Walter Farley

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DER SCHWARZE HENGST

Aus dem Amerikanischen von Ursula von Wiese

Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Heimwärts
Der Sturm
Die Insel
Kameraden
Die Rettung
Der Zweikampf
Daheim
Napoleon
Blitz bricht aus
Die Suche
Die beiden Partner
Das Training beginnt
Ein Ritt in der Nacht
Zyklon und Donnerkeil
Jim Nevilles großer Coup
Vorbereitungen
In Chicago
Das große Rennen
Walter Farley
Zum Autor
Impressum

Für Mutter, Vater und Bill

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Schwarzes_steigend_pfad.pngHeimwärts

Der Frachtdampfer „Drake“ stach von der Küste Indiens in See und kehrte den stumpfen Bug dem Arabischen Meer zu, um heimzufahren. Langsam bewegte er sich westwärts auf den Golf von Aden zu. Der Laderaum enthielt Kaffee, Reis, Tee, Ölsamen und indischen Flachs. Schwarzer Rauch stieg aus dem einzigen Schornstein auf und verdunkelte den wolkenlosen Himmel.

Alexander Ramsay, den seine Freunde zu Hause in New York nur Alec nannten, lehnte an der Reling und sah zu, wie das Wasser an dem Schiffsrumpf vorbeiströmte. Alecs rotes Haar leuchtete in der heißen Sonne; er stützte seine gebräunten Arme auf die Reling und wandte das sommersprossige Gesicht der immer mehr zurückweichenden Küste zu.

Die zwei Monate in Indien waren schön gewesen. Er wusste, dass er Onkel Ralph vermissen würde, die Tage, die sie zusammen im Urwald verbracht hatten, sogar das Gebrüll der Panther und die vielen unheimlichen Geräusche des nächtlichen Dschungels. Alec betrachtete stolz seine kräftigen Armmuskeln. Onkel Ralph hatte ihm das Reiten beigebracht und ihm damit seinen größten Wunsch erfüllt.

Doch das war nun vorbei. Zu Hause gab es wenig Gelegenheit zum Reiten.

Alec steckte die Hand in die Tasche und holte ein perlmuttverziertes Taschenmesser hervor, das er liebevoll betrachtete. Es trug eine goldene Inschrift: Für Alec zum Geburtstag, Bombay, Indien. Er dachte an die Worte seines Onkels: „Trag es immer bei dir. Ein Messer kann manchmal sehr nützlich sein, Alec.“

Plötzlich legte sich eine große Hand auf seine Schulter. „Na, mein Junge, nun bist du also auf der Heimfahrt“, sagte eine raue Stimme mit ausgeprägtem englischen Tonfall.

Alec blickte in das wettergegerbte Gesicht des Kapitäns. „Ja, Kapitän Watson“, antwortete er. „Allerdings wird die Heimreise lange dauern. Zuerst mit Ihnen nach England und dann mit der ,Majestic‘ nach New York.“

„Alles in allem ungefähr vier Wochen; aber du siehst nach einem recht guten Seefahrer aus.“

„Das bin ich auch, Kapitän. Auf der Hinreise war ich überhaupt nicht seekrank, obwohl wir in einen Sturm geraten sind“, sagte Alec stolz.

„Wann bist du denn nach Indien gekommen?“, fragte Kapitän Watson.

„Im Juni, mit Freunden meines Vaters, die mich nach Bombay zu meinem Onkel brachten. Sie kennen doch Onkel Ralph, oder? Er ist mit mir an Bord gekommen und hat mit Ihnen gesprochen.“

„Ja, ich kenne deinen Onkel schon viele Jahre. Guter Mann. Und jetzt fährst du allein nach Hause?“

„Ja, Kapitän. Nächsten Monat fängt die Schule wieder an und dann muss ich dort sein.“

Der Kapitän lächelte und nahm Alec am Arm. „Komm mit, Junge“, sagte er. „Ich zeige dir, wie ein Schiff angetrieben wird und wie man es steuert.“

Der Kapitän und die Matrosen waren sehr nett zu Alec, aber die Tage vergingen trotzdem ziemlich eintönig für den Jungen, während sich die „Drake“ durch den Golf von Aden pflügte und dann ins Rote Meer. Die tropische Sonne brannte erbarmungslos auf die Köpfe der wenigen Passagiere, die den Frachtdampfer benutzten.

