner Mutter), dann gefällt mir mein Zimmer viel besser, und ich habe es wieder gern. Es war also nicht so: Oh, du tolles Zimmer, ich liebe dich so sehr und darum räume ich dich jetzt schön auf! Sondern so: Mann, du beknacktes Zimmer, in dem ich überhaupt nicht sein will, ich vergeude meine Zeit mit dir und räume dich auf, obwohl ich null Lust dazu habe. Und danach, plötzlich: Oh, du tolles Zimmer!

SCHLUSSFOLGERUNG: Wenn man jemanden oder etwas lieben will, muss man sich darum kümmern. Darum lieben alle Leute Babys, glaube ich. Und darum gelingt es mir nur halb, Hugo zu lieben: Weil ich mich nicht ganz um ihn kümmern darf.

Und klar, es ist natürlich nervig, dass Hugo ungefähr die Hälfte der Aufmerksamkeit meines Vaters und noch mehr von Tessas Aufmerksamkeit fordert. Bevor er geboren wurde, hatten sie jede Menge Zeit für uns. Jetzt muss ein Schnuller, der auf den Boden gefallen ist, sofort aufgehoben werden, auch wenn ich gerade etwas erzähle. Jetzt müssen wir aufhören zu singen, wenn Hugo ins Bett geht. Solche Sachen. Jetzt ist Hugo immer wichtiger.

14.
ÜBER DEN UNTERSCHIED VON SCHEIDUNGEN UND KAMPFSCHEIDUNGEN

Meine Eltern sind geschieden, aber nicht auf die normale Weise:

image Sie streiten sich immer noch. (Ich dachte eigentlich, eine Scheidung wäre gerade die Lösung, um keinen Streit mehr zu haben.)

image Sie sprechen möglichst wenig miteinander.

image Sie sprechen möglichst viel übereinander: gemein, abfällig, spöttisch und rechthaberisch.

Sie machen alles, was sie einander versprochen hatten, nie zu tun. Es ist eine total miese Kampfscheidung geworden.

Ich bin Spezialistin für (Kampf-)Scheidungen – und das hier sind die Unterschiede:

SCHEIDUNG

Während einer Scheidung sind deine Eltern pupsfreundlich zueinander. So freundlich, dass du ab und an meinst, sie kämen doch wieder zusammen. Aber da muss ich dich (und übrigens auch mich selbst) enttäuschen. Eine Scheidung ist ECHT.

KAMPFSCHEIDUNG

Jede Scheidung kann nach einer Weile in eine Kampfscheidung ausarten. Ich will hier nicht total negativ rüberkommen, aber darauf solltest du besser vorbereitet sein. Dann kann es später vielleicht doch gar nicht so schlimm werden. Im günstigsten Fall kann eine Kampfscheidung aber natürlich auch immer in eine faire Scheidung übergehen.

WAS ICH BISHER GELERNT HABE: Wenn Menschen zusammen sind, teilen sie alles – bei einer Scheidung wird darum alles wieder anständig getrennt. Bei einer Kampfscheidung sind Eltern jedoch weiterhin im Kampf miteinander verbunden.

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* Jemand mit einer psychischen Störung – wirkt sich unter anderem durch einen krankhaften Ordnungsfimmel aus.

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DINGE, ÜBER DIE SICH MEINE Eltern STREITEN KÖNNEN

{Hast du ein wenig Zeit?}

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15.
DIE REIHENFOLGE DER EINKÄUFE AUF DEM FLIESSBAND AN DER SUPERMARKTKASSE

Sogar etwas so Unwichtiges wie die Reihenfolge der Einkäufe auf dem Fließband an der Kasse kann wichtig werden. Bei meinen Eltern ist das vor ihrer Scheidung immer in eine richtige Schimpfkanonade ausgeartet. So eine laute, die sich der ganze Supermarkt mit offenem Mund anhört, während ich versuche, alles superschnell richtig hinzulegen.

Mein Vater geht das nämlich wissenschaftlich an: Alle schweren Sachen müssen zuerst aufs Band, damit sie unten in die Tasche gepackt werden, und die weichen Waren müssen obendrauf. Klingt logisch. Aber er will außerdem, dass alles, was in den Kühlschrank gehört, zusammen in eine Tasche kommt. Weil:

a) die kalten Produkte sich dann gegenseitig kühlen,

b) hat man es eilig, muss man erst mal nur die kalte Tasche auspacken, um die Sachen in den Kühlschrank zu stellen.