Im Roten Meer hielt sich die „Drake“ nahe an der Küste Arabiens – meilenweit erstreckte sich das unfruchtbare Wüstengebiet. Aber Alec dachte nicht an den glühend heißen Sand. Für ihn war Arabien das Land, aus dem die schönsten und edelsten Pferde der Welt stammten! Ob andere Menschen wohl auch von Pferden träumten, so wie er? Für ihn war ein Pferd das herrlichste Tier, das es gab.

Dann steuerte die „Drake“ eines Tages einen kleinen arabischen Hafen an. Als sie sich dem schmalen Kai näherte, sah Alec eine Gruppe von aufgeregt herumlaufenden Arabern. Offenbar legte hier nicht oft ein Schiff an.

Doch als die Gangway mit einem dumpfen Schlag herunterklappte, merkte Alec, dass es gar nicht der Dampfer war, der solche Aufmerksamkeit erregte. Die Araber drängten sich auf der Mitte des Kais zusammen. Er hörte ein schrilles Wiehern, laut und klar – anders als alles, was er jemals gehört hatte. Dann sah er einen mächtigen Rappen, der sich aufbäumte und mit den Vorderbeinen in die Luft schlug. Man hatte ihm mit einem weißen Tuch die Augen verbunden. Die Menge brach auseinander und stob davon.

Weißer Schaum bedeckte den Körper des Pferdes; das Maul war aufgerissen und entblößte die Zähne. Es war ein Riese von einem Pferd, glänzend schwarz – viel zu groß für einen reinrassigen Araber. Seine Mähne wölbte sich wie ein Helmbusch und auf dem langen, hoch getragenen Hals saß ein kleiner, wilder, wunderschöner Kopf. Es war der Kopf eines wilden Tieres – der Kopf eines Hengstes, der in Freiheit geboren war – und die atemberaubende Schönheit des Tieres entsprach seinem feurigen, ungezähmten Wesen.

Der schwarze Hengst schrie noch einmal und erhob sich auf die Hinterbeine. Alec traute seinen Augen kaum – ein Hengst, ein wilder Hengst, ungezähmt, nicht zugeritten, davon hatte er bisher nur in Büchern gelesen und geträumt.

Zwei Stricke waren an dem Halfter des Pferdes befestigt, und vier Männer bemühten sich, den Hengst zur Gangway zu ziehen. Er sollte also aufs Schiff gebracht werden! Alec sah einen dunkelhäutigen Mann, der europäisch gekleidet war und einen hohen weißen Turban trug, Anweisungen geben. In der Hand hielt er eine Peitsche. Die knappen Befehle erteilte er in einer Sprache, die Alec nicht kannte. Unvermittelt trat er hinter das Pferd und ließ die Peitsche auf die Hinterhand des Rappen niedersausen. Der Hengst schlug aus, so plötzlich, dass seine Hufe einen der Araber trafen; der Mann stürzte zu Boden und blieb regungslos liegen. Der Hengst schnaubte und buckelte. Wenn Alec jemals einen Ausdruck wütenden Hasses bei einem Pferd gesehen hatte, dann hier. Die Männer mit den Stricken hatten den Hengst nun halbwegs auf der Gangway. Alec fragte sich, wo er untergebracht werden sollte, falls es ihnen überhaupt gelang, ihn aufs Schiff zu schaffen.

Doch schließlich war er an Bord. Kapitän Watson winkte mit den Armen und befahl den Männern, den Hengst zum Heck zu bringen. Alec folgte ihnen in sicherem Abstand. Jetzt sah er den behelfsmäßigen Stall, in den sie den Rappen zu schaffen versuchten; er war einmal eine Fahrgastkabine gewesen. Die „Drake“ war für die Beförderung von Tieren nicht eingerichtet und der Laderaum war mit der Fracht belegt.

Endlich hatten sie das Pferd vor der offenen Tür des Stalles. Einer der Männer kletterte aufs Dach, langte hinunter und riss dem Hengst die Augenbinde ab. Gleichzeitig versetzte der Dunkelhäutige dem Pferd abermals einen Hieb auf die Hinterhand und es sprang hinein. Alec dachte, die Stallwände könnten unmöglich stabil genug sein; das Holz splitterte unter den schlagenden Hufen des Hengstes, seine kräftigen Beine donnerten gegen die Wände der Kajüte und sein hohes, schrilles Wiehern erfüllte die Luft. Ein tiefes Mitleid überkam Alec; denn der Stall war so klein, dass der Hengst sich kaum umdrehen konnte, und er war doch sicher an weites, offenes Gelände gewöhnt!

Kapitän Watson sprach ärgerlich mit dem Dunkelhäutigen; wahrscheinlich hatte er eine solche Fracht niemals erwartet. Dann holte der Mann eine dicke Brieftasche aus seiner Jacke und zählte Geldscheine ab, die er dem Kapitän reichte. Kapitän Watson betrachtete die Scheine und dann den Stall, nahm mit einem Schulterzucken das Geld entgegen und ging davon. Der Dunkelhäutige rief die Araber zu sich, die den Hengst mit an Bord gebracht hatten, und gab ihnen ebenfalls Geld, worauf sie sich über die Gangway entfernten.

Bald war die „Drake“ wieder unterwegs. Alec blickte auf den Hafen zurück, wo sich eine Gruppe um die zusammengesunkene Gestalt des Mannes scharte, den die kräftigen Hufe des Rappen getroffen hatten. Schließlich wandte er sich dem Stall zu. Der Dunkelhäutige war zu einer Kabine gegangen; nur die aufgeregten Fahrgäste standen jetzt vor dem Stall. Drinnen tobte der Rappe immer noch.

Die folgenden Tage wurden für alle – für die Mannschaft, für Alec und für die übrigen Passagiere – sehr aufregend. Niemals hätte Alec sich träumen lassen, dass ein Pferd so temperamentvoll, so unbezähmbar sein könnte. Bis tief in die Nacht hinein hallte das Schiff wider von den Hufschlägen des wütenden Tieres, die den Stallwänden so zusetzten, dass man sie von außen verstärken musste. Der dunkelhäutige Mann ließ sich kaum sehen; er blieb stets für sich und sprach mit keinem Menschen außer dem Kapitän.

Die „Drake“ dampfte durch den Suezkanal ins Mittelmeer.

An diesem Abend schlich Alec an Deck und überließ die andern Fahrgäste ihrem Kartenspiel. Er lauschte angespannt. Der Rappe war heute Abend ruhig. Rasch ging Alec zu dem Stall hinüber. Zuerst konnte er nichts sehen und nichts hören. Doch als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er die hellroten Nüstern des Pferdes. Es streckte den Kopf aus der Öffnung heraus, die in die obere Hälfte der Tür geschnitten war, um den Stall wenigstens einigermaßen zu belüften.

Alec trat langsam auf den Hengst zu. Er steckte die Hand in die Hosentasche, um nachzufühlen, ob der Zucker noch darin war, den er vom Abendessen mitgenommen hatte. Der Wind wehte ihm entgegen und trug seine Witterung davon. Er war jetzt ganz nahe. Der Rappe blickte auf die offene See hinaus; seine Ohren waren nach vorne gerichtet, die Nüstern bebten, die dunkle Mähne flog wie eine vom Wind hochgewehte Flamme. Alec konnte die Augen nicht von ihm abwenden; er konnte einfach nicht fassen, dass es ein so vollkommenes Tier auf der Welt gab.

Der Hengst wandte den Kopf und schaute ihn jetzt geradewegs an; seine schwarzen Augen glühten. Wieder erfüllte das durchdringende Wiehern die Abendluft und er verschwand im Stall. Alec nahm den Zucker aus der Tasche und legte ihn auf die Fensterbrüstung. Dann ging er zurück in seine Kabine. Als er später zum Stall zurückkehrte, war der Zucker nicht mehr da. Von da an stahl Alec sich jeden Abend zum Stall, legte Zucker auf die Brüstung des Fensters und ging wieder; manchmal sah er den Rappen; manchmal hörte er ihn nur auf den Boden stampfen.

Schwarzes_steigend_pfad.pngDer Sturm

Die „Drake“ legte in Alexandria, Bengasi, Tripolis, Tunis und Algier an, fuhr dann durch die Meerenge von Gibraltar und folgte nordwärts der Küste Portugals. Dann ließen sie Kap Finisterre an der spanischen Küste hinter sich, und in ein paar Tagen, sagte Kapitän Watson zu Alec, würden sie in England sein.

Alec hätte zu gern gewusst, warum der Rappe nach England befördert wurde – vielleicht für die Zucht oder als Rennpferd? Die abfallenden Schultern, die tiefe, breite Brust, die kräftigen Beine, die nicht zu hoch und nicht zu tief angesetzten Knie, all dies deutete, wie sein Onkel ihm erklärt hatte, auf Schnelligkeit und Ausdauer hin.