Meine Mutter dagegen pfeffert alles einfach irgendwie aufs Fließband und danach querbeet in einen Karton. Und wenn man nicht aufpasst, schmeißt sie auch noch die Einkäufe von demjenigen vor oder hinter uns mit hinein.

Als mein Vater einmal sah, wie eine Banane langsam von einer Dose Erbsen zerquetscht wurde, schüttelte er wild den Kopf und rief so laut „Pass auf, pass auf, lass das sein!“, dass der gesamte Supermarkt in Panik geriet. Alle dachten, dass es einen Terroranschlag gab. Ja, der Täter war eine Dose Erbsen, das Opfer eine unschuldige Banane!

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DAS AUFHÄNGEN DER KLOPAPIERROLLE

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Abb. A

Das Aufhängen der Klopapierrolle war auch so eine Sache bei uns zu Hause. Ja, wirklich, die Art und Weise, wie man sie aufhängt, scheint wichtig zu sein! Mein Vater will unbedingt, dass sich die Rolle von oben abreißen lässt, damit das Papier, mit dem man sich abputzt, nicht erst an der Wand vorbeigezogen wird. Natürlich kommt es trotzdem an der Wand vorbei. Aber nun gut.

Meine Mutter achtet beim Aufhängen nicht darauf, und die Klopapierrolle hat somit eine Chance von 50 Prozent, korrekt im Halter zu landen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie falsch herum aufgehängt wird, beträgt ebenfalls 50 Prozent. Wenn mein Vater dazu etwas sagte, explodierte meine Mutter.

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Abb. B

Aus ihrem Mund kamen dann Wörter, die überhaupt nichts mit Klopapierrollen zu tun hatten: Sie rief etwas über einen Krieg (denn leider ist ja immer irgendwo auf der Welt Krieg), der viel schlimmer sei als eine umgekehrte Rolle Toilettenpapier und wie mein Vater sich um Himmels willen darüber aufregen könne.

Aber genau so entstehen Kriege: Indem man wegen einer Überzeugung, die man sich selbst ausgedacht hat, total heftig reagiert. Vielleicht haben alle Kriege ja so angefangen – mit Streit über Klopapierrollen, die man von oben oder von unten abreißt.

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DARÜBER, WIE SPÄT WIR SONNTAGS ABGEHOLT WERDEN

Meine Mutter will, dass wir nach dem Wochenende bei meinem Vater um 17 Uhr wieder zurück sind. Damit wir zusammen essen und rechtzeitig ins Bett gehen können, denn am nächsten Tag müssen wir wieder zur Schule. Mein Vater will, dass wir bis 18 Uhr bei ihm bleiben, weil – und dann folgt eine komplizierte Berechnung, die ihm viel bedeutet – eine Woche aus 168 Stunden besteht. Wenn wir bis 18 Uhr bei ihm wären, hätte er uns von Freitag, 16 Uhr, bis Sonntag, 18 Uhr = 50 Stunden, das entspräche dann genau 30 Prozent der Woche. 49 Stunden sind nicht 30 Prozent, sondern etwas weniger.

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Meine Mutter hat diese Runde gewonnen, und man sollte meinen, sie würde uns deshalb rechtzeitig abholen. Aber nein, sie kommt nie pünktlich, also auch jetzt nicht! Mein Vater implodiert dann. Man sieht es an seinem knallroten Gesicht und seinen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffenen Augen. Er saugt irgendwie den ganzen Sauerstoff aus dem Auto – und ich traue mich kaum noch zu atmen.

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WO WIR ABGEHOLT WERDEN

Weil es schon so viel Theater wegen der Abholzeit gegeben hat, sollte wenigstens die Fahrtzeit gerecht verteilt werden. Fand mein Vater. Er hat ausgerechnet, dass die Hälfte der Strecke zwischen seiner Wohnung und dem Bauernhof meiner Mutter genau beim Kilometerpfahl 84,5 auf dem Deich ist. Dort wollte er uns absetzen, was seiner Meinung nach auch ausgezeichnet funktionieren würde, wenn meine Mutter nur pünktlich wäre. Darin bestehe eben die Sch nheit von Vereinbarungen, sagte er.