Als Alec eines Abends seinen üblichen Gang zum Stall unternahm, hatte er besonders viel Zucker in der Tasche, den ihm der Koch auf seine Bitte für das Pferd gegeben hatte. Es war ein schwüler, warmer Abend; schwere Wolken verdunkelten die Sterne; in der Ferne wetterleuchtete es. Der Rappe streckte den Kopf zum Fenster hinaus. Auch diesmal schaute er aufs Meer und seine Nüstern bebten mehr denn je. Er drehte sich um und wieherte, als er den Jungen sah; dann kehrte er sich wieder dem Wasser zu.

Alec freute sich: Zum ersten Mal hatte sich der Hengst bei seinem Anblick nicht in den Stall zurückgezogen. Er trat näher, legte sich ein Stück Zucker auf die flache Hand und hielt es dem Hengst hin. Der Rappe wandte sich ihm zu und wieherte abermals, diesmal leiser. Alec wich und wankte nicht. Noch nie war er oder irgendein anderer dem Pferd so nahe gekommen, seit es sich an Bord befand. Er wagte es jedoch nicht, den Arm bis zu den gebleckten Zähnen und den bebenden Nüstern auszustrecken. Stattdessen legte er das Stück Zucker wie gewohnt auf die Fensterbrüstung. Der Rappe blickte darauf, dann wieder auf den Jungen. Langsam ging er hin und fraß den Zucker. Zufrieden schaute Alec ihm zu und legte ihm auch die übrigen Zuckerstücke hin. Dann begann es zu regnen und er lief in seine Kabine.

Mitten in der Nacht wurde Alec mit erschreckender Plötzlichkeit aus dem Schlaf gerissen. Die „Drake“ rollte schwer und er war aus der Koje auf den Boden gefallen. Draußen krachte ein Donnerschlag nach dem andern und riesige Blitze erhellten seine Kabine wie Tageslicht.

Ein schweres Gewitter! Er wollte das Licht anknipsen, aber die Lampe brannte nicht. Augenscheinlich versagte die Stromversorgung. Dann erhellte wieder ein Blitz die Kabine. Der kleine Toilettentisch war leer gefegt, der Fußboden mit Scherben bedeckt. So schnell er konnte, zog Alec sich Hemd, Hose und Schuhe an und ging zur Tür. Auf einmal hielt er inne, kehrte zum Bett zurück, holte darunter eine Schwimmweste hervor und legte sie an. Er hoffte, dass er sie nicht brauchen würde.

Alec öffnete die Tür und stieg schwankend an Deck. Die Gewalt des Sturmes trieb ihn in den Gang zurück; er klammerte sich ans Treppengeländer und spähte in die schwarze Leere hinaus. Die Kommandos des Kapitäns und die Antwortrufe der Besatzung waren über dem Brüllen des Windes kaum zu hören. Große Wellen überspülten die „Drake“ vom einen Ende bis zum andern. In dem engen Gang zum Deck drängten sich die aufgeregten Fahrgäste. Alec hatte jetzt wirklich Angst; noch nie hatte er ein solches Gewitter erlebt!

Es kam ihm vor, als vergingen mehrere Stunden, während die „Drake“ durch die Wellenberge pflügte; sie rollte schwerer, und der ganze Rumpf ächzte; doch irgendwie gelang es ihr, sich aufrecht zu halten. Die langen Blitze hörten nicht auf; sie zickzackten über den Himmel und das Krachen der ihnen rasch folgenden Donnerschläge hallte auf dem Wasser wider. Von seinem Standort im Gang aus sah Alec einen Matrosen über das Deck auf sich zukommen; verzweifelt bemühte sich der Mann, sich an der Reling festzuhalten. Die „Drake“ neigte sich zur Seite und eine besonders große Welle schlug auf das Deck. Als sie sich verzogen hatte, war der Matrose nicht mehr da. Der Junge schloss die Augen und betete.

Der Sturm begann, etwas nachzulassen, und Alec schöpfte neue Hoffnung. Dann schien plötzlich ein Feuerstrahl direkt aus dem Himmel über ihnen zu schießen. Ein scharfer Knall ertönte und das Schiff erbebte. Alec wurde zu Boden geschleudert und blieb betäubt liegen. Dann kam er allmählich wieder zu Bewusstsein. Er lag auf dem Bauch; sein Gesicht fühlte sich heiß und klebrig an. Er hob die Hand und zog sie blutbedeckt zurück. Dann merkte er, dass er getreten wurde. Laut schreiend kletterten die Fahrgäste über ihn hinweg. Die „Drake“ machte keine Fahrt mehr – ihre Maschinen standen still.

Mühsam kam Alec auf die Beine und bewegte sich langsam über das Deck. Er versuchte zu begreifen, was er um sich herum sah: Die „Drake“ war von einem Blitz getroffen und nahezu gespalten worden! Das Schiff sank! Seltsam, wie ruhig er sich fühlte, obwohl das Ende doch so nahe schien. Die Rettungsboote wurden bemannt und Kapitän Watson brüllte Befehle. Gerade wurde ein Boot zu Wasser gelassen. Eine große Welle krachte längsseits dagegen und das Boot kenterte – die Insassen verschwanden im Meer.

Das zweite Boot füllte sich und Alec reihte sich in die Schlange der Wartenden ein. Aber als er an die Reihe kam, war das Boot voll.

„Warte aufs nächste, Junge“, sagte Kapitän Watson ernst und legte ihm den Arm um die Schultern.

Während sie zusahen, wie sich das zweite Rettungsboot hinabsenkte, tauchte der dunkelhäutige Mann auf. Er rannte auf den Kapitän zu, fuchtelte wild mit den Armen und stieß erregte Worte aus.

„Sie ist unter dem Bett! Unter dem Bett!“, rief ihm der Kapitän zu.

Da bemerkte Alec, dass der Mann keine Schwimmweste trug. Mit panischem Blick wandte er sich jetzt Alec zu. Er stürzte sich auf ihn wie ein Irrer und versuchte, ihm die Schwimmweste vom Leib zu reißen. Alec wehrte sich, aber er konnte es mit dem Mann nicht aufnehmen. Doch dann packte Kapitän Watson den Mann und schleuderte ihn gegen die Reling.

Alec sah, wie der Blick des Mannes zu dem Rettungsboot wanderte, das soeben hinuntergelassen wurde. Ehe der Kapitän ihn daran hindern konnte, kletterte er über die Reling. Er wollte ins Rettungsboot springen! Plötzlich neigte sich die „Drake“ stark zur Seite. Der Dunkelhäutige verlor das Gleichgewicht und fiel schreiend ins Wasser. Er tauchte nicht mehr auf.

Der Dunkelhäutige war ertrunken. Sofort fiel Alec der Rappe ein. Was geschah mit ihm? War er noch in seinem Stall? Von einem unwiderstehlichen Drang getrieben, rannte Alec zum Heck des Schiffes. Wenn der Hengst noch am Leben war, wollte er ihn befreien und ihm die Möglichkeit geben, um sein Leben zu kämpfen.

Der Stall war noch vorhanden. Alec hörte das schrille Wiehern und die Hufschläge gegen die Tür, die den Sturm übertönten. Er lief zu der Tür, schob die schwere Stange beiseite, die sie festhielt, und machte die Tür weit auf. Für einen kurzen Moment verstummte das Stampfen der starken Hufe und es herrschte Stille. Alec wich langsam zurück.

Jetzt sah er den Rappen; er reckte den Kopf hoch in die Luft und blähte erregt die Nüstern. Plötzlich schnaubte er und sprengte geradewegs auf die Reling und auf Alec zu. Mit einer Hand klammerte er sich an die Reling, aber sie war zerbrochen, nichts versperrte mehr den Weg zwischen dem Deck und der offenen See. Der Rappe näherte sich und sprang zur Seite, und Alec wurde klar, dass er auf die Lücke in der Reling zustrebte. Das Pferd streifte ihn im Sprung mit der Schulter und Alec flog durch die Luft. Er fühlte, wie das Wasser über ihm zusammenschlug.

Als er auftauchte, galt sein erster Gedanke dem Schiff. Dann hörte er eine Explosion und er sah die „Drake“ tiefer ins Wasser sinken. Verzweifelt blickte er sich nach einem Rettungsboot um, aber nirgends war eines in Sicht. Auf einmal sah er den Rappen keine fünf Meter entfernt von ihm schwimmen. Irgendetwas fegte an ihm vorbei – ein langer Strick. Er erinnerte sich an die beiden Stricke, die die Männer benutzt hatten, um den Hengst an Bord des Dampfers zu bringen; seither hatte sich ihm niemand nähern können, um die Stricke loszumachen. Also hing er noch am Halfter des Pferdes. Ohne lange zu überlegen, griff Alec nach dem Strick. Sogleich wurde er durchs Wasser gezogen, in die heranrollende See. Die Wellen gingen immer noch hoch; aber die Schwimmweste hielt Alec oben. Er war zu erschöpft, um darüber nachzudenken, was er getan hatte. Er wusste nur, dass er die Wahl hatte, allein im Wasser zu bleiben oder sich von dem Pferd ziehen zu lassen. Wenn er sterben musste, wollte er lieber mit dem großen Hengst sterben als allein. Er warf einen letzten Blick zurück; die „Drake“ war verschwunden.