Meine Mutter fing laut an zu lachen: „Das kannst du nicht ernst meinen!“

Das Gesicht meines Vaters verändert sich in solchen Momenten zu einer Zitrone. „Und ob ich das ernst meine! Was ist daran nun schon wieder so furchtbar witzig?“

„Man kann Kinder nicht auf dem Seitenstreifen absetzen“, sagte meine Mutter.

Einen halben Kilometer entfernt ist eine Tankstelle. Jetzt warten wir also immer an der Texaco-Tankstelle in B. auf dem Deich. Dort werden wir wie illegale Schmuggelware vom einen Auto ins andere geladen, samt unseren Reisetaschen und samt Fluffy, Poppys unpraktisch großem Kuschelhund.

B. ist übrigens der kleinste bewohnte Ort der Niederlande und zählt nur vier Einwohner. Die würde ich gern mal kennenlernen. Haben sie jeder ein eigenes Haus? Oder wohnen sie alle zusammen in einem?

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ZEIT IM ALLGEMEINEN

Mein Vater ist immer absolut pünktlich und meine Mutter ist immer zu spät. Käme mein Vater „pünktlich“ eine Viertelstunde zu spät, gäbe es kein Problem. Aber so geht er jeden Freitagnachmittag eine Viertelstunde lang rastlos auf und ab – und am Sonntag, wenn er uns zurückbringt und meine Mutter wie immer noch nicht am Treffpunkt ist, flucht er leise vor sich hin.

16.

Ich werde versuchen, kurz zu erklären, wie es bei meinen Eltern so weit kommen konnte, dass sie sich scheiden ließen. Teilweise weiß ich das vom Hörensagen und teilweise habe ich es selbst erlebt.

Mein Vater und meine Mutter haben sich natürlich nicht immer gehasst. Ganz im Gegenteil. Sie fanden einander großartig!

Mein Vater fand, meine Mutter sei das Schönste, was er jemals gesehen hatte. Sie ging zur Kunstakademie und lachte immer mit ihrem ganzen Gesicht. Er bewunderte sie. Sie ließ sich gern bewundern. Mein Vater war ein kluger Mann. Intelligent und sehr charmant. Er hielt ihr die Tür auf, was sie zum Kichern brachte. Er ließ sie abends nicht allein gehen, sondern begleitete sie nach Hause. Unterwegs zeigten sie einander Dinge, die ihnen nie zuvor aufgefallen waren: Er wusste, wie alt die Häuser waren. Sie sah an der Art und Weise, wie ein Fahrrad gegen eine Fassade geschmissen worden war, dass jemand ins Haus gerannt war, um sich in die Arme seiner Freundin zu stürzen. Junge Liebe in Eile. Das sah meine Mutter an einem umgefallenen Fahrrad.

WAS ICH BISHER GELERNT HABE über ZEIT

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EINE SEKUNDE IST EIN REGENTROPFEN.

Wenn es feste regnet, spürt man die Zeit:

- wie viel Zeit es gibt - wie schnell die Ze it vorbeigeht und

- wie Dinge gleichZEITIG geschehen.

EINE MINUTE IST EIN PFEFFERMINZBONBON, wenn man es lutscht.

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EINE VIERTELSTUNDE IST DIE ZEIT, DIE MEINE Mutter IMMER ZU SPÄT KOMMT.

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Mein Vater bot Tatsachen und meine Mutter Fantasie. Zusammen wurden ihre Geschichten schöner – mit vielen Details und voller Verwunderung.

Das, was mein Vater an sich am meisten vermisste, fand er bei meiner Mutter: Abenteuer und Farbe und Leichtigkeit. Das, was meine Mutter an sich am meisten vermisste, fand sie bei meinem Vater: Sicherheit und Regelm igkeit und Wirklichkeit.

Gemeinsam wollten sie unbedingt Kinder. Das ist das Einzige, worüber sie noch immer einer Meinung sind. Dann kam ich.

Noch war alles in Butter. Mein Vater notierte, wie viel Milliliter Milch ich trank. Wie viele Windeln ich brauchte und wie schwer sie waren. Wann ich ein Bäuerchen machte. Meine Mutter wusste, was meine Lieblingsfarbe war und welche Musik mich beruhigte. Man nannte sie ein perfektes Paar.

Nachdem Poppy geboren wurde, zogen wir auf den Bauernhof. Meine Mutter hatte meinen Vater endlich davon überzeugt, die große Stadt zu verlassen. Sie wollten den Bauernhof gemeinsam renovieren.

Und da ging es schief.