Stundenlang kämpfte Alec gegen die Wellen an. Den Strick hatte er sicher und fest an seiner Schwimmweste verknüpft. Aber er konnte den Kopf kaum über Wasser halten. Auf einmal fühlte er, dass der Strick erschlaffte. Der Rappe schwamm nicht mehr! Alec wartete gespannt; wenn er in die Dunkelheit spähte, erkannte er gerade noch den Kopf des Pferdes. Das Wiehern des Rappen durchschnitt die Luft. Nach einer Weile straffte sich der Strick wieder. Das Pferd hatte eine andere Richtung eingeschlagen. Abermals verging eine Stunde; dann ebbte der Sturm zu hoch rollenden Dünungen ab. Am Horizont erschienen die ersten hellen Streifen der Morgendämmerung.

Viermal hatte der Rappe während der Nacht innegehalten und jedes Mal hatte er den Kurs geändert. Alec fragte sich, ob ihn der ungebrochene Instinkt des Pferdes wohl an Land führen würde. Die Sonne ging auf und schien hell auf den Kopf des Jungen. Das Salzwasser, das er während der Nacht geschluckt hatte, machte ihn vor Durst beinahe wahnsinnig. Doch immer, wenn er es nicht länger auszuhalten glaubte, blickte er auf das Pferd, das weiterhin unermüdlich mit den Wellen kämpfte, und neuer Mut erfüllte ihn.

Auf einmal merkte er, dass sie mit den Wellen schwammen, nicht mehr gegen sie. Er schüttelte den Kopf, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Ja, sie wurden vorwärtsgetragen, sie mussten sich einer Küste nähern! Angestrengt starrte er mit salzverkrusteten Augen in die Ferne. Und dann sah er eine kleine Insel, ungefähr einen halben Kilometer entfernt, nicht viel mehr als eine Sandbank. Aber vielleicht gab es dort Nahrung und Wasser. Immer schneller näherten sie sich dem Strand. Jetzt waren sie in der Brandung. Das Wiehern des Rappen brach die Stille. Das Pferd hatte Grund unter den Füßen; es schwankte ein wenig und schüttelte den schwarzen Kopf. Dann passte es sich den neuen Verhältnissen an und schritt zügig durch das seichte Wasser.

Alec staunte – welche Kraft und Ausdauer hatte dieses Tier! Mit steigender Geschwindigkeit wurde er zum Ufer gezogen. Doch plötzlich wurde ihm seine gefährliche Lage klar. Er musste den Strick, den er mit der Schwimmweste verknotet hatte, losbinden, sonst wurde er zu Tode geschleift! Verzweifelt zerrten seine Finger an dem Knoten, den er selbst so fest geschlungen hatte. Wie rasend mühte er sich ab, während das Ufer näher und näher kam.

Jetzt hatte der Rappe den Strand erreicht. Der Sand knirschte unter seinen Hufen, als er das Wasser verließ. Alec war noch immer nicht frei, denn durch den stundenlangen Aufenthalt im Wasser war der Knoten aufgequollen. Auf einmal fiel ihm sein Taschenmesser ein. Ob es wohl noch da war? Seine Hand zuckte zur hinteren Hosentasche, die er zum Glück zugeknöpft hatte. Er griff hinein und zog das Messer heraus.

Er wurde jetzt von dem Hengst über den Strand gezogen; der Sand flog ihm ins Gesicht. Schnell klappte er das Messer auf und begann, an dem Strick zu säbeln. Sein Körper brannte von dem Sand, die Kleider wurden ihm zerfetzt. Mit jeder Sekunde wurde der Hengst schneller. Alec säbelte wie ein Verrückter an dem Strick herum. Mit einem letzten Druck war er durch – der Strick riss! Seine ausgestreckten Hände streichelten den Sand. Und während er die Augen schloss, flüsterte er mit aufgesprungenen Lippen: „Ja, Onkel Ralph, es war mir … wirklich nützlich …“

Schwarzes_steigend_pfad.pngDie Insel

Alec schlug die Augen auf. Die Sonne, die hoch am Himmel stand, brannte ihm auf den Kopf. Sein Gesicht war heiß, seine Zunge geschwollen. Langsam versuchte er sich aufzurichten; aber er war so matt, dass er, wieder in den Sand zurückfiel. Eine Weile lag er still. Dann riss er sich zusammen und versuchte es noch einmal. Mit Mühe kam er erst auf die Knie und schließlich auf die Füße. Seine Beine zitterten. Er zog die zerrissene Schwimmweste aus und ließ sie zu Boden fallen.

Er blickte sich um; er brauchte dringend Wasser. Im Sand sah er die Hufspuren des Rappen. Wenn er ihnen folgte, führten sie ihn vielleicht zu frischem Wasser; der Hengst musste genauso durstig sein wie er selbst. Er stolperte dahin. Die Hufspuren kehrten sich abrupt vom Meer ab, dem Innern der Insel zu. Nirgendwo waren Pflanzen zu sehen, nur Sand. Alec drehte sich um und betrachtete die jetzt ganz ruhige und friedliche See. So viel hatte sich in einer so kurzen Zeitspanne ereignet! Wie mochte es den andern ergangen sein? War er der einzige Überlebende?

Einige Minuten später erklomm er einen hohen Sandhügel. Oben blieb er stehen. Von hier aus konnte er die ganze Insel übersehen; sie war sehr klein – ihr Umkreis betrug wohl kaum mehr als drei Kilometer. Sie wirkte karg bis auf ein paar Bäume, Büsche und verstreute Stellen mit dürrem Gras. Auf der anderen Seite der Insel fielen hohe Felsenklippen zum Meer ab.

Die Hufspuren führten jetzt bergab und auf ein paar einzelne Bäume zu. Dort entdeckte Alec einen kleinen Quellwasserteich. Er strich sich mit der trockenen Zunge über die aufgesprungenen Lippen und stolperte vorwärts. Rechts von der Quelle, etwa hundert Meter entfernt, sah er den Rappen, der gierig das dürre Gras abweidete. Im Geiste erblickte er wieder den kleinen arabischen Hafen und die Menge, die sich um den zusammengesunkenen Araber scharte, den der Rappe mit den Hufen getroffen hatte. Ob der Hengst eine Gefahr für ihn bedeutete?

Der Rappe hob den Kopf. Alec bemerkte, dass Halfter und Stricke verschwunden waren – irgendwie hatte der Hengst sich davon befreit. Der Wind fuhr durch seine Mähne; sein glatter, schwarzer Leib glänzte in der Sonne. Er sah Alec und sein schrilles Wiehern durchdrang die Luft. Er bäumte sich auf und schlug mit den Vorderbeinen. Dann kam er herunter und scharrte mit dem rechten Vorderhuf im Sand.

Alec blickte sich um. Ein Versteck gab es hier nicht, und er war sowieso zu schwach, um hinzulaufen. Sein Blick kehrte zu dem Hengst zurück, er war wie gebannt von dem Tier, das so wild und doch so nah war. In den Büchern hieß es, ungezähmte und in Freiheit geborene Hengste seien die wildesten aller wilden Tiere. Seit Alec ihn kannte, hatte er gekämpft, mit den Menschen, die ihn auf das Schiff schleppten, mit dem engen Stall, der ihn gefangen hielt, zuletzt mit dem Meer, das ihn mit dem Tode bedrohte. Es war seine Natur, zu kämpfen und zu töten oder getötet zu werden.

Wieder erhob sich das Pferd auf die Hinterbeine, dann schnaubte es und galoppierte geradewegs auf den Jungen zu.

Alec rührte sich nicht. Sein Körper gehorchte ihm nicht. Wie gebannt starrte er auf den heranpreschenden Hengst. Dann aber, etwa fünfundzwanzig Meter von ihm entfernt, blieb der Hengst stehen. Seine Augäpfel glänzten, die roten Nüstern blähten sich, die Ohren lagen flach am Kopf. Er wieherte schrill, klar und lang. Jetzt machte er wieder ein paar Sprünge, die ihn zwischen Alec und den Quellteich brachten. Dort blieb er stehen und stampfte wütend mit den Vorderhufen.

Alec wagte nicht sich zu rühren. Nach einer halben Ewigkeit hörte der Hengst endlich auf, zu stampfen und zu scharren. Sein Blick ging von dem Jungen zur Quelle und zurück. Er wieherte, erhob sich halb, drehte sich um und lief in gestrecktem Galopp zu der Stelle zurück, wo er geweidet hatte. Alec zwang seine Beine, sich zu bewegen, er erreichte die Quelle und warf sich davor auf den Boden. Er ließ das Gesicht in das kühle, klare Wasser sinken und trank. Es konnte gar nicht genug davon bekommen; er tauchte mit dem ganzen Kopf unter und ließ das Wasser seinen Rücken hinunterrieseln. Dann riss er ein Stück von seinem Hemd ab und kühlte seine geschundenen Glieder. Erfrischt kroch er in den Schatten der Sträucher, die am Rande des kleinen Teiches wuchsen. Er streckte sich aus, machte die Augen zu und fiel erschöpft in Schlaf.

Nur einmal erwachte er in der Nacht; verschlafen öffnete er die Augen. Durch die Büsche sah er hoch oben am sternenübersäten Himmel den Mond. Eine große, schwarze Gestalt bewegte sich an der Quelle – der Rappe, nur ein paar Meter von ihm entfernt! Das Pferd trank gierig und hob dann mit gespitzten Ohren den schönen Kopf. Es wandte sich ab und trabte davon.

Am folgenden Morgen erwachte Alec sehr hungrig. Anderthalb Tage hatte er nichts gegessen! Er erhob sich und trank aus der Quelle. Als Nächstes musste er Nahrung finden. Er legte ein ganzes Stück zurück, ehe er etwas Essbares fand. Es war ein Strauch, dessen Beeren recht gut schmeckten, allerdings anders als alle Früchte, die er jemals probiert hatte. Doch da es nicht sicher war, ob er andere Nahrung finden würde, aß er von den Beeren, bis er satt war.

Dann machte er sich an die Erforschung der Insel. Er stellte fest, dass sie zwischen dem Sandhügel, den er tags zuvor erklettert hatte, und den Klippen auf der anderen Seite flach war. Er unternahm keinen Versuch, über die Klippen zum Strand hinabzusteigen. Auf dem flachen Teil wuchsen nur wenige Bäume, dazu ein paar Beerensträucher und hier und da spärliches Gras, und Alec wurde klar, dass es für ihn und den Schwarzen nur wenig zu essen gab. Die Insel schien völlig unbewohnt zu sein. Bisher hatte er nicht einmal einen Vogel oder ein anderes Tier zu Gesicht bekommen.

Langsam ging er zu der Quelle zurück. Vom Gipfel des Sandhügels aus schaute er aufs offene Meer hinaus und hoffte inbrünstig, ein Schiff zu sichten. Doch ringsherum breitete sich nur eine riesige Wasserfläche aus. Unten sah er den Rappen am Strand entlanggaloppieren. Bei diesem Anblick vergaß Alec seine Sorgen; mit langen, eleganten Sprüngen flog der wunderschöne Hengst dahin, seine Mähne und sein Schweif flatterten im Wind. Als er hinter der Inselkuppe verschwand, ging Alec zum Strand hinunter.

Er musste sich unbedingt einen Unterschlupf bauen, der ihm vor Wind und Wetter Schutz bot; deshalb musste er als Erstes Treibholz sammeln. Er suchte mit den Augen das Ufer ab. Da war ein Stück Treibholz, da war noch eins.

In den nächsten Stunden mühte er sich damit ab, die Holzstücke, die das Meer an den Strand geschwemmt hatte, zum Quellteich zu schaffen. Dort häufte er sie auf und war dann selbst überrascht, wie viel er zusammengetragen hatte. Er suchte nach etwas Langem, Schwerem, das er als Giebel verwenden konnte, und fand etwas Passendes. Er schleppte es zu zwei niedrigen Bäumen, die dicht nebeneinanderstanden, und hievte die Enden in zwei Astgabeln. Seine Arme begannen zu zittern und er hielt inne. Auf dem grauen Brett stand ein Name: DRAKE. Es stammte von einem der Rettungsboote! Eine Weile stand Alec still; dann brachte er das Brett mit grimmiger Entschlossenheit sicher an seinen Platz.

Die übrigen Bretter, die alle kleiner waren, stellte er auf beiden Seiten der Planke so auf, dass sie einen Schutzraum in Form eines A bildeten. Aufgeschichtete Holzstücke sorgten dafür, dass die Bretter nicht rutschten. Die oberen Lücken stopfte er so gut wie möglich mit am Ufer gesammeltem Tang und Rinde aus, die er von einem Baum abschälte.

Als er schließlich sein Werk begutachtete, beschlich ihn die bange Ahnung, dass der nächste Sturm das wackelige Gebilde wahrscheinlich einstürzen lassen würde. Aber vor der Sonne würde es ihn schützen. Er schaute zum Himmel hinauf und schätzte, dass es auf Mittag zuging. Seine Haut und seine Kleider waren schweißnass von der furchtbaren Hitze. Er suchte an den Bäumen nach einem langen, schlanken Ast und schnitt sich daraus einen kräftigen Stecken zurecht. Am Ende des Steckens band er sein Messer mit Rindenfasern fest.